von Hanna Vock

 

Beim Abwägen des Für und Wider einer Früheinschulung sollten die Beteiligten folgenden Fragen nachgehen:

1)
Will das Kind in die Schule?

2)
Wenn ja, warum? Welche Vorstellungen hat es über Schule?
Sind sie realistisch?

3)
Wenn es noch nicht in die Schule will, warum nicht? Hat es Angst vor der Einschulung? Kann diese Angst abgebaut werden?

4)
Welche Interessen und Fähigkeiten hat das Kind – bezogen auf die Anforderungen in der Schule?

5)
Bleiben die hauptsächlichen Spielfreunde des Kindes im Kindergarten oder werden sie eingeschult?

6)
In welchen Bereichen könnte das Kind eventuell Schwierigkeiten haben, die erforderlichen Leistungen zu erbringen?

7)
Besteht begründete Aussicht, dass das Kind diese Schwierigkeiten meistert, wenn es in die Schule darf?

8)
Welche Position nehmen die Eltern zur Frage der Einschulung ein? Welche Gründe dafür oder dagegen äußern sie?

9)
Welche Position nimmt die aufnehmende Schule /die aufnehmende Lehrkraft ein?

Erläuterungen zu den Fragen 1-3:

Es ist sinnvoll, allen Kindern schon im Kindergarten realistische Vorstellungen zu vermitteln, was Schule ist. Auch ist es wichtig, den Kindern Mut zur Schule zu machen und im Voraus Ängste, die bei manchen Kinder vorhanden sind, zu bearbeiten. Bei hoch begabten Kindern kann dieser Prozess unter Umständen deutlich aufwendiger sein als bei manchen anderen Kindern. Ihre Ängste sind oft keine Auswirkung von Unterentwicklung oder Unreife, sondern von komplexer Voraussicht – eben auch von Schwierigkeiten.

Erläuterungen zu 4:

Wenn das Kind sich auffallend und ausdauernd für Dinge interessiert, die erst in der Schule „dran“ sind, gibt es zwei Möglichkeiten, mit der Situation umzugehen: entweder stellt der Kindergarten seine Arbeit um und geht auf diese Interessen angemessen ein, oder das Kind wird eingeschult. Keinesfalls sollte man seine Lernprozesse bremsen, „damit es in der Schule später nicht zu weit voraus ist“.

Erläuterungen zu 5:

Wenn die hauptsächlichen Spielfreunde die Gruppe in Richtung Schule verlassen, spricht viel für die Früheinschulung; denn die Gefahr ist groß, dass das Kind sonst noch mehr Unterforderung und Dauerfrustration erlebt, weil die Anregungen und der Austausch mit „den Großen“ ein ganzes Jahr lang wegfallen.

Erläuterungen zu 6:

Oft wird von einer Früheinschulung abgeraten, weil das Kind zwar kognitiv sehr weit, im Sozialverhalten aber zurück sei und noch keine ausreichende Arbeitshaltung oder Frustrationstoleranz zeige.
Hier liegen nach Erfahrung aus zahlreichen Beratungsgesprächen manchmal gravierende Fehleinschätzungen vor, die auf Grund fehlender Kenntnisse zur Entwicklung Hochbegabter entstehen. Falls tatsächlich schwer wiegende Defizite im Sozialverhalten und bei personalen Kompetenzen bestehen, sollte daran gearbeitet werden. Eine bestehende kognitive Unterforderung sollte vorrangig und mindestens gleichzeitig beendet werden.

Erläuterungen zu 7:

Die Erfahrung rät, bei hoch begabten Kindern Wissenslücken nicht zu hoch zu bewerten. Auch junge Kinder zeigen eine verblüffende Fähigkeit, Lücken zu schließen, wenn sie motiviert sind, im für sie richtigen Spiel- und Lernumfeld zu bleiben. Vor allem wirkt hier auch wieder die starke intrinsische Lernmotivation, wenn das Anforderungsniveau passt.
So ist bekannt, dass hoch begabte Kinder, die eine Klasse übersprungen haben, in einem scheinbar beschleunigten (für sie aber ganz angemessenen) Lernprozess schnell den Anschluss an das Lernniveau der Klasse erreichen.

Nicht selten beobachtet wird auch, dass das Kind sich rasch in die Spitzengruppe hinein lernt (wobei es sich wohl fühlt, weil das Lerntempo stimmt) – und danach manchmal wieder unter Unterforderung leidet. Diese Tatsache weist darauf hin, dass Akzelerationsmaßnahmen (wie Früheinschulung oder das Überspringen von Klassen) das Unterforderungsproblem lindern können, aber es nicht unbedingt an der Wurzel packen.

Bei manchen Kindern, die schon lesen und/oder rechnen können, ist zu überlegen, ob sie die 1. Klasse überspringen können.

Erläuterungen zu 8:

Eltern sind häufig unsicher, ob Früheinschulung wirklich der richtige Schritt ist. Diese Eltern brauchen fachliche Unterstützung. Die konkreten Beobachtungen und Einschätzungen der qualifizierten Erzieherin können sie stärken, diesen immer noch ungewöhnlichen Weg zu beschreiten. Für das Kind ist es wichtig, dass die Eltern sich selbst einen festen Standpunkt erarbeiten und damit ihrem Kind Sicherheit geben.

Erläuterungen zu 9:

Die aufnehmende Schule sollte das Kind freundlich aufnehmen, das heißt ohne Vorbehalte und unterstützend.
Dies ist am besten dadurch zu klären, dass der Kindergarten „seine“ Schule(n) kennt und die Eltern entsprechend beraten kann.
Gespräche zwischen Schule und Eltern vor der Einschulung können sinnvoll sein.

Siehe auch: Hoch begabte Kinder zwischen Kita und Grundschule.

 

Datum der Veröffentlichung: Juli 2013
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