von Beate Kroeger-Müller

 

Ausgangspunkt und Anregung für das Projekt war der Interessen-Fragebogen für den Kindergarten mit der anschließenden Auswertung. Die Auswertung von Jonas´ Fragebogen (alle Namen geändert) erweckte mein besonderes Interesse. Als ältestes Kind der Einrichtung äußerte er den Wunsch nach mehr Freundschaften innerhalb der Gruppe und bat mich, ihm dabei zu helfen. Diese Hilfe soll Jonas durch das Projekt erhalten.

Eine Auswahl aus Jonas‘ Antworten:

Auf die Frage: Mit wem spielst du am liebsten? nennt Jonas blitzschnell seinen besten Freund Jonathan (5;8).  Nach längerem Zögern erst nennt er die Zwillinge Torben und Melvin (5;4), mit dem Nebensatz „wenn es gut klappt“.

Auf die Frage: Was ist schwierig für dich im Kindergarten antwortet Jonas: “Mit anderen Kindern zu spielen, weil ich nur weiß, wie ich mit Jonathan richtig spielen kann, – und in (…meinem Wohnort…) hab ich nämlich nur sehr wenig Freunde.“

Mehr Antworten von Jonas und meine Bemerkungen dazu finden Sie in: Jonas, 6 Jahre.

Bei meiner Nachfrage, was er in seinem letzten Kindergartenjahr denn noch lernen möchte, ergänzt Jonas:

“Wie kann ich lernen richtig mit anderen Kindern zu spielen, damit ich noch mehr Freunde haben kann?“

Für mich zeigt diese Antwort eines 6-jährigen Kindes ein hohes Maß an Selbstreflexion und guter realistischer Selbsteinschätzung, gepaart mit der großen Sehnsucht nach mehr freundschaftlichen und dauerhaften Kontakten. Denn Jonas leidet zunehmend an dem Problem, nicht mit anderen Kindern ins längere Spiel zu kommen, und an dem daraus entstehendem Gefühl, nicht dazu zu gehören.

…kurz gefasst…

Ein sechsjähriger Junge macht in seinem letzten Kindergartenjahr eine rasante sozial-emotionale Entwicklung durch. Er formuliert seinen Lernwunsch: mehr Freunde finden. Die Autorin greift diesen Wunsch auf und initiiert eine Forschergruppe, die sich als ein sehr gutes Lernfeld für Jonas erweist. In dieser Kleingruppe übt er über Monate soziale Kompetenzen ein, eng begleitet und angeleitet von der Autorin.

Zugleich beschreibt dieser Beitrag ein Projekt zum forschenden Lernen.

 

 

Was Jonas lernen muss, ist zwischen Selbstbehauptung und Sozialverhalten zu unterscheiden, um sein eigenes Verhalten situationsgemäß zu steuern. Jonas kennt sehr wohl seine Stärken, aber vermag es auch seine Schwächen zu artikulieren. Auf die Frage: Gibt es etwas, das dich häufig nervt? antwortet Jonas: „Es nervt mich, wenn ein anderes Kind in das Spielgebiet von Jonathan und mir kommt“.

Ein Grund für sein soziales Problem liegt vielleicht auch darin, dass er trotz seiner hohen sprachlichen Fähigkeit seine vielen originellen Ideen den Kindern nicht wirklich überzeugend vermitteln kann und ein „ungeduldiger Bestimmer“ ist. Er dominiert schnell die Spielverläufe der anderen Mitspieler, er ändert die Handlungen, Regeln und Inhalte der Spiele, die die anderen Kinder begonnen haben, ohne sie zu fragen oder näher damit einzubeziehen. Bislang kann Jonas es nicht verstehen, dass er sich damit keine Freunde macht, obwohl sein sprachliches Bemühen darin bestand, sich noch besser auszudrücken, um es den anderen Kindern noch besser zu erklären.

Häufig empfindet Jonas eine größere Gruppe, (etwa 5 Kinder, die lebhaft im Außengelände spielen) für sich als Bedrohung, so dass er oft glaubt, sich gegen diese körperlich wehren zu müssen.
Jonas besucht unseren Kindergarten, seit er 3;4 Jahre alt war. Er kam zu uns als Geschwisterkind seines älteren Bruders, der sein letztes Jahr im Kindergarten durchlief. Somit war er schon gut vertraut mit unserer Einrichtung.

Er kam jeden Morgen freundlich bis heiter in den Kindergarten, völlig unabhängig von der Befindlichkeit seines zwei Jahre älteren Bruders. In seinem witzigen Gesicht mit den tiefen Grübchen und dem verschmitzten Blick ließ sich von Beginn an leicht sein Gefühlszustand erkennen. Jonas war eines jener Kinder, die es verstanden, ihren Egozentrismus „auf das Feinste“ auszuleben. Die ganze Welt hatte sich wirklich nur um ihn alleine zu drehen.

Auf Grund seiner schon damals hohen sprachlichen Kompetenz war es Jonas immer möglich, seine Belange uns oder der Gruppe gegenüber verbal gut verständlich zu äußern. Durch die liebevolle Führung seines Bruders brauchte Jonas sich in seinem ersten Kindergartenjahr nicht um Freundschaften zu kümmern. Er war in der Obhut seines Bruders gut in dessen Freundeskreis eingebunden .

Im ersten Jahr erschien uns Jonas in seiner Entwicklung unauffällig und durchaus altersadäquat zu sein. Doch nach dem ersten Jahr fiel uns auf, dass er in seinem Bewegungsverhalten und der Reizverarbeitung, wie auch in seiner Körperwahrnehmung und seinen Bewegungsabläufen, eine Entwicklungsverzögerung hatte. Insgesamt wirkte Jonas in seiner Grobmotorik ungeschickt. Auch zeigte er immer häufiger ein starkes Vermeidungsverhalten bei der Konfrontation mit Bewegungsangeboten.

Dies war auch so bei feinmotorischen Angeboten. Jonas zog sich bei schon geringen Anforderungen in ein kleinkindhaftes Verhalten (regressiv, zum Teil auch unterschwellig aggressiv) zurück und benötigte innerhalb unserer Kindergartenarbeit viel Bestätigung.

Bei Misserfolgen versuchte Jonas direkt Strategien zu entwickeln, die Aktivität zu umgehen. Insgesamt zeigte sich sein Selbstwertgefühl noch als sehr gering, da er seine motorischen und Wahrnehmungs-Auffälligkeiten sehr bewusst registrierte.

Die von uns angeregte Überprüfung bei der Ergotherapie bestätigte unsere Beobachtungen, so dass Jonas eineinhalb Jahre in der Ergotherapie gezielt gefördert wurde und an einem bewegungstherapeutischen Angebot im Psychomotorik-Verein teilnahm.
Mittlerweile zeigt Jonas eine verbesserte Verarbeitung von Gleichgewichts- und taktilen Reizen, die ihn die Radtouren mit der Gruppe der Vorschulkinder sicherer meistern lassen. Auch das wöchentliche Schwimm- und Turnangebot des Kindergartens nimmt Jonas nun mit Freuden an. Beim täglichen Springen auf dem großen Trampolin im Aussengelände ist zu beobachten, wie gut sich seine Raum-Lage Erfassung verbessert hat. Ebenso hat sein leicht herabgesetzter Muskeltonus, mit erschwerender Fehlstellung, eine verbesserte Spannung innerhalb seiner Körperhaltung gefunden.
In seinem sozialen Verhalten zeigt Jonas aber oft noch Züge eines viel jüngeren Kindes, da er immer noch sehr in seiner Egozentrik verhaftet ist und ein starkes Bedürfnis hat, stets im Mittelpunkt zu stehen und zu bestimmen. Ist sein Freund Jonathan nicht im Kindergarten, sucht Jonas eher das Spiel derjenigen Kinder auf, die viel jünger sind als er. Auch vermag es Jonas nicht, sich mit den Gefühlen der anderen Kinder zu identifizieren, so dass er nur schlecht mit anderen Freude teilen oder mit ihnen Mitleid empfinden kann.

