von Hanna Vock, Anja Kintscher und Heike Brandt

 

Kreativität sehen wir als einen wesentlichen Bestandteil von Hochbegabung an.
Siehe: Begriffsbestimmung Hochbegabung.

Was macht einen kreativen Menschen aus? Im bescheidenen Rahmen sind wir alle kreativ, sobald wir nicht nach Vorlagen arbeiten: sobald wir einen Blumenstrauß frei komponieren, einen Brief schreiben, kreativ kochen, nach eigenen Vorstellungen ganz individuell basteln oder handarbeiten, usw. Dies nennt Csikszentmihalyi (siehe Literaturverzeichnis) die „kleine Kreativität“. Dagegen ist die „große Kreativität“ das, was in einem beliebigen Arbeitsbereich etwas bahnbrechend Neues entdeckt oder erschafft – etwas, was das Leben vieler Menschen beeinflusst: eine wissenschaftliche Entdeckung, eine neue Operationsmethode, ein neues wirtschaftliches oder politisches Konzept, ein Kunstwerk, das viele Menschen fasziniert.

… kurz gefasst …

Hochbegabte sind Menschen, die zu besonderer Kreativität fähig sind. Der Beitrag referiert die Aussagen von M. Csikszentmihalyi, der im Rahmen seiner wissenschaftlichen Arbeit sehr erfolgreiche kreative Menschen befragt hat. Aus diesen Interviews zieht Csikszentmihalyi die Erkenntnis, dass diese Menschen gegensätzliche Persönlichkeitsmerkmale in sich vereinen und dadurch breitere Denk- und Handlungsmöglichkeiten haben.

Im Beitrag werden Schlussfolgerungen für die Arbeit in der Kita gezogen: Was ist nötig, damit die Kreativität junger hoch begabter Kinder nicht behindert, sondern gefördert wird?

Wie groß und bahnbrechend die kreativen Leistungen eines kleinen Kindes später einmal sein werden, können wir kaum erahnen und es hängt von vielen Faktoren ab. Es erscheint uns aber als ein ganz wichtiger Faktor, wie gut oder schlecht den kreativen Bestrebungen des Kindes von früh auf begegnet wird. Dies gilt für alle Kinder. Das Besondere für hoch begabte Kinder ist, dass sie schon sehr früh und oft, fast „gewohnheitsmäßig“, kreativ denken und handeln und damit auch schon früh in ihrer Umwelt anecken. Der kreative Anteil an ihrem Denken und Handeln erscheint wesentlich vergrößert gegenüber dem nachvollziehenden Denken und Handeln.

Hoch begabte Kinder brauchen dringend Erzieherinnen und Erzieher, die diese Eigenschaften bemerken und unterstützen.

 

Der Autor Mihaly Csikszentmihalyi hat für sein Buch „Kreativität“ zahlreiche sehr erfolgreiche kreative Menschen interviewt und sie erzählen lassen, was sie vorantreibt und was sie bei der Arbeit fühlen. Es sind Männer und Frauen, die in ihrem Arbeitsgebiet etwas wirklich Neues, Revolutionäres entdeckt oder geschaffen haben.

Von diesen Menschen können wir lernen, welche Eigenschaften hoch kreative Menschen haben und was sie erfolgreich werden lässt.

Besonders aufschlussreich für unsere pädagogische Arbeit mit kleinen hoch begabten Kindern sind Csikszentmihalyis Aussagen über die Komplexität der Persönlichkeitsmerkmale, die er auf der Grundlage der Interviews macht. Wir beziehen uns hier auf das Kapitel „Die kreative Persönlichkeit“.

„Wenn ich mit einem Wort zusammenfassen sollte, was ihre Persönlichkeit von anderen unterscheidet, so wäre es Komplexität. Kreative Personen vereinen widersprüchliche Extreme in sich … normalerweise bilden wir nur einen Pol des Widersprüchlichen aus…“ (S. 88).

Kreative Menschen zeichnen sich seiner Meinung nach also nicht durch besondere, bei anderen Menschen gar nicht auftretende Persönlichkeitsmerkmale aus, sondern durch eine Komplexität von persönlichen Eigenschaften, in der jeweils widersprüchliche Extreme vereinigt sind. Bei durchschnittlich kreativen Menschen entwickelt sich nur eine Seite dieser Eigenschaften, die andere verkümmert. Bei sehr kreativen Menschen ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass beide gegensätzlichen Pole ausgebildet sind, was einen größeren Handlungsspielraum eröffnet. Sie können von einem Extrem ins andere fallen und in beiden Extremen intensiv agieren.

