von Hanna Vock

 

Die Rahmenbedingungen in den Kitas umfassen:
– die Betreuungsbedingungen für die Kinder und
– die Arbeitsbedingungen für die Erzieherinnen und Erzieher.

Beide sind eng miteinander verwoben.

Sinnvolle Verbesserungen wären:

    • Die Pädagogischen Fachkräfte erhalten mehr Zeit für die Gruppenarbeit und mehr Zeit für die einzelnen Kinder.
    • Im Kita-Bereich wird deutlich mehr Platz geschaffen und mehr Geld ausgegeben.
    • In der Bildungspolitik gibt es Visionen und eine solide Planung nächster Schritte.
    • Die Erzieherinnen und Erzieher sowie alle in den Kitas Tätigen erhalten bessere Gehälter und ein höheres soziales Ansehen.
    • Die Auszubildenden für den Erzieher-Beruf werden gezielter ausgewählt.

In diesem Beitrag sollen diese Verbesserungsmöglichkeiten im Einzelnen diskutiert werden. Vorab möchte ich aber ein paar Schlaglichter auf die Berufs(un)zufriedenheit von Erzieherinnen werfen.

Engagierte Erzieherinnen sind unzufrieden

Je höher die pädagogische Qualifikation und je höher der pädagogische Anspruch der Erzieherin,

desto frustrierender und schwerer erträglich sind für sie unzureichende Rahmenbedingungen.

In vielen Gesprächen, die ich mit Erzieherinnen und Kita-Leiterinnen geführt habe, bringen sie immer wieder – und zwar an konkreten Beispielen – eine tiefe Unzufriedenheit zum Ausdruck. Sie richtet sich nicht auf den Beruf an sich und seine hohen Anforderungen, sondern es geht immer wieder darum, dass die Rahmenbedingungen eine befriedigende pädagogische Arbeit behindern.

 

…kurz gefasst…

Die Arbeitsbedingungen der Erzieherinnen hängen aufs engste mit der Qualität der Betreuungs-, Bildungs- und Erziehungsleistung der Kitas zusammen. Nur wenn die Arbeitsbedingungen stimmen, können die vielen kompetenten und engagierten Erzieherinnen, die unser Land hat, zum Wohle der Kinder voll wirksam werden.

In den letzten Jahren verschlechterten sich vielerorts die Arbeitsbedingungen in den Kitas. Sie müssten sich aber verbessern, damit die Erzieherinnen ihre vielfältigen und gewachsenen Aufgaben beständig gut erfüllen und auch hoch begabten Kindern genügend Anregungen geben könnten.

Das nötige Geld wäre da!

Im Beitrag werden die folgenden Themen angerissen:
– Zeit- und Raummangel in Kitas,
– das fehlende (?) Geld,
– Visionen,
– das Ansehen des Erzieherberufs,
– die Gehälter,
– der (ungeregelte) Zugang zur Berufsausbildung.

Diese Unzufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen findet sich auch in den Teilnehmer-Arbeiten in unseren IHVO-Zertifikatskursen.

So schrieb eine Teilnehmerin:
„Nach den Sommerferien kamen zu den 13 „alten“ Kindern 11 neue Kinder in meine Gruppe. Davon waren zwei Kinder 3 Jahre und drei Kinder erst 2 Jahre alt. L. (5;10) kommt aus einem anderen Kindergarten zu uns. M. (4;11) war vorher in der Nachbargruppe und E. (5;3), V. (5;3) und C. (4;11) aus der Gruppe, die jetzt in eine U3-Gruppe umgewandelt wird.
Eine Kollegin ist seit mehreren Wochen krank, die andere arbeitet halbtags, von 9.45 Uhr bis 13.30 Uhr.
Die Eingewöhnung war unglaublich stressig, besonders wegen der Kleinen. Es blieb keine Zeit für die einfachsten Dinge. Mal ein Buch vorlesen war der reinste Luxus.

Der Vorstand (unserer Elterninitiative – HV) hat schnell reagiert und unsere frühere Praktikantin zur Vertretung eingestellt. Meine Kollegin kommt jetzt eine Stunde am Tag zusätzlich arbeiten. Das war schon eine kleine Entlastung.
Meine Projektarbeit, über die ich in der Praxis-Hausaufgabe (für den IHVO-Zertifikatskurs – HV) berichte, hat nur beiläufig stattgefunden. Ich habe die Interessen der Kinder aufgegriffen und so weit es ging Impulse eingebracht. Aber ich bin nicht zufrieden, es hätte für die besonders begabten Kinder viel mehr daraus werden können – bei besserer Personalsituation.“

 

Eine andere Teilnehmerin schrieb:
„Der lnhalt des Projekts war für beide Kinder gut gewählt und ist noch lange nicht ausgeschöpft. Beide freuten sich immer, wenn ich sie morgens einsammelte, obwohl sie dann, damit wir genügend Zeit hatten, den Morgenkreis nicht mitmachen konnten.
Leider musste ich die Angebote aufgrund von Personalmangel oft früher abbrechen, als es für die Kinder passend gewesen wäre. Besonders trifft das auf Edith zu, die nie so schnell wieder aufhören wollte. Es ist wirklich schade…“

Und eine dritte Teilnehmerin schrieb:

„Schon am zweiten Tag meines Projektes gab es wieder ein Problem mit der Zeit: Die Kollegin, die so lange krank war, fällt ab sofort für ein weiteres halbes Jahr aus. Der personelle Engpass ist nach hoffnungsvollen anderthalb Wochen wieder da. – O nein!!!
Es heißt also wieder mal: keine Zeit für Nachbearbeitung, Notizen über Beobachtungen und Aussagen der Kinder. Ein Aufnahmegerät wäre mal wieder hilfreich.

Die schlechten Rahmenbedingungen stimmen mich höchst unzufrieden. Ich weiß, dass ich ganz anderes leisten könnte. Es lässt sich nicht ändern. Wir hoffen auf Vertretung.“

 

Dies sind nur drei Beispiele von vielen.
Die Aussagen der einzelnen Erzieherinnen über ihre Unzufriedenheit mit den Rahmenbedingungen werden gestützt durch aktuelle Studien des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) und des Tübinger Forschungsinstituts für Arbeit, Technik und Kultur. Beide Studien befassen sich u.a. mit den gestiegenen Arbeitsbelastungen von Erzieherinnen und werden von der Hans-Böckler-Stiftung des Deutschen Gewerkschaftsbundes gefördert.
(Siehe: http://www.boeckler.de/cps/rde/xchg/hbs/hs.xsl/52614_54339.htm )

Es fehlt an Zeit!

Eine Kita-Leiterin schrieb in einer ihrer Kurs-Arbeiten:
„Zeit ist ein wesentliches, wenn nicht das wesentlichste Merkmal überhaupt. Zeit haben, sich auf Kinder einzulassen, Zeit haben, ihnen zuzuhören, Zeit haben, sie zu beobachten, Zeit haben, mit ihnen zu diskutieren und zu planen, Zeit haben, Lösungsmöglichkeiten und Strategien zu entwickeln, und nicht zuletzt Zeit haben, geeignete Rahmenbedingungen und räumliche Strukturen zu schaffen.
Wesentlich erscheint mir, dass die Öffentlichkeit viel stärker für dieses Thema sensibilisiert werden muss. Dass insbesondere Politiker und Familienexperten darauf aufmerksam gemacht werden müssen, wie es um die Kindertagesstätten und deren personelle, räumliche, finanzielle und vor allen Dingen zeitliche Ressourcen bestellt ist. Endlich müssen auch Erzieher in die Lage versetzt werden, in ihrem alltäglichen Geschäft überhaupt noch Zeit für diese Dinge zu finden.“

Damit Erzieherinnen mehr Zeit haben, muss die Erzieher-Kind-Relation günstiger werden.  Nur dann kann sich die Erzieherin dem einzelnen Kind genügend widmen, es beobachten, mit ihm sprechen, es gezielt fördern.

Dies gilt für alle Kinder, unabhängig davon, wie begabt sie sind. Aber Inklusion, zu der auch die angemessene Förderung hoch begabter Kinder gehören muss, gibt es nicht zum Nulltarif. Auch Hochbegabtenförderung ist nicht nebenbei zu leisten.

Eine Erzieherin schrieb:

„Wenn die personellen und räumlichen Voraussetzungen eine Kleingruppenarbeit nicht ständig zulassen, ist Hochbegabtenförderung kaum sinnvoll möglich. Dieser Appell (in einem Artikel von Vock – HV) spricht mir aus der Seele und ist ein Aufruf an Politik und Träger von Kindergärten.“

Hochbegabtenförderung ist zunächst „normale“ Elementarpädagogik mit all ihren Aspekten und Anforderungen, und sie ist noch Einiges mehr. Um hoch begabten Kindern wirklich einigermaßen gerecht zu werden, ist – wie bei allen Kindern, die in wesentlichen Persönlichkeitsmerkmalen stark vom Durchschnitt abweichen – eine verstärkte Aufmerksamkeit nötig. Es sind nötig: mehr Gespräche mit dem Kind, mehr Gespräche mit den Eltern und mehr Zeit, um angepasste Konzepte und Angebote zu verwirklichen. Dies Alles – man kann es drehen und wenden wie man will – kostet zusätzliche Zeit und verlangt den Erzieherinnen zusätzliche Kraft ab.

Deshalb ist es für mich als Pädagogin und Kursleiterin unserer IHVO-Kurse schwer erträglich, wahrzunehmen, wie die Arbeitsbedingungen engagierter Erzieherinnen sich seit etlichen Jahren nicht verbessern, sondern zum Teil verschlechtern und die Erzieherinnen-Zeit pro Kind immer knapper wird.