Es fällt ihm sehr schwer, von seinen mitgebrachten Dingen von zu Hause im Kindergarten abzugeben oder auch sie nur aus der Hand zu geben. In Kreisgesprächen beteiligt er sich eifrig, so lange er von sich und seinen Erlebnissen laut und mit viel Gestik erzählen kann. Es ist nicht leicht für Jonas, anderen Kindern auch nur für kurze Zeit zuzuhören, abzuwarten und ihnen nicht ins Wort zu fallen. Jonas missachtet somit aufgestellte Gesprächsregeln, und viele Kinder fühlen sich gestört, wenn Jonas sie unterbricht oder sie korrigieren will. Den Umgang mit Konflikten musste er erst mühsam erlernen, da er sehr zornig reagieren kann und es für ihn nur seine eigene Wahrheit gibt und die Eigen- und Fremdwahrnehmung noch weit auseinander liegen (denn Jonas war nie der „Schuldige“!).

Spiele zu verlieren zählte bis vor wenigen Monaten noch zu Jonas schlimmsten Erlebnissen, denn diese emotionalen Spannungen konnte er nur schlecht aushalten. Zornig verliess er die Turnhalle, wenn seine Mannschaft verlor, oder warf das Spielbrett um und ging wütend mit bösen Beschimpfungen aus dem Raum. Auch konnte Jonas es nur schlecht aushalten, wenn sein Freund Jonathan es zuließ, dass ein weiteres Kind in das Spielgeschehen mit einbezogen wurde. Jonas empfand das „neue Kind“ als direkte Konkurrenz und setzte alles daran, es aus seinem „harmonischen Spiel“ mit Jonathan zu entfernen.

Dem Kickerspiel, das in unserem Kindergarten eine große Rolle spielt, stellte Jonas sich erst gar nicht, weil er schon auf Grund seiner kritischen Selbstwahrnehmung vermutete, nicht gewinnen zu können. Erst als ich ihm sagte, dass Gewinnenwollen wirklich eine ganz wichtige Sache ist, es aber genau so wichtig ist, verlieren zu können, stellte sich Jonas langsam auch dieser Herausforderung.

(Siehe auch den Beitrag: Ich gewinne.)
Wir Erwachsenen erwarten oft von einem begabteren Kind, dass seine sozial-emotionale Reife auch seiner geistigen Entwicklung entspricht und vergessen dabei, dass Intellekt und Emotion oft nicht miteinander Schritt halten. Manchmal erscheint uns Jonas als ziemlich reif, wenn er zum Beispiel schon am frühen Morgen mit uns über die Eröffnung eines Sparkontos durch Minderjährige diskutiert. Ein anderes Mal erscheint er uns als ziemlich kindisch, wenn er nur wenig später weinend kommt, weil ein Kind nicht „richtig“ mit seinem „Hundi“ (Schmusetier) gespielt hat.

Zielsetzung im sozial-emotionalen Bereich.

Was möchte ich bei Jonas innerhalb eines Projektes bevorzugt unterstützen?

Zum Einen möchte ich herausfinden, wie ich Jonas in seinem letzten Kindergartenjahr, als ältestes Kind in der Gruppe, im sozial-emotionalen Bereich besser gerecht werden kann, um ihn in seinem Bedürfnis nach Zugehörigkeit unterstützen zu können.

Auch möchte ich ihm helfen, eine bessere Anpassungsfähigkeit in der Gruppe und mehr Einfühlungsvermögen im Umgang mit dem einzelnen Kind zu entwickeln.

Zum Zweiten möchte ich in seinem letzten Kindergartenjahr genauer beobachten, ob sein oftmals ungewöhnliches Verhalten in der Kindergruppe tatsächlich seine Ursache in einer besonderen Begabung haben könnte, denn ich erlebe bei Jonas eine große Diskrepanz zwischen seinem sprachlich-intellektuellen Verhalten und seinem sozial-emotionalen Verhalten.

Während der Durchführung eines eigenen Projektes in den nächsten sieben Wochen sehe ich hierfür ein wunderbares Experimentierfeld.

Kompetenzerwerb in Partizipation

Als Projektleiter in seiner gewünschten Kleingruppe kann Jonas selbst bestimmt arbeiten. Damit verbunden ist die Chance, das Maß an emotionaler Reife und an sozialer Kompetenz zu erhöhen.

Das Verstehen sozialer Aspekte und das Üben erfreulicher zwischenmenschlicher Kontakte möchte ich bei diesem Projekt nicht aus den Augen verlieren. Denn nur in der direkten Auseinandersetzung mit dem „Du“ erfährt Jonas, dass er nicht der Sonderling innerhalb der Gruppe ist, sondern wegen seiner selbst angenommen wird. Nur so kann es für Jonas zu einer Werterhöhung der Person hin zur Persönlichkeit kommen.

Durch sein von ihm selbst erwähltes Projekt – mit seiner „Wunschgruppe“ – hat er jetzt die Möglichkeit, gezielte Kontakte einzugehen. Wir Pädagoginnen haben nur die Aufgabe, zu beobachten und Unterstützerinnen von Lernprozessen zu sein. Wir können die Bedingungen und Räume schaffen, damit personale Begegnung der Kinder im Mittelpunkt stehen kann.

Projektbenennung: „Naturausflüge mit Naturerforschung“

Jonas befragt freudig erregt die fünf von ihm gewünschten Kinder. Er macht das so:

„Name…, hättest du Lust, mit mir und Beate Ausflüge in die Natur zu machen, um noch mehr die Natur zu erforschen?“

Irina ist das erste Kind, das gefragte wird, aber auch das einzige, welches verneint: „Mich interessiert das nicht“ . Schon bekommt Jonas Sorge, mehr Absagen zu erhalten, denn seine Frustrationstoleranz ist noch sehr gering für seine 6 Jahre, 4 Monate.

Verunsichert sucht er in der Gruppe herum und stellt die gleiche Frage dem nächsten Kind, leiser und bedächtiger.

Jonas hat Glück, es gibt nur noch freudige Zusagen. Er hat sich eine Gruppe von vier neugierigen, kreativen und wissbegierigen Vorschulkindern (Fünfjährige) ausgesucht.

Es sind alles Kinder (drei Jungen, ein Mädchen), die auf „eigene Faust“ Antworten auf ihre Fragen suchen, die Lust auf das Erforschen haben. Kinder, die suchen und finden, beobachten und vergleichen wollen und die prima staunen können.

Zielsetzung für die kognitive Förderunginnerhalb der Projektarbeit

Erforschendes und entdeckendes Lernen bedeutet für mich, dass die Kinder nicht das fertige Produkt vorgesetzt bekommen, sondern wir lassen uns gemeinsam von der Lernumwelt stimulieren. Denn seit jeher geben wir unseren Kindern viel Zeit und Raum für Wissbegierde. Wir lassen uns von der Spannung und Experimentierfreude der Unternehmung führen, um sie evtl. vor Ort auflösen zu können. Dies geschieht durch Auseinandersetzung mit dem, was wir in der Natur beobachten und entdecken.

Besonders nachhaltiges Lernen erfahren Kinder immer dann, wenn sie selbstständig und eigenverantwortlich arbeiten können.

