von Hanna Vock und IHVO-Absolventinnen

 

Die hoch begabten und besonders begabten Kinder spüren es sehr schnell, wenn in der Kita eine Fachkraft für Hochbegabtenförderung arbeitet und schließen sich ihr an. Es entstehen besonders vertrauensvolle Beziehungen (Frau Soundso versteht mich).

Die Eltern hoch begabter Kindergartenkinder sind oft sehr froh und dankbar, wenn sie in ihrer Kita auf Kenntnisse zum Phänomen Hochbegabung treffen, wenn sie offen sprechen können und fundierten Rat erhalten.

In vielen Beiträgen dieses Handbuchs ist dargestellt, was Fachkräfte für Hochbegabtenförderung bereits geleistet haben. Es handelt sich in jedem Fall um hoch motivierte Erzieherinnen und Erzieher, die ihre erarbeiteten und erwiesenen Kompetenzen nicht nur ab und zu, sondern möglichst täglich zum Tragen bringen möchten.

Sie treffen dabei aber auf zwei Hindernisse.

Das erste Hindernis sind die oft unzureichenden räumlichen und personellen Bedingungen sowie zu große Gruppen.

Siehe hierzu: Rahmenbedingungen verbessern!

Das zweite Hindernis ist die mangelhafte Anerkennung der Expertise auf verschiedenen Ebenen: Kita, Träger, Bildungspolitik.

Was den Kolleginnen und Kollegen, die eine umfangreiche Fortbildung zur Hochbegabtenförderung absolviert haben, oft fehlt, ist die Anerkennung durch den Träger der Kita. Manche Träger stufen diese Kompetenzen als irrelevant und uninteressant, ab und zu auch als irritierend ein. Und auch wenn die ideelle Unterstützung vorhanden ist, geben die Träger für die Förderung besonders und hoch begabter Kinder keine besonderen Mittel frei.

Ein deutliches Interesse und die Anerkennung der Expertise „von oben“ (also von den Trägern, den Jugendämtern, den Fachberatungen, den Gremien der Bildungspolitik) würden helfen, dass die wertvollen Kompetenzen und Erfahrungen in vollem Umfang wirksam werden können.

 

…kurz gefasst…

Hoch begabten Kinder und ihren Eltern hilft es sehr, wenn in der Kita eine oder mehrere Fachkräfte für Hochbegabtenförderung arbeiten.

Diese zertifizierten Fachkräfte haben sich zwei Jahre lang in das Thema Hochbegabung eingearbeitet und zwei Jahre lang (oder auch inzwischen über einen viel längeren Zeitraum) wertvolle Erfahrungen gesammelt.

Was noch weitgehend fehlt, ist die Anerkennung der Expertise und die Schaffung entsprechender Wirkungsmöglichkeiten in den Kitas – auch durch Finanzmittel – damit die Kompetenzen voll zum Wohle der Kinder ausgeschöpft werden können.

Allein das IHVO hat in den vergangenen Jahren knapp 180 Erzieherinnen und Erzieher zu „Fachkräften für Hochbegabtenförderung in der Tageseinrichtung für Kinder“ fortgebildet und zwölf Kitas zu „Integrativen Schwerpunktkindergärten für Hochbegabtenförderung“ zertifiziert.

Die Weiterbildungen laufen über zwei Jahre und stellen an die Teilnehmerinnen hohe Anforderungen. (Siehe  IHVO-Zertifikatskurse Hochbegabtenförderung und  Kriterien zur Beurteilung der Praxisaufgaben.)

Wie könnte eine Anerkennung der Expertise aussehen?

Sie könnte sich ideell und materiell zeigen.

Die ideelle Anerkennung könnte darin bestehen, dass die Expertise wahrgenommen wird und zu fachlichem Austausch führt.

