von Gabriele Drescher-Krumrey

 

Im Rahmen meines IHVO-Zertifikatskurses verwirklichte ich eine Idee, die ich schon länger mit mir herum getragen hatte: Ich will den älteren Mädchen ein neues Umfeld zum Lernen zur Verfügung stellen. Sie sollen Erfahrungen sammeln, wie es ist, wenn sie nur mit Mädchen zusammen auf Entdeckungstour gehen können.

Dieser Beitrag beschreibt einzelne Angebote, die ich dem Club der starken Mädchen gemacht habe. Wenn Sie dem Link folgen, lesen Sie etwas zum Rahmen, zur Zielsetzung und zur Auswertung des Projekts. Sie finden dort auch Informationen zu weiteren Clubstunden und zu meinem Beobachtungskind Lina. (Während des Zertifikatskurses hatten wir die Aufgabe, ein vermutlich besonders begabtes Kind besonders intensiv zu beobachten.)

In diesem Beitrag werden der Einstieg und die ersten fünf Clubstunden dargestellt.

 

Der Einstieg, die 1. Clubstunde

Zum neu zu gründenden „Club der starken Mädchen“ habe ich die acht ältesten Mädchen des Kindergartens eingeladen (5;0 bis 5;9 Jahre alt); mein Beobachtungskind Lina (5;9) gehörte dazu.

Zur Einstimmung hören wir eine CD: „Komm mit, hau ab“. Darauf sind „Lieder für starke Mädchen und Jungen“ zu hören; herausgegeben wurde sie von Zartbitter e.V. Köln.
Inhalt: Ein Mädchen erzählt einem Jungen, dass es eine Mädchenbande hat und dass sie selbst entscheiden können, was sie wollen.
Ich fordere die Kinder auf, sich zur Musik zu bewegen und gleichzeitig gut auf den Text des Liedes achten.

Das Lied über die Mädchenbande nehmen die Mädchen sofort als ihr Lied an („weil wir auch eine kleine Mädchenbande sind und weil wir auch stark sind“).

Dann diskutieren wir die Frage:

„Was ist ein starkes Mädchen?“

Die meisten Mädchen verbinden stark sein zunächst nur mit körperlicher Stärke, z.B. „wenn man treten kann“ oder „wenn man schwere Sachen heben kann“. Aber auch mentale Stärke kommt zur Sprache, z.B. „wenn man nicht weint“. Hier haben sie vielleicht Pippi Langstrumpf vor Augen, die in unserem Kindergarten eine wichtige „Heldin“ ist. Lina bringt noch den sozialen Aspekt ein: „Wenn man anderen Leuten hilft, die schwere Tasche nach Hause zu tragen.“

Dann kommt die Frage:

„Welchen Körperteil findest du für dich besonders wichtig?“

Hier ein paar Aussagen:
Für Lina sind die Beine wichtig: „Damit ich überall hin kann..“
Laura (5;3) findet ihre Zunge besonders wichtig: „Damit ich reden kann.“
Elise (5;7) findet die Hände am wichtigsten: „Damit ich viel machen kann.“
Melisa (5;5) meint: „Meine Augen, damit ich alles sehen kann.“

Danach legen wir uns zu einer kleinen Meditation „Was gehört zu meinem Körper?“ auf die Turnmatten. Ich spreche nacheinander die einzelnen Körperteile an und fordere die Kinder auf, mit mir die Reise durch den Körper zu machen und die Körperteile zu erspüren.

Ich beginne mit den Füßen, gehe weiter zu den Beinen, Po, Bauch, Brust-Herz, Händen, Armen, Hals, Kopf. Dann am und im Kopf: Mund, Nase, Ohren, Augen und das Gehirn.

Bei der Meditation sind sieben der acht Mädchen sehr konzentriert, Lina eingeschlossen.

Nach der Meditation tauschen wir uns noch einmal über die wichtigsten Körperteile aus. Die Aussagen haben sich etwas verändert:

Lina: „Die Augen. Damit ich nicht blind rumlaufen muss.“
Für Laura ist immer noch der Mund am wichtigsten: „Damit ich reden, schlucken und essen kann.“
Für Elise sind die Augen wichtiger geworden.
Melisa: „Der ganze Körper!“

Die Mädchen bekommen dann ein Arbeitsblatt. Es zeigt einen Körperumriss, in dem die Mädchen kennzeichnen können, welche Körperteile sie für die wichtigsten halten.