Erst wenn die Gruppe sich als Einheit innerhalb des Projektes erlebt – mit aller Unterschiedlichkeit von Persönlichkeit und Begabung – und fähig ist, gemeinsame Aufgaben zu lösen, und wenn sie spürt, welche Fülle an Ideen aufeinander treffen, die gemeinsam geordnet werden müssen, kann ich für mich von einer gelungenen Vorplanung der Unternehmung sprechen.

Diese gemeinsamen Vorbesprechungen werden für Jonas eine große Herausforderung und ein gutes Übungsfeld sein, da er von Beginn an seinen Freunden Raum lassen muss für eigene, neue Einfälle – und Toleranz zeigen kann gegenüber anderen Ideen. Jonas kann hierbei seine Gruppe als Solidaritätsgemeinschaft erleben, wo er lernen kann, mit den eigenen Gefühlen und den Gefühlen anderer bewusster umzugehen.

Meine Rolle als Pädagogin verstehe ich als

  • Beraterin,
  • Lernbegleiterin,
  • Unterstützerin (zum Beispiel bei Rückschlägen motivieren) und als
  • Organisatorin.
  • Ich fordere Entdeckerlust und Experimentierfreude heraus.
  • Ich stelle den Kindern Freiräume zur Verfügung, in denen sie eigene Ideen umsetzen können.
  • Und bei Erfolg will ich natürlich mitfeiern.

Mein Lernziel ist es,

  • der Kindergruppe so flexibel wie möglich nutzbares, „intelligentes“ Wissen und nicht reines Faktenwissen über Naturerforschung zu vermitteln,
  • den Kindern eigene Denkprozesse und Lösungsstrategien an die Hand zu geben.

Bei der Durchführung dieses Naturprojektes habe ich das große Glück, um die Unterstützung meiner Kollegin zu wissen. Ganz wichtig ist auch die Unterstützung aus der Elternschaft, die es mir durch ihre zusätzlichen Dienste und ihr Expertenwissen erst ermöglichen, ein so zeitaufwändiges Exkursionsprojekt mit einer Kleingruppe durchzuführen.

Verlaufsplanung des Projekts

Sammeln von Exkursionsvorschlägen – Wohin können uns unsere Naturausflüge führen?

Jonas: „In unseren Wald – um einen richtigen Waldausflug zu machen, um vieles zu entdecken.“

Charlotte: „Auf den Drachenfels und in die Drachenhöhle gehen.“

Jonathan: „An den Dornheckensee in die Fledermaushöhle oder auf dem Gucksteinweg wandern.“

Melvin: „In eine dunkle Höhle gehen.“

Torben: „In einen Steinbruch gehen und die Edelsteine rausholen.“

Jonas: „Und als Abschluss möchte ich eine Naturübernachtung mit meinen Freuden machen!“

Worterklärung: Was ist – oder – heißt „erforschen“ ?

Torben: „Etwas Neues entdecken in der Natur.“

Jonathan: „Erforschen heißt so viel wie entdecken, also so wie etwas Neues finden.“

Melvin: „In eine Ecke mal rein leuchten und gucken was da ist.“

Charlotte: „Eine Blume lange auf einer Wiese angucken und die Blume dann so kennenlernen.“

Jonas: „Erforschen bedeutet, dass man die Pflanzen und Tiere, Fossilien, Steine und Edelsteine untersucht.“

Frage: Was gehört denn alles zur Natur?

Jonas: „Also der Rheinstrand ist zwar sehr schön, aber zählt für mich nicht so richtig zur Natur. Am Strand sind nur Steine und dazwischen Sand und dann der Rhein. Natur ist für mich einfach etwas anderes. Wo etwas mehr da ist und lebt. So wie der Urwald, ja das ist Natur.“

Jonathan: „Natur ist immer da, wo fast keiner wohnt, weil da so viele Pflanzen sind. Aber Natur ist auch ein Steinbruch, weil da wohnt ja auch keiner.“

Charlotte: „Tiere, Pflanzen, Obst und viele Fische.“

Melvin: „Natur sind einfach Menschen und alles, was lebt.“

Torben: „Und Bäume.“

Die fünf Kinder planen weiter

Sie möchten alles selbst organisieren und überlegen gemeinsam: Jonas zeigt sich bei dieser Planung als äußerst kooperativ. Er unterstützt die Vorschläge der anderen Kinder mit Klatschen, sich die Hände reibend, oder er sagt verstärkend:

„Tolle Idee“ , „prima“, „ja so machen wir´s“.

Diese Ideen haben die Kinder zusammen getragen:

  • Eine Forscherwerkstatt im Kindergarten einrichten. Dazu brauchen wir ein Fernglas, Hammer, Schutzbrillen, Bücher, Vergrößerungsgläser, Taschenlampe, Taschenmesser.
  • Oder ein Naturmuseum: mit toten Tieren, Pflanzen, Knochen, Gesteinen und einem Fotoapparat, damit wir die Bilder den anderen Kindern zeigen können.
  • Oder ein Buch selbst machen, wo wir rein schreiben und malen, was wir gemacht haben.

Schon nach vier Zusammenkünften ist zu sehen, dass das Selbstvertrauen der Kleingruppe der Vorschulkinder wächst und die Gruppe sehr ehrgeizig versucht, ihr Projekt (es ist nun nicht mehr alleine „Jonas‘ Projekt“) mit immer neuen Ideen gemeinsam voranzutreiben.

Es werden von zu Hause Bücher und Halbedelsteine zum Thema mitgebracht, das erste Werkzeug (Vergrößerungsgläser und Fernglas) findet auch schon Platz in der „Forscherwerkstatt“. Eltern, die uns während der Ausflüge begleiten sollen, werden von den Kindern angesprochen. Sie sollen uns, wenn möglich, auch fachlich unterstützen

Ich spreche nur noch die fünf Außentermine mit meiner Kollegin und den Eltern ab, und schon kann es in den Wald gehen – mit Bestimmungsbuch, Fotoapparat, (jedes Kind erhält eine eigene Einmalkamera mit 28 Bildern für die vier Exkursionen), Taschenmesser, Lupenbechern und Handlupen. Denn wir wollen die „kleinen Insekten“ und die „Sechsbeiner“ beobachten und natürlich erforschen.

Verlauf des ersten Exkursionstages

Mit fünf Kindern und schwer beladenen Forscherrucksäcken fahren wir mit den Fahrrädern in „unseren“ Wald. Die Radfahrt dorthin dauert etwa 20 Minuten, den Wald kennen die Kinder gut, da wir – neben Ausflügen – zum Ende jedes Kindergartenjahres etwa acht Wochen im Wald verbringen.

Charlotte: „Hallo Wald, ich hab dich schon echt vermisst!“ Die übrigen vier Kinder stimmen der Begrüßung laut zu.

Mit den Lupengläsern und ihrem „Bestimmungsfächer“ gehen die Kinder über den Waldboden.

Jonathan: „Kommt mal zu mir, ich habe die Ameisenstraße entdeckt!“ Er leuchtet mit der Taschenlampe in ein Loch, und da ist die ganze Ameisenstadt drinnen. Die ersten Ameisen werden in den Lupengläsern genau beobachtet und man stellt auch eine Familienähnlichkeit fest.

Wir finden Steinläufer mit „unzählbar vielen“ Füssen, Nacktschnecken, die zählen aber nicht mit (keine Füße), Rollasseln und Spinnen. Dank des Bestimmungsbuches ist es jedem Kind selbst möglich sein Tier wiederzuerkennen, zu bestimmen und zu fotografieren, um es anschließend wieder frei zu lassen.

