Vortrag bei der 4. IHVO-Fachtagung am 5.5.07

von Gabriele Drescher-Krumrey

Der „Club der starken Mädchen“ war eine Arbeitsgemeinschaft in meinem Kindergarten, die ich im Rahmen des IHVO-Zertifikatskurses Köln 2 entwickelt habe.

Ausgangspunkt war meine Beobachtung über viele Jahre, dass Mädchen oft

  • sehr vernünftig sind,
  • brav sind,
  • angepasst sind,
  • immer hilfsbereit sind,
  • leichter zu überzeugen sind,
  • sich im Spiel leiser verhalten,
  • mehr Verständnis für andere zeigen (müssen? sollen?),
  • durch Einfluss von außen ihre eigenen Bedürfnisse relativ schnell zurückstellen.

Mit meinem Club wollte ich Mädchen ein neues Umfeld zum Lernen zur Verfügung stellen. Sie sollten Erfahrungen sammeln, wie es ist, wenn sie nur mit Mädchen zusammen auf Entdeckungsreise gehen können.

Zur Beschreibung der einzelnen Clubstunden:

1.-5. Clubstunde: Was ist ein starkes Mädchen?

6. Clubstunde: Möhren-Experiment

7.-11., 15.-18., 21. Clubstunde: Welt der Berufe

 

Für mich persönlich konnte ich im Rahmen meiner Zusatzqualifikation am IHVO meine Vorstellung ausprobieren, eine gleichgeschlechtliche Gruppe im Kindergartenalter zu leiten. Ich entschied mich bewusst für die Mädchengruppe, da mich dieses Thema schon länger interessierte. Gleichzeitig bedauerte ich, dass ich aus Zeitgründen nicht parallel dazu die Jungengruppe leiten konnte, diese leitete eine Kollegin von mir.

Meine Erfahrungen wären ansonsten sicher vielfältiger und aussagekräftiger in Bezug zum unterschiedlichen Verhalten von Jungen und Mädchen in gleichgeschlechtlichen Kindergarten-Lerngruppen geworden. Inzwischen habe ich über zwei Monate eine reine Jungengruppe geleitet und auch dazu einige Erfahrungen gesammelt.

Warum Lina?

Als ich unsere Kindergartenkinder intensiv beobachtete, machte ich insbesondere bei Lina (Name geändert) eine interessante Entdeckung: Ich stellte fest, dass Lina sich, man kann sagen, perfekt auf ihre „Umwelt“ und deren Erwartungen an ihre Person einstellte und diese erfüllte.

Im Kindergarten fiel Lina durch ihr sehr ruhiges, zuverlässiges, ausdauerndes, besonnenes, beobachtendes, soziales und auch ehrgeiziges Verhalten auf. Lina äußerte nicht, dass es ihr langweilig war, sie fiel auch nicht durch aggressives Verhalten auf.

Sie war die Älteste von drei Geschwistern (zwei Mädchen und ein Junge), Lina war, als der Club startete, 5;4 Jahre alt. Die Eltern teilten uns in einem Gespräch mit, dass Lina zu Hause alle Anforderungen sicher und zuverlässig erfüllt. Sie haben keine besonderen Interessen und Begabungen beobachtet, ihnen war nur aufgefallen, dass Lina alle Bilderbücher langweilen und sie den Eltern oder Geschwistern die Buchauswahl überlässt.

Meinen Kolleginnen war seit einigen Wochen aufgefallen, dass Lina oft die Aufgabe der Erzieherinnen übernommen hatte, indem sie die Kinder aufforderte, sich an Regeln und Grenzen zu halten. Die Kinder akzeptierten Lina in ihrer Rolle, aber meine Kolleginnen waren besorgt, ob die Kinder dies auf Dauer annehmen würden. Sie versuchten Lina zu entlasten und ihr durch Gespräche deutlich zu machen, dass sie nicht für die anderen Kinder und deren Verhalten verantwortlich ist.

In den vier Wochen zuvor hatte sie sehr viel gewebt und gestickt. Ab und zu war sie auch in unserem Bewegungsraum und hatte dort mitgetanzt, Hütten gebaut, war fröhlich, ausgelassen und hatte auch mit gesungen und laut gerufen.

Dies war ein verändertes Verhalten von Lina, unserer Meinung nach ein wichtiger Entwicklungsschritt für sie.

