von Arno Zucknick

 

Am IHVO-Zertifikatskurs nahm ich als Quereinsteiger teil. Zwar war mir das Thema Hochbegabung nicht unvertraut, aber ich kannte es eher bezogen auf Jugendliche und Erwachsene. Voraussetzung für meine Teilnahme am Kurs war, dass ich einen Tag pro Woche (über zwei Jahre!) in einer Kita in meiner Wohn- und Arbeitsstadt Berlin mitarbeiten würde. Dies tat ich dann auch neben meiner freiberuflichen Tätigkeit als Lehrer in der Erwachsenenbildung, und zwar nacheinander in zwei verschiedenen Kitas. So konnte ich mich mit der Altersgruppe der bis zu Sechsjährigen vertrauter machen und erfahren, wie Kita-Arbeit „geht“.

 

… kurz gefasst …

Ein Dreijähriger interessiert sich fürs Schreiben. Der Autor arbeitet ein bis zwei Vormittage pro Woche in der Kita des Jungen und nimmt sich an diesen Tagen häufig eine halbe Stunde Zeit, um den Jungen bei seinem Lernwunsch zu unterstützen.
Die Lernfortschritte des Jungen sind erstaunlich, ebenso die Freude und die spielerische Leichtigkeit, mit der er sich die Schrift erarbeitet.

Ich wurde in den beiden Kitas gut aufgenommen. Eine Vergütung für meine Arbeit konnte ich nicht bekommen, aber ein paar Kolleginnen zeigten sich am Thema interessiert und unterstützen meine Vorhaben.

Jerome spricht prima

Jerome (3;8) fiel mir gleich am ersten Tag auf. Er war nämlich der einzige, der die Frage nach seinem Namen und Alter in einem vollständigen und richtigen Satz beantwortet hat („Ich bin Jerome und auch drei Jahre alt“), während andere drei- und vierjährige Kinder in der Gruppe lediglich mit der Nennung ihres Namens und dem Zeigen von drei Fingern reagierten. Seine sprachliche Kompetenz ist auffallend. Er fasst seine Gedanken ohne Schwierigkeiten im ganzen Satzgefüge aus Haupt- und Nebensatz. Dabei bleibt sein Sprechen flüssig, nicht wie bei vielen anderen in der Gruppe, die oft noch das kleinkind-typische mehrfache Ansetzen brauchen, bei dem zwischendurch noch einmal neu Atem geholt wird.

Nach einigen Spielen und Gesprächen mit Jerome und einem Gespräch mit seinen Eltern begann ich mich an manchen Tagen, die ich in der Kita verbrachte, etwa eine halbe Stunde lang mit Jerome zu beschäftigen. Die übrige Zeit hatte ich mit der gesamten Kindergruppe zu tun.
Das Thema, das Jerome zur Zeit besonders interessiert, ist Schreiben. Also haben wir uns gemeinsam damit befasst. 

Der pädagogische Ansatz meiner Arbeit mit Jerome

Die Arbeit mit Jerome kommt nicht auf seinen Wunsch zustande, sondern auf meine Initiative. Ich finde es daher wichtig, unsere „Sitzungen“ nicht aus irgendeiner pädagogischen Erwartungshaltung heraus zu betreiben. Ergebnisorientiert ist meine Arbeit hier nur in dem Sinne, dass ich versuche, Aktivitäten anzubieten, die Jerome Spaß machen und die auf seine momentane Interessenlage eingehen. Des Weiteren ist es mein Anspruch, möglichst aufmerksam zu sein und ihn als auch mich bei den Sitzungen genau zu beobachten. Er kann die Angebote jederzeit ausschlagen und ist zu nichts verpflichtet. Es ist immer seine Entscheidung, ob wir am jeweiligen Tag, während die anderen Kinder bereits draußen sind, eine halbe Stunde länger drin bleiben und etwas machen.

Es ist mir auch wichtig, hier kein Lehrer-Schüler-Szenario entstehen zu lassen. Wir gehen spielerisch mit dem Thema um, die Betonung liegt auf der gemeinsamen Aktivität, bei der der Ältere und Erfahrenere dem Jüngeren lediglich mit Hinweisen und Anregungen zur Seite steht und ihm weitgehend die Führung überlässt.

