von Klaudia Kruszynski

 

Mein Beitrag ist eine Stimme aus der Praxis. Der Ursprung meiner Sichtweisen, die hier beschrieben sind, liegt im realen Leben. Meine eigenen Erfahrungen aus Kindheit, Schule und aus dem Berufsleben haben bewirkt, dass mein Herz bei der Arbeit mit den Kindern liegt, die als „problematisch“ oder „schwierig“ bezeichnet werden.

Was den Umgang unseres Bildungssystems mit „problematischen“ Kindern angeht, hoffe und warte ich schon sehr lange auf Veränderung. Jeder Mensch ist einzigartig; deshalb hat er ein Recht auf seinen individuellen Lebensweg. Dieser Wahrheit sollte das ganze Bildungssystem angepasst werden. Dann würde es keine oder zumindest sehr viel weniger „problematische“ Kinder geben.

 

…kurz gefasst…

Die Autorin arbeitet seit langem mit hoch begabten Kindern in der Kita – und richtet in diesem Beitrag ihr besonderes Augenmerk auf „schwierige“ hoch begabte Kinder, die aus welchen Gründen auch immer, Verhaltensprobleme haben.
Sie plädiert dafür, die Hochbegabung „unter“ den Verhaltensproblemen zu entdecken und die besonderen Interessen und Begabungen des Kindes zu seiner Integration / Inklusion zu nutzen.

Sie gibt dazu einige praktische Anregungen.

Während in wissenschaftlichen und politischen Kreisen seit Jahren über die richtige Art der Förderung hoch begabter Kinder diskutiert wird, müssen die einzelnen Fälle in der Praxis gelöst werden.

Da nur etwa 2% der Population hoch begabt sind, sind in einzelnen Kita-Gruppen oder Schulklassen nicht so oft hoch begabte Kinder anzutreffen. Manchmal taucht jahrelang – scheinbar oder tatsächlich – kein hoch begabtes Kind auf.

Das ist ein Grund dafür, dass in der Ausbildung der künftigen Erzieherinnen das Thema Hochbegabung ebenso spärlich vetreten ist. Mit dem Ergebnis: In der täglichen Praxis werden die besonderen Bedürfnisse und Begabungen oft nicht erkannt, und wenn doch, dann ist die entsprechende Förderung noch nicht immer sicher. Einige Erzieherinnen finden im Alltag keinen Platz für extra Programme, andere kennen keine.
An dieser Stelle möchte ich kurz anmerken: Der Begriff „Programm“ ist fachlich nicht korrekt, wird aber in der Praxis für die Maßnahmen für Minderheiten benutzt, wozu auch die Hochbegabten zählen.

Ähnlich sieht es für Kinder mit Behinderungen aus. In Rahmen der Inklusion haben behinderte Kinder Anrecht auf einen Kindergartenplatz in einer „regulären“ Einrichtung. Wenn ein solches Kind angemeldet wird, muss auch eine integrative Stelle geschaffen werden. Oft wird dies durch eine interne Stundenregelung des vorhandenen Personals gelöst, oder es wird für eine begrenzte Zeit eine Integrationskraft angeworben.

Ich behaupte, dass es sich momentan in noch sehr vielen Fällen genauso gestaltet: Die Integrationskräfte kennen ebenfalls keine notwendigen, den Bedürfnissen der I-Kinder entsprechenden „Programme“.

Der Grund dafür ist manchmal sehr pragmatisch: Eine Weiterbildung zur Inklusion-Fachkraft ist teuer und nicht jeder Träger ist bereit, sie zu bezahlen. Es wird argumentiert, dass es vielleicht über längere Zeit keinen Bedarf geben wird, nachdem dieses spezielle Kind die Kita erst wieder verlassen hat. Ebenso ist es für eine Arbeit suchende Erzieherin schwierig und risikoreich, diese Weiterbildung selbst zu finanzieren – vor allem, weil eine dauerhafte Beschäftigung dadurch nicht garantiert wird.

Der Träger meiner Einrichtung allerdings hat schon bei der Gründung der Kita darauf geachtet, dass Bewerber unterschiedliche Weiterbildungsmaßnahmen absolviert haben und dadurch spezielle Aufgaben übernehmen könnten.

