von Antje Sahm

 

Marike ist 5;1 Jahre alt und gehört noch nicht zur Vorschulgruppe. Sie ist mir durch ihr sehr gutes Gedächtnis aufgefallen und erscheint unterfordert. In der derzeitigen Gruppenkonstellation ist sie nicht glücklich. Sowohl ihre Mutter als auch meine Kollegin und ich haben das Gefühl, dass sie nicht mehr so gern in den Kindergarten kommt und sich öfter langweilt als wir es bisher von ihr kennen.

Ich möchte nun beobachten, wie sie auf etwas gezielteren geistigen Input reagiert. Das soll mit einem Thema verbunden sein, das sie ohnehin interessiert und das ihr möglichst auch Spaß macht. Außerdem möchte ich Marike ein gruppenübergreifendes Angebot machen, das sie herausfordert und Kontakte zu Kindern der anderen Gruppen ermöglicht.

Angeregt durch den IHVO-Kurs komme ich auf die Idee, Marike probeweise am „Würzburger Sprachprogramm“ (im folgenden WS) teilnehmen zu lassen, an dem bisher nur die Vorschulkinder teilnehmen.

Dass Marike dazu Lust hat, setze ich eigentlich voraus, aber ich bezweifele, dass die Vorschulkinder darüber begeistert sind. Als Vorschulkind räumt man nicht unbedingt freiwillig jüngeren Kindern die „Privilegien“ ein, die man gerade erst durch den Vorschulkinder-Status erworben hat. Meiner Meinung nach wird das WS zumindest anfangs von den Kindern als Privileg angesehen. Deshalb will ich erst mit den sechs Vorschulkindern unserer Gruppe darüber sprechen.

Beim nächsten Treffen am Montag sage ich ihnen, dass ich Marike gerne mal als Gastkind zur WS einladen will. Ich sei sicher, dass sie sich darüber freue und ich das Gefühl habe, dass sie die Aufgaben schaffen könne. „Was sagt Ihr dazu?“ Nach kurzer Bedenkzeit geben die vier Jungen ihre Zustimmung. Das eine Mädchen sagt gar nichts und das andere entgegnet: „Aber die Marike ist doch gar kein Vorschulkind.“

Ich sage: „Ich weiß. Aber sie ist immerhin im letzten Monat fünf geworden – so jung ist sie also gar nicht mehr. Die meisten von Euch sind ja auch fünf.“ Kurzes Schweigen, darauf meine Frage: „Wäre das denn in Ordnung für Euch?“ Ich sehe alle Kinder an und jedes nickt zustimmend oder sagt „Ja“. – „Super! Dann frage ich sie mal, ob sie heute Lust dazu hat.“ So geschieht es. Marike ist sofort begeistert und fragt: „Heute?“ – „Wenn Du magst.“ Sie nickt und flitzt in den Nebenraum.

(Anmerkung der Kursleitung:
Du hast es den Kindern gut erklärt, und dann läuft es erfahrungsgemäß fast immer ohne nennenswerte Proleme.)

Marike kann gut mithalten

Das WS wird täglich nur etwa zehn Minuten gemacht und besteht aus zwei Spielen – jedes Spiel dauert also etwa fünf Minuten. Ich bin überrascht davon, wie gut Marike die Aufgaben löst, obwohl sie sie anders als die Vorschulkinder zum ersten Mal macht und so nicht über deren Vorwissen verfügt. Das WS läuft ja immerhin in der Gruppe schon fast ein halbes Jahr.