Der Autor Jürgen Neffe schreibt in seiner Einstein-Biografie (siehe Literaturverzeichnis) von einer „extremen Spannweite seines Charakters“:

„Ein Mann, Bürger und Bohemien, Übermensch und ungezogenes Kind in einem. … Den einen Freund, den anderen Feind, ein Narzisst, der sein Äußeres vernachlässigt, Sonnyboy und Rebell, Menschenfreund und Autist, Weltbürger und Eremit, ein Pazifist als Forscher auch in militärischen Diensten.“ (S.11.)
[Ein Narzisst ist ein eitler, sich selbst übermäßig bewundernder, in sich selbst verliebter Mensch – abgeleitet von dem Göttersohn Narziss aus der griechischen Sagenwelt, der sich in sein Spiegelbild verliebte.]

 

Csikszentmihalyi führt zehn Dimensionen der Komplexität auf und erläutert sie an Beispielen. Im Folgenden fassen wir die Aussagen zu diesen Dimensionen zusammen. Es sei noch einmal betont, dass sich diese Aussagen auf erfolgreiche erwachsene Kreative beziehen. Wir versuchen daraus Leitlinien für unser pädagogisches Handeln zu entwickeln.

Anzumerken ist: Wir wissen nicht, ob diese Eigenschaften maßgeblich mit zum Erfolg beitrugen oder ob diese Menschen diese Eigenschaften so intensiv ausbilden konnten, weil sie „das nötige Glück“ hatten, erfolgreich zu sein. Vermutlich bedingt und fördert eins das andere.

 

Die 10 Dimensionen der Komplexität (nach Csikszentmihalyi)
– Zusammenfassung –

1. Höchste Konzentration / effektive Entspannung

Erfolgreiche kreative Menschen setzen ihre Energien oft ein, ohne Raum und Zeit zu beachten und scheinbar ohne zu ermüden. Sie laden ihre Energien allerdings wieder auf, wenn es ihrer Meinung nach nicht notwendig ist, Energien zu verausgaben; zum Beispiel vermeiden sie es, Energie in Alltagsaufgaben zu stecken. So ist es ihnen möglich, in vielen Situationen, in denen es drauf ankommt, eine „Aura der Frische und Begeisterung“ auszustrahlen (Csikszentmihalyi). Sie unterwerfen sich nach Möglichkeit keinen äußeren Zwängen, sondern steuern ihren Energieeinsatz selbst. Sie haben oft eine gute Kontrolle über ihre Energieressourcen.

Für unsere Arbeit in der Kita bedeutet das:

  • Die Kinder sollten nicht ohne Not aus dem kreativen „Flow“ (dem völlig konzentrierten Aufgehen in einer Tätigkeit) gerissen werden, wenn sie gerade sehr engagiert mit etwas beschäftigt sind, das sie sehr interessiert. Alles andere ist dann für sie nicht wichtig.
  • Es sollte jederzeit Rückzugsmöglichkeiten geben – sowohl für konzentriertes Arbeiten als auch zum Ausruhen.
  • Kleine hoch begabte Kinder müssen erst lernen, mit ihrer Energie übersichtlich umzugehen. Sie verausgaben sich oft vor Begeisterung und Entdeckerdrang völlig und finden dann zum Beispiel abends nicht zur Ruhe, weil sie das Erlebte sehr erregt – das kann eine Frage, eine Ungerechtigkeit, eine Erkenntnis oder etwas anderes sein. Es macht keinen Sinn, dann Ruhe und Schlaf erzwingen zu wollen. (Siehe auch: Geringes Schlafbedürfnis?)
    Entsprechend müde und „durch den Wind“ sind sie oft am nächsten Tag.
  • Hochbegabte entspannen sich oft auf sehr kultivierte Weise, wie zum Beispiel Einstein, der Geige spielte, – aber auch durchaus „kindisch“: Herumalbern und Zunge rausstrecken.

2. Weisheit / Kindlichkeit

Erfolgreiche Kreative sind weltklug und naiv zugleich. Sie zeigen umfangreiches Wissen oder Weisheit und haben sich gleichzeitig das fast naiv anmutende Staunen aus der Kindheit bewahrt.

Sie können sowohl divergentes (flexibles, originelles, vom Gewohnten abweichendes) Denken, als auch konvergentes (schon vorhandene gute Ideen aufnehmendes) Denken gut nutzen.
Der erfolgreiche kreative Mensch zeichnet sich auch dadurch aus, dass er aus der Vielfalt der eigenen sprudelnden Ideen mit gutem Urteilsvermögen die Antworten auf relevante Probleme heraussucht, die realistisch erscheinen – das heißt: die direkt umsetzbar oder aber wirklich zukunftsweisend sind.