Siehe auch: Eine „alte“ Konzeption – in vollständiger Länge

Die Zeit wird immer knapper

1. Die Erzieher-Kind-Relation

Sie beschreibt eine wichtige Bedingung für eine sorgfältige individualisierte Betreuung.
Obwohl die pädagogischen Probleme wachsen, vor denen viele Kitas stehen, wurde die Erzieher-Kind-Relation nicht verbessert, sondern tendenziell immer weiter verschlechtert, was weniger Zeit fürs einzelne Kind bedeutet.

So schrieb eine IHVO-Kursteilnehmerin aus NRW in einer ihrer Hausaufgaben:
„Das  KIBIZ (Kinderbildungsgesetz in NRW -HV) macht es möglich: Kita-Plätze für alle.
Meine Gruppe wurde im Sommer 08 bei gleichen Räumlichkeiten von 15 Kindern (im Alter von 0;4 bis 6 Jahren) auf 22 Kinder (im Alter von 2 bis 6) erweitert; aber dafür sind wir dann nur noch zwei statt drei Betreuer. Die dritte Kraft, eine Kinderpflegerin, wird entlassen. Jetzt ermöglicht der Staat den Frauen Karriere! Wenn auch nicht hoch begabt, so bin ich doch nicht dumm… Natürlich waren die Eltern wieder sehr aufgebracht, aber diese Änderungen entsprechen dem neuen Gesetz. … Ich muss diese Situation leider akzeptieren, kann mir zurzeit aber nicht vorstellen, den Qualitätsstandard meiner pädagogischen Arbeit so hoch zu halten wie bisher.“

Außenstehende können sich oft nicht vorstellen, was es in der Praxis bedeutet, wenn statt drei nur zwei Kräfte in der Gruppe sind. Es ist dann aber so, dass oft eine Frau oder ein Mann alleine in der Gruppe mit über 20 Kindern ist, sobald eine Kollegin durch Krankheit, Urlaub oder Fortbildung ausfällt. Und diese Alleinkraft ist dann für ALLES eben allein zuständig und verantwortlich: vom Naseputzen, Wickeln, Toilettegehen, beim Essen und beim Anziehen helfen bis zum Bilderbuchbetrachten, mit Kindern in Ruhe sprechen, Konflikte der Kinder begleiten, Bildungsimpulse geben, Eltern „zwischen Tür und Angel“ Rückmeldung geben, usw. usf.
Das Kunststück, unter diesen Bedingungen intensive, kontinuierliche Bildungs- und Erziehungsarbeit zu leisten, muss mir erst noch Jemand vormachen! In 10 Jahren eigener Arbeit im Kindergarten und in 15 Jahren Fort- und Weiterbildungsarbeit mit Erzieherinnen und Erziehern ist mir noch Niemand begegnet, der das für möglich gehalten hätte.

Wenn ich allein in der Gruppe bin, entfällt zum Beispiel augenblicklich die Möglichkeit der ungestörten Kleingruppenarbeit weg, die ich für eine grundlegende Methode der Elementarpädagogik halte.

Zurück zum oben beschriebenen Beispiel:

In der alten Gruppe mit 15 Kindern waren drei Kinder unter 2 Jahren; sie brauchten natürlich viel Zeit – aber auch Zweijährige sind heute oft noch nicht „trocken“ oder selbstständig beim Essen und Anziehen – und sie schlafen während ihres Kita-Tages oft weniger oder gar nicht mehr.

Ältere Kinder brauchen im Grunde genauso viel Zeit, auch wenn Nicht-Pädagogen oft glauben: wer nicht gefüttert und gewickelt wird, für den brauchen wir nicht so viel Personalzeit anzusetzen.

 

Ich halte das für einen merkwürdigen Irrtum.

Denn ich wende mich einem Baby persönlich und emotional zu und kann mit ihm sprechen, während ich es wickele. Das ältere Kind möchte aber auch, dass ich mit ihm spreche und mich ihm persönlich zuwende. Es braucht dieselbe Zeit, manchmal noch mehr.

Also läuft es darauf hinaus: In denselben Räumen sind jetzt 22 statt 15 Kinder zusammengepackt – und noch dazu fehlt ihnen einer von ursprünglich drei Erwachsenen, der sich ihnen zuwenden, mit ihnen sprechen und sie erziehen und bilden könnte.

 

Wieso geht es in Finnland?

„Bei den Jüngsten bis zu drei Jahren werden höchstens zwölf Kinder von vier Erwachsenen betreut, in der zweiten Gruppe haben wir 21 Vier- und Fünfjährige.

Um sie kümmern sich drei Erzieher oder Lehrer und ein Absolvent des Sozialen Jahres. Oft ist noch eine Praktikantin dabei. Also fünf Personen. Die zehn Vorschulkinder haben zwei Betreuer.“

(Aus: „Stern“, 23/2009 vom 28. 5. 09)

Seit etlichen Jahren erhebt und veröffentlicht die Bertelsmann Stiftung Daten über die Personalbesetzung in Kitas. Auf Grund der Zahlen von 2013 musste sie 2014 erneut feststellen, dass die Wirklichkeit weit von den pädagogisch begründeten Empfehlungen der Stiftung abweicht. Kein Bundesland erreichte den empfohlenen Personalschlüssel von 1 zu 7,5 für Kinder ab 3 Jahren.

Im „Ländermonitor 2014“ der Stiftung werden die Personalschlüssel der einzelnen Bundesländer aufgelistet. Es zeigen sich für Kinder ab drei Jahren folgende Daten:

(Zu den Zahlen in den Klammern:
Sie geben an, wie viele Kinder eine Erzieherin tatsächlich betreut, wenn die Zeiten für  Teamgespräche und andere wichtige Arbeiten, bei denen sie sich nicht konzentriert den Kindern zuwenden kann, sowie Urlaubs- und Fortbildungszeiten eingerechnet werden – von Krankheitsausfall gar nicht zu reden.)

Bremen 1:7,7 (1:10,3)
Rheinland-Pfalz 1:9,3 (12,4)
Baden-Württemberg 1:8,0 (10,7)
Nordrhein-Westfalen 1:9,6 (12,8)
Niedersachsen 1:8,7 (11,6)
Saarland 1:10,1 (13,5)
Hamburg 1:9,3 (12,4)
Schleswig-Holstein 1:9,0 (12,0)
Bayern 1:9,1 (12,1)
Hessen 1:9,8 (13,1)
Sachsen-Anhalt 1:12,6 (16,8)
Brandenburg 1:11,5 (15,3)
Thüringen 1:11,2 (14,9)
Sachsen 1:13,5 (18,0)
Mecklenburg-Vorpommern 1:14,9 (19,9)

Ostdeutschland 12,7
Westdeutschland 9,1
Deutschland gesamt 9,6

Für die Kinder unter 3 Jahren ergibt sich ein noch problematischeres Bild.
Insgesamt ergibt sich hier ein noch größeres Ost-West-Gefälle: Im gesamten Deutschland ist die Relation 1:4,6; im Westen 1:3,8 und im Osten 1:6,3, wobei hier Sachsen-Anhalt (6,7) und Sachsen (6,6) die Schlusslichter sind.

Der Empfehlung der Stiftung (1:3) kommen nur Bremen (1:3,2) und Baden-Württemberg 1:3,3) nahe.

(Quelle: Bertelsmann Stiftung. Qualitätsausbau in KiTas, Ländermonitor 2014.
http://www.laendermonitor.de/uebersicht-grafiken/indikator-9a-personalschluessel-in-kitas/indikator/16/indcat/9/indsubcat/50/index.nc.html
abgerufen am 3.6.2015)

Als Qualitätsstandard schlägt die Bertelsmann Stiftung für die Betreuung von Kindern unter drei Jahren einen Personalschlüssel von 1 : 3 und für die Altersgruppe der Kindergartenkinder (Kinder ab drei Jahren bis zur Einschulung) einen Personalschlüssel von 1 : 7,5 vor.

(Quelle: Bertelsmann Stiftung. Qualitätsausbau in KiTas.
http://www.laendermonitor.de/laendermonitor/aktuell/index.html
(abgerufen am 3.6.2015)

Daher empfiehlt die Bertelsmann Stiftung, bundesweit einheitliche Qualitätsstandards für Kitas einzuführen, die in einem „Bundes-KiTa-Gesetz“ geregelt werden.

Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung:

„Um die Personalschlüssel bundesweit den Empfehlungen der Bertelsmann Stiftung anzupassen, sind 120.000 zusätzliche Erzieherinnen erforderlich. Nach Berechnungen der Stiftung verursacht das jährlich zusätzliche Personalkosten von rund fünf Milliarden Euro. Verglichen mit den derzeit im Kita-Bereich anfallenden Personalkosten in Höhe von rund 14 Milliarden Euro bedeutet dies einen Anstieg um mehr als ein Drittel (36 Prozent). „Das ist eine gewaltige Kraftanstrengung, die sich aber lohnt, weil die Kita-Qualität entscheidend ist für gutes Aufwachsen und faire Bildungschancen aller Kinder“
(Quelle: ebenda.)

2. Die Gruppengröße

Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob ich in einer Gruppe mit 25 (oder durch Überbelegung auch mal 28) Kindern von 3 bis 6 Jahren arbeite oder mit 15 bis 20 Kindern derselben Altersgruppe.

In den Niederlanden übrigens reichen die maximalen Gruppengrößen von 12 bis 16 Kinder, dies gilt als strenge nationale Vorschrift.
(Quelle: Quelle: Europäisches Parlament (Hrsg.).
Qualität in der frühkindlichen Betreuung und Bildung, verfasst von Gert-Jan Lindeboom und Bert-Jan Buiskool, hrsg. vom Europäischen Parlament, Red.schluss 2013, S. 74, in der gedruckten Fassung: S. 70.)