Positive Beispiele aus der Praxis:

  1. Das Jugendamt stellt die zertifizierte Kita-Leiterin während ihrer Arbeitszeit für kollegiale Beratung und Vorträge frei.
  2. Fachkräfte erhalten die Gelegenheit, in bildungspolitischen Gremien vorzutragen.
  3. Weitere Erzieherinnen und Erzieher werden ermutigt und unterstützt, sich einschlägig fortzubilden.
  4. Die Expertise der Kita wird in der (Fach-) Öffentlichkeit positiv dargestellt.

Die materielle Anerkennung der Expertise könnte sich darin äußern, dass die Mehrarbeit und die Mehrleistung, die eine gute Hochbegabtenförderung bedeuten, durch zusätzliche Personalstunden gefördert werden.

Kolleginnen sind verständlicherweise beruflich frustriert, wenn sie sich zwei Jahre lang intensiv in das Thema Hochbegabtenförderung eingearbeitet haben und dann ihre Erfahrungen, ihr Wissen und ihre kreativen Ideen nicht auf Dauer in der täglichen Arbeit mit den Kindern umsetzen können.

Andere, ebenfalls aufwändige Weiterbildungen (wie zum Beispiel Psychomotorik) können vielleicht im gegebenen Zeitrahmen umgesetzt werden. Aber gute Hochbegabtenförderung erfordert zusätzliche Zeit. Hoch begabte Kinder weichen ähnlich stark vom Durchschnitt ab wie geistig behinderte Kinder.

  Siehe: Normalverteilung der Intelligenz.

Auch hoch begabte Kinder brauchen eine (integrative) Intensivförderung, um sich auf Dauer wohl zu fühlen und um sich angemessen entwickeln zu können.

Es gibt Hochbegabtenförderung in der Kita nicht zum zeitlichen Nulltarif.

Das bedeutet, dass es bildungspolitisch unumgänglich ist, dass Kitas zusätzliche Fachkraftstunden für die (Hoch-) Begabtenförderung zur Verfügung erhalten.

Wie könnte eine sinnvolle finanzielle Förderung aussehen? Es wäre aus unserer Sicht eine gute Lösung, den Kitas, in denen eine zertifizierte Fachkraft für Hochbegabtenförderung arbeitet, zusätzliche zweckgebundene Geldmittel zur Verfügung zu stellen. Mit diesen Mitteln beschäftigt die Kita eine zusätzliche Fachkraft (stundenweise auf Honorar- oder Minijob-Basis), damit die Fachkraft für Hochbegabtenförderung zeitweise freie Hand und freien Kopf für den Förderbedarf der besonders und hoch begabten Kinder bekommt.

Lesen Sie hierzu den Beitrag, der ein positives Beispiel der Förderung durch Stiftungsmittel beschreibt: Bessere Möglichkeiten für Kitas durch Stiftungsgelder.

 Siehe auch: Feststellen von Hochbegabung

Welche zusätzlichen Leistungen werden von einer Fachkraft für Hochbegabtenförderung erbracht?

Oder andersherum gefragt: Wofür brauchen die Schwerpunktkitas zusätzliche Zeit (zusätzliche Fachkraftstunden)?

Die Auflistung bezieht sich in einigen Punkten auf 1 hoch begabtes Kind; natürlich erhöht sich der Zeitaufwand, wenn mehrere hoch begabte Kinder in der Gruppe sind.