So bekam ich in dieser Kita – nach vielen Arbeitsjahren in anderen Kitas – meine Einstellung, weil ich mit der Weiterqualifizierung zur Fachkraft für Hochbegabtenförderung (IHVO-Zertifikat) und meiner bisherigen Beratungstätigkeit überzeugen konnte.

Schon im ersten Jahr hat sich dann herausgestellt, dass ich mich für damals noch „integrativ“ genannte Aufgaben interessierte. Die Erfahrung, dass ich passende fördernde Aktivitäten für hoch begabte Kinder nach langen und vielseitigen Beobachtungen entwickeln konnte, ließ sich gut auf Kinder mit Behinderung übertragen. Die anfänglichen Erfolge mit verhaltensauffälligen Kindern und Kindern mit körperlichen Behinderungen haben dazu geführt, dass ich mich zur Fachkraft für Integration, später Inklusion, weiter bilden konnte und ab sofort die Aufgaben der I-Kraft übernommen habe.

In Deutschland gibt es verschiedene Möglichkeiten, sich zu einer Fachkraft für Integration/Inklusion fortzubilden. Ich habe mich für eine Maßnahme entschieden, die in Blöcken angeboten wird. In vier zweitägigen Seminaren wurden die Grundlagen aus verschiedenen Bereichen wie Integrationspädagogik, Elternarbeit, AD(H)S und Dokumentation vermittelt. Diese Maßnahme ist dann zufriedenstellend, wenn die Teilnehmerinnen reichlich über Erfahrung mit Kindern mit erhöhtem Förderbedarf verfügen, sich fachlich austauschen und beraten können.

Viele Kitas und Schulen bemühen sich um individuell differenzierende Förderung. Die Arbeitsbedingungen und die Ausbildung der Pädagogen setzen dem aber oft enge Grenzen. So finden die meisten Familien noch ein solches Bild vor:
Die tägliche pädagogische Arbeit gilt dem Durchschnitt. Alle Kinder sollen das Gleiche erfahren, erleben und erlernen. So soll ihre Schultauglichkeit konstruiert werden. Damit sie später im Unterricht das Gleiche erfahren, erleben und erlernen – und nach den gleichen Kriterien benotet werden können.
Das Recht auf die Individualität bleibt viel zu oft unberührt.

Das führt dazu, dass Minderheiten das Gefühl entwickeln, sie passen nicht in die Gesellschaft. Ohne Recht auf die Individualität kann sich kein positives Selbstbild entwickeln. Eine negative Grundstimmung ist die weitestgehende Konsequenz. Sie kann sich gegen die eigene Persönlichkeit oder gegen die Gesellschaft richten. Der Schaden könnte enorm groß werden. Die Beispiele dazu werden täglich geliefert.

Inklusion ist die politische Antwort auf die Rufe nach Gleichheit.
Inklusion soll auch die Individualität bewahren.
Es braucht Zeit, bis die Postulate gelebt werden.
Der Kindergarten ist der Ort, wo angefangen werden muss. Meiner Meinung nach nicht sporadisch, erst wenn der Fall eintritt, sondern generell. Individualität ist Recht und Realität. Die Antworten bleiben oft un-individuell.

„Schwierige“ hoch begabte Kinder

In den vielen Jahren meiner pädagogischen Arbeit traf ich immer wieder hoch begabte Kinder.
– Es waren Kinder, die aufgeschlossen und freundlich die Einrichtung betraten und problemlos die Kindergartenzeit hinter sich brachten.
– Es waren Kinder, die sich ängstlich an der Mutter festkrallten und länger brauchten, bis sie Vertrauen fassten.
– Es waren Kinder, die die Kita für sich ohne Rücksicht auf die anderen erobern wollten.
– Es waren Kinder, die sich einer Sache nicht widmen konnten und überall Chaos verursachten.

Diese unterschiedlichen hoch begabten Kinder riefen bei meinen Kolleginnen unterschiedliche Reaktionen hervor:

Die aufgeschlossenen und freundlichen Kinder in der eigenen Gruppe zu haben, ist wie ein Lotto-Gewinn. Solche Kinder werden schnell zu beliebten Spielkameraden und nicht selten zu inoffiziellen Erziehungshelfern, weil sie schnell den Überblick über die Abläufe gewinnen. Durch ihre freundliche und besonnene Art sorgen sie in der Gruppe für eine angenehme Atmosphäre. Und vor allem werden sie als positives Beispiel genutzt.

