von Hanna Vock

 

Diese Frage stellt sich, wenn Erzieherinnen bei einem Kind außergewöhnliche Fähigkeiten oder außergewöhnliche Gedanken bemerken.

Es ist eine grundsätzliche Schwierigkeit beim Erkennen von Hochbegabung durch Beobachtung: Sind die erstaunlichen Fähigkeiten des kleinen Kindes in seiner hohen Begabung, seinem Potenzial, begründet, oder sind sie das Ergebnis außergewöhnlich guter Förderung in der Familie?

Mit guter Förderung sind nicht ehrgeizige Trainingsbemühungen von Eltern gemeint, sondern ein kluges, empathisches, freudiges und angemessenes Antworten auf Interessen und Lernbedürfnisse des Kindes.

Das Potenzial auf der einen Seite und die Ergebnisse guter Förderung auf der anderen Seite auseinander zu halten, ist für die Lebenslaufperspektive des Kindes wichtig – zum Beispiel für Entscheidungen zu Akzelerationsmaßnahmen.

Für die Arbeit im Kindergarten kann die Fragestellung abgewandelt werden:

Hat das Kind bisher eher viel oder eher wenig Förderung erhalten, um die beobachteten Fähigkeiten und Leistungen zu zeigen?

Das Verfolgen dieser Frage kann nicht nur vor dem Irrtum bewahren, ein erstklassig gefördertes, normal begabtes Kind fälschlich für hoch begabt zu halten. Sie bringt uns auch auf die Spur von hoch begabten Kindern, die bisher vergleichsweise wenig Förderung erhalten haben.

Zur Erläuterung zwei Beispiele:

Luc (Name geändert) war mit fünf Jahren gleich gut in der Lage, sich in Deutsch und Französisch auszudrücken. Sein Vater sprach mit ihm überwiegend Deutsch, seine Mutter sprach überwiegend Französisch mit ihm. In beiden Sprachen unterliefen ihm noch viele grammatische Fehler, und es passierte ihm oft, dass er nach Worten suchen musste. Mit sechs Jahren, vor der Einschulung, beherrschte er beide Sprachen gut.

Diese Sprachleistung kam in einer Familie zustande, die sehr viel Wert auf die Zweisprachigkeit und auf gutes Sprechen überhaupt legte. Es wurde viel gesprochen, erzählt, vorgelesen. Es gab eine hohe Sprachkultur. Beide Eltern verstanden es hervorragend, dem Kind ihre Muttersprache beizubringen. Dass das so gut gelingen konnte, lässt auf eine gute Sprachbegabung, aber nicht unbedingt auf eine Hochbegabung bei Luc schließen.

Milena (Name geändert) sprach mit fünf Jahren (einsprachig) einwandfrei. Sie nutzte jede Gelegenheit im Rollenspiel, um ausdrucksstark mit Sprache zu experimentieren. Sie fragte oft nach der Bedeutung von schwierigen Wörtern, die sie nicht kannte, sie lernte von anderen, älteren Kindern, Buchstaben und Zahlen zu malen und wollte wissen, wie die Buchstaben heißen, was sie sich dann zuverlässig einprägte. Bei jeder Bilderbuchbetrachtung blieb sie bis zum Schluss und hatte Spaß daran, über das Vorgelesene ausgiebig zu reden.

Mit fünf Jahren beantwortete sie meine Frage, ob sie gern Lesen lernen würde, mit einem klaren Ja und lernte es im Kindergarten auch mit wenig Zeitaufwand und keiner sichtbaren Mühe innerhalb weniger Wochen.

Siehe auch: Früh Lesen lernen.

Milena erhielt zu Hause nur wenig sprachliche Anregung. Umso erstaunlicher waren ihr hohes Sprachniveau und ihr schnelles, intrinsisch motiviertes Lernen. Bei Milena lag meiner Einschätzung nach eine Hochbegabung vor, was sich später in Tests bestätigte.

