von Claudia Flaig

 

Alena ist nun 5 Jahre alt und nimmt regelmäßig an den Beschäftigungen der „Schlaufüchse“ (Vorschulkinder) teil. Da gibt es die „Philosophenrunde“, ein Gesprächskreis zu allgemeinen Fragen des Lebens, zum Beispiel über Gefühle wie Trauer, Verlust, Tränen.
Allerdings muss der Gesprächskreis wegen eines größeren Umbaus der Einrichtung oft ausfallen. Dann gibt es andere Vorschul- und auch Turn-Angebote. Anlass des Umbaus ist eine durch eine Gesetzesänderung ausgelöste Umstrukturierung der Kita: keine Aufnahme mehr von Kindern unter einem Jahr, Aufstockung der Gruppengröße, Personalabbau – allerdings auch zusätzliches Platzangebot.

Alena kommt gerne zu den Schlaufüchsen

Alena wirkt immer freudig aufgeregt und lässt sofort alles fallen, wenn sich die Möglichkeit einer Beschäftigung der Schlaufüchse (Vorschulkinder) ergibt. Sie vergisst auch nie, lauthals zu betonen, dass sie nun zu den Schlaufüchsen gehen müsse.

…kurz gefasst…

Alena, gerade 5 Jahre alt geworden, lernt Buchstaben kennen. In einer „Buchstabengruppe“ zeigt sie, dass sie lernbegierig ist. Trotzdem möchte sie nicht eingeschult werden, sondern noch ein Jahr im Kindergarten bleiben. Diese Entscheidung wird nach einem Elterngespräch und in Zusammenarbeit mit der Schule getroffen, wobei die Schule sich erfreulich flexibel zeigt.

Sie orientiert sich ganz stark an der ein Jahr älteren Jenni, sucht immer wieder Augenkontakt zu ihr. Bei allgemeinen Anweisungen an die Gesamtgruppe fühlt sie sich überhaupt nicht angesprochen; sie beobachtet fasziniert die anderen Kinder. Geht es dann an die geforderte Arbeit, weiß Alena nicht, was sie tun soll. Nach wiederholender Einzelanweisung löst sie ihre Aufgabe jedoch gut.

Da noch nicht geklärt ist, ob sie vorzeitig eingeschult wird, nimmt Alena auch an den Beschäftigungen der 4- bis 5-Jährigen („Blauer Club“) teil, die erst im nächsten Jahr in die Schule gehen. Alena weiß, dass für sie die Entscheidung noch nicht gefallen ist. Sie sagt aber, dass sie schon in diesem Jahr zur Schule gehen wird. Als sie jedoch vor kurzem ein entsprechendes Gespräch in der Schule hatte, saß sie regungs- und scheinbar emotionslos vor der Konrektorin und sprach kein Wort. Die Eltern waren absolut fassungslos. Ich auch! Der Vater berichtete mir am Montag von dem „Gespräch“ am Samstag. Ich ging mit Alena ins Büro und interviewte sie über das Geschehen.

Ein aufschlussreiches Gespräch mit Alena

Ausgesprochen aufgeweckt erzählt mir Alena, sie habe dort in der Schule Würfel gezogen und sogar einen Würfel gebastelt. Außerdem habe sie ein Haus gemalt. Dabei bleibt sie auch auf meine Nachfrage. Ohne mein Gespräch mit ihrem Vater hätte ich ihr wirklich geglaubt! Ich frage sie also nachdrücklich, ob sie ganz sicher sei, dass die Lehrerin nun wisse, dass sie bis 10 zählen kann. Das müsse so eine Lehrerin vor der Einschulung schließlich auch wissen.

Darauf sagt sie sofort: „Mein Papa war sauer, weil ich der Lehrerin nix gesagt habe.“ Und zählt unaufgefordert bis 20.
„Ich konnte nicht. Ich fand sie nicht nett. Dass ich zählen kann, ist mein Geheimnis.“ – Pause – „Ich hatte vorher eine Lehrerin gesehen, die netter war.“ – Pause – „Ich hatte sie nur einmal gesehen. Da dachte ich, die ist böse.“ Damit ist es raus.

Ich erkläre ihr, welchen Eindruck die Lehrerin nun von ihr haben müsse. Alena schaut ziemlich zerknirscht. Sie erzählt, die Lehrerin habe nachmittags noch mal zu Hause angerufen – und da habe sie mit ihr geredet! Darauf war sie sehr stolz, wie mir ihr Vater dann berichtete. Die Lehrerin habe um Entbindung von der Schweigepflicht und um meine Telefonnummer gebeten.