Unsere Sitzungen fanden nicht an jedem Tag statt, an dem ich in der Kita war. Manchmal verbrachte ich den Vormittag in der anderen Gruppe, an manchen anderen Tagen hatte ich den Eindruck, Jerome war nicht in der Stimmung, oder der Tagesablauf  war so voll, dass für Jerome die Möglichkeit noch am Vormittag rauszukommen entfallen wäre, wenn wir noch gearbeitet hätten. Jerome hat ein für sein Alter ganz normales Bedürfnis nach Bewegung und dem sollten unsere Aktivitäten nicht im Wege stehen.

Unsere ersten Sitzungen

Da Jerome auch sehr gern malt, lief es meistens so, dass wir anhand eines von ihm frei gewählten Themas Bilder gemalt und die entsprechenden Wörter dazu geschrieben haben. Bei dieser ersten Sitzung war gerade der Name seines Freundes, Felix, interessant. Den konnte er schon schreiben. Also hat Jerome Felix gemalt und den Namen dazu geschrieben. Ich malte mein eigenes Bild von beiden in ihren jeweiligen Kleidungsstücken, die sie an diesem Tag trugen, und schrieb ihre Namen über die Figuren. Jerome schrieb dann auch auf meinem Bild beide Namen noch einmal dazu und wollte auch meinen Namen schreiben. Ich schrieb ihn vor und Jerome kopierte ihn. Wir schreiben bisher immer in großen Druckbuchstaben.

Gleich bei dieser ersten Sitzung fiel mir auf, dass Jerome auch manchmal in Spiegelschrift schreibt, anscheinend ohne den Unterschied zu bemerken. Ich machte ihn darauf aufmerksam, vermied es aber, die falsche Schreibrichtung „falsch“ zu nennen, sondern nannte sie Spiegelschrift und zeigte ihm, dass man das in Spiegelschrift geschriebene Wort richtig herum sieht, wenn man das Blatt Papier gegen das Licht hält und von hinten hindurchsieht. Das fand er ganz toll. Meinen Namen schrieb er beim ersten Mal richtig herum und als ich ihn aufforderte, ihn doch auch noch einmal in Spiegelschrift zu schreiben, tat er dies ohne zu zögern und beim ersten Versuch ohne „Fehler“, was ich besonders in Hinsicht auf das „N“ in „ARNO“ erstaunlich fand. Wir stellten auch fest, dass es bei manchen Buchstaben egal ist, wie herum man sie schreibt. In der Folgezeit schrieb er noch oft in Spiegelschrift und ich machte ihn jeweils darauf aufmerksam.

Ebenfalls gleich bei der ersten Sitzung stellte sich heraus, dass er die Wörter, die er schreibt, richtig buchstabieren kann. Er tat dies unaufgefordert, nachdem er das jeweilige Wort geschrieben hatte. Dabei benennt er die Buchstaben völlig korrekt, zum Beispiel „enn“ für ein „N“ anstatt eines rein nasalen „nnn“. Ich war ziemlich beeindruckt.

In weiteren Sitzungen kamen die Themen „Piraten“, „U-Bahn“, „Namen von Kindern aus der Gruppe“, „Eule“ und „Elefant“ auf. Beim Thema  „Piraten“ fiel einmal mehr Jeromes fortgeschrittener Wortschatz auf, als er das von mir gemalte Schwert mit gebogener Klinge als „Säbel“ bezeichnete. In dieser Sitzung erklärte er dann auch noch im Detail, wie ein Flugzeug startet, dass es nämlich zunächst auf der „Rollbahn“ anfährt und dann erst „abhebt“.

Beim Thema „U-Bahn“ faszinierte es ihn, die entsprechenden Schilder mit dem auf blauem Hintergrund in Weiß ausgesparten „U“ zu malen. Diese Negativ-Methode einen Buchstaben zu malen, indem man ihn als Umriss malt und den Hintergrund auffüllt, fand er toll. Das haben wir dann auch noch mit dem auf grünem Hintergrund erscheinenden „S“ für die Stadtbahn gemacht. Das war schon schwieriger, aber er ließ sich nicht entmutigen.