Eine größere Gruppe wirkt sich nicht nur negativ auf die Zeit aus, die für das einzelne Kind bleibt. Es ist eine Tatsache, dass die Wahrnehmungsfähigkeit auch gut geübter Erzieherinnen in einer zu großen Gruppe diffuser ist als in einer „überschaubaren“ Gruppe. Dabei geht es nicht darum, jederzeit alle Kinder gleichzeitig im Auge zu haben; das ist bei vernünftiger pädagogischer Arbeit weder nötig noch sinnvoll. Es geht vielmehr darum, dass die Kinder nicht als Masse wahrgenommen werden, sondern als Individuen, die sich in der Gesamtgruppe bewegen, verhalten und strukturieren.

3. Leitungen

Den Kita-Leiterinnen wurden und werden immer neue Aufgaben aufgetragen – oft ohne den nötigen Zeitausgleich: umfangreiche Dokumentationen, Zusammenarbeit mit Therapeuten und Sozialen Diensten, die Schaffung und Leitung von Familienzentren, Aus- und Umbaumaßnahmen bei laufendem Betrieb, bei Personalknappheit Aushilfe in den Gruppen…
Zwar bin ich sehr dafür, dass alle, auch die „freigestellten“ Leiterinnen, Zeit in den Gruppen verbringen, ganz einfach um den Kontakt zur pädagogischen Praxis zu erhalten, die Arbeit der Kolleginnen aus der Nähe zu erleben, mit ihnen zusammen zu arbeiten und die Kinder besser kennenzulernen.

Dies sollte aber nicht aus der Not heraus geschehen, sondern dann, wenn es in den eigenen Arbeitsplan der Leiterin und in das pädagogische Geschehen in den Gruppen passt.

Regional ist der Anteil der freigestellten Leiterinnen sehr unterschiedlich hoch, wie aus dem Ländermonitor der Bertelsmann-Stiftung hervorgeht:

Während zum Beispiel 2013 in Nordrhein-Westfalen rund 62 % und in Schleswig-Holstein deutlich über 50 % aller Leiterinnen vollständig von der Gruppenarbeit freigestellt waren, waren es in Bayern und Sachsen-Anhalt nur unter 20 %. Der Durchschnitt für Deutschland liegt bei 39 %.

(Quelle: (http://www.laendermonitor.de/uebersicht-grafiken/indikator-21-kitas-mit-leitungsfreistellung-art-der-leitungsfreistellung/index.nc.html)

Offenbar ist es also nicht die Einrichtungsgröße allein, die darüber entscheidet, ob eine Leiterin sich voll auf ihre Aufgaben konzentrieren kann: das Team zu leiten, die pädagogische Arbeit im Ganzen zu verantworten, Verwaltungsanforderungen zu erfüllen.

Zahlreiche ehemals frei gestellte Leiterinnen haben in den letzten Jahren ihre Freistellung auf Grund von Umstrukturierungen verloren. Wenn die Anzahl der Kinder in der Kita, zum Beispiel durch die Umwandlung bestehender Gruppen in U 3-Gruppen oder generell durch die verstärkte Aufnahme jüngerer Kinder, unter eine bestimmte Zahl gesunken ist, fiel oft auch die Freistellung für die Leitung weg.

4. Die U 3-Kinder

Als Mutter habe ich gute Erfahrungen mit der (damals in den 1970er Jahren bei uns im Westen Deutschlands seltenen) U3-Betreuung gemacht. Mein Kind durchlief drei Gruppen:
– In der ersten Gruppe waren fünf Babys von 0;4 bis etwa 1;5 Jahren. Dort blieben die Kinder, bis sie laufen konnten. Sie wurden betreut von zwei Fachkräften.
– In der zweiten Gruppe blieben die Kinder dann bis zum Alter von 2 oder 2;6 Jahren (je nach Sprachentwicklung). Hier waren zwei Kräfte für 8 Kinder zuständig.
– In der dritten Gruppe waren die „Großen“ (etwa 2;6 bis 3;6). Hier kamen drei Fachkräfte auf 12 Kinder. Dazu kam eine freigestellte Leiterin.
Es war keine Edelkrippe, sondern die des Göttinger Studentenwerks.

Wir hatten dort also 25 Kinder bis zu drei Jahren und 8 Fachkräfte. Das macht eine Erzieher-Kind-Relation von 8 : 25, also von 1 : 3,1. Die Kinder haben sich wohl gefühlt und prächtig entwickelt! Und die Fachkräfte wirkten engagiert und fröhlich und nicht burn-out-gefährdet.

30 Jahre später musste mein 1-jähriger Enkel sich in einer Städtischen Kita in einer westdeutschen Großstadt ein bis zwei Kräfte (die Neue hörte meistens in der Probezeit schon wieder auf!) mit 17 anderen Kindern von 0 bis 4 Jahren teilen, davon waren nur drei Kinder vier Jahre alt. Ist das Kindeswohl-Vernachlässigung? Ich meine Ja. (Unser Enkel hatte das Glück, bald in eine viel bessere Kita zu wechseln.)

Um jedem Missverständnis vorzubeugen: Im Interesse der Kinder (vor allem der Kinder aus Ein-Kind-Familien) und der Eltern (insbesondere der Mütter) ist eine frühe Betreuung in der Kita etwas sehr Wünschenswertes, aber doch unter guten Bedingungen! Dann ist sie für die Kinder auch pädagogisch sehr sinnvoll.

5. Vor- und Nachbereitungszeit

Von den 25 % Vor- und Nachbereitungszeit für jede Fachkraft (gemessen an der Gesamtarbeitszeit) ist schon lange kaum noch irgendwo die Rede. Dies war aber mal offizielle Politik. Ein Viertel der Arbeitszeit sollte für Arbeiten zur Verfügung stehen, die für eine gute Erziehungs- und Bildungsarbeit im Kindergarten absolut wichtig sind, die aber nicht nebenher, d.h. in Anwesenheit der Kinder in demselben Raum, geleistet werden können.

Dies in den Kitas zu verwirklichen, war schon immer schwierig – es wird immer schwieriger und ist vielerorts unmöglich geworden.

In den Kitas wird es immer enger

Jedes Kind, das zusätzlich aufgenommen wird, etwa um den Rechtsanspruch auf den Kita-Platz zu erfüllen, braucht auch den entsprechenden Platz; das fängt bei der Garderobe an, die in vielen Kitas unzumutbar eng ist, geht weiter über den Platz am Tisch, den zusätzlichen Stuhl, das Eigentumsfach. Verknappt wird aber vor allem die Bewegungsfläche in den Räumen. Und sie ist oft sowieso sehr beschränkt und lässt oft gar keine „artgerechte Haltung“ zu.

Im Kölner Zoo, der auf seine Erdmännchen (kleine katzenartige Raubtiere, die in Gruppen von etwa 10 bis zu 30 Tieren leben) stolz ist, konnte man vor Jahren ein Schild am Gehege lesen, das in etwa folgenden Inhalt hatte: Das Gehege bietet artgerechte Haltung; es ist so gestaltet, dass es dem natürlichen Bewegungsdrang der Tiere gerecht wird: Sie können jederzeit rennen, springen, klettern, sich verstecken, sich zueinander gesellen oder sich zurückziehen.
In den meisten Kita-Gruppenräumen können die kleinen Menschenkinder ihren natürlichen Bewegungsdrang leider nicht in dieser Vielfalt und Intensität ausleben, der für ihre Ausgeglichenheit und ihre Entwicklung so wichtig wäre. Und schon gar nicht jederzeit alle gleichzeitig. Denn die zugestandenen Quadratmeter je Kind erlauben oft nur so etwas wie Käfighaltung; so wird denn viel gesessen und sich sittsam zwischen den „Bereichen“ bewegt. Die Fläche wird ja durch das notwendige Mobiliar weiter eingeschränkt.

„Nach wie vor berechnen Planer für ein Kindergartenkind eine ′pädagogische Grundfläche′ von 3,5 Quadratmetern – ein halber Meter im Quadrat weniger, als eine EU-Richtlinie für Biolegehennen vorschreibt – bei ′intensiver Auslaufhaltung′“.

(Quelle: Die berufliche, familiäre und ökonomische Situation von ErzieherInnen und KinderpflegerInnen, in: kinderzeit, Febr. 2011, S. 18.)

So mancher Turnraum ist zudem in den letzten 10 Jahren in einen zusätzlichen Gruppenraum umgewandelt worden und so manches schon schmerzlich knappe Außengelände wurde durch einen Anbau weiter verknappt.

„Die vorhandenen Expertenempfehlungen liegen meist bei 6 Quadratmetern pro Kind für den Innenraum. … Die empfohlenen Standards für das Außengelände schwanken zwischen 6 und 12 Quadratmetern pro Kind.“

(Quelle: Bensel, J., Haug-Schnabel, G. u.a.: 16 Länder – 16 Raumvorgaben: Föderalismus als Chance oder Risiko.
In: Haug-Schnabel, G., Wehrmann, I. (Hrsg.) Raum braucht das Kind. Anregende Lebenswelten für Krippe und Kindergarten. Verlag das Netz, Weimar/Berlin, S. 32.)

Wenn man konkrete Zahlen zum Raum in Kitas sucht,
wird es schwierig.

„Die vorhandene Raumqualität in deutschen Kitas ist ein großes Dunkelfeld… Es gibt schlicht und einfach keine Daten dazu.“ Außerdem: „In den Kita-Gesetzen  finden sich bei sieben der Bundesländer überhaupt keine Aussagen zu Räumen.“

(Quelle: ebenda)

Hier können die finanzarmen Kommunen also machen, was sie wollen – und schlimmstenfalls die Unerfahrenheit oder die Not der Eltern ausnutzen, die auf einen Kita-Platz angewiesen sind.

In demselben Aufsatz findet sich im Weiteren eine Tabelle, deren Daten ich hier zusammenfasse:

Gar keine Angaben zu Flächen, die einem Kind zur Verfügung stehen sollen, finden sich in den Kita-Gesetzen von Bayern, Hessen, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein.