Alena und ich spielen spontan ein Rollenspiel: ich als mürrische Lehrerin.

(Anmerkung der Kursleitung: Tolle Idee!)

Ich schlage ihr vor, dass ich mich mal mit der Lehrerin unterhalten könnte.

Alenas Erzieherin spricht mit der Lehrerin

Schon am nächsten Tag führe ich ein aufgeschlossenes Gespräch mit der Lehrerin über Alenas Verhalten, über die Gründe für eine mögliche frühe Einschulung und allgemein über hoch begabte Vorschulkinder.

Die Lehrerin kann nachvollziehen, dass Alena wegen ihres zu hohen eigenen Anspruchs die Kontaktaufnahme zu ihr verweigert hat. (Alena erzählt mir später noch, sie habe gedacht, sie müsse Zahlen auch aufschreiben.)

Wir vereinbaren, dass Alena demnächst noch einmal in der Schule vorstellig wird. Dieses Mal werden wir sie emotional und geistig durch ein Gespräch vorbereiten, um ihre eigene hohe Erwartungshaltung zu reduzieren. Auch einem Probeunterricht nach erfolgreichem Gespräch mit Alena steht die Lehrerin positiv gegenüber.

Frühe Einschulung oder im Kindergarten bleiben?

Wie Alena erzählt, sind ihre Eltern zur Zeit dafür, dass sie ein weiteres Jahr im Kindergarten bleibt. Das bestätigen die Eltern. Sie nehmen aber wie vereinbart noch einmal Kontakt zur Schule auf. Sollte Alena ein weiteres Jahr bei uns bleiben, ist sie dann in einer Schlaufuchs-Gruppe von 13 Kindern – dabei sind einige sehr clevere und drei besonders begabte Kinder. In diese Gruppe kann sich Alena sicher gut einbringen und mit interessanten Projekten dürfte sie sich dort gut aufgehoben fühlen.

(Anmerkung der Kursleitung: Dann ist das eine gute Entscheidung und spricht für die Qualität Deiner Arbeit.)

Im Kindergarten zeigt sich Alena konstant aufgeschlossen und kommt immer gerne. Sie orientiert sich absolut an Jenni, die in diesem Jahr eingeschult wird, aber auch an Mariana, die erst im kommenden Jahr in die Schule geht. Das ist natürlich günstig, obwohl alle in andere Schulen kommen werden. Das habe ich Alena schon vor längerem erklärt – und das akzeptiert sie.
Seit kurzem besucht Alena Tanzunterricht, was sie sehr froh macht.

Zum Schreiben-Lernen in die Schule?

(Ein „Dialog“ zwischen Kursleitung und Autorin)

Alena äußert immer wieder ihr Bedürfnis, in die Schule gehen zu wollen, um dort Schreiben zu lernen.

(Anmerkung der Kursleitung: Es erscheint so, als ob Alena glaubt, sie müsse in die Schule gehen, weil sie nur dort Schreiben lernen könne.)

Daher ist es mein Ziel, Alena die Möglichkeit zu geben, durch unterschiedlichste, alle Sinne ansprechende Beschäftigungen viele Buchstaben des Alphabets kennen zu lernen.
Mein Ziel ist es nicht, dass Alena Schreiben oder Lesen lernt.

(Anmerkung der Kursleitung: Warum nicht? Beachte den Unterschied zwischen „kennen lernen“ und „lernen“.)

Durch vielseitige Angebote, die sich durch ihr Engagement und ihre Kreativität ausbauen lassen, sofern sie das Bedürfnis dazu verspürt, kann sich Alena in selbstbestimmtem Maße darauf einlassen.

(Anmerkung der Kursleitung: Dies ist ein guter Ansatz. Aber: Hast Du genügend Zeit, um dabei Alenas Tempo zu folgen, falls sie schnell lernen will?)

Bei diesem Projekt lernt Alena ihre Grenzen kennen. Einige, sogar jüngere Kinder kennen wesentlich mehr Buchstaben als sie. Sie wird lernen, diese Unterschiede zu akzeptieren und mit weniger eigener Leistung zufrieden zu sein.

(Anmerkung der Kursleitung: Achtung: Mädchenfalle!)

Alena wird die Diskrepanz zwischen dem kognitiven Bereich und der Feinmotorik akzeptieren lernen. Eine hervorragende Schulvorbereitung!

