von Hanna Vock

 

(veröffentlicht im Oktober 2013 in gekürzter Form in News & Science, der Publikation des ÖZBF – Österreichisches Zentrum für Begabtenförderung und Begabungsforschung – unter dem Titel:
Vom Kindergarten in die Schule – ein großer Schritt, der von beiden Seiten zu begleiten ist.)

 

Historisch hat sich zwischen Kindergärten und Grundschulen eine mehr oder weniger große Kluft herausgebildet. Sie zeigt sich nicht nur darin, dass es zwei getrennte Institutionen in verschiedenen Gebäuden sind. Die Kluft durchzieht auch die Gesetze und Vorschriften, die Ausbildung und Bezahlung der Pädagogen sowie die Tagesstruktur und die Methodik.

Warum ist das eigentlich immer noch so?

Die Kinder sind es, die in ihrem sechsten oder siebten Lebensjahr den Schritt von der einen in die andere Institution machen müssen, während die Pädagogen auf ihrer Seite bleiben – und oft nur wenig Verständnis und Sympathie für die Arbeit der anderen Seite aufbringen. Anders ist es nicht zu erklären, dass Aufrufe zur Zusammenarbeit so lange verpufft sind und dass auch heute noch oft nur erste Ansätze zu erkennen sind.

Um so wichtiger sind solche fruchtbaren Ansätze.

Das will ich am Beispiel eines Kindergartens und einer Grundschule zeigen und aus Mosaiksteinen ein Bild zum Thema zusammensetzen.
Der kleine, vermutlich hoch begabte Leo erlebt die Zusammenarbeit dieser beiden Institutionen.

1. Mosaikstein:

Für gute Zusammenarbeit braucht es gute Arbeit „im eigenen Stall“

Die Zusammenarbeit zwischen Kindergarten und Grundschule kann für hoch begabte Kinder nur dann gut gelingen, wenn beide Institutionen gute Konzepte für die Förderung hoch begabter Kinder haben und im pädagogischen Alltag auch verwirklichen.

Leider ist es immer noch selten, dass ein hoch begabtes Kind sowohl im Kindergarten als auch in der Grundschule adäquat gefördert wird.

Der erste Schritt muss also sein, dass beide Institutionen sich einen offenen, vorurteilsfreien Blick auf das Phänomen Hochbegabung erarbeiten. Der zweite Schritt ist, dass sie auf dieser Grundlage Erfahrungen sammeln und ihre Methodik an die besonderen Spiel- und Lernbedürfnisse der hoch begabten Kinder anpassen.

Hochbegabtenförderung im Kindergarten ist:

1. Erkennen:
Die Erzieherin erforscht, mit welchen Fragen, Problemen, Themen, Plänen, Widersprüchen sich das Kind beschäftigt. Was will es lernen?
Um das herauszufinden, braucht die Erzieherin aktives und empathisches Interesse an den Lernprozessen des Kindes. Sie muss eine effektive und dem Entwicklungsstand des Kindes angemessene Kommunikation zu ihm aufbauen.

2. Unterstützen, Anregen und Herausfordern:
Um das Kind in seinen selbst bestimmten Lernprozessen angemessen zu unterstützen, braucht die Erzieherin Flexibilität, Begeisterung, Kreativität, Wissen, pädagogische Souveränität und ein Gespür für den nächsten reizvollen Lernschritt eines besonders schnell lernenden Kindes.

Entsprechendes sollte für die Lehrerin in der Schule gelten.

Wie ergeht es Leo? (1)

Zunächst besucht Leo einen Kindergarten, in dem seine Fähigkeiten und sein Entwicklungstempo nicht gesehen werden. Mit ihm wird geredet wie mit allen anderen gleichaltrigen Kindern.

Es wird zum Beispiel nicht bemerkt, dass er mit 2;5 alle Farben kennt, einschließlich Orange, Lila, Braun, Grau, Hellblau, usw. Darauf angesprochen, dass Leo sich gerade sehr für Farben interessiere, reagierte die Gruppenleiterin erstaunt und dann mit einem Ruf quer durchs Außengelände: „Leo, was für eine Farbe hat meine Jacke heute?“
Leo drehte sich kurz um und rief (mit sehr uninspiriertem Gesichtsausdruck): „Rot!“
Weiter folgte daraus nichts (was der kleine Leo wohl auch schon gar nicht mehr erwartete).

Hier wurde ein Anknüpfungspunkt auf dem silbernen Tablett serviert, aber er wird nicht genutzt, um mehr über die Fähigkeiten und Interessen des Jungen zu erfahren.