Zu den übrigen Bundesländern:

(In Klammern stehen die Vorgaben für Kinder unter 3 Jahren.)
GR=Gruppenraum / NR=Nebenraum / SR=Schlafraum / Außen=Außenfläche

Baden-Württ.: GR=1,8 (3) / NR=0,8 (1,5) / SR=1,5 (1,5) / Außen=8 (10)
Berlin: GR=3 (3), keine weiteren Vorgaben
Brandenburg: GR=3,5 (3,5) / Außen=10 (10)
Bremen: GR=2,5 (3,5) / SR=0,5 / Außen=10 (10)
Hamburg: GR=2,2 (3,3), keine weiteren Vorgaben
Meckl.-Vorp.: GR=2,5 (2,5) / NR=1 (1) / SR=(2) / Außen=10 (10)
Niedersachsen: GR=2 (3) / Außen=12 (12)
NRW: GR=1,8 (4,5) / NR=0,7 (1,8) / SR=0,8 (1,8) / Außen=12 (30)
Saarland: GR=2 (3,5)  keine weiteren Vorgaben
Sachsen: GR=2,5 (3) / Außen=10 (10)
Thüringen: GR=2,5 (5) / Außen=10 (10)

In zwei Bundesländern gibt es zusätzlich die Bestimmung, dass ein Mehrzweck-/ Bewegungsraum für Kinder zur Verfügung stehen soll, in Baden-Württemberg soll er 50 qm betragen, in NRW 55 qm.

Von den Empfehlungen der Experten wie auch von meinen Vorstellungen zur Bewegungsfreiheit von Kindern sind alle diese Vorgaben meilenweit entfernt.

Es muss auch gefragt werden: Wie sieht die Realität aus? Wer prüft wie oft? Werden (faule) Kompromisse zu Lasten der Kinder und der Erzieherinnen gemacht?

Qualität der Außengelände

Es gibt ohne Zweifel ganz tolle Außengelände, aber es gibt erschreckend viele, die an bedenkliche Hühnerhaltung erinnern. Über ein Jahr lang verkaufte ich Spielwaren in Kitas. Drei bis vier Termine pro Tag, das ergibt etwa 600 bis 800 Kitas, deren Außengelände ich meistens in Augenschein genommen habe; denn mein Interesse galt schon lange den Bewegungsmöglichkeiten, die den Kindergartenkindern im Freien geboten werden.

Auch bei den etwa 300 nachmittäglichen Team-Fortbildungen zum Thema Hochbegabtenförderung, die ich in den letzten zehn Jahren vor Ort in Kitas gegeben habe, habe ich immer darum gebeten, den Außenbereich besichtigen zu dürfen, was so gut wie immer möglich war.

Viel Schönes, Durchdachtes und Kindgerechtes habe ich im Laufe der Jahre sehen können, aber auch viel völlig Unzureichendes und nicht so selten auch Verstörendes. So erinnere ich mich an eine zweigruppige Kita mit 3- bis 6-jährigen Kindern mitten in einer Großstadt, deren Außenbereich aus höchstens 50 qm betoniertem Hof bestand, der von einer übermannshohen Backsteinmauer eingefasst war. Wenn man in diesen Hof Käfiggitter eingezogen hätte, wären für jedes Kind und jeden Erwachsenen, die dort ihren Tag verbrachten, weniger als 1 qm nackter Käfigplatz möglich gewesen. Da kommen doch böse Fantasien auf, oder?

Ärgerlich finde ich es, wenn – wie des öfteren gesehen – ein neuer Kinder“garten“ ein sehr überschaubares, abenteuerarmes und sauber eingezäuntes Außenspielgelände erhält – und direkt daneben öffentliches Gelände oder Wiesengelände quasi brachliegt, zum Beispiel in Form eines so gut wie gar nicht genutzten Parkrandes.

Oft macht die Gestaltung der Fläche Einiges wett. Aber oft waltet auch immer noch erstaunliche Unvernunft. Da wird die Fläche, anstatt Berge und Mulden und Wälle anzulegen, extra planiert. Der Rasen sei so besser zu pflegen. Welcher Rasen? Wenn ich eine Kita mit Rasen sehe, frage ich mich automatisch, wie viel Zeit die Kinder draußen verbringen (dürfen). Lassen Sie jeden Tag 50 bis 80 bewegungsfreudige Kinder nur zwei Stunden lang ihren gepflegten Rasen bespielen; machen Sie das ein Jahr lang, danach brauchen sie keinen Rasen mehr zu pflegen.

Immer noch höre ich, dass große alte Bäume abgeholzt werden, weil sie „zu viel Dreck (Laub und Früchte) machen“ oder Äste runter fallen könnten. Bei Kastanien und Eichen und zapfentragenden Nadelbäumen ist das sinnvoll, denn ihre Früchte aus großer Höhe auf den Kopf, das ist nicht lustig. Ansonsten muss der Baum eben gepflegt, das heißt, rechtzeitig von abgestorbenen Ästen befreit werden, wie das auf jedem öffentlichen Parkweg auch geschieht. Stattdessen werden dann teure Sonnensegel angeschafft, die keinen wirklich kühlenden Schatten bieten.

 

Wäre mehr Geld da, wären auch mehr Zeit und mehr Raum da…

Es ist kein Geld da?

Viele Eltern und viele Erzieherinnen haben sich mit unzulänglichen Betreuungs- und Arbeitsbedingungen abgefunden. Ihnen wurde schon so lange das Scheinargument vom fehlenden Geld entgegen gehalten, dass sie angefangen haben, es zu glauben.

 

Das ist bitterschade.

 

Wir leben in einem der reichsten Länder der Welt. Geld ist da, es ist nur die Frage, wie es verteilt ist.

In einem Artikel über zunehmende Armut und den gleichzeitig zunehmenden Reichtum schreiben die Autoren Ulrich Schneider u.a.:
„Mit Ausnahme des Krisenjahres 2009 haben das Volkseinkommen, der gesellschaftliche Reichtum in Deutschland seit 2006 kontinuierlich zugenommen – genauso kontinuierlich, wie die Armut in Deutschland wuchs. Mit anderen Worten: Gesamtgesellschaftlich handelt es sich bei der Armutsentwicklung in Deutschland weniger um ein wirtschaftliches als vielmehr um ein Verteilungsproblem.“

(Quelle: Ulrich Schneider u.a., Das zerrissene Land, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, April 2015, S. 9 ff.
Bei ihrer ausführlichen Darstellung der Armutsentwicklung beziehen sich die Autoren auf:
Der Paritätische Gesamtverband (Hg.), Die zerklüftete Republik. Bericht zur regionalen Armutsentwicklung in Deutschland 2014, Berlin 2015.)

Weiter schreiben Ulrich u.a.:
„Solange der Staat in diesem fünftreichsten Land der Erde darauf verzichtet, sehr große Vermögen, sehr hohe Einkommen genauso wie Erbschaften und Kapitalerträge stärker zu besteuern, so lange bleibt jegliche Debatte darüber (über die Bekämpfung der Armut – HV) eine rein akademische Übung.
Über fünf Billionen Euro (das sind 5.000 Milliarden oder 5 Millionen mal 1 Million, toll, was? – HV) privaten Geldvermögens werden in Deutschland auf Konten, in Aktienpaketen oder Lebensversicherungen gehortet.

Um 36 % ist dieser Geldberg – Krise hin oder her – in den letzten zehn Jahren gewachsen…

Wohlgemerkt: Es geht nicht um Produktionsstätten, um Grundstücke, Häuser oder Wälder. Es geht allein um Geldvermögen, das bei ziemlich wenigen zu finden ist. Die reichsten 10 Prozent in Deutschland teilen ganze 58 Prozent des gesamten Vermögens unter sich auf. Jeder dritte Euro, der in Deutschland erwirtschaftet wird, fließt am Ende in diese Haushalte.
Darunter leiden die Armen ebenso wie die öffentlichen Haushalte.“

(Quelle: ebenda)

Aber warum ist es den 10 Prozent Reichsten und Mächtigsten offenbar egal, wie gut oder schlecht der Kita-Bereich finanziell dasteht?

Ich kann es mir nur so erklären: Erstens leben auch viele Reiche im Unwissen darüber, wie wichtig eine gute frühkindliche Betreuung ist und was sie braucht, um gut zu funktionieren. Vielleicht glauben viele Reiche auch, die überall entstehenden elitären – weil sehr teuren – Kitas würden die Bedürfnisse ihres eigenen Nachwuchses gut abdecken, sofern sie nicht sowieso noch dem „Kindermädchen-Konzept“ anhängen – heutzutage natürlich mit top ausgebildetem Personal für die Kleinen. Aufschlussreich ist da der Blick in die Zeitungsanzeigen für die deutsche Macht- und Geld-Elite.

Was die Kitas angeht, haben wir schon jetzt eine Drei-Klassen-Gesellschaft: Die armen Kinder versammeln sich zu einem großen Teil in den kommunalen und kirchlichen Kitas, die gut verdienende Mittelschicht bevorzugt gut ausgestattete Elterninitiativen oder zunehmend auch kommerzielle Kitas, die oft mehr versprechen als sie halten und oft eher gewinnorientiert als kindorientiert daher kommen.

Die Anzahl der privatwirtschaftlichen Kitas ist zwar noch nicht sehr groß (ca. 1.500), steigt aber stark an, von 2008 bis 2014 um 93 %.

(Quelle: Statistisches Bundesamt: Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe, zitiert nach:
Bernhard Eibeck, Eingruppierung und Bezahlung von Beschäftigten in Kindertageseinrichtungen, in:
Arbeitsplatz Kita
S. 48.)

(Die Studie „Arbeitsplatz Kita“ kann als Broschüre kostenlos bestellt werden. / Achtung: Die Seitenzahlen in der Broschüre stimmen nicht ganz mit denen in der Internet-Version überein.)

Und die Oberschicht? Siehe oben oder sehen Sie zum Beispiel hier: Villa Ritz .