Arbeitsblatt 1Arbeitsblatt 1 (zum Ausdrucken).
Beim Malen wird Lina bewusst, dass auch noch andere Körperteile sehr wichtig sind: Sie malt den Bauch an und auch noch ein rotes Herz in den Umriss. Auch hier findet noch einmal ein Austausch im Gespräch statt.

Die Frage, warum wir überhaupt bestimmte Fähigkeiten haben und denken können, was wir möchten oder auch nicht möchten, führt zu einer regen Unterhaltung  darüber, was starke Mädchen wollen und brauchen.

So wollen Elise und Laura Muskeln haben und Ayşe ein gutes Herz. Lina sagt zunächst nichts weiter. Als ich dann die Frage einwerfe: „Wo werden diese Fähigkeiten im Menschen gesteuert, was ist nötig zum Denken, Fühlen, Bewegen und Sehen?“ sagt Lina: „Das Gehirn brauchen wir zum Denken und für alles.“

Daraufhin gebe ich den Mädchen das
Arbeitsblatt Nr. 2.
Zu sehen ist darauf das Bild eines Mädchenkopfes, in dem einzelne Gehirnregionen in Wort und Bild bezeichnet sind.

Ich habe das Arbeitsblatt und weitere Blätter kopiert aus dem Buch: Joe Kaufman, unser erstes Buch vom Körper, Verlag Ravensburger, Seite 57. Dieses Buch ist , wie ich finde, ein Klassiker. Es ist leider nur noch gebraucht zu kaufen, dürfte aber in vielen Kitas vorhanden sein.
 

Wir schauen uns das Bild gemeinsam an, besprechen, was wir sehen und erkennen, tasten unsere Köpfe ab und versuchen zu lokalisieren, wo welcher Bereich zu finden ist. Wir ordnen Bereiche des Gehirns unseren Fähigkeiten zu.

Die nächste Frage:

„Was kann ich alles mit meinem Körper tun?“

 

Die Kinder geben viele Antworten: Ich kann … laufen, springen, ruhig liegen, sitzen, zuhören, schreien, singen, malen, klatschen, sehen, denken, fühlen, erzählen.

„Welches Organ ist unbedingt erforderlich, um alle meine Bedürfnisse zu erspüren, meine Fähigkeiten einzusetzen und zu erweitern und meine Vorstellungen umsetzen zu können?“

Der Antwort, die Lina findet – dass eines unserer wichtigsten Körperteile das Gehirn ist, stimmten auch die anderen Mädchen zu.
Sie ist eine grundlegende Erkenntnis für alle weiteren Clubstunden.

 

Das Gehirn zu nutzen, erkennen auch die „Starken Mädchen“ als prima Möglichkeit, ihre Interessen herauszufinden und ihnen nachzugehen.

Zum Abschluss bewegt sich die Gruppe zur Musik „Donauwalzer“.

 

Die 2. Clubstunde

Es ist eine Woche vergangen, die Mädchen freuen sich auf die Clubstunde und sind neugierig, was wohl stattfinden wird.

Wir treffen uns in der Turnhalle. Als sie die Musikanlage entdecken, wollen sie nur tanzen und die CD von der Mädchenbande hören.

Nach einer Weile setzen wir uns in einen Kreis und sprechen nochmals über das zweite Arbeitsblatt, das Bild vom Gehirn. Lina, Melisa und Laura haben sich die einzelnen Bereiche (zum Beispiel Riechen oder Gleichgewicht) und ihre Lage sehr gut gemerkt. Sie befühlen ihre Köpfe und die anderen Mädchen tun es ihnen gleich.

Heute will ich die Mädchen auffordern, diese Bereiche auch bewusst auszuprobieren, ihren Körper auch einzusetzen – mit Mut und Selbstvertrauen. Zunächst suchen sie sich die Bereiche „Laufen und Springen“ und „Gleichgewicht“ aus.

Mit Begeisterung trampeln, springen, hüpfen sie herum, klatschen, klopfen mit ihren Händen, blinzeln mit den Augenlidern, schnüffeln mit der Nase, versuchen mit den Ohren zu wackeln – und setzen auffällig zaghaft ihre Stimmen ein.