Kolleginnen sprechen dann sehr früh und sehr gerne über die mögliche Hochbegabung, sie sind eventuell auch bereit, Extra-Aktivitäten anzubieten, damit diese Kinder richtig gefördert und positiv eingestimmt werden.

Aber es ist grundsätzlich anders bei den nicht so pflegeleichten hoch begabten Kindern.

Zwischen problematischen Verhaltensweisen wird der hohen Intelligenz kein signifikantes Gewicht beigemessen.
Sie wird relativiert, vernachlässigt oder sogar in Frage gestellt.

Dies führt zu noch mehr Problemen. Vor allem wird das Selbstbild dieser Kinder verzerrt und ihr Selbstwertgefühl gemindert. Im schlimmsten Fall kann es passieren, dass ein unerkanntes, sogar verkanntes hoch begabtes Kind eine Fehldiagnose bekommt, zum Beispiel ADHS oder Asperger Syndrom. Die Chance auf die bestmögliche Entwicklung wird in einem solchen Fall vertan. Die pädagogischen, medizinischen und therapeutischen Maßnahmen verfehlen ihr Ziel und schaffen nicht selten einen unglücklichen Menschen. Und – was bei den Ausmaßen auch von der Bedeutung ist – sie sind teuer.

Buchtipp:
James T. Webb, Doppeldiagnosen und Fehldiagnosen bei Hochbegabung.
Ein Ratgeber für Fachpersonen und Betroffene.

Es wäre falsch zu sagen, dass alle problematischen Verhaltensweisen erst im Kindergarten durch Unkenntnis oder Unverständnis der Erzieherinnen entstehen. Es gibt hoch begabte Kinder, die sicherlich ihre Probleme schon vor dem Kindergarten entwickelten. Sie sind lediglich in der neuen Umgebung deutlich zum Vorschein gekommen.
Die beobachteten Störungen können so stark ausfallen, dass für diese Kinder ein Antrag auf Integration gestellt werden muss.

Und an dieser Stelle möchte ich deutlich machen, dass dies solchen Kindern eine echte Chance auf die bestmögliche Entwicklung ergibt.
Unter einer Voraussetzung:
Die Hochbegabung darf nie außer Acht gelassen werden.

Dann ist es meiner Meinung nach sinnvoll, dass die Integrationskraft in der Einrichtung gleichzeitig eine Fachkraft für Hochbegabtenförderung ist. So gesehen, kann die Hochbegabtenförderung als ein Teil der Inklusion praktisch funktionieren.

Es geht früh los…

Es ist nicht so, dass sich die Begabungen erst in der Einschulungszeit und danach zeigen. Auch in den U 3-Gruppen finden sich hoch und besonders begabte Kinder. Die geschulte Fachkraft wird darauf aufmerksam werden. Vielseitige, wertungsfreie Beobachtung kann wichtige Hinweise liefern.

Siehe auch: Kinder unter drei Jahren

Als ich zum Beispiel Alexander zum ersten Mal getroffen habe, war er noch nicht zwei Jahre alt.
Er kam einmal in der Woche zur Spielgruppe für die angehenden Kindergartenkinder, die in unserer Kita-Turnhalle stattfand.
In der Spielgruppe, begleitet von den Müttern, waren 6 bis 8 Kinder, alle im gleichen Alter.

Bei den ersten Beobachtungen der Krabbelkinder stellte ich bei allen eine große Bewegungsfreude fest. Die gefragten Eltern wünschten sich vor allem, dass ihre Kinder Kontakte zu Gleichaltrigen aufnehmen und dass sie lernen, miteinander zu spielen. Selbst wollten sie die Zeit für den Austausch über alltägliche Erziehungsfragen nutzen. So entschied ich, hauptsächlich Bewegungsangebote anzubieten. Diese verstehe ich als eine gute ganzheitliche Entwicklungsgelegenheit für dieses Alter.