 

 

 

Jonas: “Kommt, wir gehen jetzt mal alle zur Fuchshöhle und leuchten da rein.“

Alle Kinder kennen die umgestürzte Riesenbuche, deren Wurzelwerk frei liegt und uns den Blick in ihr Höhleninneres gewährt. Alle Kinder folgen Jonas.

Jonas: „Ich wußte gar nicht, wie mutig ich bin, so gleich als erster in die Höhle zu klettern und so tief zu gucken. Ihr findet das bestimmt auch alle ganz toll, wie ich das hier mache.“

Jonas ist noch sehr seinem Ego verhaftet. Die übrige Gruppe toleriert es, sie widerspricht ihm nicht, auch wenn er immer wieder versucht, seine Einzigartigkeit herauszustellen.

Auf der großen Wiese gleich neben unserem Buchenwald fangen die Kinder mit viel Jagdgeschick: vier Heupferdchen, zwei Weberknechte, drei Schnaken und einen Marienkäfer.

Jonas gelingt es nur mit viel Mühe, ein Tier in seinem Lupenbecher zu fangen. Aber er sagt: „Ich finde, dass mein Käfer der allerschönste ist von allen Tieren, die wir heute gefunden haben. Kommt mal her und schaut ihn euch genau an.“

Jonathan: „Ja, der ist schön und sieben fette Punkte hat der.“

Jonas: „Der Siebenpunktmarienkäfer gehört nur mir ganz alleine.“

Melvin: „Das stimmt aber nicht, alle Tiere gehören sich selbst.“

Charlotte: “So wie auch jeder Mensch sich nur selbst gehört, denn eigentlich darf man Menschen auch gar nicht einsperren.“

Torben: „Aber nur Einbrecher, weil die die Sachen von anderen wegnehmen, die ihnen auch nicht gehören.“

Jonas: „Ja, ja, ich lasse den Käfer auch wieder frei. Aber von all den Tieren ist meiner doch wirklich am schönsten.“ Die vier Kinder reagieren nicht weiter auf Jonas und gehen wieder auf die Suche nach sechsbeinigen Insekten.

Ich sage zu Jonas: „Vielleicht empfindet jedes einzelne Kind sein Tier, das es gefunden hat, als sein schönstes und wertvollstes und möchte damit gar nicht mit anderen Kindern wetteifern.“ Jonas hört meine Worte, sagt aber nichts, nur die Falten auf seiner Stirn deuten an, dass er gerade über etwas nachdenkt.

Bevor wir wieder zurückfahren, sammeln wir uns in einer Runde, und jeder erzählt, was für ihn heute das schönste Erlebnis war.

Fünf zufriedene Kinder kommen nach drei Stunden Waldausflug und Wiesenerforschung in den Kindergarten zurück und teilen den übrigen Kindern an Hand des Bestimmungsfächers mit, was sie Neues erfahren haben. Melvin: „Heute hab ich mich im Wald echt wie ein Forscher gefühlt!“
Ich erlebe Jonas in der darauffolgenden Woche in der Gesamtgruppe als ruhigen und besseren Zuhörer. Auch achtet er besser auf die jüngeren Kinder. Verstärkt ist er im Freispiel mit seiner „neuen Gruppe“ (ohne Charlotte) zusammen. Die Spiele wirken ausgeglichener. Torben sagt klar an, wenn er etwas nicht so machen möchte, wie Jonas es vorschlägt, und Jonas lässt es auch schon etwas zu und kann die Kritik aushalten, ohne gleich aus dem Spiel zu gehen. Jonas muss aber weiter lernen, nicht nur mit seinen Gefühlen, sondern auch den Gefühlen anderer bewusster umzugehen.

Verlauf der zweiten Exkursion

Unterstützt durch eine Kindergartenmutter, die Biologinist und professionell geplante Kinderführungen durch die Natur anbietet, waren wir in besonderer Weise gut gerüstet für unsere zweite Erforschungsreise ins nahe Siebengebirge, um „in einen Steinbruch zu gehen und Edelsteine raus zu holen“.

In unseren Rucksäcken befinden sich heute Schutzbrille, Hammer, Lupe, eine kleine Sammeltasche, Bestimmungsbuch, Essen und Trinken.

Ich übergebe für diesen Morgen die Leitung des Projekts an die Mutter und sage auch den Kindern, dass Sonja die Expertin auf diesem Gebiet ist. Sonja erzählt den Kindern im Steinbruch von der Entstehungsgeschichte dieser dramatischen Felslandschaft – von Vulkanen, die vor vielen Millionen Jahren hier ausgebrochen sind, und von der weiteren Entwicklung, bis hin zum Abbau und der Verarbeitung der Steine noch bis vor wenigen Jahrzehnten.

Die Kinder sind höchst gespannt und hören interessiert zu, wollen mehr über das heiße Magma erfahren und wie sich dann das „Edle“ im Stein abgesetzt hat.

Jonas berichtet den Kindern aus seinem Urlaub: „Ich war in einem echten Silberbergwerk, wo richtiges Silber abgebaut wurde und das alles unter Tage, also viele hundert Meter unter der Erde.“

Sonja: „Wie glaubt ihr, haben die Arbeiter die schweren Steine von hier weggeschafft?“

Jonas: „Wir haben einmal ein Kohlebergwerksbuch aus einer Bibliothek ausgeliehen. Da waren Schienen gelegt mit kleinen Anhängern darauf, wo die Kohlen nach übertage gebracht wurden.“ Sonja ist angetan von Jonas´ Fachwissen und bestätigt das Gesagte vor den anderen Kindern. Jonas ist sichtlich stolz auf seine Beiträge, die das Projekt auch schnell vorantreiben.

Nun dürfen die Kinder mit Lupen die ersten Gesteinsbrocken nach Halbedelsteinen untersuchen. Die ersten glänzenden Stücke sind gefunden, und nun heißt es mit der Schutzbrille und dem Hammer ran an die Steine, um den glänzenden Kristall, ohne ihn zu verletzen, heraus zu klopfen. Die Hammerschläge hallen in dem Steinbruch laut, es wird wirklich emsig geschlagen. Jonathan wünscht keine Unterbrechung von Jonas: „Siehst du denn nicht, dass ich arbeite, ich muss mich konzentrieren!“

Diese Arbeit erfordert nicht nur Geschick, sondern auch Ausdauer. Die Kinder erfahren jetzt, dass der harte Stein „Latit“ heißt und der schwarze Halbedelstein ein Kristall ist, der „Hornblende“ genannt wird.

Charlotte beschimpft schon ihren Stein: „Komm schon raus, du doofe Hornblende, sonst lass ich dich hier einfach liegen.“ Torben plant schon weiter: “Wenn ich mit Papa hier bin, werden wir in die Felswand einen Gang rein hämmern und da drinnen die Edelsteine raus holen.“

Jonas hat noch eine Frage: „Was hat das mit den Steinen so auf sich, wie kommen die kleinen Kristalle in die grossen Steine?“ Charlotte möchte wissen: „Warum kommen die Moospflanzen auf die Steine?“ Jonathan fände es besser, wenn der Edelstein einfach nur Schwarzstein oder Katzenauge hieße und nicht Hornblende. Sonja beantwortet die Fragen der interessierten Kinder mit anschaulichen Bildern und erklärt auch schwierige Zusammenhänge sehr kindgemäß.