In einer Fortbildung erarbeiteten Erzieherinnen ein einfaches Schema,
um sich die Zusammenhänge von Potenzial und Leistung zu verdeutlichen:

Begabung/Potenzial + Förderung = Leistung
niedrig schlecht sehr schwach
niedrig durchschnittlich schwach
niedrig gut durchschnittlich
durchschnittlich schlecht schwach
durchschnittlich durchschnittlich durchschnittlich
durchschnittlich gut gut
hoch schlecht durchschnittlich
hoch durchschnittlich gut
hoch gut sehr gut
sehr hoch schlecht schwach, underachiever (!)
sehr hoch durchschnittlich gut oder sehr gut
sehr hoch gut herausragend

Ein solches einfaches Schema wird sicher nicht der Komplexität des Einzelfalles gerecht, aber es hilft in seiner Übersichtlichkeit, im Allgemeinen zu verstehen, was gute und was schlechte Förderung bewirken können.

Sehr gute Förderung, zum Beispiel im Fußball, kann aus einem dafür wenig begabten Kind keinen Bundesligaspieler machen. Nicht anders liegen die Dinge in künstlerischen oder in intellektuellen Bereichen. Man kann ein Kind aber durchaus unglücklich machen, wenn man hohe Erwartungen an es stellt, die es einfach nicht erfüllen kann.

Damit ein Kind seine hohen Begabungen auch wirklich entfalten kann, müssen verschiedene Faktoren günstig ausgeprägt sein. Ein ganz wichtiger Faktor ist die Förderung durch die Eltern und durch die Bildungsinstitutionen.

Siehe auch: Bedingungsmodell: Entfaltung von Hochbegabung .

Was aber ist gute, was ist schlechte Förderung? Was gute Hochbegabtenförderung im Kindergarten umfassen sollte, ist in unseren Gütekriterien aus dem Jahr 2005 zusammengefasst.

Für die Förderung in der Familie gelten diese Anforderungen natürlich entsprechend.

Aus dem obigen Schema ist abzulesen, dass aus einer Hochbegabung auch ganz schwache Leistungen resultieren können, wenn die Förderung schlecht ist. Unter schlechter Förderung, die underachievement (Minderleistung) und Unglück hervorbringen kann, verstehe ich das Gegenteil zu den Haltungen und Maßnahmen, die in den Gütekriterien formuliert sind;

zum Beispiel

  • das Nichtsehen der Begabungen,
  • das Ablehnen der Andersartigkeit,
  • das Drängen zur Anpassung,
  • das Hinnehmen von Selbstisolation,
  • das Bremsen der Lernvorgänge,
  • das Abwerten der besonderen Interessen,
  • das Entmutigen,
  • das Alleinlassen in frühen Entwicklungskrisen.

Die Antwort auf die Frage: Woher kommen die außergewöhnlichen Fähigkeiten? ist zum Teil in einem vertrauensvollen Zusammenwirken mit den Eltern zu suchen, das Aufschluss darüber gibt, wie die Eltern ihre Bildungsaufgabe sehen und umsetzen.

Vor allem lässt sie sich aber finden, wenn das Kind in der Kita so gefördert wird, dass es auch immer mal wieder an die Grenzen seines Potenzials stößt.

Erst in der tatkräftigen und beständigen Förderung des Kindes und in der Herausforderung seines wirklichen Potenzials wird zu sehen sein, wie groß das Lerntempo und die intrinsische Motivation des Kindes tatsächlich sind; und von daher lässt sich dann immer genauer auf die Begabung schließen.

Ich verstehe es so, dass in der Frage auch oft auch die Sorge mitschwingt, das Kind könnte fälschlicherweise für hoch begabt gehalten werden, was dann die Gefahr der Überforderung mit sich brächte. Diese Gefahr sehe ich in manchen Familien durchaus gegeben, wenn nicht die Bedürfnisse des Kindes und seine freie Entscheidung im Vordergrund stehen, sondern Erwartungen und Druck der Eltern.

Datum der Veröffentlichung: 8.7.10
Copyright © Hanna Vock 2010, siehe Impressum.

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