Bei einer weiteren Sitzung konnten wir auf neu angeschaffte Plastik-Buchstaben mit Magnet zurückgreifen. Als ich ihm die Wörter „Mama“ und „Papa“ legte, konnte er sie, nachdem er zuerst meinte, „kann ich nicht“ (als geschriebene Wörter waren sie ihm noch neu), dann doch durch Buchstabieren entziffern und lesen. Es machte ihm sichtlich Spaß, etwas ihm noch Unbekanntes selbstständig zu enträtseln. Daraufhin wollte er auch Wörter legen, die ich ihm anschließend vorlesen sollte.

Er legte dann, das gesamte Alphabet verbrauchend, lange Fantasiewörter, die ich ihm auch vorlas. Dass dabei keine echten Wörter herauskamen, fand er nicht  irritierend, vielmehr machte es ihm Spaß zu sehen, dass man jede mögliche Buchstabenkombination irgendwie zum Klingen bringen kann, welche lustigen Laute dabei entstehen können und wie ich mich dabei abmühen musste.

Zu einer der Sitzungen sind wir aus räumlichen Gründen in den Tanz- und Turnraum gegangen und haben die Mal-Utensilien mitgenommen. An diesem Tag war Jerome nicht sehr am Schreiben interessiert, es fiel ihm schwer, sich zu konzentrieren. Das lag vielleicht an dem ungewohnten Raum und an den vielen Gegenständen und den Musikinstrumenten, die hier herumlagen.

An diesem Tag war er wohl auch darauf aus, mich ein bisschen auf die Probe zu stellen. So fing er an, mit den Musikinstrumenten  herumzuspielen und rannte an einem Punkt sogar aus dem Raum, wohl um zu sehen, ob ich hinterherkommen würde. Außerdem war zwischendurch auch noch Robert, ein Junge aus unserer Gruppe, aufgetaucht und hat ihn abgelenkt. Ich schlug ihm vor, dann doch lieber rauszugehen, was er auch gut fand. Im Ankleideraum kam er aber doch noch einmal kurz auf das Thema Schrift zurück, als er sich die Frage stellte, welche anderen Kindernamen denn noch mit „Jot“ anfangen. Er kletterte auf der Bank an den Fächern entlang und identifizierte die Namen von Josephine und zwei, drei anderen Kindern aus der Nachbargruppe.

Unsere Sitzungen dauerten meist zwischen 30 und 45 Minuten. Danach sind wir dann immer zu den anderen nach draußen gegangen.

Ergebnisse und Beobachtungen

Nach den ersten sieben Sitzungen zog ich eine Zwischenbilanz. Die Arbeit mit Jerome hatte mir und ihm bisher großen Spaß gemacht.  Er hat dabei einige neue Erfahrungen mit dem Schreiben und Lesen gemacht und einige für ihn neue Wörter zu schreiben gelernt.

Allein die Tatsache, dass Jerome bisher die Lust an unseren Sitzungen nicht verloren hat, ist für mich ein großer Erfolg. Der spielerische Umgang mit einem Thema entspricht nicht meiner natürlichen Neigung und ich empfinde mich dabei nicht als sehr einfallsreich. Ich erfasse Inhalte zumeist auf sehr analytisch-abstraktem Niveau und finde Übungen daraufhin eher langweilig. Entsprechend fällt es mir schwer, hier kreative Ideen zu entwickeln. Es war daher sehr hilfreich, Jerome die Führung zu überlassen, einfach mit ihm mitzumachen und gelegentlich Hinweise oder Hilfestellungen einzustreuen. Dieser Ansatz hat sich anscheinend bewährt.

Jerome hat sich in manchen Momenten sehr feinfühlig gezeigt, insbesondere wenn er das Gefühl hatte, ich wolle ihn prüfen, wenn ich beispielsweise nachfragte und wissen wollte, ob er etwas verstanden hatte – in solchen Situationen hat er immer sehr selbstbestimmt gehandelt und entschieden, wie weit das gehen würde.

Die Initiative zu unseren Sitzungen ging zumeist von mir aus. Meiner Erinnerung nach hat er bisher nur einmal seinerseits nachgefragt, „ob wir heute wieder schreiben“. Gleichwohl hat er auch kein einziges Mal auf meine Nachfrage hin abgelehnt.  Die typischen Merkmale einer Hochbegabung zeigt er in Ansätzen; ich denke hier zum Beispiel an seine Klage, dass er sich oft von den äußeren Abläufen gestört fühlt und sich Rückzugsmöglichkeiten wünschen würde.