Es wird deutlich, dass Schreien von diesen acht Mädchen nicht gezielt eingesetzt wird.

Daraufhin bitte ich sie, auch einfach auszuprobieren, was für Laute und Töne sie mit ihrem Körper herstellen können.

Nun kann ich beobachten, dass es offenbar für Mädchen nicht ganz einfach ist, ohne Grund loszubrüllen oder gar zu schreien. Erst als ich selbst beginne, laut zu rufen und zu schreien, fühlen sie sich aufgefordert, es auch zu tun.

Lina ist beim Ausprobieren insgesamt eher zurückhaltend. Sie beobachtet die anderen Mädchen sehr genau und erst danach startet sie ihre eigenen Versuche. Sie ist dabei vorsichtig, wird aber immer mutiger und auch entspannter. Ihr Gesichtsausdruck zeigt nach einer Weile ein Lächeln, sie bewegt sich schneller, klopft auf den Boden und hat einfach Spaß dabei.

Nach einer kleinen Ruhepause tauschen wir uns im Gespräch darüber aus, mit welchen Körperteilen wir Menschen Geräusche erzeugen können. Die Mädchen machen sie den Versuch ihre Augen und Ohren zu hören, was ihnen nicht gelingt.

Nun bringe ich die Idee ein, unsere Töne und Geräusche auf Kassette aufzunehmen.

In dieser Phase gehen die Mädchen richtig aus sich heraus und setzen alles ein, was sie vorher ausprobiert haben. Beim Abhören sind sie sehr begeistert, hören mit erhitzten Köpfen an, was wir aufgenommen haben, und wirken mit sich zufrieden.

Tina und Laura äußern den Wunsch, nochmals die Mädchen-CD anzuhören und dabei zu tanzen. Die anderen Mädchen stimmen zu, so dass wir die Clubstunde wieder tanzend beenden.

Aus dieser Clubstunde ziehe ich für mich die Erfahrung, dass ich den Mädchen viel Zeit und Raum geben muss, sich intensiv körperlich wahrzunehmen, wenn ich meine weiteren Ziele erreichen will: Stärkung des Selbstwertgefühls, Erkennen, mit welchen eigenen Mitteln man sich mehr Unterstützung holen kann.

 

Die 3. Clubstunde

Dieses Angebot findet in unserer Turnhalle statt, von 10 bis etwa 11.15 Uhr.
Es sind sieben der acht Mädchen des Clubs anwesend (mit Lina).


Spiel: „Außer Rand und Band“

In der Turnhalle habe ich Zeitungen ausgebreitet, so dass ein großer Zeitungshaufen entstanden ist. Die Mädchen erhalten von mir – bevor sie die Turnhalle betreten – die Aufgabe, sich einfach anzuschauen, was ich für sie vorbereitet habe und was ihnen dazu einfällt.

Zur Hilfe gebe ich ihnen die Fragen:

Was sehe ich?
Was soll ich damit machen?
Was darf ich damit machen?
Was kann ich damit alles tun?

Sie sind neugierig, was sie in der Turnhalle vorfinden werden, aber keine fragt intensiver nach, ob ich nicht noch mehr erkläre.

Sie betreten vorsichtig die Turnhalle und schauen auf den Zeitungshaufen. Tina rutscht etwas auf einer Zeitung aus, schaut auf mich, ich nicke ihr bestätigend zu, und sie beginnt nun absichtlich auf der Zeitung zu rutschen. Elise nimmt ein Blatt der Zeitungen und schaut sich die Bilder an. Melisa lacht und ist unsicher, was sie machen darf, soll oder will? Lina geht vorsichtig auf den Zeitungshaufen, und auch ihr nicke ich zu, dass es in Ordnung ist, was sie tut.

Nach etwa drei Minuten werden sie mutig und laufen auf den Zeitungen herum, knüllen sie zusammen, zerreißen ein Blatt, lachen und rufen sich zu, was man noch damit machen kann. Nach etwa 15 Minuten bewerfen sie sich mit den Zeitungen und sind schon leicht erhitzt und auch entspannt.