Für unsere Arbeit in der Kita bedeutet das:

  • Babies sind die besten Stauner: Ihre Augengröße scheint sich zu verdoppeln, wenn sie etwas Unerwartetes, Großartiges entdecken. Nur wenn wir selbst uns noch ebenso merkbar zu staunen trauen, ermutigen wir die Fünfjährigen zu glauben, dass Staunen und verwundert oder bezaubert sein nicht blöd, sondern cool ist.
  • Offene Fragen, über die man nachdenken und diskutieren kann, sollten in der Kita die häufigsten Fragen sein – sowohl bei Erwachsenen als auch bei Kindern.
    (Siehe auch: Lernen durch Fragen.)
  • Die häufig beschriebene „Altklugheit“ hoch begabter Kinder ist, respektvoller ausgedrückt, oft die frühe Form von Weisheit. Denn wer sich früh mit vielen Fragen auseinandersetzt, die Altersgleiche (noch) nicht interessieren, irrt zwar manchmal, kommt aber früh zu erstaunlich reifen Ansichten.

3) Spielerisches / Disziplin

Erfolgreiche Kreative verbinden Disziplin und Verantwortungsbewusstsein mit Spielerischem und Ungebundenheit. Leichtigkeit, das Experimentieren mit Ideen werden ergänzt durch Hartnäckigkeit, Dickköpfigkeit und Ausdauer.

Sie entwickeln oftmals Ideen auf spielerische Art mit Leichtigkeit und Spaß. Das Umsetzen der Ideen und das Durchsetzen erfordern jedoch große Disziplin, die nur durch Leidenschaft für die Sache oder das Projekt zu erreichen ist.

Für unsere Arbeit in der Kita bedeutet das:

  • Große Hirnkapazität bedeutet auch: Das Kind muss nicht, indem es reifer und erwachsener wird, die frühen kindlichen Lebensstrategien „von der Platte putzen“, um Platz für neue Strategien zu schaffen. Es kann sie integrieren und sowohl die alten wie die neuen nutzen. So erhalten sich Hochbegabte oft eine ausgeprägte Spielfähigkeit, die sich zum Beispiel im Lernen durch Ausprobieren zeigt. „Ich habe die Zeit und die Lust, es jetzt auch noch mal von der anderen Seite zu betrachten.“
  • Kinder, insbesondere hoch begabte Kinder, brauchen anspruchsvolle Projekte, die zum Erfolg führen. So und nur so können sie lernen, dass Konzentration, Disziplin und Ausdauer sich lohnen. Dabei brauchen sie unsere Hilfe.
    (Siehe auch: Förderung in Projekten.)

4) Fantasie / Realitätssinn

Erfolgreiche Kreative wechseln mühelos zwischen Fantasie auf der einen und bodenständigem Realismus auf der anderen Seite.

Um neue Ideen zu erschaffen, tauchen sie in Fantasien ein und lösen sich aus der gegenwärtigen Realität. Damit sie Ideen dann auch verwirklichen können, brauchen sie wiederum einen sicheren Bezug zur Realität.

Sie begreifen Wirklichkeit als etwas Relatives und Veränderliches. Sie erkennen Zeichen von Veränderbarkeit.

Für unsere Arbeit in der Kita bedeutet das:

  • Wir sollten uns für die Vorstellungen und Fantasien der Kinder interessieren, sie danach fragen, sie mit ihnen teilen, sofern sie das möchten. Das ist sehr interessant, denn hoch begabte Kinder haben immer mehr im Kopf, als man denkt.
  • Wir sollten mit ihnen fantastische Geschichten und Lieder erfinden und dokumentieren.
  • Hoch begabte Kinder sind früh in der Lage, über das Spannungsfeld zwischen Fantasie und Realität nachzudenken und lustvoll hin und her zu springen. Meist wollen sie sehr genau wissen, was Realität und was Fantasie (also Ausgedachtes) ist. Diese scharfe Unterscheidung tut der Faszination des Fantastischen keinen Abbruch, sondern befeuert ihren Geist.

5) Introversion / Extroversion

Erfolgreiche Kreative vereinen Extroversion und Introversion. Sie können interagieren, gesellig sein, Kontakte knüpfen und pflegen  – aber sie können sich auch zurückziehen (bis hin zur Unhöflichkeit und sogar Rücksichtslosigkeit), sie können auch Alleinsein und zeitweilige Einsamkeit gut ertragen, wenn es die Verfolgung ihrer Ziele erfordert.

Zum einen benötigen sie den Austausch mit Anderen, um neue Anregungen und ein Feedback zu bekommen. Andererseits ziehen sie sich zurück, um neue Ideen zu entwickeln und an deren Umsetzung zu arbeiten.