Den Kindern standen ständig verschiedene große und kleine, fest eingebaute und mobile Turngeräte zur Verfügung. Regelmäßig wurden auch diverse Fahrzeuge, Bänder, Behältnisse, Alltagsgegenstände, Kartonkisten, Decken, Kuscheltiere und noch viel mehr benutzt.

Alexander war begeistert von der kleinen Rutsche im Bällchenbad. Diese steuerte er immer zuerst an. Erst danach schaute er sich nach anderen Gegenständen um. Nicht selten musste er diese für sich erobern, da er sich bedauernswerterweise immer die aussuchte, die gerade von anderen Kindern in Beschlag genommen waren. Im Unterschied zu den anderen Kindern, die allmählich das Teilen und Abwechseln übten, versuchte Alexander immer wieder, die Sachen mit Kraft oder List an sich zu reißen. Dies führte immer zu Tränen und kleinen Blessuren. Alexander wurde von anderen Kindern gefürchtet und gemieden.

Ein Ereignis hat mich besonders verwundert. An diesem Tag gab ich den Kindern aufgeblasene Luftballons. Während die anderen achtsam die Ballons trugen, rollten oder in die Luft schleuderten, drückte Alexander einen nach dem anderen an seinen Körper und zerbiß sie. Es machte ihm nichts aus, dass dabei sehr laute Geräusche entstanden.

In meiner Kita ist es üblich, dass die zukünftigen Kindergartenkinder ab Frühling einmal in der Woche nachmittags mit den „Großen“ spielen. An seinem ersten Nachmittag fand Alexander Zahlen-Teppichfliesen, die aufgestapelt in einer Ecke lagen. Wir benutzen sie meistens als Sitzunterlagen im Morgenkreis.
Begeistert stürzte sich Alexander auf die Fliesen. Es hat nicht lange gedauert, da lag schon die Zahlenreihe von 0 bis 10. Alle anwesenden Erwachsenen staunten darüber: „Was, er ist noch nicht drei?“ Bei allen weiteren Besuchen verlangte Alexander nach den Teppichfliesen, oft suchte er ausdauernd nach einigen, die verschüttet waren. Er war erst zufrieden, wenn die Zahlenreihe vollständig war.

Zum Zeitpunkt des Eintritts in den Kindergarten war Alexander dann gerade 2;0.
Im Kita-Alltag zeigten sich noch viel mehr Probleme, vor allem im Umgang mit den anderen Kindern und mit Tieren, die gelegentlich in der Einrichtung waren. Alexander hat gebissen, geschubst, mit seinem eigenen Körper die Anderen platt gedrückt. Dabei verzog er keine Miene, es schien so, als ob er kein Einfühlungsvermögen hätte. In den ersten Rollenspielen bevorzugte er jüngere Kinder, die er manipulierte.

Schnell stellte sich heraus, dass es notwendig war, ihm eine Integrationskraft zur Seite zu stellen.

Vor allem ging es um die Auswirkungen seines problematischen Verhaltens auf die ganze Gruppe.
Nach ausführlichen Elterngesprächen stellten wir einen Antrag auf Integration. Zusätzlich bemühten sich die Eltern um eine externe ergotherapeutische Förderung. Wir rieten noch, einen Kontakt zum Kinderpsychologen zu suchen, um einen Intelligenztest durchzuführen. Dieser wurde dann gemacht, als Alexander 3 Jahre alt war. Der Test bestätigte die von mir vermutete Hochbegabung.

Alexander sorgte für viel Unruhe, fast jede seiner „Aktionen“ endete mit Weinen und Zerstörung. Es schien ihn irgendwie nichts so richtig zu interessieren, er zog über die Spielbereiche und wirkte sehr unzufrieden.
Er ermüdete sehr schnell. Das führte dazu, dass er ausgepackte Spiele nicht zurück einräumte, die Pupenecke „unbrauchbar“ machte oder in der Turnhalle Kollisionen verursachte. Die traurige Folge dessen war, dass Alexander im Begriff war, ein Einzelgänger zu werden.