Ich wollte durch meine Beobachtungen im Alltagsgeschehen und während meiner Angebote im Freispiel Linas verborgene Fähigkeiten und Begabungen erkennen und Begründungen für ihr Verhalten herausfinden.

Durch meine gezielten Beobachtungen wollte ich eine möglicherweise besondere Begabung oder möglicherweise eine Hochbegabung erkennen, um Lina angemessen in ihrer Entwicklung begleiten und fördern zu können.

Bei meinen Beobachtungen hatte ich bei Lina noch keine besonderen Interessen oder Begabungen festgestellt, und auch Lina stellte keine eigenen Forderungen oder teilte ihre besonderen Interessen mit. Diese Erfahrung motivierte mich, den „Club der starken Mädchen“ zu gründen. Ich wollte Lina und den anderen Mädchen die Möglichkeit bieten, ihre besonderen Interessen, Begabungen und Fähigkeiten herauszufinden.

Folgende Punkte haben mich zu der Ansicht gebracht, Lina in den Mittelpunkt meiner Überlegungen zu stellen:

  • Lina ist ein Mädchen.
  • Lina bleibt noch längere Zeit in unserer Einrichtung.
  • Lina findet ihre Bilderbücher zu Hause uninteressant.
  • Lina ist bei neuen Aufgaben, die sie interessieren, sehr ehrgeizig, ausdauernd und zielstrebig.
  • Lina beobachtet intensiv, was um sie herum passiert.
  • Lina zeigt eine große soziale Kompetenz.
  • Lina wirkt sehr ernst und introvertiert.
  • Lina stellt keine besonderen Forderungen an die Eltern und Erzieherinnen.


Ich wollte durch meine Beobachtungen im Alltagsgeschehen und während meiner Angebote im Freispiel Linas verborgene Fähigkeiten und Begabungen erkennen und Begründungen für ihr Verhalten herausfinden.

Zwei Beobachtungen zu Linas sozialer Kompetenz finden Sie unter dem Titel
Lina hat pädagogisches Talent.

Durch gezielte Beobachtungen kann ich eine mögliche besondere Begabung oder eine mögliche Hochbegabung erkennen, um Lina dann angemessen in ihrer Entwicklung begleiten und fördern zu können.


Lernmöglichkeiten, die ich für Lina schaffen wollte:

Lina soll durch die ganzheitlichen Erfahrungen mit ihrer Person und den Erfahrungen mit den anderen Mädchen der Gruppe lernen:

  • ihr Selbstbewusstsein zu spüren und anzunehmen
  • mutig ihre Bedürfnisse einzufordern
  • sich für ihre Bedürfnisse einzusetzen

Sie sollte nicht ihre Fähigkeit, sich auf andere einstellen zu können vertiefen, sondern erfahren:

  • Was kann ich mit mir, für mich, mit anderen Mädchen zusammen erleben?
  • Was macht mir dabei Freude?
  • Was spricht dabei meine Bedürfnisse an und befriedigt mich?
  • Welche Wünsche habe ich dabei entdeckt, die mir noch nicht deutlich waren?

Meine Beobachtungen von Lina nach nur wenigen Clubangeboten waren sehr positiv für mich und vor allem für Lina. Ich sah Lina öfter Spiele spielen, die ihren Fähigkeiten entsprachen, und sie spielte sie vermehrt mit gleichaltrigen Kindern der Gruppe.

Sie war beim Spielen fröhlicher, lachte und hüpfte öfters zwischen den Spielschritten durch den Raum. Dieses Verhalten hatte ich zuvor so nicht beobachten können, sie war eher ernst und verschlossen gewesen.

Zielsetzung für alle Kinder im „Club der starken Mädchen“:

Ich wollte durch meine Angebote bei Lina und allen „Starken Mädchen“ besondere Begabungen, Fähigkeiten und Bedürfnisse bewusst machen, fördern und stärken. (Das Alter der anderen Mädchen war: 5,0 bis 5,9 Jahre.)