Leo hat das Glück, im Alter von 3;9 in einen „Integrativen Schwerpunktkindergarten für Hochbegabtenförderung“ wechseln zu können.
Er kommt (nach einer ersten Einschätzung seines Entwicklungsstandes) als Jüngster in die Gruppe der Großen. Alle Kinder dort sind mindestens 11 Monate älter als er. Trotzdem ist er als Spielpartner sehr schnell bei ihnen anerkannt.

Die Erzieherinnen reagieren deutlich und positiv auf seine Interessen und Fähigkeiten, er fühlt sich wohl.

Nach einem Jahr, also mit 4;9, wird Leo in die Gruppe der Vorschulkinder aufgenommen, obwohl zu dieser Zeit noch nicht feststeht, wann er in die Schule gehen wird.

2. Mosaikstein:
Schulpflicht und frühere Einschulung

Die Schulpflicht kommt für viele hoch begabte Kinder zu spät. In den meisten deutschen Bundesländern ist ein Kind dann schulpflichtig, wenn es bis zum 31. Juni desselben Jahres (in einigen Ländern auch zum 30. September) sechs Jahre alt wird. In Österreich beginnt die Schulpflicht einheitlich am 1. September nach dem 6. Geburtstag des Kindes.

Lange vorher beginnen sich die meisten hoch begabten Kinder für „schulische Inhalte“, also Lesen, Schreiben, Rechnen und sachkundliche Themen zu interessieren und begeben sich dabei auf ganz individuelle Lernwege. Gut, wenn Eltern und Kindergarten die Kinder dabei nicht bremsen, sondern aktiv unterstützen. Es gibt kein Mindestalter, ab dem man diese wichtigen Kulturtechniken und Inhalte erlernen und für sich nutzen darf.

Ist eine Einschulung vor der Schulpflicht die Lösung?

Diese Frage muss individuell entschieden werden.

Für jedes Kind ist die Einschulung auf Grund der anderen Lernweise in der Schule eine wichtige Zäsur in seinem noch jungen Leben. Es ist individuell zu prüfen, wann das Kind stark genug ist, im System Schule zurecht zu kommen.

Manche hoch begabte Kinder sind durch ihr Umfeld in ihrer Persönlichkeitsentwicklung geschwächt worden. Dann kann es gut sein, wenn sie noch einige Zeit in einem stärkenden Kindergarten verbringen können.

Möglich ist in Deutschland eine Einschulung auch weit vor der Schulpflicht. Auch Vierjährige können eingeschult werden. Über die Aufnahme entscheidet die Schulleitung, unter Einbeziehung des für alle Kinder obligaten schulärztlichen Gutachtens. Für Österreich habe ich nur die Aussage gefunden, dass eine Einschulung frühestens mit 6 Jahren möglich ist.

Einen Haken hat die Früheinschulung allerdings: Das Kind wird mit der Aufnahme in die Schule automatisch schulpflichtig, egal wie jung es ist, und damit gibt es keinen Weg zurück in den Kindergarten. Wünschenswert ist demgegenüber eine Festigung der Praxis, die sich in zahlreichen Einzelfällen bereits bewährt hat: das unverbindliche „Schnuppern“ in der Schule. (Siehe 7. Mosaikstein.)

Wie ergeht es Leo? (2)

Entsprechend der Schulpflicht würde Leo erst im Alter von 6;9 in die Schule kommen.
Nun ist es aber so: Je besser sich ein hoch begabtes Kind fühlt und je besser es gefördert wird, desto schneller und reicher entwickelt es sich. Das bedeutet: „Die Schere geht auf“; der Entwicklungsabstand zu den Gleichaltrigen vergrößert sich. Das ist ein normaler Vorgang, der niemanden erschrecken sollte.

Die Erwachsenen um Leo herum staunen also immer wieder über seine Interessen und Fähigkeiten, und die Idee einer früheren Einschulung nimmt Gestalt an.

Die erfahrenen Erzieherinnen sehen, dass sie Leo bald keine passenden Lernfelder mit anderen Kindern zusammen mehr werden bieten können.