    • Zeit für Gespräche mit dem hoch begabten Kind. Zum Beispiel zur Unterstützung der sozial-emotionalen Entwicklung des Kindes, zur Hilfe bei der Klärung des Selbstkonzepts und der Kommunikation mit den anderen Kindern – und auch um auf besondere Fragen des Kindes einzugehen.
    • Zeit für anspruchsvolle Kleingruppenarbeit; dabei gezielte Beobachtung und Erkundung der besonderen Interessen, Fähigkeiten und Begabungen.
    • Zeit für zeitweilige 1:1-Förderung, zum Beispiel wenn ein Kind sich ein anspruchsvolles Projekt vorgenommen hat und Hilfe braucht, um es erfolgreich zu Ende zu führen.
    • Zeit für die inhaltliche Ausweitung / Vertiefung der laufenden Gruppenprojekte.
    • Zeit für die Einarbeitung in anspruchsvolle Themen und die Materialbeschaffung.
    • Zeit für die Suche nach und Absprachen mit Experten zu einzelnen Themen im Umfeld der Kita.
    • Zeit für die Dokumentation anspruchsvoller Projekte.
    • Zeit für das Herstellen von Transparenz:
      Was bedeutet Hochbegabtenförderung für uns, wie gestalten wir sie, wie fügt sie sich in den Kita-Alltag ein, was haben die übrigen Kinder davon?
      Dies muss immer wieder im Team, in der Elternschaft und in der Öffentlichkeit geleistet werden.
    • Zeit für Elterninformation und gründliche Elterngespräche zum Thema Hochbegabung.
    • Zeit für die Zusammenarbeit mit der/den Grundschulen, um gute und rechtzeitige Übergänge für die hoch begabten Kinder zu finden.
      Informationsweitergabe (in Absprache mit den Eltern) zur Begabung des Kindes und Begleitung des Übergangs in die Schule.
    • Zeit für spezifischen Erfahrungsaustausch und spezifische Weiterbildung.
    • Zeit für kollegiale Beratung über die eigene Kita hinaus. Anbieten von Hospitationen für interessierte oder in Weiterbildung befindliche Kolleginnen.
    • Zeit für die Beratung nachfragender Eltern, über die eigene Kita hinaus. Initiierung von Elterngesprächskreisen zum Thema Hochbegabung.

Dieser Beitrag wurde erarbeitet in der „AG Integrative Schwerpunktkindergärten für Hochbegabtenförderung“ von

Hanna Vock, Bonn
Beate Kroeger-Müller, Bonn
Silvia Hempler, Remscheid
Sylvie Eikenbusch, Düsseldorf
Hildegard Freitag, Köln
Yvonne Fritz, Köln
Annika Hensel, Köln
Elke Keuler, Bornheim
Alexa Kreitlow, Kürten
Yvonne Pinter, Köln
Ludmilla Savranska, Düsseldorf
Heidi Zimmer, Bergisch Gladbach

Im Folgenden lesen Sie die Argumentation der Leiterin eines zertifizierten „Integrativen Schwerpunktkindergartens für Hochbegabtenförderung“.

Von Beate Kroeger-Müller

In unserem Kindergarten setzen sich meine Kolleginnen und ich für die Integration von besonders begabten Kindergartenkindern ein. Mit unserem Alleinstellungsmerkmal, der (Hoch-) Begabten-Integration, wünschen wir uns eine Anpassung der Rahmenbedingungen und eine befürwortende Zurkenntnisnahme der Erfüllung von Sonderleistungen. Integration bedeutet in dieser Altersstufe das Schaffen von Eigenakzeptanz der besonderen Begabung. Sie bedeutet, das Kind so zu stärken, dass es sich damit in der Gruppe Gleichaltriger angemessen bewegen kann und nicht abtaucht in eine ferne, unerreichbare Beobachterrolle. Wenn Integration in dieser Weise gelingt, erreichen wir die erhoffte Win-Win-Situation – des sich gegenseitigen Befruchtens, der Hilfestellung füreinander in der Gruppe. Denn alle Kinder haben Stärken, die dem Anderen nutzen können. So gestärkt und geübt wird der Eintritt in Schule dann auch gelingen. Dann funktionieren sowohl das Sich-Abfordern besonderer Leistungen, als auch das gemeinsame Lernen.

Natürlich bleibt uns der ganzheitliche Blick auf unsere Kinder erhalten, und damit wird es weiterhin Radfahren, Schwimmen, Klettern und alle möglichen spannenden Abenteuer geben.