Vor allem diese Ziele waren mir wichtig:

  • Stärken des Selbstwertgefühles.
  • Erkennen der eigenen Fähigkeiten und Bedürfnisse.
  • Welche Sinne und Eigenschaften stehen ihnen zur Umsetzung ihrer Bedürfnisse zur Verfügung?
  • Was und wie können sie ihre Fähigkeiten und Bedürfnisse für sich einsetzen?
  • Wer kann sie bei der Umsetzung ihrer Bedürfnisse unterstützen?
  • Mit welchen eigenen Mitteln und Fähigkeiten können sie sich Hilfe anfordern?
  • Welche Fähigkeiten haben sie bei sich geweckt, was macht ihnen auch noch viel Freude und was interessiert sie auch noch?
  • Wie können sie ihrer Umwelt zeigen, welche Interessen, Bedürfnisse und Fähigkeiten in ihnen vorhanden sind?
  • Fähigkeiten zur Kontaktaufnahme fördern und stärken.
  • Das anstehende Gruppenthema vertiefen.
  • Wissen erweitern.
  • Lernprozesse in einer gleichgeschlechtlichen Gruppe erfahren.

Aufbau und Methoden der Angebote:

Bei meinen Angeboten war es mir wichtig, folgende Punkte zu beachten:

  • Zielgruppe und Kind
  • Themenauswahl
  • Begründungen für das Thema
  • Zielsetzungen zum Thema in Bezug zum einzelnen Kind und zur Gruppe
  • Fragestellungen aus der Sicht des Kindes / der Kinder
  • Förderung aller Sinne durch ganzheitliche Erfahrungen
  • Wissenserweiterung durch Freude am Lernen erreichen

Die Angebote umfassten folgende Tätigkeiten:

  • malen, basteln,
  • sprechen, singen, rufen, schreien
  • spielen,
  • springen, laufen, tanzen toben
  • meditieren, träumen, fühlen, erspüren
  • überlegen, nachdenken, ausdenken
  • nichts tun, da sein
  • erfinden, erforschen, erkennen
  • Exkursionen,
  • Theater spielen, aufführen
  • sich selbst zeigen, darstellen
  • Freude am und beim Lernen erleben
  • Ich sein

Die Clubstunden:

Der „Club der starken Mädchen“ fand regelmäßig einmal pro Woche im Kindergartenjahr 2005/2006 statt. Diesen Zeitrahmen würde ich nach meinen Erfahrungen auch empfehlen.

Die Arbeit mit den „Starken Mädchen“ war geprägt durch Neugierde – bei den Mädchen wie auch bei mir selbst -, was wir als nächstes entdecken und ausprobieren würden. Dadurch war es in keiner Phase erforderlich, die Mädchen besonders zu motivieren, am Club teilzunehmen.

Der Aufbau der Clubstunden hatte folgende Schwerpunkte

  • Wissenserweiterung
  • Spiel
  • Selbsterfahrung
  • Selbstwahrnehmung

Diese Punkte sind nicht immer klar zu trennen, da sie fließend ineinander übergehen und für mich Grundlage einer ganzheitlichen Förderung sind.

Der Erfolg des Clubs bestätigt diese Methode.

Der Club entwickelte eine Eigendynamik, und mir wurde nochmals deutlich, dass wir Kindern nur ein ideales Umfeld bieten und ihr Selbstbewusstsein gezielt stärken müssen. Dadurch kann Lernen als Lust und mit Freude erfahren, wahrgenommen und gelebt werden.

Im „Club der starken Mädchen“ haben die Mädchen ihr Lernfeld gefunden und wahrgenommen. Im Club waren sieben Mädchen, davon waren sechs Mädchen sehr fit, nur ein Mädchen hatte durch ihre Sprachprobleme teilweise Schwierigkeiten. Die anderen Mädchen haben ihr durch ihre soziale Kompetenz immer Unterstützung angeboten. Ich habe keine Situation beobachtet, in der die pfiffigen Mädchen sie ausgegrenzt hätten.

Die weiteren Themen in unserem Club orientierten sich an unseren Kita–Themen:

„Fühlen, wie es schmeckt!“ und „Forscher, Künstler und Erfinder, ja das interessiert uns Kinder!“

Anlage, Verlauf und Auswertung der einzelnen Clubstunden sind hier beschrieben:

1.-5. Clubstunde: Was ist ein starkes Mädchen?

6. Clubstunde: Möhren-Experiment

7.-10. Clubstunde: Welt der Berufe

Schlussfolgerungen zum „Club der Starken Mädchen“:

Die „starken Mädchen“ machten vielfältige Erfahrungen im Club. Sie experimentierten, entdeckten, hinterfragten, spielten, malten, bewegten sich, tanzten, erzählten, besuchten, besichtigten, lernten kennen, hatten Spaß, erweiterten ihr Wissen, erweiterten ihr Selbstbewusstsein und entwickelten sich zu noch stärkeren Mädchen.