Als nächstes schlage ich vor: „Wir bedecken jedes Mädchen, das will, mit vielen Zeitungen – und wenn wir dann laut schreien oder etwas rufen, springt das Mädchen auf, und die Nächste ist dran.“ Mein Spielvorschlag wird angenommen, und mit riesigem Spaß melden sich alle nach einander.

Melisa, Laura, Elise und Tina melden sich sofort, und wir müssen die Reihenfolge festlegen. Anschließend legt sich sofort Ayşe auf die Matte. Greta und Lina warten die ganze Zeit ab. Jetzt sind nur noch die beiden übrig, und ich beobachte die Zwei: Wer ist wohl die Nächste?

Dann legt sich Greta sich auf die Matte, und Lina sagt: “Ich will auch!“ Das erlebe ich zum ersten Mal, dass Lina nicht bis ganz zum Schluss abwartet und sich vorher alleine meldet. Leider ist Greta schneller, da sie sofort handelt und es nicht nur mitteilt. Lina macht bei diesem Spiel intensiv mit und ist insgesamt nicht so zurückhaltend, wie ich sie sonst beobachtet habe.

Wir räumen gemeinsam die Zeitungen ein.

 

Austausch im Gespräch:

Wir setzen uns zusammen und tauschen aus, welche Fähigkeiten wir gebraucht haben, um mit den Zeitungen spielen zu können. Sie kommen sehr schnell auf

– Augen,
– Hände,
– Beine,
– die Fähigkeit nachzudenken und
– die Fähigkeiten, sich etwas auszudenken und es dann auch zu machen.

Auf die Frage, was sie sonst noch an körperlichen Voraussetzungen brauchten, antworten sie mit „Muskeln“, „Knochen“.

Jetzt können wir also gut zu den Gelenken übergehen.

 

Bewegungsspiel:

Wir stehen im Kreis und sind ganz steif, da wir keine Gelenke besitzen.
Können wir uns bewegen?

Wir beginnen mit dem Ellenbogen und dem Kniegelenk, und ich erkläre, wie diese Gelenke heißen. Wir probieren aus, in welche Richtungen wir diese Gelenke bewegen können.

Mit dieser Spielform bringen wir nacheinander alle unsere Gelenke mit ins Bewegungsspiel, probieren sie dabei aus und erspüren, wodurch wir beweglich werden und wie unsere Gelenke heißen.

 

Arbeitsblatt 3: Skelett

Anschließend erhält jedes Mädchen eine Kopie mit einem aufgezeichneten Skelett. (Kopiert habe ich es aus dem o.a. Buch „Mein erstes Buch vom Körper“, Seite 20.) Wir schauen es an und suchen die einzelnen Gelenke, die wir im Bewegungsspiel besser kennen gelernt haben. Die Gelenke malen wir mit verschiedenen Farben an, um sie zuordnen zu können, zum Beispiel Scharniergelenke (Kniegelenk, Ellenbogengelenk) werden in derselben Farbe angemalt.

Elise und Laura äußern, dass das Bild etwas gruselig sei, Lina schaut es nur konzentriert an und hört zu. Dann ist sie ruhig und interessiert bei der Arbeit. Es fällt mir auf, dass sie die Aufgabe sofort versteht und sie umsetzen kann. Sie ist in sehr kurzer Zeit fertig.

Wir spielen im Stehen weiter, alle Mädchen machen intensiv mit, probieren und wiederholen die Bewegungen der Gelenke.

 

Arbeitsblatt 4: Gelenke

Ein weiteres Bild zeigt, wie die unterschiedlichen Gelenke aussehen, und wir überlegen gemeinsam, wo wir in unserer sächlichen Umwelt so etwas wie Gelenke wiedererkennen, zum Beispiel beim Türgelenk, bei der Brille, beim Kran, bei der Autoschaltung.

Gescanntes Dokument

Zum Abschluss probieren wir nochmals unsere Gelenke mit Musik und Tanz aus.

Die Clubteilnehmerinnen heften alle Bilder und Arbeitsblätter ab.

Arbeitsblatt Nr. 4 zum Ausdrucken.


Auswertung nach 3 Clubstunden:

Die Mädchen sind insgesamt sehr wissbegierig, wollen Neues lernen und ausprobieren. Ein Kind, Lena, fehlte bis jetzt immer wegen Krankheit oder Urlaub.