Glücklicherweise gab es für den Jungen etwas, wobei er gute Erlebnisse machte: die Beschäftigung mit Zahlen und Buchstaben. Hier erntete Alexander Bewunderung anderer Kinder, er kannte sich auch schon mit der Uhr aus. Statt am Maltisch zu kritzeln, klebte er lieber Buchstabenaufkleber zu ihm schon bekannten Wörtern zusammen.

Es lag auf der Hand, wo Alexander Unterstützung brauchte:

1 – Orientierungshilfe und Handhabung des Spielmaterials mit dem Schwerpunkt: Konzentration und Ausdauersteigerung mit Berücksichtigung der Interessen und schon vorhandener Fertigkeiten.
2 – Erlernen und Ausbauen sozialer Kompetenzen mit dem Schwerpunkt: Gebrauch der Sprache und friedlicher Körpersignale in der Kommunikation mit anderen Kindern.

Erziehung ist Brückenbau

Eine gute Erziehung widmet sich dem Kind, so wie es ist. Das Suchen nach Ursachen oder Schuldigen ist nicht die Hauptaufgabe meiner täglichen Arbeit. Eher verstehe ich die integrative Arbeit mit hoch begabten Kindern als eine Art des Brückenbauens über eine schwierige Landschaft.

Ein guter Brückenbauer kennt viele Baupläne. Er weiß aber, dass die Brücke die Landschaftseigenschaften berücksichtigen muss, damit sie gelingt. Das, was das Kind mit sich bringt, ist wertvoll und muss berücksichtigt werden. Ein guter Erzieher weiß, dass nur ein Kind, das Wertschätzung genießt, ein treffendes Selbstbild entwickeln kann und motiviert sein wird, weiter zu lernen, um Schwierigkeiten durch Übung zu überwinden.
Manchmal müssen Umwege gesucht werden, die ebenso gut zum Ziel führen können. Manchmal müssen verworfene Bausteine neu angeschaut werden und eventuell anders gesetzt werden.

Was bedeutet dieses Gleichnis für die Praxis?

Die Landschaft bedeutet alle Eigenschaften und Verhaltensweisen, die wir bei dem Kind beobachten können. Diese sind unterschiedlich weit ausgebildet, manche auf überdurchschnittlichem Niveau. Es gibt positive und gewünschte, schöne Eigenschaften, Handlungen, die wir nachvollziehen können, weil sie zu unserer Vorstellung passen. Dies sind Können und Wissen, Freundlichkeit, Ausgeglichenheit, Neugier, Fleiß, Ausdauer, Konzentration, eine gute Kommunikationsfähigkeit, usw.
Auch die problematischen Eigenarten, wie Unruhe, Aggression, Traurigkeit, Angst können beobachtet werden.
Dann gibt es Eigenschaften, die sich bei der Unterforderung oder in ungeeigneter Umgebung zeigen, wie zum Beispiel Sprunghaftigkeit, Hyperaktivität, Ermüdung, Neigung zum Manipulieren.

Die Kunst ist, die Schwierigkeiten mit Hilfe von Begabungsförderung zu überwinden.

Hier im Online-Handbuch finden sich viele Beispiele dafür, wie Erzieherinnen eine vertrauensvolle Beziehung zu hoch begabten Kindern aufgebaut haben; dies gelingt bei entsprechender Sorgfalt und Geduld auch bei Kindern, die schon „problematisch“ geworden sind.

An dieser Stelle können auch die Methoden aus Inklusionsprogrammen hinzugezogen werden. Bei der Arbeit mit dem Kind werden Aktivitäten entwickelt, die zum Teil die therapeutische Arbeit nachempfinden. Das Alter, der Entwicklungsstand und die Begabung sollen dabei einbezogen werden. Auch die begleitende Kommunikation muss dem intellektuellen Vorsprung des Kindes angepasst werden.

Zwei Prozesse sollten sich durchdringen:
1. das Anknüpfen an Interessen und an die besondere Begabung des Kindes und
2. die Verbesserung des Sozialverhaltens.

Zu 1.
Anknüpfen an Interesse und besonderer Begabung des Kindes

Im Folgenden gebe ich ein paar Anregungen für die Förderung „problematischer“ hoch begabter Kinder, die eine besondere mathematische Begabung und frühes Interesse für Zahlen zeigen.

