von Gabriele Drescher-Krumrey

 

Mein Beobachtungskind während meines IHVO-Zertifikatskurses war Lina. Neben etlichen anderen Stärken, die ich bei Lina erkennen konnte, fiel mir immer wieder ihr pädagogisches Talent auf.

Hier zwei Beobachtungen. Lina war zu dem Zeitpunkt 5;8 Jahre alt.

Erste Beobachtung:

Lina spielt in der Puppenecke mit Merve (4;8), einem türkischen Mädchen, und mit Lennert (3;9). Sie spielen Familie. Lina fragt Merve: „Wo ist unser Kind?“ Merve erklärt: „Das Kind ist krank und muss im Bett liegen.“ Lina: „Was hat das Kind?“ Merve antwortet wieder: „Das Kind ist krank.“ (Sie hat noch keinen so großen Wortschatz im Deutschen, das nicht ihre Muttersprache ist.)

Lina ist mit der Antwort nicht zufrieden und fragt jetzt anders: „Was hat es denn? Hat es Fieber, Masern oder Husten?“ Jetzt versteht Merve Linas Frage und antwortet: „Husten und Fieber“. Lennert hört interessiert zu, schaut immer auf die Sprecherin, meldet sich aber nicht zu ‚Wort.

Lina will das Spiel nun wohl durch weitere Fragen spannender gestalten, findet in Merve aber keine Gesprächspartnerin. Es ist Merve offensichtlich zu anstrengend, sich mit Lina zu unterhalten, und sie will die Puppenecke verlassen.

Lina geht hinter ihr her und sagt: „Willst du nicht mehr weiterspielen?“ Merve antwortet: „Ja.“ Lina erklärt Merve: „Du musst Bescheid sagen, wenn du nicht mehr mitspielen willst.“ Merve dreht sich um, geht in die Puppenecke zurück und beginnt, das Puppengeschirr weg zu räumen. Lina erklärt Merve: „Du brauchst nichts weg zu räumen, ich und Lennert spielen noch weiter.“

Merve ist etwas irritiert und will weiter aufräumen. Lina geht direkt zu ihr hin und erklärt nochmals: „Du musst nicht aufräumen, Lennert und ich spielen noch weiter.“ Merve verlässt die Puppenecke.

Lina nimmt das Spiel wieder auf und sagt zu Lennert, dass das Kind umgezogen werden muss. Sie zieht die Puppe aus, Lennert schaut zu, nimmt die Strampelhose und räumt sie weg. Er sagt gar nichts, schaut nur, was Lina macht und übernimmt die Hilfsarbeiten. Lina hält das Baby im Arm, geht zum Schrank, nimmt eine neue Strampelhose heraus und zieht die Puppe wieder an.

Lennert fängt auf einmal an aufzuräumen. Er wirft Kissen und eine Decke in eine Ecke und will die Puppenecke wortlos verlassen. Lina bemerkt es nicht, weil sie noch mit der Puppe beschäftigt ist.

Als ich Lennert auffordere, die Sachen richtig aufzuräumen, nimmt er die Decke und sagt: „Ich kann das nicht.“ Lina kommt ihm sofort zu Hilfe. Sie nimmt zwei Ecken der Decke in die Hände und erklärt Lennert: „Nimm zwei Ecken in die Hand wie ich“. Dabei hebt sie ihre beiden Hände, damit Lennert sehen kann, was sie meint. Er sucht die Ecken und versucht sie wie Lina zu halten. Lina fordert ihn auf, stehen zu bleiben, geht auf ihn zu und nimmt ihm die Decke ab.

Lennert schaut auf Lina, die die Decke alleine zu Ende faltet und ihm weiter erklärt, was man tun muss. Sie sagt: „Du musst immer die Ecken aufeinander legen, bis die Decke klein genug ist. Lennert schaut ihr zu und nickt immer wieder mit dem Kopf. Lina wirkt zufrieden, und gemeinsam räumen sie schweigend die Puppenecke weiter auf.

Anmerkung:
– Lina spielt gerne mit jüngeren Kindern und versucht, auf deren Spielideen einzugehen, zum Beispiel nimmt sie die „kranke“ Puppe auf und fragt nach der Krankheit.
– Sie bemerkt, wenn sie nicht sofort verstanden wird und versteht es dann nachzufragen.
– Sie bedrängt die Kinder nicht, wenn sie auf ihr Spiel nicht eingehen.
– Sie kann gut erklären.