Für unsere Arbeit in der Kita bedeutet das:

  • Wir sollten akzeptieren, dass zeitweiliger Rückzug und das zeitweilige Bedürfnis nach Alleinsein auch für kleine Kinder normal ist, ganz besonders für hoch begabte.
  • Wir sollten genau unterscheiden zwischen Rückzug aus Frustration (weil keine adäquaten Spielpartner, kein anspruchsvolles Spielmaterial vorhanden ist) und zwischen Rückzug ohne Frustration (weil Ideen und Eindrücke verarbeitet werden wollen oder Ausruhen des wachen Geistes nötig ist).

6) Demut / Stolz

Erfolgreiche Kreative zeigen eine Mischung aus Demut (Scheu und Bescheidenheit vor ihrer Domäne, vor den Leistungen der Vorangegangenen) und Stolz (ein starkes Selbstbewusstsein; sie wissen, dass sie viel können oder erreicht haben).

Dazu kommt der Gegensatz zwischen Ehrgeiz und Wettbewerb auf der einen Seite sowie Selbstlosigkeit und Kooperation auf der anderen Seite. Veränderungen durchzusetzen erfordert oft harten Kampf. Große persönliche Nachteile werden in Kauf genommen, um eine Veränderung zu erreichen (zum Beispiel um eine wissenschaftliche Idee durchzusetzen).

Für unsere Arbeit in der Kita bedeutet das:

  • Wir verstehen, dass hoch begabte Kinder oft früh selbst bemerken, dass sie manches besser / früher können als Gleichaltrige. Wenn sie dies in der Gruppe offen äußern, ist dies nicht Hochmut, sondern die ungeschminkte Abbildung der Realität. Trotzdem sollten wir sie behutsam dafür sensibilisieren, dass „Angeben“ nicht gut ankommt und dass andere auch Vieles / Anderes gut können. Den angemessenen Stolz auf gute Leistungen sollten wir ihnen aber gönnen.
  • Die Kinder verstehen oder ahnen aber auch oft sehr früh, dass sie von alldem, was ein Mensch wissen und können kann, erst nur sehr wenig gelernt haben. Das macht sie später, wenn sie schon viele Erfolge erlebt haben, im besten Sinne demütig – im frühen Alter aber oft unsicher und selbstzweiflerisch. Dies müssen sie selber aushalten, aber wir können uns dabei verstehend an ihre Seite stellen.
  • Wenn die Kinder von einem Projekt sehr gefesselt sind, zeigen sie oft schon Merkmale von „großem, selbstlosem Einsatz für die Sache“, aber manchmal auch Ungeduld mit anderen Kindern, die sich nicht so engagiert oder gekonnt einsetzen.
  • Es gibt eine Entwicklungsphase, in der die Kinder sich sehr schwer damit tun, im Wettspiel oder Wettbewerb zu verlieren.
    Hintergründe hierfür beleuchtet der Beitrag: Ich gewinne.

7) Männliche / weibliche Stärken

Erfolgreiche Kreative vereinen „männliche“ und  „weibliche“ Verhaltensweisen. Die Frauen sind oft dominierender und durchsetzungsfähiger als andere Frauen. Die Männer sind oft sensibler und wirken weniger aggressiv als andere Männer.

Beide Geschlechter entfliehen der rigiden Geschlechtsrollenverteilung. So können sie auf ein breiteres Spektrum an Verhaltensmöglichkeiten zurückgreifen.

Für unsere Arbeit in der Kita bedeutet das:

  • Hoch begabte Mädchen brauchen, um anspruchsvolle Projekte zu verwirklichen oder eine Führungsposition zu erringen, Durchsetzungsfähigkeit. Wir sollten Mädchen, die sich durchsetzen wollen, nicht – wegen unweiblichen Verhaltens (!) – ausbremsen, sondern ihnen helfen, möglichst faire Durchsetzungsstrategien zu entwickeln, notfalls aber auch mal „mit dem Kopf durch die Wand“ zu gehen.
  • Wir sollten niemals dulden, dass Jungen für Sensibilität oder Aggressionsvermeidung ausgelacht oder herabgesetzt werden. Wir sollten sie stützen, zu ihrer Empfindsamkeit zu stehen und den Gedanken der Gewaltfreiheit in der Gruppe auch für Jungen positiv besetzen. Aber auch sie sollten Erfahrungen machen können, dass es gut tut, wichtige Ideen und Ansprüche selbstbewusst und gegen Widerstände durchgesetzt zu haben.