Als Initiatoren der „Villa Ritz“, einer privaten Kita in Potsdam, sind aufgeführt: eine Investmentbankerin (London), ein Steuerberater & Wirtschaftsprüfer (Potsdam), eine Rechtsanwältin (Frankfurt am Main) und ein Unternehmensberater (Berlin). Einem Zeitungsartikel konnte ich entnehmen, dass die Kleinen dort auch lernen, wie man Hummer richtig isst. Sauna und Schwimmbecken sind inklusive. Es gibt auch einen Fahrdienst und Übernacht- und Überwochenende-Betreuung… Über die pädagogische Qualität des Angebots kann ich nichts sagen, aber immerhin gilt: Geld spielt doch keine Rolle, wenn man es reichlich hat!

Der weitere Ausbau der Drei-Klassen-Kinderbetreuung schreitet munter voran; immer mehr private Einrichtungen entstehen, in denen sich vermögende Eltern bessere Rahmenbedingungen kaufen können.

Privater Reichtum – Öffentliche Armut

Dierk Hirschel (Leiter der Abteilung Wirtschaftspolitik beim Vorstand der Gewerkschaft ver.di) schrieb in der Zeitung „Die Zeit“ (Ausgabe 38/2012):
„Privater Reichtum und öffentliche Armut sind zwei Seiten derselben Medaille. Schulden spiegeln immer Vermögen wider. Im letzten Jahrzehnt mehrten die Reichen ihr Vermögen auf Kosten der Allgemeinheit. Daran trägt die Politik große Mitschuld.“
(Quelle: http://www.zeit.de/2012/38/Schulden-Vermoegen-Reichtum-Steuern)

In einer Veröffentlichung der Heinrich-Böll-Stiftung lesen wir:
„Denn eines ist klar: Die Kommunen (und der Staat insgesamt) müssten hierzulande nicht arm sein. … Die Steuersenkungen der vergangenen zwei Jahrzehnte haben einen regelrechten Umverteilungsprozess in Gang gesetzt. … Die ganze Tragweite zeigt sich, wenn man das sinkende Staatsvermögen auf das steigende Bruttoinlandsprodukt (BIP – HV) bezieht: (Und im Folgenden wird Stefan Bach vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung zitiert – HV) ′Das Nettovermögen des Staates, …das 1991 noch bei 52 Prozent des BIP lag, ist bis 2009 auf sechs Prozent des BIP zusammengeschmolzen.′“
(Quelle: http://kommunalwiki.boell.de/index.php/Reiche Gesellschaft %E2%80%93 arme Kommunen)
(Quelle Zitat Bach: http://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw 01.c.364647.de/10-50.pdf)

Eine Folge ist, dass die Kommunen ihre infrastrukturellen und sozialen Aufgaben immer weniger finanzieren können. Das trifft auch die Kitas.

Aber wie konnte es dazu kommen in diesem reichen Land?

Werner Rügemer schreibt dazu:
„Die Überschuldung der Kommunen ist maßgeblich auf den Rückgang der Staatseinnahmen zurückzuführen. Die schwarz-gelbe Regierung unter Kanzler Helmut Kohl begann mit der schrittweisen Absenkung der Gewinn-, Vermögens- und Erbschaftssteuern sowie der Steuern für hohe Einkommen. Sie förderte die Kapital- und Steuerflucht von Konzernen, Vermögenden … etwa nach Liechtenstein und in die Schweiz, später in die neuen Finanzoasen der Karibik. … Zusätzlich haben die massiven Steuersenkungsgesetze der Bundesregierungen seit 1998 – bis hin zum „Wachstumsbeschleunigungsgesetz“ von 2009 – die kommunale Verschuldung weiter verschärft. … Zusätzlich haben die Landesregierungen von Bayern, Sachsen, Nordrhein-Westfalen, Hamburg, Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein den Kommunen wegen der milliardenschweren Rettung ihrer bankrotten Landesbanken die Landeszuweisungen gekürzt.“
(Quelle: Werner Rügemer. Der Ruin der Kommunen: Ausverkauft und totgespart. In: Blätter für deutsche und internationale Politik, August 2012.
http://www.blaetter.de/archiv/jahrgaenge/2012/august/der-ruin-der-kommunen-ausverkauft-und-totgespart# ftn12 )

Es fehlt in den Kitas das Geld, das anderswo ausgegeben wird

Die Kommunen haben also nicht viel Spielraum, auch wenn sie für die Kitas finanziell zuständig sind. Auf bundesstaatlicher Ebene wird entschieden, wie viel den Mächtigen dieses Landes konkret – nicht in Sonntagsreden – bessere Betreuung der kleinen Kinder und bessere Arbeitsbedingungen für die Erzieherinnen und Erzieher wert sind.

Auch damit die Erzieherinnen nicht so viel Kaffee trinken müssen, um den Arbeitstag zu überstehen,
wenn wieder einmal ein erwachsener Mensch allein
25 kleinen Kindern gerecht werden soll!

Gelder, die in die frühkindliche Bildung fließen, sollten nicht als Kosten, sondern als Investitionen bezeichnet werden, die sich später vielfach rentieren.

Dieses drückte Prof. Dr. Jürgen Kluge (damals Direktor und Office Manager von McKinsey Deutschland) aus, als er schon 2005 in Berlin beim Kongress „McKinsey bildet – Frühkindliche Bildung“ sagte:

„Es gibt kaum eine bessere Anlagemöglichkeit, als in Bildung zu investieren. Ich sage bewusst Investition. Allzu häufig wird von Kosten gesprochen. Kosten sind in der Regel schlecht. Investitionen sind gut. Am besten ist es, wir investieren in Menschen. … Um es frei auszusprechen: Wir brauchen dazu bis zu 6,5 Milliarden Euro zusätzlich im Jahr!“

Er meinte staatliche Investitionen, also Steuergelder, die für die frühkindliche Bildung ausgegeben werden sollten.

Es werden aber, gemessen an den Aufgaben, die aus Steuergeldern finanziert werden müssen, zu wenig Steuern eingenommen. Daher rühren der private Reichtum genauso wie die allenthalben beklagte öffentliche Armut, d. h. die Armut des Staates und insbesondere der Kommunen.
In unserem reichen Land gibt es also viel privaten Reichtum weniger Bürger. Demgegenüber stehen die sich dramatisch ausbreitende private Armut vieler Bürger und die öffentliche Armut des Staates.

Es ist kein Fall von Sozialneid, sondern von begründeter Empörung: Kommunen schließen Frei- und Hallenbäder – und „im Luxussegment“ vermehren und vergrößern sich gleichzeitig die privaten Pools und Hallenschwimmbäder.

Wie unsolidarisch!

Dabei steht im Grundgesetz Art. 14, Abs 2: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“

Ähnlich unsolidarisch sieht es im Kita-Bereich aus: Es entstehen Kitas mit Wellnessbereich und Chinesischunterricht, für die Eltern monatlich mindestens 500, oft aber weit über 1000 Euro pro Monat zahlen – und viele Kitas „fürs Volk“ können sich Niemanden leisten, der für die Kinder gesundes, frisches Essen zubereitet.

Ich bin sicher, dass auch in unserem reichen Land die finanziellen Ressourcen vorhanden sind, um eine beispielhafte Elementarpädagogik für alle Kinder zu verwirklichen.

Sehr lesenswert zu dieser Problematik ist auch der Kommentar von Hilde von Balluseck vom 15.6.15 zum Streik in den Kitas: „Nicht das Geld ist das Problem, sondern seine Verteilung“, in dem die Problematik sehr gut dargestellt ist. Prof. Dr.Hilde von Balluseck ist Chefredakteurin der Online-Plattform Erzieherin.de und emeritierte Professorin an der Alice Salomon Hochschule Berlin.

Auch solange die Steuereinnahmen nicht fairer gestaltet werden, ist noch Spielraum bei der Aufteilung der vorhandenen Steuergelder. Die UNO-Unterorganisation UNICEF hat die Empfehlung ausgegeben, dass ein Land etwa 1 Prozent seines BIP (Bruttoinlandsprodukts) für die Frühkindliche Betreuung, Bildung und Erziehung (FBBE) ausgeben soll.
Es wird also eine Beziehung hergestellt zwischen der Wirtschaftskraft eines Landes, die sich im BIP ausdrückt, und den Ausgaben für die Kitas und andere frühkindliche Betreuungsformen.

In einer Studie des Europäischen Parlaments wird festgestellt:

Einige Mitgliedsstaaten (der Europäischen Union – HV) geben weit mehr als das empfohlene 1 % aus, während viele jedoch weniger als die Hälfte des vorgeschlagenen Richtwerts hierfür bereitstellen…“
((Quelle: Quelle: Europäisches Parlament (Hrsg.).
Qualität in der frühkindlichen Betreuung und Bildung, verfasst von Gert-Jan Lindeboom und Bert-Jan Buiskool, hrsg. vom Europäischen Parlament, Red.schluss 2013, S. 74, in der gedruckten Fassung: S. 50, in der gedruckten Broschüre S. 46.)
In derselben Studie findet sich eine Tabelle:
„Ausgaben für Kinderbetreuung und Vorschule 2009 in % des BIP (Bruttoinlandsprodukt-HV)“ (jüngere Zahlen standen den Autoren nicht zur Verfügung). Aus dieser Tabelle ist zu ersehen:

Dänemark und Schweden gaben jeweils 1,4 % ihres BIP für die FBBE aus, Großbritannien, Frankreich und Finnland jeweils 1,1 %, die Niederlande 0,9 %.

Deutschland lag mit 0,5 % an 16. Stelle der 27 EU-Staaten. Die Autoren fügen an, dass Deutschland allerdings nach 2009 erheblich in diesen Sektor investiert habe und die neueren Zahlen günstiger ausfallen würden.

(Quelle: ebenda, S. 51, Broschüre S. 47.)