Am Ende kann jedes Kind nach zweieinhalb Stunden mit einigen Kristallen in der Tasche zum Auto zurück gehen. Melvin und Charlotte überlegen, dem Kindergarten vielleicht ein bis zwei Steine zu schenken, damit die übrigen Kinder das auch einmal kennenlernen.
Auf dem Rückweg bekommen einige Kinder Durst. Ich frage nach, wer noch etwas in seiner Trinkflasche hat. Jonas: „Ja, meine Flasche ist noch fast voll, aber ich will davon nichts abgeben!“

Ich erinnere Jonas an seinen Wunsch nach Freundschaften, bei dem es auch dazu gehört, mit Freunden zu teilen. Jonas: „Ich überlege es mir noch mal“. Wenig später sagt Jonas: „Kommen mal alle her zu mir, die Durst haben.“ Jonas hält seine Trinkflasche fest in den Händen, während er jedem Kind einen Schluck Wasser gibt. Ich sage zu Jonas: „Wer abgeben will, muss auch loslassen können.“

Jonas nimmt seine Flasche, geht ein Stück vor, wartet, kommt wieder zurück und fragt die Gruppe: „Wer hat denn noch Durst von euch?“ Nun gibt er seine Flasche aus der Hand und fragt die Kinder: „Wusstet ihr das schon, wer was abgeben will, der muss die Flasche loslassen können!“

Melvin: „Na klar, sonst kann man doch nicht richtig trinken.“

Jonas konnte uns heute im Steinbruch sein ganzes Fachwissen zeigen. Die Kinder hörten ihm zu und stellten auch Fragen, die er selbstbewusst beantwortete. Auch nahm er sich heute schon mehr zurück, als bei unserem ersten Ausflug, obgleich er die meisten Kristalle gefunden hatte. Jedoch äussert er den Wunsch, noch mehr Steine haben zu wollen, um seinen älteren Bruder „noch neidischer zu machen.“

Zwischenbilanz:

Von den fünf geplanten Exkursionstagen konnten wir schon zwei Tage mit Freuden miteinander erleben. Die Kinder verstehen sich in dieser Gruppe als „Forscherteam“. (Jonathans Wahlspruch: „Einer für alle, alle für einen“ kam bei Jonas sehr gut an.) Ihr Wohlbefinden und das gegenseitige Vertrauen untereinander ist eindeutig. Dieses Naturprojekt bietet allen fünf Kindern eine große Vielfalt an Sinneserfahrungen, Aktivitäten, Denkaufgaben und Erlebnissen. Getragen durch die positive Atmosphäre in dieser Kleingruppe konnte ich währenddessen auch Fortschritte bei Jonas in emotional-sozialen Belangen wahrnehmen.

Im Verlauf der vier Planungsrunden und der zwei Exkursionstage war festzustellen, dass Jonas sich an seiner Projektgruppe orientierte, was Kooperationsbereitschaft anging. Auch der Umgang mit und das Einhalten von Regeln bei den Gruppengesprächen und Diskussionen (zuhören, ausspreche lassen, nicht immer ins Wort fallen, andere Ideen zulassen, eigene Ideen zurückstellen) zeigten mir, dass Jonas wirklich bereit ist, sich auf das Gruppengeschehen einzulassen. Denn Jonas versteht sich immer mehr als Teil einer Gruppe und lernt so, dass eine Gruppe erst dann stabil ist, wenn sie so organisiert ist, dass jeder Einzelne das für sich will, was auch der Gruppe dient, die ihn trägt und erhält.

Ich versuche Jonas – durch tägliche, praktische Übungen im sozialen Umgang – immer wieder darauf hinzuweisen, dass die Entscheidung, ob er jemandem hilft oder ihm seine Hilfe verweigert, einen Einfluss nimmt auf seinen „sozialen Punktwert“ innerhalb der Gruppe.

Jonas nimmt diese Hilfestellung an – oder fordert mich auf, es ihm genauer zu erklären. Ich sehe bei Jonas, dass er lernt, die Gefühle anderer Kinder zu erkennen und einzuordnen, so dass er damit eine Orientierungshilfe erhält, um in komplizierten Situationen damit umzugehen.

Meinem Ziel, für Jonas mehr Gruppenzugehörigkeit und Anerkennung zu erreichen, glaube ich ein Stück näher gekommen zu sein. Jonas lernt bewusster Regeln zu achten, denkt über Fragen von Empathie nach. Sein Blick ist nicht mehr ausschließlich nur auf sich selbst gerichtet.

Da mein Fokus auch während der nächsten Monate auf diesen Teil seiner Entwicklung gerichtet ist, hoffe ich auf eine weiterhin stabilisierende Entwicklung, in der Jonas noch mehr soziale Kompetenz erwerben kann und somit sein Wunsch nach mehr Freunden erfüllt wird.

Das selbstständig erarbeitete Projekt, das bei allen fünf Kindern kooperative und kommunikative Aspekte einschließt, ruft ein starkes Gruppengefühl hervor. Schon jetzt zeigen eher ruhige Kinder auch den Mut, ihre Ideen und Interessen gegenüber Jonas durchzusetzen. Jonas kann sich im Üben seiner Toleranz erleben und spüren, wie gut es tut, sich als ein anerkanntes Mitglied einer Gruppe zu fühlen.

Was Jonas noch lernen sollte

Ich bin der Meinung, dass Jonas asynchrone Entwicklung (Kognitionsebene – Emotionsebene) am effektivsten über Gefühlsprozesse zu entwickeln ist. Denn eine gut entwickelteEmotionalität drückt sich in der Fähigkeit aus, intensiv, sensibel und empathisch mit anderen umzugehen und Zuneigung zu anderen Menschen zu entwickeln sowie Bindungen einzugehen.

Erst wenn Jonas seine Gefühle erkennt und sie richtig einzuordnen weiß und sich auch bewusst wird, was er damit bei seinem Gegenüber auslöst, kann er diese Gefühle als Instrument zur Förderung seiner emotional-sozialen Entwicklung benutzen und somit in seinem großen Wunsch nach mehr Freundschaften voran kommen. Solange er seine Gefühle nicht als willkommen und wichtig anerkennt, wird es ihm außerordentlich schwerfallen, ein gutes Selbstkonzept zu entwickeln.

Ich möchte Jonas vermitteln, dass es in Ordnung ist, die eigenen Gefühle zu erforschen und dass es bei seinen Gefühlen kein „falsch“ oder „richtig“ gibt. Wie er seine Emotionen im Handeln ausdrückt, mag falsch oder richtig sein, aber die Gefühle selbst sind spontan und gehören ganz einfach zu seiner menschlichen Natur.

Unser nächstes gemeinsames Ziel wird es sein, Jonas´ Ausdrucksart und seine Reaktionen auf andere  angemessener zu machen, um Irritationen bei den Kindern zu vermeiden.

Exkursion zur Drachenhöhle

Mit den von Jonas gewünschten vier Kindern aus der Vorschulgruppe beginnt nun die dritte Exkursion.
Auf gemeinsamen Wunsch der Forschergruppe wollten wir auf den Drachenfels fahren, um uns die Drachenhöhle anzuschauen. Für diesen Tag war alles vorbereitet, ich hatte unsere Gruppe angemeldet und den Kindern Informationen zur Siegfried-Legende gegeben. Dazu erzählte ich ihnen die Geschichte von „Siegfried dem Drachentöter“ und gab ihnen eine kurze Einführung in die Nibelungensage.  Auch zum Komponisten Wagner, der eine Oper über diese Sage geschrieben hat und zu dessen Ehre vor etwa 80 Jahren im Siebengebirge eine große Halle, die Nibelungenhalle, als Denkmal erbaut worden war, hatten die Kinder Informationen erhalten. Ein Elterndienst war gefunden, der uns mit  dem Auto dorthin fahren und begleiten würde.

Leider war Jonas krank geworden, und seine Mutter meldete ihn für diesen Tag ab.

