von Gabriele Drescher-Krumrey

 

Im Rahmen meines IHVO-Zertifikatskurses verwirklichte ich eine Idee, die ich schon länger mit mir herumgetragen hatte: Ich gründete mit den acht ältesten Mädchen der Kita den Club der starken Mädchen. Wenn Sie dem Link folgen, lesen Sie etwas zum Rahmen, zur Zielsetzung und zur Auswertung des Projekts. Sie finden dort auch Informationen zu weiteren Clubstunden und zu meinem Beobachtungskind Lina. (Während des Zertifikatskurses hatten wir die Aufgabe, ein vermutlich besonders begabtes Kind besonders intensiv zu beobachten.)

Im Club sollten die Mädchen Erfahrungen sammeln, wie es ist, wenn sie nur mit Mädchen zusammen auf Entdeckungstour gehen können.
Unser erstes Thema, das sich über fünf Clubstunden erstreckte, war:
Was ist ein starkes Mädchen?

Dieser Beitrag beschreibt nun die 6. Clubstunde, in der wir ein naturwissenschaftliches Experiment machten. Wir hatten dafür eineinhalb Stunden Zeit.

6. Clubstunde

Vorüberlegungen:

Nachdem ich in den vorherigen Angeboten mit den Mädchen herausgearbeitet habe, welche Eigenschaften und Fähigkeiten ein „starkes Mädchen“ auf körperlicher Ebene braucht und hat, möchte ich im nächsten Schritt ihr Wissen noch weiter vertiefen.

Da ich noch nicht die Interessengebiete (außer Bewegung in jeder Form) der Mädchen im Einzelnen erkannt habe, orientiere ich mich bei meinen nächsten Angeboten am aktuellen Kindergartenthema.

Es lautet: „Fühlen wie´s schmeckt“, und es geht um gesunde Ernährung.

Die Kinder haben sich in verschiedenen Angeboten mit Obst und Gemüse beschäftigt, so dass ich ein Experiment dazu mit meinem Club machen werde, um das Wissen der Mädchen zu vertiefen.

 

Wiederholung:

Ich werde kurz wiederholen, warum es so wichtig war, uns mit dem Gehirn, den Knochen und Gelenken und den deutlich sichtbaren Muskeln zu beschäftigen.

Dann werde ich als Einstieg zum Thema Ernährung die Frage stellen:

„Wodurch erhalten wir unsere Gesundheit, behalten unsere Kraft und können überhaupt leben?“

Die Frage bezieht sich auf äußere Bedingungen, wie zum Beispiel gesunde Ernährung, gute Wohnverhältnisse, intakte Umwelt.

Beim Punkt „gesunde Ernährung“ werde ich Bezug zum Thema in der Gruppe herstellen. Meine Vorstellung ist es, dass die Gruppe ihr schon vorhandenes Wissen zum Thema abrufen und in den Club einbringen wird. Da sie über Gemüse gesprochen haben, werden sie sicher auch die Möhre erwähnen, besonders weil Möhren-Rohkost bei unseren Kindern sehr beliebt ist.

Dies ist der Einstieg zu meinem Experiment mit der Möhre.

 

Experiment: „Woher hat die Möhre ihre Farbe?“

(Nach: Gisela Lück, Leichte Experimente für Eltern und Kinder. Herder spektrum, Seiten 35-37. Dort können Sie auch die genaue Erklärung nachlesen.)

Ich stelle alle Materialien auf den Tisch und bespreche sie mit den Kindern.

Anschließend erkläre ich ihnen, was wir heute damit machen wollen, und beginne auch sofort mit der Ausführung des Experimentes.

Während des Experimentes erkläre ich, was wir tun und warum wir es so tun und beziehe die Mädchen mit gezielten Fragen dabei mit ein. Sie sollen aktive Teilnehmerinnen sein und nicht nur nach meinen Anweisungen etwas ausführen. Mir ist es wichtig, dass sie alle Schritte gut nachvollziehen können, und dass sie darüber nachdenken, warum wir dies wohl tun. Ich bin für die Vermittlung des Hintergrundwissens zuständig.

Nach dem Experiment sollen die Mädchen den Ablauf des Experimentes malen und dadurch vertiefen, was sie erkannt haben.

 

Durchführung:

Es sind nur vier der acht Mädchen anwesend. Das ist eigentlich recht günstig, um unser Experiment durchzuführen.

Sie sind neugierig, was wir wohl heute machen. Wir sind nicht – wie sonst üblich – in der Turnhalle, und es sind Materialien bereitgestellt, die nicht wirklich erkennen lassen, was wir machen wollen:

1 Möhre, Wasser, möglichst farbloses Speiseöl,
4 kleine Gläser (für jedes Mädchen eins), 4 Teelöffel,
1 Reibe, 1 Küchenwecker.

Die Mädchen versuchen schon beim Betreten des Raumes zu raten. Melisa meint: „Wir backen einen Kuchen.“ Ich fordere sie auf, sich einen Platz am Tisch zu suchen, weil wir erst miteinander reden wollen.

Lina und Greta hören sich meine Fragen ruhig an, während Melisa und Laura immer neue Vorschläge machen, was wir machen könnten. Es kommen von ihnen Ideen wie zum Beispiel backen, Suppe kochen oder nur essen. Nachdem sie sich beruhigt haben, tauschen wir miteinander aus, was für unsere Gesundheit wichtig ist. Dabei teilen sie ihr Wissen über Obst und Gemüse mit. Wir kommen sehr schnell zu den Mineralstoffen und Vitaminen.

So habe ich schnell meinen Einstieg, und wir legen mit unserem Experiment los.