Aber Ja, Deutschland hat ja auch viel aufzuholen! Deutschland erreichte im Jahr 2010 von allen 28 EU-Staaten nur den 17. Platz, was die Bereitstellung von Plätzen für Kinder unter drei Jahren angeht.

Spitzenreiter aller EU-Staaten war Dänemark mit fast 80 % Versorgung mit Kita-Plätzen für Kinder unter drei Jahren, gefolgt von den Niederlanden und Schweden mit über 50 %, wogegen Deutschland bei 20 % lag – und Nordrhein-Westfalen bei 14 %.

(Quelle: ebenda, S. 33, Broschüre S. 29.)

Also ging und geht erst einmal ein großer Anteil der erhöhten Aufwendungen in den bis dahin verschlafenen und lange Zeit politisch nicht gewollten Ausbau der U3-Plätze. Die 20 %, die Deutschland 2010 erreicht hatte, entfielen zum großen Teil auf Ostdeutschland. Im Westen gab es noch mehr Nachholbedarf.

Können wir hoffen, dass nach dem quantitativen Ausbau auch mehr Geld für die Qualität ausgegeben wird? Für viele Kinder und ihre  Familien kommt das dann zu spät.
Denn bis jetzt herrscht noch das ewig verrückte alte Ziel der Bildungspolitik:

Für möglichst wenig staatliches Geld möglichst viele Kinder betreuen lassen.

Visionen und gute Planung

Wenn diese Maxime einmal überwunden werden könnte, wäre der Weg offen für viele Verbesserungen.

Von 1991 bis 2000 arbeitete ich als nicht freigestellte Leiterin in einem Kindergarten. Seit 2001 arbeite ich in der Fortbildung mit Erzieherinnen und Erziehern, die in Kindertagesstätten tätig sind, intensiv zusammen. Ich kenne die Arbeitsbedingungen und weiß, wovon ich rede.

In all diesen Jahren haben sich natürlich auch Visionen gebildet, aus dem Wunsch heraus, alle Kinder mögen optimale Entwicklungschancen erhalten und ihre frühe Kindheit in einem wunderbaren Kindergarten verbringen.

Visionen sind wichtig, sie geben ein Ziel vor, das es zu erreichen lohnt.

Aus meiner Erfahrung brauchen Erzieherinnen
Arbeitsbedingungen, die Folgendes ermöglichen:

    • 25 % der Arbeitszeit ist reserviert für konzeptionelle und praktische Vor- und Nachbereitungen von Angeboten und Projekten, Teamgespräch (Austausch über Beobachtungen und Arbeitsergebnisse, Absprachen, gemeinsame konzeptionelle Arbeit), Elterninformation, Entwicklungsgespräche mit Eltern, Elternabende, Öffentlichkeitsarbeit, Reflexion und Auswertung von Angeboten und Projekten, Individuelle Entwicklungsdokumentation, Dokumentation der Arbeit, Lesen der elementarpädagogischen Fachpresse.
    • Durchgehende Besetzung aller Gruppen mit mindestens zwei pädagogischen Fachkräften.
    • Verlässlicher Einsatz von qualifizierten, festen Springern (nicht der freigestellten oder teil-freigestellten Leiterin, deren Leitungsarbeit dann liegen bleibt) bei Krankheit, Urlaub oder Fortbildung von Mitarbeiterinnen. Diese SpringerInnen sind Teil des Teams, kennen die Betriebsabläufe in der Kita und sind mit den dort lebenden kleinen und großen Menschen vertraut.
    • Verringerung der Gruppengrößen auf maximal 20 Kinder, im Einzelnen:- Kindergarten halbtags (3- bis 6-Jährige): maximal 20 Kinder, 2 Mitarbeiterinnen.- Kindertagesstätte (3- bis 6-Jährige ganztags): maximal 16 Kinder, 2,5 Mitarbeiterinnen.- Kita-Gruppe mit Kleinkindern (0- bis 3-Jährige): maximal 12 Kinder, 3 Mitarbeiterinnen Kita-Gruppe mit Klein- und Vorschulkindern (0- bis 6-Jährige, davon max. 5 unter 3 Jahren): maximal 15 Kinder, 3 Mitarbeiterinnen.
    • Konsequente Freistellung des pädagogischen Personals von Putz- und Küchenarbeiten sowie Pflegearbeiten im Kita-Gelände. Für diese Arbeiten werden überall zwingend zusätzliche Arbeitskräfte eingestellt. Solche Arbeiten werden vom pädagogischen Personal nur dann geleistet, wenn es zusammen mit den Kindern geschehen kann und pädagogisch sinnvoll ist.
    • Freigestellte Leitung ab 60 Kinder oder 3 Gruppen. Teil-freigestellte Leitung in allen übrigen Kitas.
    • Zusätzliches Personal nicht nur für integrative Gruppen für behinderte Kinder, sondern auch für integrative Gruppen für hoch begabte Kinder.
    • Nur unbefristete Arbeitsverträge, außer in Vertretungsfällen.
    • Für Kita-Kinder werden deutschlandweit verbindliche Mindeststandards festgelegt, was die Raumgrößen im Gebäude und den Platz im Außengelände betrifft. Wo diese Standards nicht erfüllt werden können, muss die Zahl der aufzunehmenden Kinder entsprechend verringert werden.

Gute Planung der nächsten Schritte

Seit ich mich mit der Elementarpädadogik befasse, war ich immer wieder verblüfft, wie sehr sinnvolle bildungspolitische Schritte zunächst „verschlafen“ und dann „übers Knie gebrochen“ wurden, Beides zum Schaden der Kinder und der Erzieherinnen.

Die Bildungspolitik hat offenbar ein Händchen dafür, Gutes schlecht zu planen und dann das „Knirschen im Getriebe“ rücksichtslos die Praxisebene aushalten zu lassen. Darüber sind manche erfahrene und engagierte Erzieherinnen schwunglos und krank geworden.

1. Anspruch auf einen Kindergartenplatz ab 3 Jahren

1996 wurde deutschlandweit der gesetzliche Anspruch auf den Kindergartenplatz ab 3 Jahren beschlossen, was ich grundsätzlich sehr begrüße. Das Gesetz wurde allerdings auf eine rücksichtslose Art und Weise durchgesetzt, die vielerorts die Arbeitsbedingungen für die Erzieherinnen und die Spiel- und Lernbedingungen für die Kinder drastisch verschlechterte:

– Es wurden zusätzliche Gruppen eingerichtet, auch wenn eigentlich kein Platz da war. Viele Kitas (und ihre Kinder) haben ihren Turnraum eingebüßt, als der zum Gruppenraum für eine zusätzliche Gruppe umgebaut wurde, andere Kitas erhielten einen Anbau, der das eh schon kleine Außenspielgelände weiter schmälerte.

– Es wurden in vielen Kitas die Kinderzahlen in den Gruppen erhöht, was die Relation Fläche pro Kind und Erzieherin pro Kind fühlbar mit negativen Auswirkungen veränderte. Statt 25 Kinder wurden 28 Kinder betreut (was den Kind:Erzieher-Schlüssel mal eben von 12,5:1 auf 14:1 verschlechterte; in Tagesstättengruppen (Ganztagsplätze) wurden statt 20 gerne auch 23 Kinder gestopft (Verschlechterung von 10:1 auf 11,5:1) Wer längere Zeit Tag für Tag in einer Kita engagiert arbeitet, weiß dass diese Zahlen reale Verschlechterung und reale Mehrbelastung bedeuten.

2. Ausweitung der U 3-Betreuung

Viele MitarbeiterInnen fühlten sich fachlich nicht ausreichend auf die Aufgabe vorbereitet, es fehlte an vielen Stellen an vorausschauender Aus- und Weiterbildung und dem entsprechenden Geld dafür.

Die Belastung der Pädagogischen Fachkräfte ist entsprechend gewachsen: körperlich, nervlich und psychisch – die Unzufriedenheit ist gestiegen.

Und hier noch ein paar Fakten:
„Im bundesweiten Durchschnitt betreut eine Fachkraft 4,5 Krippenkinder. Diese Zahl allein sagt noch wenig, denn die Betreuungsschlüssel sind sehr unterschiedlich: In Sachsen-Anhalt kommen auf eine Erzieherin 6,5 Kinder, in Bremen dagegen „nur“ 3,1 – rein rechnerisch, versteht sich. Und nur laut Personalschlüssel auf dem Papier. In der Praxis sieht die Sache anders aus.
Das hat nun exemplarisch eine Studie im Auftrag der Hamburger Wohlfahrtsverbände herausgefunden. Die Wohlfahrtsverbände im Stadtstaat Hamburg betreiben selber mehr als 500 Kitas.
Von der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin ließen die Wohlfahrtsverbände die Situation in Hamburger Kitas untersuchen, besonders den Personalschlüssel – und zwar den tatsächlichen im Alltag, nicht den theoretischen laut Stellenplan. Ihr Ergebnis, das sie im Juli 2014 präsentierten: Viel zu wenig Erzieherinnen kümmern sich um viel zu viele Kinder. Rechnet man Ausfallzeiten durch Urlaub, Krankheit und Fortbildung mit in die Statistik ein, betreut in Hamburg eine Erzieherin 6,7 Babys und Kleinkinder unter drei Jahren.“

(Quelle: Hauch, Michael (2015). Kindheit ist keine Krankheit, Frankfurt am Main, S. 295.)

3. Wegfall der Horte

Viele Kitas in Nordrhein-Westfalen mussten sich mit der Auflösung der Horte (für die Hochbegabtenförderung eine weithin beklagte Entscheidung) abfinden. Pädagogische Fachkräfte und bewährte Helferinnen bangen um ihre Arbeitsplätze oder erwarten zumindest ein noch angespannteres Zeitmanagement. Dadurch wird zukunfts- und entwicklungsorientiertes Engagement massiv behindert.