Die gemeinsamen Zeiten haben Jerome und mich einander näher gebracht, der Kontakt ist ausgesprochen herzlich und er betrachtet mich als einen guten Freund, was mich wirklich sehr freut. Ich erhoffe mir für die Zukunft, dass unsere Begegnungen eine Intensivierung des Vertrauensverhältnisses und weiterhin viel Spaß und Inspiration für uns beide bringen.

 Jerome will richtig schreiben und lesen lernen, aber spielerisch

In der bisher letzten Sitzung hatte ich Jerome gefragt, ob er denn „richtig schreiben und lesen lernen“ wolle, was er bejaht hat. Die Rückmeldung der Eltern, dass Jerome zu Hause schon oft die Hausaufgaben seines Bruders (1. Klasse) mitmache, nehme ich als einen weiteren Hinweis, dass es angebracht ist, nun gezielter das Alphabet zu erarbeiten. Hierzu habe ich einen Ordner angefertigt, der für jeden Buchstaben eine Seite bereitstellt, auf der zunächst der große Druckbuchstabe ausgemalt werden, dann ein Bild in einen vorgegebenen Rahmen gemalt und schließlich ein Wort unter das Bild geschrieben werden kann.

Hier sei auch verwiesen auf das sehr schöne TINTO Buchstabenheft,
siehe: Bilderbücher, Sachbücher…

In letzter Zeit hatte es Anzeichen gegeben, dass meine gesteigerte Aufmerksamkeit für Jerome zu Eifersüchteleien und Animositäten bei anderen Kindern führen könnte.

Durch ein Gespräch mit Jerome, das in Vereinbarungen mündete, konnte das Problem entschärft werden – vor allem aber dadurch, dass ich zusätzlich zu meiner Förderarbeit mit Jerome auch Angebote zur kognitiven Förderung an die Gesamtgruppe machte.

Näheres zu dieser Problematik und zu meinem Gespräch mit Jerome siehe in:
Einzelförderung, Mentoring.

Inzwischen hatte Jerome seinen 4. Geburtstag.

Den von mir vorbereiteten Ordner, den Jerome und ich Fibel nannten, hat er mit Interesse angenommen und wir arbeiten damit. Dabei hebt er gar nicht in dem Maße, wie ich es erwartet hatte, auf das Malen von Bildern ab. Das Schreiben selbst steht für ihn im Vordergrund. In den produktiveren Sitzungen ist er erstaunlich motiviert und schreibt oft sehr lange Wörter wie „Jadgfieber“ oder „Haferbrei“. Dabei braucht er zwar durchaus meine Unterstützung, schreibt aber auf meine Hinweise hin recht selbstständig, fragt gelegentlich nach, ob das nun “richtig rum“ sei (und nicht Spiegelschrift) und will auch immer, dass ich das Wort dann noch einmal vorlese.

Die jeweiligen Wörter ergeben sich meist aus der Situation oder aus Erzählungen von seinen Erlebnissen. Auf „Haferbrei“ kamen wir beispielsweise, weil er erzählte, er habe an jenem Morgen eine riesige Schüssel davon gegessen. Einmal erwähnt er, dass seine Mutter ihm erzählt habe, sie sei früher immer über die Grenze in die DDR gefahren. Nun will er wissen, was das heißt und wie man es schreibt. Ich buchstabiere es ihm und er schreibt es. Bei dem „D“ fällt ihm auf, dass es ja fast wie ein „T“ ist und amüsiert sich dann, dass das „T“ ja quasi schon das ganze Wort „Tee“ ist.