3. Mosaikstein:
Bei Eltern, Erzieherinnen und dem Kind rückt die Schule ins Blickfeld

Die vorfristige Einschulung sollte keine unreflektierte Flucht aus dem Kindergarten sein. Beim Abwägen des Für und Wider einer Früheinschulung sollten die Beteiligten folgenden Fragen nachgehen:

1) Will das Kind in die Schule?
2) Wenn ja, warum? Welche Vorstellungen hat es über Schule? Sind sie realistisch?
3) Wenn es noch nicht in die Schule will, warum nicht? Hat es Angst vor der Einschulung? Kann diese Angst abgebaut werden?
4) Welche Interessen und Fähigkeiten hat das Kind – bezogen auf die Anforderungen in der Schule?
5) Bleiben die hauptsächlichen Spielfreunde des Kindes im Kindergarten oder werden sie eingeschult?
6) In welchen Bereichen könnte das Kind eventuell Schwierigkeiten haben, die erforderlichen Leistungen zu erbringen?
7) Besteht begründete Aussicht, dass das Kind diese Schwierigkeiten meistert, wenn es in die Schule darf?
8) Welche Position nehmen die Eltern zur Frage der Einschulung ein? Welche Gründe dafür oder dagegen äußern sie?
9) Welche Position nimmt die aufnehmende Schule /die aufnehmende Lehrkraft ein?

Es folgen Erläuterungen zu diesen Punkten.
Erläuterungen zu 1-3:

Es ist sinnvoll, allen Kindern schon im Kindergarten realistische Vorstellungen zu vermitteln, was Schule ist. Auch ist es wichtig, den Kindern Mut zur Schule zu machen und im Voraus Ängste, die bei manchen Kinder vorhanden sind, zu bearbeiten. Bei hoch begabten Kindern kann dieser Prozess unter Umständen deutlich aufwendiger sein als bei manchen anderen Kindern. Ihre Ängste sind oft keine Auswirkung von Unterentwicklung oder Unreife, sondern von komplexer Voraussicht – eben auch von Schwierigkeiten.

Siehe auch:
Wie können wir die Kinder auf die Schule gut vorbereiten?
Wir schaffen uns ein „Klassenzimmer“
Projekt: Schulecke

 
Erläuterungen zu 4:

Wenn das Kind sich auffallend und ausdauernd für Dinge interessiert, die erst in der Schule „dran“ sind, gibt es zwei Möglichkeiten, mit der Situation umzugehen: entweder stellt der Kindergarten seine Arbeit um und geht auf diese Interessen angemessen ein, oder das Kind wird eingeschult. Keinesfalls sollte man seine Lernprozesse bremsen, „damit es in der Schule später nicht zu weit voraus ist“.
 
Erläuterungen zu 5:

Wenn die hauptsächlichen Spielfreunde die Gruppe in Richtung Schule verlassen, spricht viel für die Früheinschulung; denn die Gefahr ist groß, dass das Kind sonst noch mehr Unterforderung und Dauerfrustration erlebt, weil die Anregungen und der Austausch mit den „Großen“ ein ganzes Jahr lang wegfallen.
 
Erläuterungen zu 6:

Oft wird von einer Früheinschulung abgeraten, weil das Kind zwar kognitiv sehr weit, im Sozialverhalten aber zurück sei und noch keine ausreichende Arbeitshaltung oder Frustrationstoleranz zeige. Hier liegen nach Erfahrung aus zahlreichen Fortbildungen und Beratungsgesprächen manchmal gravierende Fehleinschätzungen vor, die auf Grund fehlender Kenntnisse zur Entwicklung Hochbegabter entstehen. Falls tatsächlich schwer wiegende Defizite im Sozialverhalten und bei personalen Kompetenzen bestehen, sollte daran gearbeitet werden. Eine bestehende kognitive Unterforderung sollte vorrangig und mindestens gleichzeitig beendet werden.

 
Erläuterungen zu 7:

Die Erfahrung rät, bei hoch begabten Kindern Wissenslücken nicht zu hoch zu bewerten. Auch junge Kinder zeigen eine verblüffende Fähigkeit, Lücken zu schließen, wenn sie motiviert sind, im als passender empfundenen Spiel- und Lernumfeld zu bleiben. Vor allem wirkt hier auch wieder die starke intrinsische Lernmotivation, wenn das Anforderungsniveau passt.

So ist bekannt, dass hoch begabte Kinder, die eine Klasse übersprungen haben, in einem beschleunigten Lernprozess schnell den Anschluss an das Lernniveau der Klasse erreichen und sich in die Spitzengruppe hinein lernen (wobei sie sich wohl fühlen, weil das Lerntempo stimmt) – und danach manchmal wieder unter Unterforderung leiden. Diese Tatsache weist darauf hin, dass Akzelerationsmaßnahmen (wie Früheinschulung oder das Überspringen von Klassen) das Unterforderungsproblem lindern können, aber es nicht unbedingt an der Wurzel packen. Bei manchen Kindern, die schon lesen und/oder rechnen können, ist zu überlegen, ob sie die 1. Klasse überspringen können.
 