8 ) Rebellisch / traditionalistisch

Erfolgreiche Kreative sind rebellisch und unabhängig, stellen Traditionelles, das sie für ungut oder überholt halten, in Frage – nur so kann Weiterentwicklung stattfinden. Sie sind aber auch „Traditionalisten“, die in der Tradition Bewährtes erkennen und daran anknüpfen und darauf aufbauen können.

Sie haben den Mut, für eine Neuentwicklung Risiken einzugehen. Mangelnder Mut ist häufig die Ursache, wenn kreative Leute scheitern.

Für unsere Arbeit in der Kita bedeutet das:

  • Neue Ideen von Kindern müssen zugelassen werden, ihre Umsetzung sollte unterstützt werden.
  • Mut und Risikobereitschaft, neue Ideen zu äußern und neue Wege auszuprobieren, sollten Anerkennung finden, wobei der Erfolg nicht maßgeblich sein sollte.
  • Unsere Regeln in der Kita müssen vernünftig und gut begründet sein. Wir brauchen gute Traditionen in der Kita, die die Kinder lieben und hinterfragen dürfen.
  • Neuen Ideen gegenüber sollten wir uns aufgeschlossen zeigen, sie diskutieren und die Ideenfinder zur Erläuterung und Begründung ihrer Idee herausfordern – und ihnen dabei helfen.

9) Leidenschaft / Objektivität

Erfolgreiche Kreative bringen sehr viel Leidenschaft für ihre Arbeit auf und können ihr dennoch mit einem großen Maß an Objektivität begegnen. Ohne Leidenschaft verliert man schnell das Interesse an einer schwierigen Aufgabe; aber ohne Objektivität leiden Qualität und Glaubwürdigkeit der Arbeit.

Für unsere Arbeit in der Kita bedeutet das:

  • Kinder brauchen neben Lob auch konstruktive Kritik. So lernen sie, ihre Fähigkeiten genauer einzuschätzen. Die Leistung eines Kindes ist nicht prinzipiell optimal, man sollte sehr wohl Anregungen und Impulse einbringen, die beim Kind zu neuen und weiter gehenden Überlegungen führen.
  • Wir sollten Verständnis dafür aufbringen, dass hoch begabte Kinder sich oft hohe Ziele stecken und leidenschaftlich sauer darauf reagieren, wenn sie diese ihrer Ansicht nach nicht erreichen. So kann es passieren, dass ein Kind Gemaltes immer wieder zerreißt, weil es ihm nicht gut genug gelungen ist.
  • Die Kinder suchen nach ihren eigenen Maßstäben und wollen keine Beschwichtigungen hören („Ich finde dein Bild aber schön“); denn damit werden wir unglaubwürdig und als Jury und Förderer ganz schnell abgesetzt.
  • Wir können uns aber aktiv für die Kriterien interessieren, die das Kind selbst zu Grunde legt und ihm helfen, sein Ziel besser zu erreichen.

10) Intensives Leid / intensive Freude

Durch ihre Offenheit und Sensibilität erleben auch erfolgreiche Kreative oft intensives Leid, sind aber auch intensiver Freude ausgesetzt.

Johann Wolfgang von Goethe schrieb schon im 18. Jahrhundert:

„Alles geben Götter, die unendlichen,
ihren Lieblingen ganz.
Alle Freuden, die unendlichen,
Alle Schmerzen, die unendlichen,
ganz.“

„Wahr ist…, dass ein tiefes Interesse oder Engagement für komplizierte Sachverhalte häufig nicht belohnt wird oder gar auf Hohn und Spott stößt. Ein divergierendes Denken wird von der Mehrheit oft als Abweichung von der Norm aufgefasst, was dazu führen kann, dass die kreative Person sich isoliert und missverstanden fühlt.“ (Csikszentmihalyi, S. 112.)  „Aber sobald die Person in ihrem jeweiligen Spezialgebiet arbeitet, verdrängt Freude alle Ängste und Sorgen. Die vielleicht wichtigste Eigenschaft, die sich bei fast allen kreativen Personen findet, ist die Fähigkeit, den Schaffensprozess um seiner selbst willen zu genießen.“ (S. 113.)

Erfolgreiche Kreative definieren sich häufig sehr stark über ihre Arbeit, was sie umso verletzlicher macht.