Junge Kinder mit besonderer mathematischer Begabung interessieren sich für diverse Gegenstände, die mit Zahlen (Ziffern) versehen sind.
Beispiele:

    • Bausteine
    • Moosgummi-Teppichfliesen
    • Stempel
    • Backformen
    • Uhren
    • Spielkarten
    • Zahlenteppiche

Durch die verschiedenen Eigenschaften des Materials, wie zum Beispiel Größe, Farbe, Gewicht, Oberfläche, werden die Sinne angesprochen und die Fertigkeiten der Sinnesorgane trainiert. Ebenso die motorischen Fertigkeiten.

Ein hoch begabtes Kind mit Vorliebe für Zahlen wird dabei seine mathematischen Fähigkeiten zeigen. Es sortiert und gruppiert das Material, bildet Zahlenreihen, rechnet. Es stellt sich eigenständig Aufgaben und löst diese.

Es nimmt in diesem Bereich gerne Herausforderungen an und löst die Aufgaben, die ich ihm stelle. Dabei achte ich darauf, dass die Aufgabe seinem Entwicklungsstand angepasst ist, um Unter- und Überforderung zu vermeiden. Meistens fange ich mit einfachen Herausforderungen an und gehe zu den schwierigen über.

Beispiele:

  • eine bestimmte Zahl wird gesucht
  • es wird eine Zahlenreihe gebildet, aufwachsend und absteigend
  • eine Zahlenreihe wird ergänzt
  • die gleichen Zahlen werden zusammen gruppiert
  • der Zahl wird eine Menge zugeordnet und umgekehrt
  • der Zahl wird eine Anzahl von Wiederholungen einer bestimmten Bewegung angepasst
  • ein Bewegungsablauf wird durch Zahlenreihe von 1 bis… geregelt
  • ein Ablauf wird durch eine Uhr geregelt
  • eine rechnerische Operation wird durchgeführt
  • eine rechnerische Operation wird symbolisch abgebildet
  • die Zahl, die das Ergebnis der Operation ist, wird gesucht

Es ist wichtig diese Aufgaben in einer fördernden Umgebung durchzuführen. So können die individuellen Schwierigkeiten auf eine spielerischen Weise überwunden und die erwünschten Verhaltensweisen trainiert werden.

Spiele mit „Zaubersand“

Von einem Verkäufer von Fördermaterial haben wir Zaubersand erworben. Der Zaubersand sieht wie Sand aus, hat aber zusätzlich eine fließende Eigenschaft. Er lässt sich mit den Händen zu festen Formen drücken oder rollen, die mit der Zeit zerfließen. Im Zaubersand kann man graben und wühlen. In einer Wanne bietet er viele schöne Spielmöglichkeiten.

Die Kinder sind immer wieder fasziniert und experimentieren gerne mit dem Zaubersand. Die körnige Struktur des Sandes stimuliert die Haut, ebenso werden die Temperaturrezeptoren angesprochen. Das spielende Kind kann die Kraft der Finger unterschiedlich dosieren und dadurch die gewünschte Festigkeit bekommen. Im Zaubersand lassen sich kleine Gegenstände verstecken, geometrisch geformte Behälter lassen sich befüllen, um später die dreidimensionalen Formen „herauszuspucken“.

Zaubersand selber machen:
Man kann so etwas Ähnliches wie Zaubersand auch leicht und billig selber herstellen; es hat dann zwar nicht all die guten Eigenschaften des „echten“ Zaubersands, ist aber zur Not ein passabler Ersatz.
Es geht so:
Auf einem Tablett oder Backblech acht Tassen Mehl und eine Tasse Baby- oder Sonnenblumen-Öl mischen.
Durchkneten, evtl. noch etwas mehr Mehl dazu geben. Der Zaubersand kann auch mit Lebensmittelfarben gefärbt werden.

Die fördernde Eigenschaft von Zaubersand ist vielfältig und liegt auf der Hand. Hoch begabte Kinder reagieren oft sehr empfindlich auf raue Oberflächen und körnige Strukturen, deshalb meiden sie manchmal den Sandkasten. Im Kindergarten gehört aber der Sandkasten zu den wichtigsten Spielbereichen, weil er vielseitige Entwicklungskomponenten anspricht.