Erläuterungen zu 8:

Eltern sind häufig unsicher, ob Früheinschulung wirklich der richtige Schritt ist. Diese Eltern brauchen fachliche Unterstützung. Die konkreten Beobachtungen und Einschätzungen der qualifizierten Erzieherin können sie stärken, diesen immer noch ungewöhnlichen Weg zu beschreiten. Für das Kind ist es wichtig, dass die Eltern sich selbst einen festen Standpunkt erarbeiten und damit ihrem Kind Sicherheit geben.

 
Erläuterungen zu 9:

Die aufnehmende Schule sollte das Kind freundlich aufnehmen, das heißt ohne Vorbehalte und unterstützend.

Das gelingt umso besser, je klarer die Lehrer sehen, dass dauerhafte Unterforderung schadet.

Häufig erkennen auch die Eltern, dass die kognitiven Niveaus des Kindes und der Kindergartenangebote zu weit auseinander klaffen und dass das ihrem Kind nicht gut tut.

Die Folge von Unterforderung können sein:

    • eine grundsätzliche Kindergarten-Unlust,
    • der Versuch, den Kindergartenbesuch jeden Morgen hinaus zu zögern oder ganz zu verweigern,
    • aber auch Äußerungen des Kindes, dass es sich langweilt oder niemanden zum Spielen findet,
    • die Tendenz, die Erzieherinnen oder eine bestimmte Erzieherin für sich zu vereinnahmen,
    • der Wunsch, in die Schule zu gehen.

Und tatsächlich kann die Früheinschulung ein (zeitweiliger) Ausweg aus der kognitiven Unterforderung sein.

Siehe auch:
Dauerfrustration wegen Unterforderung und Unverständnis.

Wie ergeht es Leo? (3)

In ihm wächst – wie in den anderen Vorschulkindern auch – der Wunsch, im nächsten Sommer in die Schule zu gehen.
Auch für die Erzieherinnen bestätigt sich: Er ist nicht nur kognitiv sehr weit, er ist auch robust und sein Sozialverhalten ist weit entwickelt.

Die Erzieherinnen sind der sicheren Auffassung, dass die Einschulung für ihn das Beste ist; denn so sehr und so qualifiziert sich die Fachkräfte auch um ein hoch begabtes Kind bemühen – es ist wichtig, dass auch unter den Kindern passende Spielgefährten zu finden sind.
Alle Freunde von Leo werden aber aus dem Kindergarten in Richtung Schule entschwinden…

Die Kita spricht eine eindeutige Empfehlung aus, Leo in der Schule anzumelden.

Trotzdem schwankt seine Mutter innerlich noch mehrmals hin und her und braucht die Stärkung durch das Kindergartenteam, um bei der getroffenen Entscheidung zu bleiben.

4. Mosaikstein:
Die Schule macht sich ein eigenes Bild bzw. baut es aus

Leider ist es noch so, dass viele Erzieherinnen auch bei sehr begabten Kindern den Eltern von einer frühen Einschulung gerne abraten. Sie begründen dies häufig mit dem Hinweis, dass zur Schulfähigkeit mehr gehört als eine weite kognitive Entwicklung.

Sie attestieren so manchem hoch begabten Kind, dass die emotionale und/oder soziale Entwicklung hinter der kognitiven Entwicklung hinterher hinke.

Das ist zwar nicht verwunderlich bei einer besonders weit entwickelten Kognition, stimmt aber trotzdem oft nicht. Ich durfte viele hoch begabte Kinder kennenlernen, die eine große emotionale und soziale Reife besaßen.
Vor allem aber sollte die Frage eher sein: Hinkt die emotionale oder soziale Entwicklung so weit hinterher, dass die Schulfähigkeit des Kindes davon bedroht ist?

Etliche schulpflichtige Kinder haben durchaus große emotionale oder soziale „Defizite“, trotzdem werden sie eingeschult.

Ist es nicht unfair, ein besonders wissenshungriges Kind mit Nicht-Einschulung zu bestrafen, weil vielleicht sein sozialer und emotionaler Entwicklungsstand nur durchschnittlich oder auch unterdurchschnittlich ist?

Wie viele schulpflichtige Kinder müssten bei einer solchen Herangehensweise vom Schulbesuch zurückgestellt werden?

Es ist auf jeden Fall wichtig, vor allem aber bei einer skeptischen Einschätzung der Kita, dass die Schule sich die Gelegenheit schafft, sich ein eigenes Bild von der Schulfähigkeit des Kindes zu machen.