 

Zweite Beobachtung:

Lina (5;8) hat eine Perlenkette aufgefädelt und verknotet. Jetzt ist sie fertig und sieht sich um.
Sie geht zu Kwame (4;2), der auf dem Boden ein Zahlenzuordnungsspiel macht. Es liegen Zahlenkärtchen von 1 bis 10 in einer Reihe und darunter liegen Bildkärtchen, die zum Beispiel eine Perle oder einen Dominostein oder ein kleines Wollknäuel zeigen.

Die Aufgabe ist nun, im Gruppenraum die Dinge in der entsprechenden Anzahl zu suchen und zuzuordnen.
Lina schaut Kwame zu. Sie bemerkt, dass er bei der Zahl 7 alleine nicht mehr weiter kommt. Sie geht näher zu ihm hin und sagt Kwame die Zahl. Kwame will die Zahl 7 mit seinen Fingern zeigen, zeigt aber nur sechs Finger.

Kwame kommt aus einem westafrikanischen Land und hat mit der deutschen Sprache noch Probleme. Ich finde es erstaunlich, wie Lina sich darauf einstellt:
Sie zeigt mit ihrer rechten Hand auf die Zahl 1, dann auf die darunter liegende Symbolkarte, eine Perle, dann hält sie einen Finger ihrer linken Hand hoch. Dies macht sie mit allen Zahl- und Symbolkärtchen so weiter, bis sie bei der 7 angekommen ist.

Bei jeder Zahl sagt sie zu Kwame: „Das ist so und das ist so.“ Kwame hört und schaut genau auf Linas Demonstration und macht es nach.

Das Symbol, das an der Zahl 7 liegt, ist ein Dominostein. Kwame geht los, um die Steine zu holen. Er zählt bis zur Zahl 7, nimmt aber nur vier Steine mit und geht zu den Kärtchen zurück. Lina hat Kwame zu den Dominosteinen begleitet und mit Augen und Ohren genau verfolgt, was er gemacht hat.

Sie bringt drei zusätzliche Steine zu Kwame und sagt: „Diese drei Dominosteine fehlen dir noch.“

Kwame nimmt sie an und bemerkt, dass auf einem Stein keine weißen Punkte sind. Lina bemerkt seine Verunsicherung und sagt: „Es muss nur ein Dominostein sein – auch wenn keine weißen Punkte drauf sind, ist das richtig.“ Kwame schaut Lina an und nickt.

Lina schaut nun erwartungsvoll zu Kwame, was er jetzt wohl bei der nächsten Zahl machen wird. Er blickt auf die Zahl 8, und es ist nicht ganz klar, ob er diese Zahl schon kennt. Lina wartet ab, bis Kwame sie fragend anschaut. Sie erklärt: „Das ist die 8 und du musst 8 kleine Wollknäuel holen.“

Kwame antwortet: „Ja. Wo sind sie?“ Lina geht mit ihm zum Korb mit den Wollknäueln, und Kwame versucht die Knäuel zu zählen. Lina versucht dies auch, aber sie kann nicht genau mitzählen, weil Kwame die Knäuel mit seinen Händen umschlossen hält.

Er geht zurück zu den Kärtchen, Lina folgt ihm. Kwame legt die Knäuel zählend zu der Karte, ist aber nicht sicher, ob es stimmt oder nicht. Lina hat ihm wieder zugeschaut, erkennt seine Unsicherheit und demonstriert Kwame mit ihren Fingern, wie viele Knäuel er mitgenommen hat.

Er hat sechs Knäuel, sie zeigt sechs Finger und sagt zu ihm: „Es fehlen noch zwei Wollknäuel.“ Kwame zählt nochmals mit seinen eigenen Fingern. Lina nickt und geht nun weg, da meine Kollegin ruft: „Wer will Nachtisch essen?“

Anmerkung:
Auch hier wird für mich Linas soziale Kompetenz deutlich.
– Sie erkennt sofort, dass Kwame Hilfestellung braucht, übernimmt die Rolle der Erzieherin ungefragt und holt auch keine Erzieherin zu Hilfe.
– Sie geht auf Kwame zu, ist für ihn da und unterstützt ihn bei seinem Spiel. Sie denkt für Kwame mit, bevormundet oder übernimmt seine Aufgaben aber nicht.
– Sie handelt überlegt, spricht in einfachen Sätzen. (Kwame fing erst vor vier Monaten an, Deutsch zu sprechen. Diese Entwicklung hat Lina miterlebt und gut beobachtet.)
– Lina lässt ihn aber auch alleine weiter machen, als sie lieber Nachtisch essen möchte, achtet also auch ihre eigenen Bedürfnisse.

Lesen Sie zu Lina auch:

Club der starken Mädchen.

 

Datum der Veröffentlichung: März 2013
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