Reaktionen der Forschergruppe auf Jonas´ Fehlen

Charlottes spontane Reaktion: „Oh je, der arme Jonas, der wird wohl noch trauriger werden, wenn er erfährt, dass wir heute ohne ihn in die Drachenhöhle fahren. Er hat sich so auf diesen Ausflug gefreut!“

Melvin schlägt vor: “Könnte Claudia (meine Kollegin) Jonas nicht nächste Woche mit den anderen Vorschulkindern zur Drachenhöhle mitnehmen?“ Torben fährt gleich fort: „Dann sollten wir aber den Jonas auch noch mal anrufen, damit er nicht so traurig wird.“

Jonathan hat den Wunsch: “Vielleicht können wir ja Jonas etwas von der Drachenhöhle mitbringen!“ Unaufgefordert sind die vier Kinder bereit, ihm den Ausfall so schmerzlos wie möglich zu gestalten. Es wird von allen vier Kindern als Verlust empfunden, dass Jonas nicht dabei sein kann, und ein jeder ist bemüht, Jonas zu helfen.

Die Vorschläge werden als gut erachtet. Claudia verspricht, Jonas nächste Woche mit zu ihrer Forschergruppe zu nehmen, und Torben informiert Jonas noch schnell telefonisch darüber. Sichtlich erleichtert ziehen wir los und sind gespannt darauf, was uns nun dort oben auf dem Drachenfels erwartet.

Bei der Drachenfelswanderung in die Nibelungenhalle ist es sehr nass und kalt. Die Kinder sind dennoch hoch motiviert, und es scheint so, als ob dieser starke Regen sie gar nicht stört. Beim steilen Aufstieg erzählen sie schon die gefährlichsten Geschichten über den Drachentöter, und phantasieren, was wohl geschehen würde, wenn der Drache aus der Versteinerung wieder erwachen und sie dann den Drachen gemeinsam bezwingen würden.
Wir sind um 10 Uhr die einzigen Gäste vor Ort und können uns ungestört die riesigen Gemälde in der Nibelungenhalle anschauen und den Wagnerklängen im Hintergrund lauschen.

Wir betreten die etwa 50 Meter lange, enge und dunkle Höhle, die an die Halle anschließt. Am Ende der Höhle stoßen wir auf einen 17 Meter langen Drachen aus Stein und gelangen danach ins Freie. Dann sehen wir uns den Reptilienzoo mit 40 lebenden sehr exotischen Schlangen, Echsen und Krokodilen an. Nicht nur für die Kinder ist es ein sehr spannendes und interessantes Erlebnis, auch für die beiden Erwachsenen gibt es viel zu fotografieren, und Jonathan legt großen Wert auf die Bilder: „Ich möchte, dass Jonas sich das alles genau auf den Fotos mit angucken kann.“ Wir kaufen auf Drängen der Kinder eine Postkarte für Jonas vom „versteinerten Drachen.“
Meine Kollegin Claudia, die eine Woche später mit den fünf übrigen Vorschulkindern plus Jonas die Drachenfelstour antritt, bestätigt meine Erwartung, dass Jonas sich den fünf anderen Vorschulkindern nicht so verbunden fühlt wie seiner Wunschgruppe. Der Weg hinauf zur Nibelungenhalle erscheint für Jonas zu lang und der Aufstieg zu steil und zu schwer. Er bleibt an Claudias Hand. Alle 10 Meter fragt er: “Wann kommen wir endlich an der Drachenhöhle an, ich kann bald nicht mehr.“ Zu keinem der Kinder nimmt er auf dem Weg Kontakt auf.

In der Nibelungenhalle selbst, die hoch, gross und ein wenig morbide, aber auch sehr geheimnisvoll ist, lauscht Jonas mit sichtlicher Verzauberung den Wagnerklängen. Dann sieht er sich mit großer Begeisterung die riesigen Ölgmälde an, die die Szenen aus der Siegfriedsage darstellten. Mit zitternden Händen nimmt er das große Schwert vom Amboss und verlangt immer wieder von Claudia die Sage von „Jung-Siegfried“ und dem Drachenkampf zu hören. In der Höhle selbst bleibt Jonas voller Furcht an Claudias Hand und hat auch nicht den Wunsch wie alle übrigen Kinder, noch ein zweites Mal durch die Höhle zu gehen.

Ohne Zweifel ist dieser Ausflug für Jonas ein großes und aufregendes Erlebnis mit vielen neuen Erfahrungen, die er, als er in den Kindergarten zurückkehrt, seinen Freunden sofort mitteilen muss.

Begehung eines Wildstollens

Nach dem Besuch in der Drachenhöhle waren alle 10 Vorschulkinder (einschließlich Jonas) bereit, nun in eine richtige, grosse Höhle (in unserem Fall einen Wildstollen) unter Tage zu gehen. Der Bekannte (Martin) einer Kindergartenmutter, die selbst Geologin ist, ermöglicht uns den unterirdischen Schacht von ca. 150 Metern Länge mit den Kindern zu erkunden. Die Geologinerklärt den zehn Kindern einen Tag vorher, wie dieser Wildstollen vor 60 Jahren entstanden ist, warum er so heißt, was für Steine die Menschen darin abgebaut haben und wozu diese verwendet wurden.

Alle 10 Kinder hören gebannt zu, jedes sieht sich die eigene Kopie des unterirdischen Stollenwegeplans genau an, und jedes Kind will dabei sein.

Am nächsten Tag kommen 10 Kinder mit der erwünschten Sicherheitsausrüstung in den Kindergarten: festes Schuhwerk, lange Regenhosen, Fahrradhelme, Handschuhe und Taschenlampen.

Wieder heißt es mit den Autos rauf in das Siebengebirge zu fahren, um uns von Martin am Waldrand abholen zu lassen. Von dort aus geht es ein Stück durch den Wald. Von Jonas kommt kein Murren, er geht mit seiner Wunschgruppe vorneweg den Hohlweg hinauf. Sie entdecken gemeinsam das sehr versteckt liegende Mundloch (Einstieg), durch das wir uns alle zwängen müssen. Die ersten Meter sind nur in geduckter Haltung zu durchkriechen. Mir selber ist das viel zu eng, und ich klettere wieder hinaus.

Alle Kinder bleiben bei der Geologin und Martin, von Beruf Feuerwehrmann, (was den sieben Jungen besonders gut gefällt). Sie bleiben für 35 Minuten unter der Erde. Ich lasse mir anschließend von den Kindern ihre „unterirdischen Eindrücke“ berichten.

 

 

 

Meine Fragen: „Wie hat dir die Höhlenforschertour gefallen? Würdest du noch einmal diese Tour machen?
Wenn ja, mit wem?“

Melvin: „Die Höhle vom Drachenfels hat mir ja besser gefallen. Nämlich, mitten im Wildschacht wo wir jetzt waren, waren Steine zusammengestürzt in einem Seitengang – und da sind wir auch nicht rein gegangen, weil da ging es so hoch rauf, das war sehr gefährlich. Aber als wir durch das Mundloch reingerutscht sind, ja, das fand ich richtig gut. Ich geh da auch noch mal mit dem Papa rein.“

Torben: „Da war so viel Schrott am Anfang. Autoreifen und Sachen von einer alten Ente (Auto), das fand ich nicht gut. Aber danach war dann kein Schrott mehr, das fand ich gut. Ich hab ja auch eine Fledermaus gesehen, die anderen haben die ja nur piepsen hören. Ja, zu Hause hatte ich erst Angst gehabt, in die Höhle zu gehen, wegen der Fledermäuse, die mir auf den Kopf fliegen würden. Ich würde da wieder rein gehen, also nicht alleine, aber mit Melvin (Zwillingsbruder) und Jonas schon. Ich selbst werde Feuerwehrmann und Höhlenforscher, das weiß ich jetzt genau.