Wie ergeht es Leo? (4)

Nachdem Leo ein Jahr vor Schulbeginn (im September) in der Schule angemeldet wird, erlebt er das normale Aufnahme-Programm dieser Grundschule.

Bald nach dem Anmeldeschluss kommt die Rektorin der Grundschule in den Kindergarten. Leiterin und Rektorin sprechen gründlich über alle Vorschulkinder.

Dabei erhält die Rektorin schon einige Informationen darüber, dass mit Leo ein noch junges, aber weit entwickeltes und möglicherweise hoch begabtes Kind auf die Schule zukommen wird. Sie nimmt die Informationen aus dem Kindergarten offen und dankbar an. Es besteht Vertrauen, das auf der Basis vorangegangener Gespräche und Erfahrungen gewachsen ist.

An einem Vormittag im November wird Leo, zusammen mit einem anderen Kind aus seiner Kindergartengruppe, in die Schule eingeladen. Dies ist keine Begabten-Sondermaßnahme – alle Kinder erhalten solche Einladungen.
Dort sitzen die beiden Kinder (ohne Eltern) für eine Stunde drei freundlichen Lehrerinnen gegenüber, die mit ihnen zu bestimmten Punkten ins Gespräch gehen und das Geschehen protokollieren.

Leo fällt unter anderem dadurch auf, dass er (im Alter von 4;11) auf die Frage, wie weit er schon zählen könne, treuherzig antwortet:

„Ich habe im Flugzeug mal bis 1049 gezählt; aber dann habe ich aufgehört, weil ich ja auch keine Pause gemacht hatte.“
Er ist halt ein Zahlenliebhaber.

Aus Leos Verhalten (seinem Kontaktverhalten, seinem Aufgabenverhalten) und seinen Wortbeiträgen schließen auch die beobachtenden Lehrerinnen auf eindeutige Schulfähigkeit.

Leo selbst findet die Stunde „interessant“.
Aber es ist noch nicht der Zeitpunkt der endgültigen Entscheidung gekommen.

5. Mosaikstein:
Weitere Informationen der Kita für Eltern und Schule

Im Entscheidungsprozess zur Früheinschulung wirken drei Gruppen Erwachsener zusammen. Zwei davon kennen das Kind gut (die Eltern und die Erzieherinnen). Die dritte Gruppe (die aufnehmende Lehrkraft und die Schulleitung) ist erst dabei, das Kind kennen zu lernen.

Die Stiftung Warentest schreibt:
„Kaum jemand kann so verlässlich über die emotionale und soziale Entwicklung sowie die Schulbereitschaft eines Kindes urteilen, wie die Erzieher im Kindergarten. Sie wissen, wie sich ein Kind außerhalb der Familie bewegt. Ob es zum Beispiel gelernt hat, Freundschaften zu schließen, in einer Gruppe klarzukommen oder altersentsprechende Aufgaben zu lösen. Sie informieren über Konzentration, Arbeitseifer und Ausdauer eines Kindes. Ein Gespräch mit den Erziehern ist deshalb durch nichts zu ersetzen.“ (Stiftung Warentest, siehe:
http://www.test.de/Special-Einschulung-Fuer-einen-guten-Start-1243089-1250595/)

So ist es sicher sinnvoll, wenn der Lehrkraft im Einschulungsprozess fundierte, konkrete Informationen aus dem Kindergarten zufließen. Sie kann so das Wissen der Erzieherinnen über Begabungen und Entwicklungsvorsprünge des einzelnen Kindes von Anfang an nutzen und in individualisierte Konzepte der Begabtenförderung umsetzen.

Wie ergeht es Leo? (5)

Leos Kita geht weit über das Übliche hinaus. Seine Eltern erhalten wie alle Eltern der Kinder, die für die Schule angemeldet sind, im Frühjahr vor der Einschulung ein Fähigkeitsprofil ihres Kindes, das die Erzieherinnen aufgrund ihrer jahrelangen Beobachtungen erarbeitet haben.

Danach ist Leo den schulpflichtig werdenden Kindern in den acht beobachteten Bereichen zum Teil weit voraus. Die Kompetenz-Bereiche (nach Howard Gardner) sind diese:

Sprachliche, Logisch- mathematische, Musikalische, Räumliche, Körperlich-kinästhetische, Naturalistische, Intrapersonale, Interpersonale, Existenzielle Kompetenz.
Das individuelle Profil wird grafisch dargestellt. Außerdem wird ein Durchschnittsprofil errechnet und ebenfalls grafisch dargestellt.