Für unsere Arbeit in der Kita bedeutet das:

  • Es ist gut, wenn wir den Kindern helfen können, ihre Fragen und ihre Ergebnisse den anderen Kindern so klar, anschaulich, selbstbewusst und verbindlich zu präsentieren, dass die Gruppe das Geleistete erkennen und würdigen kann.
    So erlebt das Kind, dass es selbst etwas dazu beitragen kann, besser verstanden zu werden.
  • Die Gefühle sind ernst zu nehmen, auch wenn sie uns vielleicht übertrieben erscheinen.
  • Es müssen Gelegenheiten und eine Atmosphäre geschaffen werden, die es erlauben, Ängste und Sorgen, aber auch Freude, Spaß und Stolz zu zeigen.
  • Eigene Freude an der pädagogischen Arbeit ist Voraussetzung dafür, Neues aufzunehmen und in das Tagesgeschehen einfließen zu lassen.
  • Die Leidenschaft für eine Tätigkeit sollte nicht durch stringente Tagesabläufe zu stark reglementiert werden. Spannende Projektarbeit sollte Anderes verdrängen können und nach Möglichkeit nicht in wöchentlichem Abstand, sondern fortlaufend verwirklicht werden.

Was macht kreative Menschen erfolgreich?

Nach Csikszentmihalyi braucht es dazu: das Interesse an einer Domäne, den Zugang zu dieser Domäne und den Zugang zum Feld.

Wir versuchen diese Begriffe für unseren Bereich, den Kindergarten, zu diskutieren.

 

1.
Das Interesse an einer Domäne ist das, was wir eine hohe intrinsische Motivation nennen, sich mit bestimmten Dingen ausgiebig, gründlich und immer wieder aus eigenem Antrieb zu befassen. Oft sind das auch bei kleinen Kindern nicht die Dinge, die im Kindergarten im Vordergrund stehen. So kann sich ein Kind mit vier Jahren zum Beispiel vor allem für Zahlen interessieren oder für Labyrinthe, oder ein Fünfjähriges interessiert sich für Gerechtigkeit in der Welt oder für chemische Prozesse.

Kreativität ist dann gegeben, wenn dieses Interesse nicht nur darin besteht, Dinge einfach kennen zu lernen (Wissen anzusammeln), sondern wenn das Interesse gekennzeichnet ist durch „Staunen und Interesse für das Wesen der Dinge“, mit unvoreingenommener Wahrnehmung und flexibler (geistiger) Verarbeitung. „Jeder kreative Mensch ist mit diesen Eigenschaften reich gesegnet.“  (Siehe Csikszentmihalyi, S. 82)

Für die pädagogische Arbeit im Kindergarten bedeutet dies,

dass Kinder mit ihrer Neugier ernst genommen werden müssen. Dafür muss man selbst offen für ihre besonderen Themen sein und dazu bereit sein, diese mit den Kindern zu teilen und zu erarbeiten.

2.
Der Zugang zur Domäne ist die Möglichkeit, Zugang zu dem Wissen zu erhalten, das in der Domäne bereits vorhanden ist, von anderen schon erarbeitet wurde. Aber auch der Zugang zum so genannten prozeduralen Wissen ist nötig. (Wie macht man das – das Forschen, das Operieren, das Malen?)

Csikszentmihalyi schreibt: „Wer in eine wohlhabende Familie hineingeboren wird oder in der Nähe von guten Schulen, Mentoren und Lehrern aufwächst, hat zweifellos einen gewaltigen Vorteil. Es nützt nichts, überdurchschnittlich intelligent und neugierig zu sein, wenn man keine Möglichkeit erhält, die Regeln eines bestimmten symbolischen Systems zu lernen.“

Für die pädagogische Arbeit im Kindergarten bedeutet dies:

Schon im Kindergarten ist es wichtig, den Bildungsauftrag zu erfüllen, das heißt in bezug auf hoch begabte (und damit kreative) Kinder, dass sie eine ihren Möglichkeiten und Bedürfnissen angemessene Förderung erhalten müssen.

Aus unseren Elternberatungen wissen wir, dass dies alles andere als selbstverständlich ist. Die hoch begabten Kinder werden in vielen Kitas auf unterschiedlichste Weise ausgebremst und behindert, meistens ohne dass dies den Erzieherinnen bewusst ist.

Eltern nehmen lange Wege in Kauf – so sie es denn können – um einen Kindergarten zu finden, in dem sich ihr Kind frei entfalten kann.

3.
Der Zugang zum Feld ist eine weitere Voraussetzung dafür, dass Kreativität sich entfalten kann. Ein Kreativer muss die Aufmerksamkeit der etablierten Fachwelt erringen, sich dort einen Platz erkämpfen oder aber mindestens das Wohlwollen eines Mäzens erhalten (was nur in manchen Domänen ausreicht), um überhaupt angemessene Arbeitsmöglichkeiten zu erhalten.

Es geht dabei um Geld für die Arbeit und den Lebensunterhalt, um Zugang zu Laboratorien und anderen Wirkungsstätten und ihrer Ausstattung, um Kontakte und um Informationen, aber auch um die so wichtige Anerkennung der Leistung.