Jonathan: „Ich würde in die Höhle sofort noch einmal reingehen. Das hat Spaß gemacht und war schön. Das war auch gruselig, so am ganzen Körper, aber das war auch schön, weil ich wusste, dass uns nichts passieren konnte, wegen dem Martin und so. Ne, alleine mach ich das nicht. Mama hätte Angst da rein zu gehen, das weiß ich ganz genau. Aber vielleicht der Papa würde das mit mir machen, und dann würde ich den Jonas fragen, ob der auch Lust dazu hätte, – oder hier noch mal mit allen Kindern, das würde ich auch machen.“

Charlotte: „Ja, ich würde das auch noch mal machen, weil das so spannend für mich war. Die Wände waren so spitz und rauh, nur der ganze Müll war doof, danach war aber richtiger Erdenboden. Ich war auch sehr mutig, hatte aber auch Angst. Einmal mussten wir alle ganz lange die Taschenlampen ausmachen, damit wir die Fledermäuse piepsen hören konnten, das war total dunkel und unheimlich, aber gut fürs Hören. Mit dem Martin und der Anke (Kindergartenmutter – Geologin) alleine würde ich auch wieder rein gehen, sonst mit keinem.“

Jonas:  „Also, die ersten 10 Meter im Wildstollen waren nur voller Müll, und das fand ich überhaupt nicht gut. Aber den Rest des Schachtes, den fand ich richtig gut. Auf einmal war dort eine Ziegelmauer, eine richtige Versperrung, und wir mussten dann einen Umweg gehen. Ich dachte schon, wir gehen alle in die falsche Richtung, das wäre gar nicht gut gewesen. Aber das im Stockfinsteren so ohne Taschenlampenschein, das hat mir gefallen. Wusstest du eigentlich schon, dass man dann Geräusche viel besser hören kann, wenn es so richtig dunkel ist? Wir haben dann alle Fledermäuse piepsen gehört.

Nein, ich glaube nicht, dass ich da noch einmal rein gehe. Mein Papa ist viel zu groß für den kleinen Eingang und der mag das auch nicht – wie du – wenn das so eng und dunkel ist. Bei Mama geht das nicht, wegen des krummen Rückens, die darf das gar nicht mehr machen. Ja, ich könnte den Torben, Melvin und den Jonathan fragen – und wenn der Vater von Melvin und Torben dann mitkommt, dann würde ich da mitgehen, sonst aber glaube ich eher nicht.“

Jonas´ Lernfortschritte und sein Sozialverhalten am Ende des Projektes

Jonas hat in den letzten fünf Monaten erstaunlich schnell an emotionaler Stabilität und Beziehungsfähigkeit gewonnen und nimmt das auch als eine Art neuer Lebensqualität wahr.

Er braucht immer weniger Hilfe in Form von emotionaler Unterstützung von mir und fordert mich nur noch selten auf, ihm Informationen zum sozialen Umgang mit anderen zu geben.

Jonas gelingt es immer besser, mit Kindern seiner Altersgruppe in Beziehung zu treten. Seine Ansprache ist ruhiger und nicht mehr so lautstark wie vorher. Auch in seiner Bewegung und Gestik wirkt Jonas gesetzter und für die Kinder nicht mehr so unkontrolliert, einfach berechenbarer. Er zieht sich nicht mehr so schnell aus Erstkontakten zurück. Er hat nicht mehr die Angst, sich eine Absage einzuhandeln, er geht Risiken ein, er braucht nicht mehr um Freundschaften zu buhlen.
Es ist offensichtlich, wie Jonas diese Qualität neuer und stabiler Freundschaften genießt. Er bekommt immer bewusster mit, dass ihn die anderen Kinder akzeptieren und ihn so billigen, wie er ist.

Jonas: „Ja, hier im Kindergarten habe ich drei neue Freunde gefunden, den Melvin, denTimo und den Torben. Die sind auch wirklich sehr nett, und das finde ich richtig gut. Ich glaube auch, dass die mich gerne haben, und wir verstehen uns auch so zusammen beim Spielen ganz gut, weißt du, ohne dass irgend jemand dabei zanken muss.“

Auswirkung auf die Gruppe

Jonas spielt mit seinen drei neuen Freunden plus seinem „besten Freund“ Jonathan über eine halbe Stunde mit der neu aufgebauten „Zwergenlandschaft“, die auch sehr Jonas´ magischem Denken entspricht. Wir haben sie aus großem Wurzelwerk und den vielen grossen Halbedelsteinen aufgebaut.

Mir fällt auf, dass Jonas hierbei nicht mehr das Spiel dominieren muss. Gleichberechtigt lässt er den andern Freunden den Platz für eigene Spielideen und Handlungen und integriert seine Zwerge in ihr Spiel: es ergibt sich ein echtes Miteinander. Die vier Mitspieler lassen Jonas auch ihre Geschichten miterleben und mitfühlen. Dieses Spiel fordert Jonas auf, aktiv zu werden und mit den andern gemeinsam zu handeln. Jonas sieht die Verhaltensweisen seiner Freunde im Zwergenspiel, er spielt sie nach und lädt dann auch andere Zwerge zu sich in seine Höhle ein. Einen Tag später spricht Jonas drei jüngere Kinder an, ob sie mit ihm in der Zwergenlandschaft spielen wollen. Voll Stolz nehmen diese drei an, und Jonas spielt das nach, was er am Vortag mit seinen Freunden gespielt und gesehen hat

Jonas hat gelernt, toleranter zu sein und andere Kinder, die nicht seine Freunde sind, zu akzeptieren und ihnen sogar zu helfen. Sehr gut war das auch im November während der zweitägigen CD-Aufnahme in einem Tonstudio zu beobachten. Wir nahmen dort Lieder als Weihnachtsgeschenk für die Eltern auf.
Nun war es Jonas, der die übrigen neun Vorschulkinder aufforderte, gut mitzumachen. Er bat sie, sich noch einmal zu konzentrieren oder bei Wiederholungen der Aufnahmen (bis zu sechs Mal pro Lied) nicht die Lust zu verlieren:  „Kommt, jetzt machen wir es alle zusammen richtig gut, ich weiß, dass es jetzt klappen wird!“

Jonas besitzt mittlerweile die Fähigkeit, andere zu motivieren und sogar mitzureißen. Das ist auch aktuell bei unserem Weihnachtsspiel  „Die kleine Hexe“ (nach Otfried Preußler) zu sehen. Eingeübt wird es von den zehn Vorschulkindern, die sich offensichtlich von Jonas´ großer Spielfreude positiv inspiriert fühlen.

Jonas erhält auch neue Ideen und Vorstellungen über Gefühle und Probleme anderer Kinder, wenn diese nach den Traumreisen, die wir jeden Montag mit den Vorschulkindern machen, aus ihrem Innersten erzählen, was sie erlebt, erfahren, gefühlt und gedacht haben. Diese regelmäßigen Zusammentreffen regen Jonas an, fordern ihn auf und machen ihm Mut, das eigene Verhalten im Kontext zu den andern zu überdenken. Sie vermitteln ihm soziale Informationen auf lebendige Weise.
Es ist wunderbar mitzuerleben, wie Jonas dabei ist, immer bewusster den Wert auf soziale Fähigkeiten zu legen, um mit sich und den anderen in Harmonie zu leben. Er beginnt immer mehr das eigene Verhalten gegenüber den Kindern zu überdenken.