Die Eltern können sehen, wie ihr Kind im Vergleich zu den anderen Kindern bezüglich der Entwicklung seiner Fähigkeiten eingeschätzt wird. Dies dient auch dazu, ihren Erwartungen eine realistische Grundlage zu geben. Wie die Profile entstehen und was sie aussagen, wird auf einem Elternabend erklärt.

Zusätzlich erhalten in dieser Kita alle Kinder zum Abschluss ihrer Kindergartenzeit einen ausführlichen Entwicklungsbericht.
(Beispiele finden Sie in: Entwicklungsbericht zum Kita-Abscluss)

Beide Dokumente können die Eltern, wenn sie wollen, der Schule zur Verfügung stellen.

Leo spricht inzwischen ganz selbstverständlich darüber, dass er in die Schule kommt. Er geht aber weiter jeden Tag gerne in den Kindergarten.

6. Mosaikstein:
Wie fühlt sich Schule an? Und: die Schule verfeinert ihr Bild von den Kindern

Im April des Einschulungsjahres lädt die Grundschule, die Leo besuchen wird, alle Kinder in die 1. Klasse ein. Jeweils zwei Kindergartenkinder erleben zusammen zwei Schulstunden. Unter anderem nehmen sie am Morgenkreis teil und erhalten Arbeitsblätter.

Hier kann die Lehrerin sehen, wie die Kinder sich in der Schulklasse verhalten. Beim ersten Besuch in der Schule ging es um Wissen und Fähigkeiten der Kinder, um ihre Sprachkompetenz, ihr Kontaktverhalten zur noch fremden Lehrerin und um ihr Aufgabenverhalten, wenn sie direkt angesprochen werden.
Jetzt geht es um ihr Verhalten in der Schulklasse. Können sie sich auch hier konzentrieren, machen sie mit, äußern sie sich womöglich schon in der Klasse oder wirken sie ängstlich und eingeschüchtert? Wie gut halten sie die zwei Schulstunden durch?

Wie ergeht es Leo? (6)

Leo findet es in der Schule gut. Im Morgenkreis der Klasse erzählt er unbefangen von seinen Erlebnissen am Wochenende. Er bekommt ein Rechenblatt – mit dem Hinweis, zur Lehrerin zu gehen, wenn er fertig ist oder eine Frage hat.
Nach 1 Minute hat er die Ergebnisse hingeschrieben, geht zur Lehrerin und sagt: „Das war zu einfach.“
Daraufhin bekommt er ein Rechenblatt vom Ende der 1. Klasse, braucht etwas länger und gibt es dann fehlerfrei ab.

Nun hat die Lehrerin wichtige zusätzliche Informationen über Leo gewonnen, die ihr im großen Klassenverband mit lauter neuen Kindern vielleicht nicht so schnell aufgefallen wären.
Leo hat eine konkretere Vorstellung gewonnen, wie Schule sich anfühlt: Erstmal gut.

Das alles bedeutet natürlich nicht, dass keine Probleme auftauchen können. Aber alle Beteiligten haben den Übergang in die Schule sorgsam vorbereitet, so dass gute Aussichten bestehen, dass zumindest der Schulstart gelingen wird.

7. Mosaikstein:
Die Schule steht früh und undramatisch offen. „Schnuppern“ ist möglich.

Der Entscheidungsprozess für oder gegen eine frühere Einschulung ist im Einzelfall für alle Beteiligten nicht so einfach. Eine vorfristige Einschulung kann guten Gewissens nur dann stattfinden, wenn alle Beteiligten (Eltern, Schule, Kindergarten und das Kind selbst) recht sicher sind, dass es eine gute Entscheidung ist.

Es überwiegt in vielen Fällen die Sorge, dass die Einschulung der falsche Weg sein und schwere Folgen nach sich ziehen könnte. Und es ist zu vermuten, dass eine frühe Einschulung oft unterbleibt, auch wenn sie die bessere Lösung für das Kind wäre.

Eine „Schnupperphase“ ist eine inzwischen bewährte Möglichkeit, Unsicherheit bei Eltern, Kind, Kindergarten und Schule zu begegnen und die Entscheidung zu qualifizieren.

Diese Phase kann zu unterschiedlichen Zeitpunkten im Schuljahr stattfinden. Zwei bis drei Wochen in der ersten (oder in Einzelfällen auch zweiten) Klasse sollten es schon mindestens sein, in der das Kind sich in die neue Situation einfinden und seine Vorstellungen von Schule konkretisieren darf. Diese Zeit braucht es, um sich in der Klasse und im Unterricht zu orientieren und zu erkennen, ob Schule das bessere Lernumfeld ist.
Nach dieser Zeit sollte dann ein auf konkreten Beobachtungen gegründetes Gespräch zwischen Schule und Eltern, am besten unter Einbeziehung des Kindergartens stattfinden.