Als wir fertig sind, frage ich Marike, ob es ihr Spaß gemacht habe. Sie bejaht und fragt sofort, ob sie noch einmal mitmachen könne. Ich schlage ihr vor: „Was hältst Du davon, wenn Du den Rest dieser Woche eine Probewoche machst? Dann kannst Du schauen, ob es Dir Spaß macht. Und ich kann schauen, ob das funktioniert oder ob es doch zu schwierig ist. Dann überlegen wir zusammen, ob Du weiter mitmachst. Heute hat das ja schon super geklappt.“ Marike versichert: „Mir macht das immer Spaß! Ich mache da jetzt immer mit!“

(Anmerkung der Kursleitung:
Auf den zusätzlichen Input hat sie also erstmal sehr deutlich positiv reagiert, ebenso auf die besondere Herausforderung – und Du konntest klar sehen, was in ihr steckt.)

Marike macht weiter begeistert mit

Am nächsten Morgen informiere ich Marikes Mutter über die WS-Probewoche, von der Marike allerdings schon längst erzählt hat. Die Mutter ist angetan von der Idee und berichtet, dass Marike am Morgen darauf gedrängt hat, möglichst früh in den Kindergarten zu gehen, um das WS nicht zu verpassen.

Die Testwoche verläuft sehr gut. Marike erscheint hoch motiviert, fragt mehrfach, wann das WS anfange, und ist meistens die erste, die in den Nebenraum rennt, wenn ich die Kinder rufe. Sie löst die Aufgaben sehr gut, teilweise sogar besser als zwei der Vorschulkinder. Meine Kollegin bitte ich, in dieser Woche auch einmal das WS zu leiten, und sie bestätigt meine Wahrnehmung.

Nun frage ich Marike, ob sie denn auch weiterhin mitmachen wolle: „Ja. Habe ich ja gesagt. Ich mach da jetzt immer mit! Ich kann das ja schon.“

Darüber spreche ich nun wieder mit den Vorschulkindern. Erneut sind die vier Jungen eher unbeeindruckt und geben sofort ihr Einverständnis. Die beiden Mädchen wirken dagegen weniger begeistert.

(Anmerkung der Kursleitung:
Dies ist oft zu beobachten, dass Mädchen in solchen Situationen etwas verkrampfter reagieren, vor allem gegenüber anderen Mädchen.)

Die beiden scheinen jedoch meine Argumente nachvollziehen zu können: zum Beispiel, dass Marike in einem halben Jahr (nach den Sommerferien) das einzige Vorschulkind unserer Gruppe ist und dass es für sie sicher netter sei, jetzt mit ihren Freunden das WS zu machen als allein oder in einer ganz anderen Gruppe.

So kann Marike also noch bis zum Ende des Kita-Jahres (vier Monate) erfolgreich am WS mitmachen. Besonders gefreut hat mich, dass Marike seitdem wieder gerne in den Kindergarten kommt.

(Anmerkung der Kursleitung:
Tolles Ergebnis Deiner Arbeit!)

Anspruchsvollere Spiele für Marike

Daneben habe ich mir auch öfter mal Zeit genommen, etwas anspruchsvollere Spiele mit Marike zu spielen – auch um die Situation mit den beiden Mädchen der Vorschulgruppe etwas zu entzerren, wenn diese gerne mal zu zweit, also ohne Marike spielen möchten.

Besonders gerne spielt sie „Buchstabix“, ein Buchstaben-Memory, oder auch „Lesehexe“, auch ein Spiel für Vorschulkinder, bei dem Wörter zusammengepuzzelt werden. Mir gefällt nicht besonders, dass hier die Wörter nicht durchgängig in Großbuchstaben geschrieben werden. Marike und die anderen Kinder stören sich daran allerdings nicht sonderlich.

Auch mit unseren Magnetbuchstaben spielt Marike gerne. Außerdem lassen meine Kollegin und ich Marike immer mal wieder an Vorschulaktivitäten innerhalb unseres Kindergartens teilnehmen, zum Beispiel bei einem Angebot einer Medienpädagogin, was sie sehr toll fand.

(Anmerkung der Kursleitung:
Insgesamt die Methode der Akzeleration prima angewandt!)

 

Datum der Veröffentlichung: Februar 2019
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