Schon bei der ersten Übernachtung der zehn Vorschulkinder Ende Oktober im Kindergarten wünschte sich Jonas, dass ein solches Zusammentreffen mit dieser Gruppe (gemeinsames Abendessen, Übernachtung und Frühstück), häufiger wiederholt würde. Denn in dieser Gruppe fühlt er sich von den andern Kindern auf einmal akzeptiert.

Bei der Übernachtung fand auch die Patenkindwahl statt. (Jedes neue Kindergartenkind bekommt ein Vorschulkind als Paten, der zur Unterstützung für die nächsten Monate dient). Schon in der ersten Nacht nach der Wahl zeigte Jonas sich seinem gewünschten kleinen Patenkind, Florian, sehr verbunden. Er nahm das Foto von Florian mit in sein Bettenlager, das er mit Jonathan teilte, und wünschte sich sehr: „Hoffentlich träume ich heute Nacht schon von Florian, ich finde den so süß und nett!“ Mit Jonathan besprach er gleich, dass „Flo“ doch auch bei „ihren Spielen“ mitmachen darf.

Noch heute, Mitte Dezember, begrüßt Jonas nach einem „langen Wochenende“ sein Patenkind mit einem zärtlichen Streicheln des Gesichtes mit den Worten: „Wir haben uns ja schon wirklich lange nicht mehr gesehen, schön dass du wieder da bist.“

Mein erzieherischer Anteil

Jonas hatte im Juli an Hand des Interessenfragebogens mir gegenüber ganz deutlich seinen Wunsch geäußert, mehr Freunde haben zu wollen. Ich habe seinen Wunsch, und damit auch Jonas, ernst genommen und bot ihm meine Hilfe und Unterstützung an. Meine Maßnahme war es, Jonas innerhalb eines selbst gewählten Projektes mit vier Kindern seiner Wahl und genügend Freiraum, ein gutes Übungsfeld für Beziehungsarbeit anzubieten.

Jonas war von Beginn an hoch motiviert, auch aus Fehlern zu lernen, und bat mich immer wieder um Rat und Korrektur. Ich konnte Jonas in Ruhe gewähren und ausprobieren lassen .

Meinerseits ging ich offen an Jonas heran, ohne eine Erwartungshaltung in bezug auf seine soziale Entwicklung zu zeigen. Ich konnte auf seinem aktuellen sozialen Niveau ansetzen und hatte auch nicht den Anspruch auf schnelle Höchstleistungen. Denn mir war klar, dass ich Jonas nur frei und ohne Druck gewähren lassen kann. Seine Stärke liegt im schnellen Erfassen von Konzepten und Situationen und in seiner Sprachbeherrschung. Dies sind alles gute Voraussetzungen für das Gelingen eines solchen Sozialisierungsprojektes.

Auf Grund seines Verhaltens, seiner Reaktionen oder seiner Körpersprache konnte ich einige Male ermitteln, was ihn in der einen oder anderen Situation irritiert, verunsichert oder geärgert hat. Auf Jonas Wunsch hin, habe ich ihm in der ersten Phase alternative Wege angeboten, die menschliches Zusammensein erleichtern können, um ihn sich selbst kompetenter fühlen zu lassen.

Meine hauptsächlichen Fragen waren dabei:

  • Wie könnte man dieses Problem noch anders lösen?
  • Wie erlebst oder beurteilst du das Verhalten anderer?
  • Wie kam es zu diesem Streit / Problem?
  • Wann und wie habe ich das auch schon mal erlebt?

Jonas zeigte sich stets bereit, von dieser Art der Unterstützung Gebrauch zu machen und Denkanstöße, die er erhalten hatte, in die Tat umzusetzen.
Um ihn so emotional unterstützen zu können, war es wichtig, dass wir einander wertschätzen und vertrauen konnten und einen guten Kontakt zueinander hatten.
Es war nicht immer so leicht, sich mit Jonas über seine Gefühle zu unterhalten. Er forderte ein besonderes Feingefühl von mir. Er weiß, dass ich seine Art von Denken, Fühlen und Handeln als wertvoll erachte und ihn als „Menschenkind“ sehr gerne habe. Jonas kann sich meiner Wertschätzung absolut sicher sein. Ich kann meine wahre Freude, zum Beispiel über das Gelingen einer neuen Freundschaft, mit Jonas teilen. Unsere gegenseitige Vertrauensbasis ist in den letzten zweieinhalb Jahren stetig gewachsen. So wie Jonas mir seine Gefühlslage zeigt oder auch benennt, kann ich ihm auch meine Befindlichkeit zeigen oder sagen, ohne fürchten zu müssen, er würde dieses Wissen ausnutzen.

Jonas empfindet intensiv und besitzt gewiss besondere Gefühlsantennen. Er möchte geliebt werden wie alle anderen Menschen auch, und das ist das, was ich Jonas als meinen erzieherischen Anteil uneingeschränkt anbieten kann. Denn erst wenn er beginnt sich selbst zu mögen, kann er den Blick über den Gartenzaun wagen.

 

 

 

Abschließen möchte ich den Punkt mit einem Zitat von Virginia Satir, einer Pionierin der Familientherapie:

„Ich glaube daran,
dass das größte Geschenk,
das ich von jemanden empfangen kann,
ist:
gesehen, gehört, und verstanden und berührt zu werden.

Das größte Geschenk, das ich geben kann,
ist:
den anderen
zu sehen, zu hören, zu verstehen
und zu berühren.

Wenn dies geschieht,
entsteht Kontakt.“

Welchen Einfluss hat Jonas´ Verhalten auf die Gesamtgruppe?

Die emotionale Bereicherung, die Jonas in seiner Projektgruppe so gut erfahren und die ihn in seiner Persönlichkeitsentwicklung vorangetrieben hat, zeitigt gewiss auch einen positiven Einfluss auf das gesamte Gruppensystem unseres Kindergartens.

Da es Jonas nicht mehr so sehr an sozialer Geschicklichkeit fehlt und er sich viel behutsamer im Kindergarten bewegt, kommen so gut wie keine Klagen mehr von den Kindern über sein Verhalten. Denn gefallen wollen und das Streben nach Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft von Kindern lassen Jonas immer weiter an seiner sozialen Kompetenz arbeiten.
Jonas konnte sein umfassendes Theorie- und Faktenwissen nur wenig nutzen, solange er nicht mit seinen Gefühlen und denen der Gruppenmitglieder zurecht kam.
Mit seinem Erlernen von neuer Geschicklichkeit im menschlichen Umgang kann Jonas nun gut der Gruppe von seinen energiegeladenen Phantasien und Ideen abgeben und auch sein Faktenwissen einsetzen. Denn jetzt ist die Gruppe auch bereit, von Jonas anzunehmen und ihn in ihr Spiel mit einzubeziehen. Jonas neues Verhalten wird von der Gruppe als attraktiv empfunden.

Ein solches Projektsystem in einer eingruppigen Einrichtung verlangt Zeit, Mühe und viel Organisation. Sinnvolle Projekte dieser Art gehören in den Kindergarten, dort wo kooperative Formen des Umgangs miteinander erlernt werden, um die Kinder in diesem Bereich dafür zu sensibilisieren, dass die eigene Freiheit dort endet, wo die Freiheit des anderen beginnt.

Es ist eine Herausforderung für jeden Pädagogen, mit dieser Methode zu arbeiten, aber ich bin der Meinung, dass wir damit auf dem richtigen Weg sind: auf der Suche nach Individualisierung der Betrachtung und individuellem Lösungsangebot.

 

Datum der Veröffentlichung: Februar 2012
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