Ich habe mir Spiele überlegt, die für hoch begabten I-Kinder attraktiv sind.
Beispiele:

    • Im Zaubersand sind kleine Zahlen aus Metall versteckt. Diese werden rausgesucht und danach in eine Reihe gelegt, anwachsend oder abnehmend.
    • Aus dem Zaubersand werden diese Zahlen nur paarweise gesucht.
    • Aus dem Zaubersand wird eine bestimmte Zahl herausgesucht, die auf einer Karte abgebildet ist oder sogar das Ergebnis einer Rechenaufgabe.
    • Der Sand wird zu Ziffern geformt.
    • Aus dem Zaubersand werden bestimmte Mengen bestimmter Formen gebildet.
    • Mit einer Uhr wird die Zeit gemessen, in der sich die Form vollständig auflöst.
    • Mit einer Waage wird das Gewicht der Formen gemessen und durch Zahlen ausgedrückt.

Zu 2.
Sozialverhalten verbessern

Die fördernden Aktivitäten sollen auch die soziale Komponente beinhalten. Je nach Schwere der Probleme muss überlegt werden, wie viele Personen am Spiel beteiligt werden.

Am besten soll das hoch begabte Kind anfänglich nur mit der zuständigen Erzieherin (der Integrationskraft) spielen. So kann es in einer respektvoller Kommunikation Handhabe und Regeln der Spiele erlernen. Vor allem das umsichtige Hantieren – alles, was aus der Sandwanne herausgefallen ist, muss wieder herein, sonst schwindet das Material.
Der Sand lässt sich zu Klumpen zusammen schieben und dadurch leichter in die Wanne zurück befördern. Andere Gegenstände sollen in getrennten Behältern aufbewahrt werden und nach dem Spiel immer in diese eingeräumt werden. Im Gespräch wird dem Kind der Sinn aller dieser Tätigkeiten klar, weil sie verständlich begründet sind. Die gesprochen Sätze vertiefen sich im kindlichen Gedächtnis und dienen später als Handlungsstrukturen.

So lernt das Kind, das überall Chaos verursacht, das Spiel zu Ende zu bringen und das Material im Ursprungszustand zu hinterlassen.

Es braucht eben in diesem Bereich,
der für es schwierig ist,
zunächst intensive „Nachhilfe“.

In der anregenden Kommunikation möchte ich dem Kind auch nebenbei vermitteln, dass ich sein Interesse für Zahlen gut finde. Ich lobe es, wenn es Leistung zeigt. Ich spreche aber auch die Probleme an, gebe Tipps, wie sie überwunden werden können, ermutige das Kind und zeige die positiven Veränderungen auf. Zum Beispiel: „Schau mal, wie sauber der Tisch heute geblieben ist. Weißt du noch, vor einer Woche lag hier überall Sand. Du achtest schon richtig darauf, dass es hier ordentlich aussieht.“
Dann kann ich noch weitere Tipps geben: „Damit du nicht lange suchen musst, lege die Zahlen nach dem Spiel immer in diese Schachtel.“

Positiv eingestimmt, öffnet sich das Kind und vertraut mir nicht selten andere Themen oder Dinge an, die ihm wichtig sind. Neue Informationen tragen zur Entwicklung weiterer Aktivitäten bei.
Ich zeige Freude, wenn das Kind kreativ wird und sich eigene Spiele ausdenkt.

Genauso wie alle anderen, wünschen sich hoch begabte Kinder einen Freund oder eine Freundin. Oft haben sie längst eine Vorstellung davon, was eine Freundschaft ausmacht.
Die Suche nach einem entsprechenden Spielpartner gestaltet sich nicht immer leicht, da das Kind intellektuell den anderen weit im Voraus ist und seine eigenen Spielideen durchsetzen möchte. Hinzu kommen kann, dass das hoch begabte Kind gute Spielerfahrungen bisher nur mit Erwachsenen gemacht hat. Die Gleichaltrigen sind aber, entwicklungsbedingt, noch nicht in der Lage, wirklich gemeinsam zu spielen und zu sprechen. Das kann zu Enttäuschungen führen.

Siehe auch: Spielgefährten und Freunde hoch begabter Kinder.