Nur wer von relevanten Personen gekannt und gewürdigt wird, dessen Leistungen werden anerkannt. Wem also die Fähigkeit fehlt, mit einflussreichen Leuten zu kommunizieren, der wird leicht übersehen oder gar gemieden.

Für die pädagogische Arbeit im Kindergarten bedeutet dies:

Es muss ein Feld (also eine soziale Umgebung) im Kindergarten geben, das die Fähigkeiten des Kindes erkennt und würdigt und ihm angemessene Wirkungsmöglichkeiten gibt.

Oft ist ein solches Feld leider nicht vorhanden. Manchmal besteht es aus einer Erzieherin, die das Kind versteht und fördert, im besten Fall aber ist es das ganze Team plus mehrere ebenfalls sehr begabte und kreative Kinder.

Dies spricht einmal mehr für Integrative Schwerpunktkindergärten!

Bestandteil dieses Feldes ist natürlich auch die Ausstattung des Kindergartens mit „schwierigen“ und entdeckergerechten Materialien.

Es ergibt sich außerdem aus dem Konzept des Feldes, dass wir den Kindern helfen müssen, kommunikative Fähigkeiten und Frustrationstoleranz zu entwickeln. Die Fähigkeit, die eigenen Produkte und Erfolge gut präsentieren zu können, ist ein Schlüssel zum Feld. Die Frustrationstoleranz ist wichtig, um in schwierigen Situationen nicht aufzugeben. Um etwas Neues in der Domäne und im Feld zu etablieren, um sich auf Dauer zu behaupten, dazu braucht es Energie und manchmal auch Biss.

Literatur und Filme über besonders kreative Menschen

Es ist spannend, Biografien berühmt gewordener Kreativer unter dem Gesichtspunkt der zehn komplexen Dimensionen der Persönlichkeit zu betrachten.

In dem Spielfilm „Mein Mann Picasso“ (Originaltitel: „Surviving Picasso“) wird aus Sicht einer der Geliebten Picassos, die auch Mutter zweier seiner Kinder ist, dargestellt, wie schwer es sein kann, einen höchst kreativen Menschen zu verstehen und mit ihm zusammen zu leben.

Näher beschrieben ist der Film in: Hochbegabung, dargestellt in Literatur und Film.

Die Energie, die Picasso aufwandte, um kreativ zu sein, hinterließ bei Angehörigen oft das Gefühl der Besorgnis um seine Gesundheit. Picassos Antwort darauf: „Ich lasse meinen Körper vor der Tür, wenn ich male.“ Nach einer Schaffensphase folgte die Phase der Entspannung, in der er sich um nichts kümmerte.

Seine Stimmungswechsel von Euphorie zu Depression bestimmten das Familienleben und waren nicht vorhersehbar. Besonders schwere Depressionen erlitt er, wenn er nach einer Schaffensperiode nach einer neuen Inspiration suchte, die auf sich warten ließ.

Sein Selbstbewusstsein (teilweise schon Arroganz) einerseits und seine Zweifel an seinen künstlerischen Fähigkeiten andererseits trieben ihn voran. Sein Drang, immer etwas Neues schaffen zu wollen, ließ ihn ständig unter Druck stehen.

Er schützte sich durch Selbstzweifel davor, an Geschaffenem festzuhalten, um so in der Lage zu sein, immer etwas Neues schaffen zu können. „Versuche es (das Bild) nicht selbst zu verkaufen, werde nie dein eigener Bewunderer.“

Das Gefühl, nicht verstanden zu werden, kennen wahrscheinlich viele kreative Menschen. Der Musiker Farin Urlaub von der Gruppe „Die Ärzte“ sagte in einem Interview: „… nicht dazu zu gehören, ist ganz oft ein tief empfundenes Gefühl von mir.“

(Interview mit Farin Urlaub „Nicht dazugehören ist ein tiefempfundenes Gefühl von mir“.
Zeitschrift „Galore“, Mai 2005.)

Vielleicht ist dieses Außenseitertum auch darin begründet, dass zwei gegensätzliche Verhaltensextreme gleichberechtigt nebeneinander existieren. Dies kann von Außenstehenden oft nicht eingeschätzt und nachvollzogen werden.

Für kreative Menschen ist die Arbeit nicht in erster Linie Lebensunterhalt, sondern der Lebenssinn mit Freud und Leid. Unvorstellbar ist für viele andere Menschen, dass Kreative in Projekten Energien einsetzen, die das normale Maß überschreiten und sogar körperliche Bedürfnisse völlig außer acht lassen. Die Physikerin Marie Curie vergaß zum Beispiel während ihrer wissenschaftlichen Arbeit zu essen und zu schlafen. Nach Zusammenbrüchen verbot man ihr, weiter zu forschen, wenn sie ihren körperlichen Bedürfnissen nicht nachginge.