Es erscheint mir ganz wichtig, dass alle Beteiligten diesen Prozess als wirklich offen begreifen, in dem am Ende niemand Recht hat, sondern die beste Entscheidung gefunden wird. Der Rückweg in den Kindergarten muss ohne Gesichtsverlust möglich sein. Das ist zu erreichen, wenn die Situation ohne große Aufregung als eine positive Möglichkeit gesehen und dargestellt wird,

Erfahrungen zu sammeln, die vorher niemand haben kann.

Ebenfalls positiv wirkt es sich aus, wenn das Kind im Anschluss an das „Schnuppern“ gleich in der Schule bleiben darf, falls die Beteiligten zu der Einschätzung kommen, dass das Kind in der Schule besser aufgehoben ist als im Kindergarten.
Die immer wieder erlebte Abwehr der Schulen gegenüber solchen „Luxusaufnahmebedingungen“ widerspricht übrigens auch dem Gedanken der Inklusion und wird hoffentlich bald der Geschichte angehören.

Wie ergeht es Leo? (7)

Es bleibt zu wünschen, dass Leo in seiner Schule adäquat gefördert wird. Oft ist die Schule auch eine Enttäuschung für hoch begabte Kinder, wenn sie nach einiger Zeit erkennen, dass es gar nicht viel Neues für sie zu lernen gibt und das Lerntempo und die vielen Wiederholungen für sie nicht passen.

Auch in Leos Schule gab es – bezogen auf andere sehr begabte Kinder – Bemerkungen von Lehrerinnen wie: „Ihr habt gesagt, der hat besondere Fähigkeiten, jetzt stört der nur den Unterricht und macht gar nichts.“

Wenn es so weit kommt, dann ist in der Schule Einiges schief gelaufen. Möge das Leo erspart bleiben.

Nachtrag:

Nach drei Wochen wurde Leo gefragt: „Was hast du in der Schule gelernt, was war neu für dich?“ Leo: „Nichts.“ Eine Woche später ergänzt er: „Sport ist gut, da haben wir ein neues Spiel gelernt.“ – „Und was ist noch gut?“ – Leo: „Die Pausen.“ – „Und alle die anderen Stunden?“ – Leo: „Langweilig.“

„Was macht ihr denn?“ – „Zahlen und Buchstaben üben.“ (Leo liest fast flüssig und kann sowohl die Zahlen als auch alle Groß- und Kleinbuchstaben lesbar schreiben.)

„Was findest du denn besser, Schule oder Kindergarten?“ – Leo: „Kindergarten.“ – „Warum?“ – Leo: „Da konnte ich lernen, was ich wollte.“

Im Elterngespräch erfahren die Eltern, dass Leo die Zahlen zwar lesbar, aber noch nicht ordentlich genug schreibt. Dies soll er in den folgenden Wochen üben; danach bekommt er interessantere Aufgaben. Außerdem habe er noch Schwierigkeiten mit dem Stillsitzen.

Als er Tage später gerade eine schwierige Aufgabe löst, die ich mir für den 5;9-Jährigen ausgedacht habe, sitzt er ganz ruhig und arbeitet konzentriert. Ich sage zu Leo, dem die Eltern vom Gespräch mit der Lehrerin berichtet haben: „Jetzt sitzt du aber ganz still, schon ziemlich lange, auch bei der vorigen Aufgabe hast du ganz ruhig da gesessen.“ – Leo: „Das macht ja auch Spaß.“

Am Freitag sagt Leo: „Ein Glück, morgen muss ich nicht in die Schule.“ Strahlt und fügt hinzu: „Und übermorgen auch nicht!“

Hinzufügen muss man hier, dass Leo nach Aussage der Eltern immer, jeden Tag, gern in den Kindergarten gegangen ist und auch schon Freunde in der neuen Klasse hat. Seine Lehrerin findet er nett, den Ranzen findet er leicht, in seinen Sachen findet er sich gut zurecht und der Fußweg zur Schule ist ihm nicht zu weit – es könnte so schön sein, wenn er nur Neues und Interessantes und in seinem Tempo lernen könnte…

Mal sehen, wie es weiter geht. Hoffentlicht werden die früh einsetzende Schul-Unlust und Enttäuschung nicht zur Dauerfrustration!

Siehe auch: Mein erstes Schuljahr – Gespräche mit Kindern.