4. Inklusion

Hier war Deutschland im internationalen Vergleich mal nicht hintendran. Es gab und gibt (soweit sie nicht schon im Namen der Inklusion aufgelöst wurden) viele integrative Kitas für Kinder mit verschiedensten Behinderungen, wo sie mit nicht behinderten Kindern gemeinsam betreut wurden. Vor Ort war das hochqualifizierte Fachpersonal, das die besonderen Bedürfnisse der behinderten Kinder befriedigen konnte.

Nun aber tat sich auch hier eine Sparmöglichkeit auf, gegen die kaum Jemand zu protestieren wagte. Einrichtungen werden geschlossen, und die Therapeuten müssen jetzt mit begrenztem Equipment von Kita zu Kita bzw. von Schule zu Schule tingeln, um den nunmehr vereinzelten behinderten Kindern ein paar Happen passgenaue Förderung zu verteilen. Ich kenne nicht wenige Heilpädagogen und Therapeuten, die darüber verzweifeln.

Kita-Teams fühlen sich überfordert, da sie sich nicht wirklich kompetent fühlen, Kinder mit unterschiedlichsten Handicaps zu inkludieren. Die Toleranz der nicht behinderten Kinder wird nicht gefördert, sondern unter Umständen überstrapaziert, wenn die besonderen Bedürfnisse des oder der behinderten Kinder weitgehend von den „normalen“ Fachkräften nebenbei befriedigt werden müssen, was den nicht behinderten Kindern die ohnehin schon knappe „Zeit klaut“ (O-Ton fünfjähriges Mädchen). Und die behinderten Kinder geraten in Gefahr, von der Teilnahme am kulturellen und sozialen Leben stärker ausgeschlossen zu werden als vorher.

Auch hier kann ich keine komplexe Planung und fürsorgliche Umsetzung einer guten Idee entdecken; die Situation vieler behinderter Kinder, vieler Therapeuten und vieler Kitas wurde verschlimmbessert.

(Siehe hierzu auch: Kommentar: Inklusion – aber bitte ganz schnell?! (März 13) und Einige Informationen zu Inklusion.)

Das Ansehen des Berufes

– ist immer noch zu gering!

„Kinder betreuen kann doch Jeder, vor allem Frauen (von Natur aus!).“
„Erzieherinnen stehen doch meistens rum und/oder trinken Kaffee.“
„So gut wie Ihr möchte ich es auch mal haben!“

Solche Sprüche gibt es tatsächlich noch. Aber dass viele Menschen in unserem Land die Komplexität, die nervliche Anforderung und die Verantwortung des Berufs ErzieherIn nicht erfassen, ist nicht der Kern des Problems.
Ich sehe zwei Kerne:

1. das zu niedrige Gehalt,
2. den zu leichten Einstieg in die Berufsausbildung.
Beide hängen zusammen, wie ich im Folgenden erläutern möchte.

Zu niedrige Gehälter

Um die Verantwortung, Belastung und Kompetenz der Erzieherinnen anzuerkennen, braucht es zu allererst eine angemessene Bezahlung.
Was ist angemessen?
In der EU-Studie wird ausgeführt: „Von … zentraler Bedeutung für das System der Qualität des Personals sind die Arbeitsbedingungen wie zum Beispiel das Arbeitsumfeld, die Vergütung und Arbeitgeberleistungen. Mit ihrer Hilfe kann höher qualifiziertes Personal gewonnen und somit die Qualität verbessert werden. Diese weiter gefassten Arbeitsbedingungen beeinflussen auch die Zufriedenheit am Arbeitsplatz und wirken sich so ebenfalls auf die Qualität der FBBE aus.“
(Quelle: Europäisches Parlament (Hrsg.).
Qualität in der frühkindlichen Betreuung und Bildung, verfasst von Gert-Jan Lindeboom und Bert-Jan Buiskool, hrsg. vom Europäischen Parlament, Red.schluss 2013, S.15, Broschüre S.11.)

„Das Bruttogehalt einer Erzieherin bzw. eines Erziehers beträgt bei einer Vollzeitbeschäftigung im Durchschnitt 2.879 Euro. Damit liegt es etwa 570 Euro unter dem vom Statistischen Bundesamt für 2013 ermittelten Durchschnittsverdienst aller Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Deutschland.“

(Aus: Weiterbildungsinitiative Frühpädagogik, Interview mit Bernhard Eibeck, GEW-Referent.)

Bei demselben Autor finden sich detaillierte Aussagen zu den Gehältern in:
Bernhard Eibeck, Eingruppierung und Bezahlung von Beschäftigten in Kindertageseinrichtungen, in:
Arbeitsplatz Kita .

Darin enthalten ist ein Vergleich der Bruttogehälter von ErzieherInnen und GrundschullehrerInnen:

Daraus lässt sich ablesen „… dass sich die Monatsbruttogehälter von Erzieherinnen und Erziehern und angestellten Grundschullehrkräften in einer Größenordnung von 670  Euro bis 1.120 Euro (S 6) bzw. von 560 Euro bis 770 Euro (S 8) unterscheiden.“

Aus welchem Grund? Weil eine Grundschullehrerin das Ein-mal-Eins beherrschen muss (falls sie Mathe unterrichtet)? Die Verantwortlichkeit für das Wohl und die Entwicklung der Kinder und die Menge an Fachwissen, das für die Arbeit nötig ist, sind durchaus vergleichbar. Ebenso die Anforderungen an die Arbeit mit den Eltern.
Auch wenn sich viele Erzieherinnen nicht zutrauen würden, mal eben in einer Grundschulklasse zu unterrichten – genauso würden viele GrundschullehrerInnen in einer Kita-Gruppe erst mal „untergehen“.

„Auf formaler Ebene ist die Ausbildung zur Erzieherin bzw. zum Erzieher dem Bachelor-Studium gleichwertig. Beide werden im Deutschen Qualifikationsrahmen (DQR) auf Niveaustufe 6 angesiedelt. Das Erreichen der Niveaustufe wird den Absolventinnen und Absolventen  der Fachschulen für Sozialpädagogik auf ihrem Abschlusszeugnis attestiert.“
(ebenda, S. 56, Broschüre S. 55)

In einer Veröffentlichung der OECD steht:
„Um den Status und die Qualität der frühpädagogischen Arbeit zu verbessern, müssen Regierungen erwägen, für gleichwertige Qualifikationen in den Bereichen Frühpädagogik und Grundschulpädagogik gleiche Arbeitsbedingungen (Gehälter, Sozialleistungen und Möglichkeiten beruflicher Weiterentwicklung) einzuführen. Ein besonderes Augenmerk sollte hierbei darauf gelegt werden, berufsbegleitende Weiterbildungsmaßnahmen mit einem beruflichen Aufstieg und der Erlangung weiterer Qualifikationen zu verbinden.“

(Quelle: Starting Strong III.
Eine Qualitäts-Toolbox für die frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung, S. 200.)
(Die Originalfassung wurde unter dem Titel “Starting Strong III: A Quality Toolbox for Early Childhood Education and Care”, ISBN (9789264123250),
© 2012 Organisation for Economic Co-operation and Development (OECD), Paris, herausgegeben. Die Übersetzung wird in Abstimmung mit der OECD herausgegeben. Es handelt sich um keine offizielle OECD-Übersetzung.
©2013 Deutsches Jugendinstitut e.V. (DJI) für die deutsche Edition.)
http://www.fruehe-chancen.de/fileadmin/PDF/starting_strong_iii_deutsche_version.pdf

Und Professorin Dr. Anke König, Projektleitung der Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte (WiFF) am Deutschen Jugendinstitut, kommentiert die Gehaltsverhandlungen in den Sozial- und Erziehungsberufen im April 2015 so:

„Das Feld der Kindertageseinrichtungen befindet sich derzeit in einem enormen Transformationsprozess: Noch nie haben so viele Kinder eine Kita besucht, noch nie haben Eltern so einstimmig auf diese Institution vertraut und noch nie war man der Idee `Bildung von Anfang an‘ so nahe wie heute. Diesen Wandel müssen auch die pädagogischen Fachkräfte spüren, und zwar nicht nur durch hohe Anforderungen und Erwartungen an ihre Arbeit, sondern auch durch entsprechende Ressourcen und Wertschätzung.
Die Position von Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig, den Lohn von Erzieherinnen und Erziehern auf das Gehaltsniveau von Grundschullehrkräften anzuheben (Hervorhebung HV), birgt enorme Chancen für das Berufsfeld. Damit würden einerseits die Leistungen der Fachkräfte finanziell honoriert. Vielmehr noch stellt sie den Beruf neben die traditionellen Bildungsberufe und ordnet ihn damit fachlich eindeutig zu. Dass in Kindertageseinrichtungen Bildungsarbeit geleistet wird und werden muss, ist insbesondere in Deutschland von großer Bedeutung, wo Bildungschancen immer noch stark vom Elternhaus abhängig sind und damit in hohem Maße soziale Ungleichheit reproduziert wird.“

(Siehe: Kommentar Prof. Anke König.)

Eine weitere Behinderung der Arbeit, die von vielen besonders engagierten und kompetenten Erzieherinnen geradezu als Mobbing empfunden wird, ist die immer wieder erfahrene gesellschaftliche Abwertung ihrer Qualifikation und ihrer oft langjährigen beruflichen Erfahrung.

Viele empfanden die 2007 eingeführte „Sprachstandserhebung“ in den nordrhein-westfälischen Kitas, so wie sie durchgeführt wurde, als einen Schlag ins Gesicht jeder Erzieherin.
Ganz abgesehen davon, dass viele Fachleute die Anlage und Durchführung dieser Maßnahme als sehr fragwürdig einschätzten – wurde den Erzieherinnen als Berufsstand damit faktisch die Kompetenz abgesprochen, zu beurteilen, welche Kinder ihrer Gruppe sprachliche Probleme haben und eine zusätzliche Förderung gut gebrauchen könnten. Warum in alles in der Welt hat man nicht die Erzieherinnen gefragt und den Kitas das Geld zur Verfügung gestellt?