Ayşe ist in der Gruppe überfordert, da sie noch große Sprachprobleme hat. Ich muss mit meinen Kolleginnen über einen Clubwechsel beraten. (Es gibt in unserer Kita ständig mehrere Clubs, die parallel laufen.)

Elise, Laura und Tina sind auch privat oft zusammen, sie sind lebhaft, neugierig und wollen unbedingt lernen. Greta und Lina sind die ruhigen Kinder des Clubs.

Greta beobachtet intensiv und genau, sie ist aber nicht so sicher wie Lina, sie führt zum Beispiel Aufgaben sehr genau aus und hat nicht diese Sicherheit, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen wie Lina.

Lina wirkt oft sehr sicher und selbstbewusst, wenn sie zuhört und die für sie wichtigsten oder selbstverständlichen Punkte zusammenfasst. In den Momenten bin ich immer wieder erstaunt und erfreut, was in Lina noch verborgen ist. Ich habe noch immer keinen Interessenschwerpunkt erkennen können, sie ist einfach bei allen Themen aufmerksam und lässt sich darauf ein.

In der nächsten Woche werde ich noch die Muskeln thematisieren, da nur die Knochen und Gelenke allein nicht genutzt werden können.

Wichtig ist für mich – nach den Erfahrungen der ersten drei Clubstunden -, den Mädchen Wissen zu vermitteln, Erfahrungen mit ihrem Körper zu ermöglichen und sie dadurch in ihrem Selbstwertgefühl, ihren Empfindungen, ihrem Mut aber auch ihren Aggressionen positiv zu unterstützen und sich dadurch als „starkes Mädchen“ zu fühlen und weiter zu entwickeln.

 

Die 4. Clubstunde

Bei diesem Angebot möchte ich mit den Mädchen die Muskeln und ihre Aufgaben erarbeiten.

Gemeinsam erinnern wir uns an die letzte Clubstunde, was uns dabei besonders interessiert hat und was wir über unsere Gelenke erfahren haben.

Immer besser sollen die Mädchen erkennen, was wichtig dafür ist, die eigenen Vorstellungen umsetzen zu können. Wir haben unser Gehirn, unsere Sinne, unser Skelett – aber haben wir auch genug Kraft, um dies alles nutzen zu können?

Fragestellung:

Könnten wir uns bewegen, wenn wir nur aus unserem Skelett bestehen würden?

Melisa erwähnt sehr eindringlich, dass das Herz wichtig ist und alle bestätigen sie. Sie können sich aber gut darauf einlassen, dass wir uns heute nur mit den Gelenken und Muskeln beschäftigen und natürlich mit dem Gehirn, das alles steuert.

Sie erhalten das Arbeitsblatt Nr. 5 (Kopie aus dem o.a. Buch, Seite 26) und probieren sofort einige der dargestellten Übungen aus.

Wir schauen uns gemeinsam an, was die turnenden Kinder alles können und fragen uns, wodurch das möglich ist.

Auf den Buchseiten 28/29 können wir entdecken, wo wir Muskeln haben.


Bewegungsspiel

Um den Einsatz der Muskeln zu fühlen und bewusst nachspüren zu können, bewegen wir uns frei zu Musik und ich fordere sie auf, auch zu singen, zu rufen oder andere Töne mit ihrer Stimme zu erzeugen.

Alle Mädchen sind wieder sehr aktiv dabei, haben viel Spaß, lachen und bewegen sich durch den ganzen Raum.

Zwischendurch stoppe ich die Musik und nenne eine Zahl, zum Beispiel 3. Dann sollen sie in der Bewegung innehalten und mit genau drei Körperteilen den Boden berühren. Diese Aufgaben lösen sie mit Begeisterung.
Lina ist bei diesem Spiel sehr kreativ. Sie bezieht als einzige den Kopf, den Po und die Knie mit ein. Sie wirkt sehr gelöst und nimmt die kuriosesten Körperhaltungen ein.

Auch im anschließenden Gespräch darüber, bei welchen Bewegungen wir welche Muskeln gespürt haben, ist sie ebenfalls aktiv und nicht so zurückhaltend wie in den Gesprächsangeboten zuvor. Sie fühlt sich offenbar sehr wohl.