Große Freude machen ihm nach wie vor lange Fantasie-Wörter aus wild zusammengewürfelten Buchstabenfolgen, die ich ihm dann vorlesen soll, manchmal schreibt er sie, manchmal legt er sie mit den Magnet-Buchstaben aus Plastik, die wir in fast jeder Sitzung benutzen, seit wir sie haben. Da solche Wörter meistens lange Folgen von Konsonanten beinhalten, ist es für ihn witzig, wenn ich versuche, sie zu intonieren, gleichzeitig stoßen wir so immer wieder auf das Problem, dass dies eben wegen der vielen Konsonanten so schwierig ist. Als ich solch ein Wort einmal zum Anlass nehme, ihn auf den Unterschied zwischen Konsonanten und Vokalen aufmerksam zu machen und ihn bitte, doch ein paar Vokale einzufügen, tut er dies zielsicher und ohne weiteren Erklärungsbedarf.

Nach den ersten sieben Sitzungen ist etwas Neues zu beobachten:

Jerome fordert die Sitzungen ein

Es fällt jetzt auch auf, dass er, wenn wir länger nichts gemacht hatten, geradezu darauf drängt, „heute wieder was zu schreiben“. Er empfindet das Schreiben mit mir anscheinend anregend und fragt diese Aktivität mit großem Interessse nach, wenn die letzte Sitzung schon etwas länger her ist.

Die Sitzungen waren generell umso produktiver, je ungezwungener sie waren. In dem Maße, in dem ich versuchte, sie zu strukturieren und systematisch das Alphabet zu erarbeiten, zeigte er sich schwerfällig und uninspiriert. So sind wir in der Fibel nach zweiweiteren Sitzungen beispielsweise erst bei dem Buchstaben „C“, obwohl er doch schon viel mehr Buchstaben kennt und anwendet. Ich muss mich immer wieder darauf besinnen, dass hier kein „Klassenziel zu erreichen ist“ und ich mich ohne Not auf seinen intuitiven, spielerischen Umgang mit dem Thema einlassen kann.

Hoch begabte Menschen gehen oft eigenwillige Lernwege, die nicht immer einer üblichen Systematik folgen müssen.

Jerome lernt das ganze Alphabet kennen

Wir haben uns in den folgenden drei Monaten anhand der Fibel konsequent weiter durch das Alphabet gearbeitet und sind schließlich bis zum Buchstaben „S“ vorgedrungen,  wobei die verbleibenden Buchstaben ebenfalls aufgetaucht sind, weil sie in Wörtern vorkommen, die wir unter den vorangehenden Buchstaben behandelt hatten. Dazu brauchten wir neun Termine.

Man kann also sagen, dass Jerome inzwischen Bekanntschaft mit dem gesamten Alphabet einschließlich der Umlaute gemacht hat. Das Wort „Alphabet“ selbst benutzt er in diesem Zusammenhang mit großer Selbstverständlichkeit.

Es kam in letzter Zeit immer seltener vor, dass andere Kinder aus der Gruppe an diesen Sitzungen teilnehmen wollten, was Jeromes Konzentration sehr zu Gute kam. Ich vermute, dass diejenigen, die teilgenommen hatten, gemerkt haben, dass sie dieser Aktivität nicht viel abgewinnen konnten, da sie nicht dasselbe Interesse am konzentrierten Arbeiten mit Buchstaben mitbrachten.

Es ist schade, dass in dieser Kita-Gruppe keine anderen Kinder waren, die sich genauso stark für die Erarbeitung der Schrift interessierten. Das wäre für Jerome noch besser gewesen So aber blieb bloß die Methode der Einzelförderung.

Siehe: Integrative Schwerpunktkindergärten für Hochbegabtenförderung

Bei allen Sitzungen konnte ich beobachten, dass Jerome weiterhin mit großem Interesse und großer Konzentrationsfähigkeit bei der Sache war. Oft ist er geradezu durch die Fibel gestürmt und hat einen Buchstaben nach dem anderen „bearbeitet“.

Dabei hat er große Fantasie beim Auffinden von passenden Wörtern gezeigt und hatte keine Scheu vor langen Wörtern. Beim „N“ beispielsweise entschied er sich, das Wort „Nussschokolade“ zu schreiben. Beim „D“ fiel ihm „Durst“ ein er und merkte schnell, dass man das zwar leicht schreiben kann – aber wie sollte man „Durst“ malen? Seine Lösung war, ein Glas Bier zu malen, auf das er dann ja auch noch das Wort „Bier“ schreiben konnte. Besonderheiten bei der Schreibweise von Zischlauten wie „ch“ und „sch“ oder die prinzipielle Kombination von „Q“ und „u“ bedurften zwar der Erklärung, wurden dann aber ohne Weiteres umgesetzt.