 

Wer so mit den Fachkräften für Elementarpädagogik umgeht, darf sich nicht über nachlassende Kräfte bei den Erzieherinnen wundern.

Ausbildung und Eignung für den Beruf

Das Ansehen des Berufes wie auch die Qualität der Aus- und Weiterbildung der Erzieherinnen sind eng miteinander verknüpft.

„Vorschulpädagogen werden (in den 34 Ländern der OECD, mit meist hohem Pro-Kopf-Einkommen -H.V.) im Allgemeinen auf derselben Stufe und in denselben Ausbildungsinstituten wie Grundschullehrer ausgebildet. Dieses Profil findet sich z.B. in Australien, Kanada, Frankreich, Irland, den Niederlanden, dem Vereinigten Königreich und den Vereinigten Staaten. In einigen dieser Länder, z.B. in den Niederlanden, werden Grundschullehrkräfte sowohl für den Vorschul- als auch
für den Grundschulsektor ausgebildet.“
(Quelle: Starting Strong III , S.208.)

Und noch ein Zitat aus der EU-Studie:

„In vielen Mitgliedsstaaten wird der Beruf einer FBBE-Fachkraft nicht als beliebte oder angesehene Stellung betrachtet. In Irland  beispielsweise werden FBBE-Fachkräfte generell als noch unterhalb von Grundschullehrern (oho! -H.V.) rangierende Berufe erachtet. Dies zeigt sich in der Berufspraxis ebenso deutlich wie in der Vergütung. … Im Vergleich zu anderen Ländern ist der Beruf der FBBE-Fachkräfte in Finnland hoch angesehen. Der Beruf … ist aufgrund dieses hohen Status und der guten Arbeitsbedingungen eine attraktive Karrierelaufbahn für Studierende, und Finnland kann unter einer sehr begrenzten Anzahl hochqualifizierter junger Lehrer mit Universitätsabschluss (nur 10 % der Bewerber werden zugelassen) auswählen.“
(Quelle: Europäisches Parlament (Hrsg.).
Qualität in der frühkindlichen Betreuung und Bildung, S. 72, Broschüre S. 68.)

Da eröffnet sich die Frage: Wer wird in Deutschland zum Erzieher-Beruf zugelassen? Es geht mir nicht so sehr um die formalen schulischen Abschlüsse – ich habe begnadete Erzieherinnen und Kinderpflegerinnen erlebt, die – aus welchen Gründen auch immer – sich „nur“ auf einen Hauptschul- oder Realschulabschluss stützen können. Und die Abiturientinnen und die Sozialpädagoginnen waren oft nicht die fähigsten Mitarbeiterinnen in den Kitas.

Es geht vielmehr um Eignung, Talent und Neigung.

Ich finde es fatal, wenn die Berufswahl Erzieherin eine Verlegenheitsentscheidung ist. In so vielen Berufen stehen vor dem Ausbildungsbeginn Eignungstests, nicht aber in diesem verantwortungsreichen Beruf. Ich denke zum Beispiel an die oft harten Auswahlverfahren für Schauspiel- oder Journalistenausbildungen. Hier ist es möglich und wird allgemein akzeptiert, weil die Berufe jungen Menschen so attraktiv erscheinen.

Und da beißt sich die Katze in den Schwanz:
Der Beruf der Erzieherin ist nicht sehr attraktiv. Deshalb wählen ihn Männer immer noch kaum. Und deshalb ist er für erfolgreiche junge Frauen ebenfalls nicht erstrebenswert. Eine Leiterin sagte mir einmal: „Ich kann meiner intelligenten, ambitionierten, engagierten Tochter nicht guten Gewissens empfehlen, Erzieherin zu werden – so wenig Ansehen, so wenig Geld, so wenig Aufstiegschancen!“

Nun könnte man ja meinen, alle, die sich trotzdem für den Beruf entscheiden und lange in ihm ausharren, sind die besonders Engagierten und für diesen Beruf besonders Talentierten, die sich über Möglichkeiten und Belastungen des Berufs sehr im klaren sind. Meiner Erfahrung nach trifft das auf einen Teil der Erzieherinnen und Erzieher zu, aber längst nicht auf alle.

Etliche sind in dem Beruf fehl am Platz, sie sind nicht inspiriert genug. Schon vor der Ausbildung oder im (leider weitgehend abgeschafften) Vorpraktikum, spätestens aber im 1. Jahr der Ausbildung müssten gegebenenfalls die Weichen umgestellt werden auf einen vielleicht geeigneteren Beruf.

Sicher ist es nicht einfach, einen Eignungstest für den Erzieherberuf zu konstruieren – und die Ansichten und Erfahrungen vieler erfahrener Erzieherinnen sollten dabei einfließen – aber eine frühe Auswahl würde doch die Situation entschärfen.

„Bei der Frage nach der Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern wird das Thema des Ausbildungsniveaus und der Akademisierung seit Anfang der 2000er-Jahre diskutiert. Einerseits gibt es starke Bestrebungen, Hochschulstudiengänge anzubieten, andererseits sehen sich die Fachschulen durchaus in der Lage, den gestiegenen Anforderungen gerecht zu werden.

Zwar gibt es mittlerweile rund 70 Studienangebote für den Beruf der Kindheitspädagogin oder des Kindheitspädagogen (B.A./M.A.), gleichzeitig haben aber auch die Fachschulen ihre Kapazitäten deutlich ausgebaut.“

(Quelle: Eibeck, Arbeitsplatz Kita
S. 56.)

Ohnehin ist ja bereits jetzt die Erzieherinnenausbildung formal einem Bachelor-Studium gleichwertig, siehe Abschnitt „Zu niedrige Gehälter“.

Die Diskussion über die fehlende akademische Ausbildung der Erzieherinnen kommt zweischneidig daher. Einerseits drückt sie aus, dass in Politik und Wirtschaft zunehmend erkannt wird, wie wichtig gute Elementarerziehung ist. Viele Erzieherinnen sehen diese Diskussion aber zu Recht auch als Angriff auf ihre fachliche Kompetenz.

Für ein gutes Studium braucht es ausgereifte Konzepte, die auf Bewährtem aufbauen. Durch ein womöglich praxisfernes Studium wäre eine Verschlechterung der Qualifikation zu befürchten.

Überlegungen und Versuche, Studiengänge für Elementarpädagogik einzuführen, sind sinnvoll und berechtigt – aber warum geht das in Deutschland wieder einher mit einer öffentlichen Abwertung des Bestehenden? Viel sinnvoller wäre es, ohne Abwertung an gelungenen Projekten („Best practise“) anzusetzen und sie weiter zu entwickeln.

So können die vielen fähigen und erfahrenen Erzieherinnen ins Boot geholt und in ihrer Arbeit unterstützt werden. Bemerkenswert ist, dass bisher nach meinem Wissen nur Stiftungen ein solches Vorgehen fördern.

Die pädagogischen Konzepte der Elementarpädagogik erscheinen mir vergleichsweise ausgereift. Viele Fachschulen leisten eine theoretisch gut begründete, praxisnahe Ausbildung.

Fortbildung

Fortbildungsmöglichkeiten und Aufstiegschancen sind nicht nur für die aktuelle Qualität der Kita-Arbeit wichtig, sondern mittelfristig auch für die Attraktivität des Berufes – wenn man guten Nachwuchs in den Beruf ziehen möchte.

Laut der bereits zitierten EU-Studie „sind in folgenden 11 EU-Staaten Fortbildungen obligatorisch: Finnland, Estland, Lettland, Litauen, Belgien, Portugal, Tschechien, Österreich, Ungarn, Rumänien, Bulgarien…
In Finnland werden FBBE-Fachkräfte dazu verpflichtet, zwischen 3 und 10
Tage (in Abhängigkeit von der Grundausbildung und dem betreffenden Beruf) für die Weiterbildung aufzuwenden.“
Spanische FBBE-Fachkräfte mit einem Hochschulabschluss sind nach den Bestimmungen einer … Verordnung nunmehr zu Fortbildungsmaßnahmen im Umfang von 30 Stunden pro Jahr verpflichtet, die vom Nationalen Institut für Bildungstechnologien und Lehrerfortbildung angeboten werden.

Ein sehr interessantes System der ständigen beruflichen Weiterentwicklung besteht in Rumänien in Form eines stufenförmigen Programms zur beruflichen Entwicklung in der FBBE. Nach dem Bestehen des Staatsexamens können die Erzieher höhere Qualifikationsgrade erwerben. Diese Qualifikationsgrade dienen als Zertifizierung für ein steigendes Kompetenzniveau der Erzieher und bieten ihnen Aufstiegschancen.“

(Quelle: Europäisches Parlament (Hrsg.).
Qualität in der frühkindlichen Betreuung und Bildung, S. 66-68)

Ein durchlässiges Stufensystem, das auf einer dreijährigen Fachschulausbildung mit längeren Praxisphasen aufbaut und später durch gründliche Fortbildungen ergänzt wird, erscheint mir auch für Deutschland sinnvoll.
Die (eventuell längeren) Fortbildungszeiten sollten sinnvollerweise im Stellenplan berücksichtigt und durch qualifizierte Springerinnen abgesichert werden.

Ein Aufbau-Studium könnte von den Universitäten für die (erfahrenen) Erzieherinnen angeboten werden, die an theoretischen Konzepten besonders interessiert sind.

Sie sollten dann aber möglichst der Elementarerziehung erhalten bleiben: als Fachschullehrerinnen, Fachberaterinnen, Forscherinnen. Auch dafür wäre es notwendig und eigentlich selbstverständlich, dass jede neu erreichte Stufe sich auch in einem höheren Gehalt ausdrückt.

 

Siehe auch: Expertise anerkennen

 

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