Gefährlich könnte es dann werden, wenn das hoch begabte Kind erkennt, dass es mit der sprachlichen Kommunikation nicht weiter kommen kann, und dann verstärkt versucht, schwierige Situationen körperlich zu lösen. Es lernt dabei unter Umständen: Je stärker es auf den Anderen einwirkt, desto besser verstanden wird es.

Dieses Verhalten wird im Kindergarten als höchst unsozial eingestuft. Die Versuche, das Kind dazu zu bringen, sein Verhalten zu ändern (zum Beispiel durch Gespräche unter vier Augen, das Kind aus dem Spiel/Raum herausnehmen) bringen kaum Erfolge. Im schlimmsten Fall, wenn das nicht verstandene Kind mit Wutanfällen reagiert, wird ihm ein mangelndes Empathie-Vermögen zugesprochen, sogar ein Verdacht auf eine psychische Störung. Auf jeden Fall braucht dieses Kind eine Integrationskraft an und auf seiner Seite.

Das hoch begabte Kind weiß genau, dass es den anderen Schmerzen verursacht und dass dieses Verhalten nicht richtig ist. Ich vermute, es hat noch nicht gelernt, dass ein sozialeres Verhalten viel effektiver ist.

Sobald dann andere Kinder hinzu gezogen werden, eröffnen sich für das hoch begabte Kind weitere Lernsituationen. Ich beobachte das Spielgeschehen weiterhin genau. Meine Aufgabe ist es, die Interaktionen zu beobachten, zu intervenieren und dem hoch begabten Kind bessere Zusammenspielmöglichkeiten aufzuzeigen. Ich agiere oft als Übersetzer, der zwischen den Kindern vermittelt.

Die Auswahl der Spielkameraden kann manchmal von mir beeinflusst werden. Wenn in der Kindergartengemeinschaft kein anderes hoch begabtes Kind ist, versuche ich ältere Kinder hinzu zu ziehen. Ich gebe damit dem I-Kind die Möglichkeit, zufriedenstellend zu kommunizieren, und sorge für ein ungefähr gleiches intellektuelles Niveau. Meine Aufgabe ist die Spielumgebung so zu gestalten, dass alle davon profitieren.

Der Zaubersand ist für alle Kindergartenkinder attraktiv, deshalb finden sich für das hoch begabte I-Kind hierüber leicht Spielpartner.

Ähnlich kann sich die Integration eines hoch begabtes Kindes mit Hilfe der sprachlichen Fähigkeiten gestalten. Besonders der Wunsch nach frühem Lesen kann das Kind motivieren, Handhabe und Spielregeln zu erlernen und einzuhalten. Gemeinsam spielen, den anderen etwas vorlesen oder aufschreiben, die besprochenen Gruppenregeln auf einem Plakat aufschreiben sind gute Möglichkeiten, das hoch begabte I-Kind sozial zu befähigen.

Ob es die Zaubersandwanne ist, die Turnhalle, die Kreativ- oder Musik-Ecke – jeder Bereich im Kindergarten eignet sich, um hoch begabte Kinder kreativ zu fördern.
In so einer Umgebung kann jedes Kind seine Fertigkeiten individuell erweitern und stolz darauf werden. Auch ein hoch begabtes.

Fazit:
eine gute Förderung hoch begabter I-Kinder ist nicht schwierig. Sie beinhaltet, meiner Meinung nach, nur drei Komponenten:

    • Berücksichtigung der Interessen des Kindes, die aus seiner Begabung hervorgehen
    • Schaffen einer attraktiven Umgebung: Spielmaterial, Herausforderung, geeignete Spielpartner
    • Kommunizieren in wertschätzender Weise

Von derselben Autorin siehe auch:
Spielerische Mathematik im Kindergarten

Mathematische Begabungsförderung im Kindergarten

Projekt: Zeit

Bohnen beim Wachsen zusehen

Projekt: Schulecke … und die Gefühle

Kinder interpretieren in Bild von Dalí

Soziale Begabung zeigt sich

Ich gewinne – hoch begabte Kinder und Gesellschaftsspiele

Wann war Mittelalter auf der Erde? Projekt: Zeitrolle

 

 

Datum der Veröffentlichung: April 2016
Copyright © Klaudia Kruszynski