Wir wünschen uns einen Sonderstatus, denn diese besonderen Kinder brauchen eine besondere Förderung. Zugleich sind durch dieses neue Konzept die Pflichten an uns, die pädagogischen Fachkräfte, gestiegen.

Augenblicklich besuchen 5 weit überdurchschnittlich begabte Kinder zwischen drei und fünf Jahren unseren Kindergarten. Eltern kommen ganz gezielt, auf Grund unserer Spezialisierung, zu uns ins Haus und erwarten Entlastung und Beratung für sich und Förderung für ihre Kinder.

Uns ist bewusst, dass durch unser neues Konzept die Anforderungen an uns weiter steigen. Als „Integrationseinrichtung“ wollen und müssen wir für unsere Kinder mehr leisten. Dazu wäre eine Reduzierung der Gruppengröße von jetzt 25 Kindern auf dann 22 Kinder wesentlich hilfreich, da jede spezielle und individuelle Förderung auch ein mehr an Zeit und Konzentration erfordert.

Wir setzen unsere spezifische Fachkompetenz dafür ein, dass psychische Narben und das Verstecken der Begabung in der frühen Kindheit vermieden werden. Ein Kindergartenkind, das nicht gut zuhören kann, seine Gefühle nicht steuern kann, das innerlich verunsichert ist, sich ungeliebt und ausgegrenzt fühlt, das mit Ängsten und wenig Selbstvertrauen in die Schule kommt, hat keine Chance, den Anforderungen der Schule zu entsprechen. Es ist von Anfang an auf der Verliererseite – und das trotz hoher Intelligenz.

Ein frühzeitiges Erkennen, ein Stärken und Fördern dieser Kinder, so wie es in unserer Einrichtung geschieht, kann einer solchen Entwicklung entgegen wirken und dem jungen Kind einen erfolgreichen Lebensweg ermöglichen, auch durch eine einrichtungsübergreifende Begleitung in die Grundschule hinein. Diese Aufgaben bearbeiten wir professionell, Hochbegabtenförderung wird von uns erfolgreich gelebt.

Um dieser Verpflichtung qualitativ gut folgen zu können, wünschen wir uns eine neue Obergrenze von 22 Kindern, anstatt wie bisher 25 Kindern zwischen 3 bis6 Jahren. Diese Kindergartengruppe muss auch weiterhin von mindestens zwei ausgebildeten Fachkräften qualifiziert begleitet werden, so dass eine Relation zwischen pädagogischer Fachkraft (plus täglich wechselnden Elterndiensten) und Kind von 1:7 für unsere Einrichtung zum Erhalt des hohen Standards festgelegt ist.

Einrichtungen, die sich nicht auf ein so hohes Elternengagement stützen können, weil natürlich nur die wenigsten berufstätigen Eltern dies kontinuierlich leisten können, brauchen aus meiner Sicht dringend zusätzliches Personal, wie im obigen Beitrag gefordert und begründet.

Unsere Kita richtet Angebote an Kinder aller Altersstufen zwischen drei und sechs Jahren, so dass wir alters- und entwicklungsangemessen Bildungsvorschläge verwirklichen. Unser Kindergarten war von je her eine Bildungseinrichtung und für die Eltern eine zentrale Sozialisationsinstanz. Von daher ist sie qualitativ und konzeptionell beispielhaftes Leitbild für andere Einrichtungen und permanent offener Anlaufpunkt für unsere Eltern beim Sich-Finden in ihrer noch neuen Rolle als Eltern. Das, was heute unter dem Begriff Familienzentrum Einzug findet, ist in unserer Einrichtung seit langem gelebte Qualität und findet oft späteren Widerhall in schulischem Engagement unserer Eltern.

Deswegen brauchen gut funktionierende Einrichtungen, die sich einer solchen zusätzlichen Herausforderung stellen, eine angemessene Förderung.

Beate Kroeger-Müller, Bonn, IHVO-Zertifikat 2005

 

 

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