 

 

Ergänzung von Dorit Nörmann:

Bei uns in Niedersachsen gab es vor etwa 6 Jahren  das Projekt „Brückenjahr“ von der Landesschulbehörde. Da bekamen einige Kitas und Schulen, die ein Konzept für eine Zusammenarbeit nachweisen konnten, eine Anschubfinanzierung für 2 Jahre – hauptsächlich für Kita-Personalkosten.
Danach sollten sich die Projekte selber tragen und es gab dann nur noch Mittel für einige Coaches, die die Projekte betreuen.
In unserer Gemeinde (Wietzen) waren 2 Kitas und die Grundschule beteiligt, und wir haben eine besondere Art von Zusammenarbeit erdacht, erprobt und setzen sie immer noch um.
Als wir die Mittel vom Land nicht mehr bekommen haben, sind unsere Eltern zur Kommune gegangen und haben darum gebeten, dass die zusätzlichen Erzieherstunden von der Gemeinde bezahlt werden. Und es hat geklappt. Seit zwei Jahren trägt die Gemeinde die Kosten und für die nächsten 2 Jahre ist es auch bewilligt.

 

Wie ist unser System?
Ein Jahr vor der Einschulung werden die Kinder in einem halbstündigen Screening daraufhin getestet, wo ihre Stärken und Schwächen liegen.
6 Bereiche werden dabei berücksichtigt:

Station 1: Visuelle und allgemeine Merkfähigkeit
Station 2: Mengen-, Zahl- und Ordnungsverständnis
Station 3: Figur-Grund-Wahrnehmung, Raum-Lage-Wahrnehmung
Station 4: Laut- und Rhythmusdifferenzierung
Station 5: Logisches Denken
Station 6: Anweisungsverständnis

 

Die Kinder, bei denen sich zum Beispiel Schwächen in der Merkfähigkeit zeigen, treffen sich 6 Wochen lang immer donnerstags in den ersten beiden Schulstunden in der Grundschule. Dort arbeiten sie in kleinen Gruppen mit bis zu 6 Kindern an ihrer Merkfähigkeit.
Die Kinder bleiben während der sechs Termine zusammen, während die Lehrkraft oder die Erzieherin nach zwei Treffen die Gruppe wechselt. So arbeiten die Kinder zum Beispiel über zwei Wochen mit der Kita-Leiterin Nr. 1, danach mit der Konrektorin der Schule und dann mit der Kita-Leiterin Nr. 2 zusammen.
So lernen wir im Laufe des Schuljahres alle Kinder, die eingeschult werden, gut kennen und die Klassenzusammensetzung kann dann sehr effektiv erfolgen.
Im 2. Halbjahr werden die zukünftigen Lehrer der 1. Klasse mit einbezogen. Kinder, die gar keine Schwächen gezeigt haben, werden in sogenannten Fordergruppen mit besonderen Aufgaben konfrontiert.
Jetzt aber kommt das Allerbeste:
Auch unsere kleinen Kinder, die mehr können oder wissen wollen, dürfen an diesen Schultreffen teilnehmen und haben so schon einen guten Einblick.
Die Lehrer können so schon gut Kontakt aufnehmen und man kommt über eine vorzeitige Einschulung ganz leicht ins Gespräch.
Gerade in den Fordergruppen sind immer wieder jüngere Kinder aus den Kindergärten zu Gast. Sie haben so eine gute Möglichkeit mit älteren Kindern zusammenzuarbeiten. Die Lehrerin, die diese Gruppe leitet, sieht schon sehr früh das (hoch-) begabte Kind. Über eine vorzeitige Einschulung kann so schon früher nachgedacht werden. Manchmal ist es für das Kind auch schon ausreichend, einmal in der Woche mit in die Schule zu gehen.
Diese besondere Art der Zusammenarbeit gibt es aber nur bei uns in Wietzen und leider noch nicht überall in Niedersachsen.
Ich hatte vor kurzem ein Kindergartenteam aus der Nähe zur Konsultation in unserer Kita: Sie hatten überhaupt keine Zusammenarbeit mit ihrer Grundschule. Sie wurden von den zuständigen Lehrern völlig ignoriert. Da haben wir einen ganzen Tag lang gearbeitet und versucht Anknüpfungspunkte zu entwickeln. Die Kolleginnen haben mir richtig Leid getan, weil sie so sehr motiviert waren und bei ihrer Schule nicht weiter kamen.
Hier lesen Sie noch mehr zum Konzept des Brückenjahres.
 

Datum der Veröffentlichung: November 2013
Copyright © Hanna Vock, siehe Impressum.

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