Die Möhre wird zerrieben und in die Gläser gefüllt, so dass jeweils der Boden bedeckt ist. Dann gießt jedes Mädchen Wasser in sein Glas, bis das Wasser etwa 2 cm über dem Glasboden steht. Nun muss tüchtig mindestens 1 Minute lang umgerührt werden. Da man sich beim angestrengten Rühren leicht vertut, wie lang eine Minute ist, starten alle zusammen mit dem Küchenwecker.

Wir schauen uns die Möhren-Wasser-Mischung genau an und stellen fest, das dass Wasser ganz leicht Farbe angenommen hat.

Anschließend gibt jedes Mädchen 5 EL von dem Speiseöl in ihr Glas, der Küchenwecker wird wieder auf 1 Minute gestellt und alle rühren kräftig.

Bei diesem Tun arbeiten sie gut zusammen und haben keine Probleme, die Reibe oder das Öl weiterzugeben, damit Jede dran kommt.

Beim Beobachten der Mischung sind sie ruhig und konzentriert und warten meine Fragen ab. Es ist anscheinend für alle spannend, was noch weiter passiert. In anderen Situationen reden sie – außer Lina – alle gerne und haben meist nicht viel Geduld und wollen ihre Überlegungen sofort mitteilen.

Ich spreche Lina als erste an, und sie beschreibt unsere Mischung genau:

„Als wir das Öl dazu gegeben haben, ist alles ganz orange geworden.“

Melisa meint, es wäre eher rot, aber Lina besteht darauf, dass außer Rot auch noch Gelb in der Farbe ist.

Alle wollen diese Möhrenmischung probieren. Sie schmeckt ihnen nicht besonders, aber alle probieren mehrmals und schütteln sich. Sie haben erwartet, dass diese Mischung wie unsere Möhrenrohkost zum Mittagessen schmeckt. So erkläre ich ihnen noch die weiteren Zutaten in unserem Salat. Dies finden sie interessant und wollen ihn nun noch lieber essen, da das Vitamin Beta-Karotin so wichtig für ihre Haut ist und sie vor zu viel Licht schützt.

Anschließend stelle ich die Aufgabe, das Experiment zu malen. Lina sagt darauf: „Ich male, was wir gemacht haben!“ Sie äußert sich eher selten so spontan. Nun legt sie sofort los und malt als einzige den Verlauf, ohne den Bezug herzustellen, dass die Möhre in der Erde wächst. Lina trennt ihr Allgemeinwissen über die Möhre und erledigt genau die neu gestellte Aufgabe.

Melisa, Laura und Greta malen die Möhre in der Erde, da sie diese Zuordnung mit der Gesamtgruppe gelernt haben und ihnen dieses Wissen wichtig erscheint. Sie malen die weiteren Materialien dazu, nachdem sie auf Linas Bild geschaut haben. (Wie sie ohne Linas Bild gemalt hätten, kann ich nicht sagen.)

Lina malt eine große Möhre, die Reibe, die Ölflasche, das Sieb zum Absieben der Wasser-Öl-Möhren-Mischung am Ende des Experimentes und das Glas mit der Restflüssigkeit.

(Bitte klicken Sie auf das Bild, um es zu vergrößern, und auf den Zurückpfeil links oben im Fenster, um zur ursprünglichen Größe zurück zu kehren.)

Das Öl hat sich wieder vom Wasser getrennt und ist von der Möhre rötlich eingefärbt. Lina stellt das Wasser als gleichmäßige Fläche dar und malt darüber die Fettkügelchen. Sie orientiert sich nicht an den anderen Mädchen, sie schaut zwar ab und zu auf die Bilder der anderen und scheint etwas nachdenklich zu sein, ob ihr Bild wohl richtig ist. Sie schaut auch zu mir, und ich nicke ihr zu und lobe sie.

Ich bestätige auch die Anderen und stelle zur Unterstützung auch allgemein die Frage, was wir noch bei unserem Versuch benötigt und was wir beobachtet haben.

Bei diesem Angebot kann ich gut beobachten, dass Lina die Aufgaben genau versteht und selbstständig umsetzt.

Sie sieht, wenn sie kurz ihre Arbeit unterbricht, nachdenklich aus und scheint die Gruppe zu beobachten und zu überlegen, ob alles richtig ist, was sie tut.

Sie braucht deshalb manchmal etwas mehr Zeit als die anderen Mädchen, die oft auch kommentieren, was sie tun werden oder tun.

Während aller bisherigen Angebote zum Club der starken Mädchen konnte ich beobachten, dass Lina alle Aufgaben sehr zügig, konzentriert, selbstständig und kreativ bearbeitet hat.

Die anderen Mädchen haben auch die meditative Musik, die ich aufgelegt habe, nicht bemerkt. Lina hat großes Interesse an Musik, sie bemerkt Musik immer sofort und äußert sich auch, ob sie ihr gefällt. Meistens gefällt sie ihr, und so meint sie: „Das ist aber schöne Musik“ und ich antworte ihr: „Ja, ich mag sie auch sehr gerne, es ist Musik von Kitaro.“ Lina nickt und arbeitet weiter, Greta hat dies mitgehört und nickt zustimmend.

Als Greta und Lina fertig sind, können sie auswählen, ob sie schon in die Gruppe zurückgehen oder ob sie noch bei uns bleiben wollen. Beide wollen warten und noch malen, dies ist für Laura und Melisa ein Grund sich zu beeilen, da sie unbedingt auch noch ein zusätzliches Bild malen wollen. Nach eineinhalb Stunden räumen wir gemeinsam auf.

 

Datum der Veröffentlichung: März 2013
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