Gezielt frage ich die Mädchen nach ihrem Gesicht: Ob sie dort auch Muskeln besitzen und ob sie sie gespürt haben. Was hat sich beim Schreien oder Flüstern in ihrem Gesicht verändert?

 

Im o.a. Buch sehen wir uns auf den Seiten 30/31 die Gesichtsmuskeln an. Dann schauen wir uns gegenseitig intensiv ins Gesicht und fühlen es mit unseren Händen nach.

Lina tastet ihr eigenes Gesicht ab, dann malt sie schnell die Muskeln auf dem Arbeitsblatt etwas bunt. Diese Aufgabe scheint für sie nicht so interessant und spannend zu sein.

Zum Abschluss der Clubstunde setzen wir uns in den Kreis. Wir schneiden Grimassen, schreien, rufen, singen und versuchen lustig, traurig, böse oder sauer auszusehen und können dabei die Arbeit der Gesichtsmuskeln nochmals bewusst beobachten.

Diese Übung soll die Wahrnehmung der Mädchen schulen und deutlich machen, wie wichtig unsere Gesichtsmuskeln für unsere Ausdrucksweise sind: Sie sind ein wichtiges Mittel, das ein starkes Mädchen einsetzen kann, um anderen Menschen deutlich zu zeigen, was es will und was es nicht will.

Beim Abschluss dieser Clubstunde höre ich Lina zum ersten Mal lauter rufen und sogar schreien. Sie bekommt dabei einen roten Kopf, ist erhitzt und aufgeregt. Ihre Mimik probiert sie gründlich aus: rümpft die Nase, zeigt die Zunge und verzieht den Mund.

Lina verhält sich nicht mehr so passiv, wie ich sie sonst oft erlebe. Über diese Entwicklung freue ich mich sehr, da ich den Eindruck habe, dass Lina ihre Gefühle und Wünsche deutlicher wahrnimmt und auch nach außen zeigt.

 

Die 5. Clubstunde: Abenteuerreise ins „Land der starken Mädchen“

Turnhalle, 10 Uhr bis 11.15 Uhr.
6 Mädchen sind anwesend (Lina eingeschlossen).
In dieser Stunde soll es weiter um die Muskeln gehen – insbesondere die Muskeln vom Hals, den Armen und Händen, von Rücken und Bauch und von Füßen und Beinen – aber auch um Sehen, Überlegen und Denken – um alles, was ein starkes Mädchen braucht.

Da sich die Mädchen seit dem ersten Clubangebot immer auf den nächsten Termin freuen, kommen sie schnell zusammen.

In der Turnhalle habe ich eine Bewegungslandschaft aufgebaut und dazu eine Geschichte entwickelt, siehe unten. Die Mädchen müssen Aufgaben erfüllen und sich untereinander absprechen. Sie müssen aufeinander warten, gemeinsam auf engem Raum absprechen, ob sie liegen, sitzen oder besser stehen können.
Weiterhin müssen sie sich gegenseitig anfeuern, wenn sie gegen das Monster kämpfen oder große Steine weg schießen müssen.
Im Land der starken Mädchen angekommen, dürfen sie sich entspannen und sich mit Büchern beschäftigen, die sie interessant und spannend finden.

Und so ging’s los:

Vor der Turnhalle verteilte ich Tücher, dann starteten sie sofort in die Geschichte, die ich ihnen erzähle:

Wir gehen auf eine Abenteuerreise ins Land der starken Mädchen, wir sagen allen „Auf Wiedersehen und Tschau“ (Wir rufen und winken mit den Tüchern dazu.)

Plötzlich stehen wir vor einer matschigen Wiese. Es sieht so aus, als wenn schon andere Reisende diese Wiese überquert haben. Sie haben ein Seil gespannt; das können wir jetzt auch benutzen, um nicht im Morast zu versinken. Es ist gar nicht so einfach, auf einem Seil zu balancieren, aber wir schaffen es alle. (Auf dem Boden ist ein Seil befestigt, auf dem wir balancieren.)

Wir kommen sicher in einer kleinen, sehr kleinen Höhle an. (Die Höhle ist ein liegendes Hamsterrad – ein Spielgerät, in das man sich setzen kann -, mit einer Decke abgedeckt.)