Von außen betrachtet kann das extreme Arbeitsverhalten auch wie Strebertum oder Workaholismus gehen. Die Entspannungsphasen können auch den Anschein von Drückebergerei vor alltäglichen Pflichten haben.

Der Satz „Du lebst nicht, um zu arbeiten, sondern du arbeitest, um zu leben“ widerspricht der Persönlichkeit vieler kreativer Menschen.

Um so wichtiger ist es, dass die kreativen Menschen die Wirkungsstätte finden, die ihre Fähigkeit herausfordert, wo sie sich kreativ verwirklichen können. Keine kreative Erfüllung zu finden, kann zu großem innerem Druck führen, der sich in Aggressivität oder Depression äußert.

Und gilt das auch für unsere Kindergartenkinder?

In meiner Zusatzausbildung (IHVO-Projekt Schwerpunktkindergärten) wurde mir (Heike Brandt) klar, dass der Kindergarten im Finden des Wirkungsbereiches (der Domäne) schon eine große Rolle spielt. Für Georg, unseren „Konstrukteur“ in der Gruppe, suchte die Mutter ein geeignetes Freizeitangebot. Sie fragte im Jugendamt nach – dort wurde ihr geraten, ihren Sohn erstmal auf besondere Fähigkeiten testen zu lassen. Zugleich meinte die Sachbearbeiterin, dass man doch eher auf die Schwächen des Jungen eingehen sollte und ihn so außerdem noch vor Hochmut bewahren könne. Die Mutter sagte den Test ab.

Hier zeigt sich, dass die uns in der Weiterbildung nahe gebrachte Einstellung, die Stärken zu fördern und nicht vor allem auf die Schwächen zu schauen, nicht selbstverständlich ist.

Einige der widersprüchlichen Merkmale von kreativen Menschen konnte ich schon im Ansatz bei einigen Kindern meiner Gruppe erkennen. Der spielerische Umgang mit Ideen, der fast schon in Albereien übergeht, zeigt sich häufiger bei Georg. Die Umsetzung mancher Idee verläuft danach jedoch sehr diszipliniert und zielstrebig. In dieser Phase zieht er sich zurück und konstruiert allein oder mit einem Erwachsenen.

Dass schon unsere Kinder ein großes Maß an Energie in die Projekte einfließen lassen und danach erschöpft sind, ließ Fabian durch einen Ausspruch anklingen: „Ich will kein Zahlendetektiv mehr sein, das ist so anstrengend, da schwitze ich immer so.“ Aber dann wollte er natürlich doch weiter mitmachen.

(Siehe: Projekt Zahlendetektive.)

Bei Fehlschlägen reagieren einige Kinder mit extremem Frustrationsverhalten und sind „am Boden zerstört“. Fabian wollte zum Beispiel, nachdem er bei einem Bild, das durch Verbinden von Zahlen entsteht, alle Aktivitäten abbrechen, nachdem er sich vermalt hatte. Nur durch gutes Zureden und nach einer gemeinsamen Korrektur wechselte die Frustration wieder in Stolz und Freude.

Farin Urlaub gab in seinem Interview meiner Meinung nach eine Erklärung, warum es eine Kluft zwischen normalen und besonders kreativen Menschen gibt. „Ich bin scheinbar tatsächlich interessierter und unglaublich neugierig, was für meine Umgebung sehr anstrengend ist. – Wenn man einmal angefangen hat neugierig zu sein – kann man nicht mehr aufhören – es ist wie eine Sucht, denn das Buch, in dem alle Antworten stehen, gibt es nicht. – Leider.“

Unverständnis ruft oftmals das fast schon diktatorische Verhalten einiger kreativer Menschen hervor, die eigene Spielregeln für das Zusammenleben mit anderen festlegen.

Einstein und Picasso, zum Beispiel, schrieben ihren Frauen vor, wie diese sich ihnen gegenüber verhalten sollten. Ein Ausspruch von Farin Urlaub geht in dieselbe Richtung: „Ich meine es durchaus ernst, dass ich Menschen toll finde und gerne Kontakt habe – am liebsten natürlich unter meinen Bedingungen – aber das geht nun mal nicht immer.“

 

Datum der Veröffentlichung: April 2012
Copyright © Hanna Vock, siehe Impressum.

Die Übersetzung dieses Beitrags ins Englische wurde gesponsert von
Beate Kroeger-Müller aus Bonn.

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