Lina hat durch den Club sicher am deutlichsten an Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen und Mut zum unabhängigem Denken und Handeln gewonnen. Sie ist aufgeschlossener, fröhlicher geworden und kann ihre Gefühle besser wahrnehmen, äußern und ausleben. Sie kann dadurch auch offener und unbedenklicher auf Andere zugehen. Lina hat zu zwei Mädchen aus dem Club eine Beziehung aufgebaut, und ich hoffe diese Beziehungen bestehen noch weiter.

Sie zeigte im Club großes Interesse, schreiben und lesen zu lernen und sie hat ein sehr gutes mathematisches Verständnis. Lina erkennt wesentliche Zusammenhänge in kurzer Zeit und kann diese zusammenfassen und wiedergeben.

Nachdem sie sich im Club sicher fühlte, beteiligte sie sich immer schneller am Gespräch und meldete sich auch als Erste zu Wort. Ihre anfänglich abwartende Haltung und Rücksichtnahme veränderten sich, und sie konnte für sich und ihre Bedürfnisse Raum einnehmen.

Sie malt gerne, aber sie zeigt keine besondere Begabung beim Malen. Ihr besonderes Interesse gilt der Musik, Lina singt sehr gerne und auch sehr gut.

Weitere Themen, die ihr Interesse ansprechen, habe ich nicht beobachten können, aber sie ist allen aktuellen Themen gegenüber aufgeschlossen und arbeitet aktiv daran mit. Sie stellt sich allen Herausforderungen, denkt gerne darüber nach und teilt ihre Überlegungen der Gruppe mit.

Diese Sicherheit, dass ihre Gedanken und ihr Wissen für andere interessant sind, hat sie in den Clubstunden erfahren und gewonnen.

Lina hat die Aufgaben beim Schultest sehr selbstbewusst, zügig und perfekt durchgeführt. Nach Aussage der Mutter war die Ärztin von Lina und ihrer Arbeitsweise überrascht und begeistert. Bei unserem Schulbesuch mit allen Vorschulkindern konnte Lina alle Aufgaben selbstständig – und schneller als die sie begleitende Schülerin – erledigen. Die Schülerin fragte mich, warum Lina schon soviel lesen und rechnen kann, da sie doch noch nicht in die Schule gehen würde. Lina sagte, ich kann das eben schon, aber sie freute sich sehr über diese Erfahrung. In der folgenden Zeit teilte sie mir oft mit: „Ich freue mich auf die Schule“.

Insgesamt wollten alle starken Mädchen endlich zur Schule gehen, was für alle Mädchen außer einem „Kann-Kind“ auch bevorstand, da sie schulreif und schulpflichtig waren.

Die „starken Mädchen“ und auch ich erfuhren, dass Mädchen in einer gleichgeschlechtlichen Gruppe sehr partnerschaftlich, unterstützend, verständnisvoll und kommunikativ lernen können.

Lernen funktioniert auch ohne Konkurrenz, Kampf, Herabsetzung und Missachtung. Mit gegenseitigem Verständnis, Hilfestellungen und gemeinsamen Zielen ist Lernen durch Freude und nachhaltiges Wissen geprägt.

Mein „Club der starken Mädchen“ ist ein Angebot, das hoch begabten Kindern, aber auch allen Kindern der Gruppe eine angemessene Förderung ihrer Fähigkeiten, Begabungen und Interessen anbietet.

Wir Erzieherinnen sollten über die Möglichkeiten nachdenken, wie wir unseren Kindern in den Kitas nach unterschiedlichen Kriterien Projekte anbieten könnten:

  • Entwicklungsstand
  • Geschlecht
  • Fähigkeiten
  • Interessen
  • Begabungen
  • Ressourcen der Erzieherinnen
  • Ressourcen der Eltern
  • Ressourcen der Einrichtungen

Mein Projekt „Club der Starken Mädchen“ ist für mich selbst mit immer neuen Herausforderungen in meiner Arbeit verbunden. Sie macht mich lebendig und macht mir sehr viel Freude (nicht nur den Kindern).

Deshalb möchte ich diesen Weg weiter entwickeln und hoffe, dass durch die zurzeit stattfindende öffentliche Diskussion um Jungenförderung nicht wieder die Mädchen vergessen werden. Für mich steht die Förderung aller Kinder im Mittelpunkt.

 

Copyright © Gabriele Drescher-Krumrey, siehe Impressum.
Datum der Veröffentlichung: 5.5.07