Es war immer wieder erfrischend, seine schnelle Auffassungsgabe zu erleben. Einmal schrieb er mitten im Wort das „S“ spiegelverkehrt und ich machte ihn lediglich darauf aufmerksam, dass da in dem Wort etwas noch nicht ganz stimmte. Er lokalisierte auf Anhieb den Fehler beim „S“, hielt das Blatt anders herum gegen das Licht und sagte: „So muss es sein“.

Beim „Q“ war unser Beispielwort „Qualle“. Durch die direkte Folge von „L“ und „E“ kam er darauf, dass ja das „E“ eigentlich (als geschriebener Buchstabe) eine Kombination aus „F“ und „L“ ist. Daraufhin untersuchten wir weitere Buchstabenkombinationen wie das „P“ das ein Teil von „B“ bzw. „R“ ist.

Jerome weiß jetzt, wie er weiter lernen kann

Er entwickelte im Verlauf der Arbeit auch selbstständig Arbeitsstrategien. So wurden Blätter, die er außerhalb der Fibel erstellt hatte, bei den entsprechenden Buchstaben eingeordnet. Beim Schreiben neuer Wörter recherchierte er bei Unsicherheiten bestimmte Buchstaben in der Fibel, indem er zurückblätterte und sie ausfindig machte.
Eine andere Strategie war, einen Buchstaben, an den er sich zwar erinnerte, bei dem er aber nicht ganz sicher war, zuerst auf einem Schmierzettel auszuprobieren und ihn von mir absegnen zu lassen. Dann erst wurde dieser auf die Seite in der Fibel übertragen. Wenn einmal wegen der Länge des Wortes der Platz auf der Seite nicht ausreichte, schrieb er einfach „um die Ecke“ am Rand der Seite weiter.

Währenddessen überraschte er mich auch immer wieder mit seinem großen Wortschatz. Bei der Qualle erzählte er zum Beispiel, dass die ja Tentakeln habe, und schrieb gleich erstmal das Wort „Tentakeln“.

Gern machte er Gebrauch von alternativen Möglichkeiten des Schreibens wie den Plastikbuchstaben, die man auf der Magnettafel zu Wörtern zusammenlegt, oder einem neu angeschafften Brett mit ausgehobenen Buchstaben, die durch Schraffieren auf ein darübergelegtes Blatt Papier übertragen werden können. Alles das tat er mit spielerischer Leichtigkeit und ganz selbstverständlich. Deutlich spürte er aber auch, wenn es ihm reichte und er gern nach draußen wollte, um sich auszutoben. Das sagte er dann ganz klar und die Sitzung war beendet.

Was hat es gebracht?

Leider musste ich die Arbeit mit Jerome beenden, da ich aus Ausbildungsgründen noch in einer anderen Kita arbeiten wollte, um breitere Erfahrungen zu sammeln.

Mit Jeromes Mutter konnte ich beim Sommerfest ein abschließendes Gespräch führen. Sie äußerte sich sehr positiv und bedankte sich für meine Arbeit mit ihrem Sohn. Er habe das sehr gut gefunden und es sei auch ihr so vorgekommen, dass ihm die gemeinsame Arbeit gut getan habe. Da er sich auch zuhause als sehr wissbegierig zeige, sei es für ihn eine wertvolles Angebot gewesen, mit mir Schreiben zu üben.

Aus meiner Sicht ist die Arbeit mit Jerome für uns beide von großem Gewinn gewesen. Jerome hat es sichtlich gut getan, eine besondere Zuwendung zu erfahren und gleichzeitig fokussiert und unter Anleitung einem seiner Interessen nachgehen zu können. Dies entnehme ich der Tatsache, dass es  – bis auf die ersten Male – sichtlich sein eigener Antrieb war, aus dem heraus die Sitzungen stattfanden.

Er hat sich mit meiner Unterstützung das Schreiben (vorerst in Großbuchstaben) erfolgreich erarbeitet; alles Weitere kann er selber herausfinden bzw. üben.

 

Datum der Veröffentlichung: Juni 2012
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