Wir wollen uns so gerne ausruhen, aber leider können wir nicht alle gleichzeitig sitzen oder gar liegen, wir können nur stehen – und auch das nur, wenn wir uns einigen und sehr eng zusammen stehen.

Damit die Reise weiter gehen kann, müssen alle eine Aufgabe erfüllen: Ihr könnt diese Höhle nur wieder verlassen, wenn jede von euch zuvor drei Steine aus dieser Höhle geworfen hat. Diese Steine müssen in eine kleine, entfernte Grube geworfen werden, erst dann kann die Höhle von allen gemeinsam verlassen werden. (Bälle müssen in einen 1,5 Meter entfernten Kegel – das beliebte Spielgerät, das auf dem Boden herum kegelt, wenn man sich hineinsetzt – geworfen werden.

Endlich haben wir alle die Aufgabe geschafft und haben die Höhle verlassen. Wir haben einen geschützten Platz gefunden, der durch Bäume geschützt ist. (Ein Fußballtor ist der Platz.)

Leider ist der weitere Weg auch beschwerlich, denn er ist steinig und rutschig, man kann sich leicht an spitzen Steinen verletzen. Auch hier gibt es wieder Steine, die von anderen Menschen begehbar gemacht wurden. (Es sind Teppichfliesen.)
Dieser steile Bergweg kann allerdings nur genutzt werden, wenn eine weitere Aufgabe erfüllt wird. Zum Glück müssen nur drei von uns einen schweren Felsbrocken (Bälle) auf der Strecke mitnehmen.

So ist der Weg, den wir starken Mädchen bewältigen müssen, voller Schwierigkeiten. Mit einem Felsbrocken in den Armen müssen nun drei Reisende von Stein zu Stein springen. Diese Aufgabe ist sehr riskant und die Muskeln von Armen und Beinen müssen gut durchtrainiert sein.

Die Felsbrocken werden abgelegt und die Reise geht weiter.
Wir stehen jetzt auf einem Berg und schauen in die Tiefe. Unten fließt ein reißender Fluss, und über das Wasser führt nur ein sehr, sehr schmaler Steg. Schon wieder müssen wir überlegen: Traue ich mich, darüber zu laufen, oder setze ich mich lieber und rutsche hinüber – denn hinüber müssen wir alle… (über Böcke und Schwebebalken).

Und schnell muss es weiter gehen, da auf der anderen Seite der Schlucht wieder nur wenig Platz zum Verweilen ist. Aber oh je! Ein Berg muss überwunden werden, es geht steil nach oben (Böcke und Leiter).

Wir sind müde, erschöpft und wollen endlich unser Ziel erreichen. Was sehen wir? Ein Monster, ein Monster! (Boxsack und Boxhandschuhe.) Die ersten zwei Mädchen sind angekommen und müssen gegen das Monster kämpfen.
Plötzlich werden wir alle hellwach und feuern unsere Freundinnen an. Wir rufen immer wieder ihre Namen, und schließlich wird das Monster müde, da wir stark und sehr geschickt sind.

Wir treffen das Monster – und wir Mädchen sind superschnell, können die Schritte des Monsters erkennen und ausweichen. Die ersten beiden Mädchen haben die andere Seite erreicht und das Monster kann ihnen nichts mehr tun.
So müssen sich alle Mädchen den Weg am Monster vorbei erkämpfen.

Wir haben schon Vieles überwunden: den Sumpf, die Höhle, die Schlucht mit dem Wasser, den Berg und jetzt auch noch das Monster. Wann sind wir endlich am Ziel, im „Land der starken Mädchen“?

Eine kurze Pause, und wieder müssen wir Felsen aus dem Weg räumen (Bälle in ein Tor schießen).

Der Weg ist frei, wir sehen in der Ferne Lichter, aber oh nein, es ist eine Lichtung. Wir müssen uns auf die Wiese legen und über sie robben, damit uns nicht Räuber und Monster sehen und uns den Weg abschneiden können. (Seil gespannt, unter dem man hindurch robben kann.)

Wir sind auf einer wunderschönen Wiese (große Turnmatte) angekommen und freuen uns riesig. Wir schlagen Purzelbäume und toben auf der Wiese herum. Das muss das Land der starken Mädchen sein!
Was sehen wir an einer Ecke? Eine Decke, die etwas verbirgt. Was ist es wohl? Wer ist besonders mutig und schaut darunter?
Wir machen uns gegenseitig Mut. Wir haben so viele Abenteuer bestanden, wir fühlen und stark und haben vor neuen Herausforderungen keine Angst mehr. Wir beschließen, alle zusammen die Decke weg zu ziehen.

Oh was ist das?
Bücher verschiedenster Art! Was gibt es darin zu sehen?

Wir sind froh, uns körperlich ausruhen zu können, wir sind aber immer noch neugierig und schauen uns sofort die Bücher an.

 

Abenteuerreise zum Ausdrucken
Bei dieser Geschichte gehen wir über die körperliche Stärke hinaus; starke Mädchen sind auch wissbegierig, können gut denken und Lösungen finden und können diese Fähigkeiten gut einsetzen.

Bei der Abenteuerreise kann ich beobachten, dass Lina nicht mehr bis zum Schluss wartet: Beim Balancieren geht sie als Vierte an den Start, beim Werfen der Bälle in die Grube ist sie sogar die Zweite. Dies ist für sie sehr mutig, denn sie wirkt beim Werfen und Balancieren nicht sehr sicher, sie wackelt vor jedem Schritt.

Sie ist bei allen Stationen eher vorsichtig, aber gleichzeitig sehr viel sicherer und entspannter als bei meinen ersten Beobachtungen. Anscheinend hat sie an Selbstvertrauen gewonnen und fühlt sich in der Gruppe der Mädchen nun sicher und angenommen.

Beim Boxen ist sie ganz gelöst, steht sicher auf ihren Beinen. Zusammen mit Tina erobert sie sich beim Monsterkampf den ersten Platz.

Die Bücher am Ende der Reise finden erstaunlich viel Anklang, die Mädchen schauen sich die Bücher interessiert an, tauschen laut aus, welches Buch sie ergattert haben und was sie darin Spannendes entdecken.

Bitte noch mal!

Lina ist es, die fragt, ob sie die Reise noch mal machen dürfen. Die Mädchen machen nun die Reise selbstständig, ohne dass ich die Geschichte erzähle.

Ich beobachte, dass sich jedes Mädchen für sich erzählt, was auf der Reise zu sehen ist und wie die Aufgabe lautet. Jedes Mädchen hat seine Station, die sie besonders intensiv erledigt.

So ist für Ayşe das Werfen der Bälle in die Grube eine Herausforderung, für Greta das Balancieren über den Fluss.
Lina balanciert ruhig über das Seil, alle anderen Stationen erledigt sie sehr schnell und teilweise ungenau. Ihr Ziel ist der Boxsack – und gemeinsam mit Tina blockiert sie ihn eine Zeitlang, so dass ich sie auffordere, ihre Reise fortzusetzen.

In dieser Schlussphase bestimmt jedes Mädchen sein Tempo und seine Lieblingsstationen, so kann ich die Kinder gut beobachten. Melisa und Laura balancieren besonders gerne über den Schwebebalken. Ich sehe, dass die Mädchen ihre Fähigkeiten gut einschätzen. Eine Aufgabe, die nicht so gut klappt, üben einige intensiv oder erledigen sie schnell und ungenau.

Die Mädchen einigen sich immer, es kommt an keiner Station zu Auseinandersetzungen. Interessant ist auch, dass alle Mädchen die Geschichte und die Aufgaben vor sich hin sprachen, nicht sehr laut, aber vernehmbar.

Ich beende die Stunde, indem ich einen letzten Durchgang ankündige. Sie protestieren, fügen sich aber der Ansage.

Laut Tina ist es die schönste Clubstunde gewesen, die anderen Mädchen stimmen zu und wiederholen Tinas Aussage.

 

Achtung!
Oft sind hoch begabte Kinder in der Kita, in der Schulklasse und in der Nachbarschaft die einzigen, die kognitiv sehr, sehr weit entwickelt sind und entsprechende Spiele und Gespräche lieben und brauchen.
Hier kann die Kontaktbörse: kind sucht kind helfen, früh tiefgehende Kinderfreundschaften zu begründen.

Datum der Veröffentlichung: März 2013
Copyright © Gabriele Drescher-Krumrey, siehe Impressum.