(Anmerkung der Kursleitung: Aber wir wollen sie doch nicht bremsen?! Eher sollte doch die Überlegung dahin gehen, wie sie spielerisch ihren eigenen Leistungsansprüchen näher kommen kann, oder? Ist Alena überhaupt klar, dass sie zum Lesen – das für wissbegierige Kinder weitaus wichtiger ist als das Schreiben – die Buchstaben nicht selber schreiben können muss? Dass also ihre noch nicht so weit entwickelte Feinmotorik fürs Lesenlernen kein Hindernis darstellt?)

Der Kontakt zu anderen an Buchstaben interessierten Kindern wird Alena Freude bereiten. Zugleich wird Frustrationstoleranz erprobt, denn Charlotte kann schon fast lesen.

(Anmerkung der Kursleitung: Aber nur solange die Frustration nicht zu groß wird.)

Gerne hätte ich einen festen Platz im Haus für die Zusammenkunft des „Buchstabenclubs“ gehabt, doch noch lassen die Umbaumaßnahmen und die Personalveränderungen dies nicht zu.

(Anmerkung der Kursleitung: Schade! Für später und für die nächsten Buchstabenclubs nicht aus den Augen verlieren!)

Der „Buchstabenclub“ wird gegründet

Ich spreche Alena (5;1), Charlotte (3;5), Finn (4;0), Hannes (3;8) und Enno (4;7) auf das Projekt an, frage sie, ob sie Lust hätten, sich mit Buchstaben zu beschäftigen. Von allen weiß ich, dass sie an Buchstaben interessiert sind.

(Anmerkung der Kursleitung: Gut, dass Du so junge Kinder ansprichst.)

Die fünf Kinder kommen begeistert mit in unsere Lernwerkstatt und wir sprechen darüber, was sie bereits über Buchstaben wissen. Charlotte und Hannes haben zuhause Buchstaben-Spiele. Finn und Enno erzählen von Computer-Lernspielen (beide haben ältere Geschwister). Alena meint zunächst, sie besitze auch ein solches Lernspiel. Doch dann räumt sie ein, sich eines zu wünschen.

(Anmerkung der Kursleitung: Alle außer Alena werden also vermutlich zuhause in diesem Bereich gefördert. Kein Wunder, dass sie weiter sind. Gut, dass Du Alena entdeckt hast.)

Schon auf dem Tisch liegende Zeitschriften und Pappen lassen Alena sofort erklären, was gemacht werden kann. Sie holt Scheren und Kleber und verteilt alles .

(Anmerkung der Kursleitung: Sie will lernen und tut etwas dafür.)

Die Kinder schneiden nun zufällig ausgewählte Buchstaben aus. Dann entscheidet sich jedes Kind für einen bestimmten Buchstaben und klebt ihn auf, damit daraus ein Plakat wird. Sie verwenden Groß- und Kleinbuchstaben.
Alena macht zum Beispiel das N-Plakat. Alle Kinder geben sich gegenseitig Buchstaben. Alena führt das Wort und ist hoch motiviert, obwohl oder weil (?) sie die geringsten Kenntnisse hat.

Das Suchen und Finden von Wörtern, die mit ausgewählten Buchstaben beginnen, ergibt sich spielerisch von alleine. Außer Charlotte fällt das allen Kindern noch schwer und sorgt für manchen Lacher.

Zusätzliche Einzelförderung

Tage später schneidet Alena die im Club erstellten Plakate zurecht und hängt sie mit mir auf.
Ich führe immer wieder Einzelbeschäftigungen mit Alena durch, um mich mit ihr in Ruhe unterhalten zu können. Ich möchte wissen, wie sich Alena und was sie fühlt.

Zu „B“ fällt ihr „Ball“ ein, zu Sssssss das Summen der Biene. „A“ – „Das ist mein Name“ oder auch „Apfel“ und „Aa“, „U“ ist „Uhu – das ist baby, das kann ich schon.“

Wenn Alena etwas nicht weiß, wie zum Beispiel immer wieder das „E“, dann lenkt sie ab, verliert die Lust, ohne dass ich von ihr das Wissen erwarte. Ich erkläre ihr immer wieder, dass sie die Buchstaben nicht können müsse, dass sie dies doch erst in der Schule lernen werde und dass es jetzt nur darum gehe, die Buchstaben kennen zu lernen.

(Anmerkung der Kursleitung: Das nützt vielleicht nicht so viel, wenn sie die Buchstaben können will. Von der Doppelbotschaft: Du musst es nicht können, aber ich zeige Dir, was Du tun kannst – reicht der zweite Teil aus!
Merksatz: Gerade bei Mädchen niemals abwiegeln! Niemals beschwichtigen und Verzicht auf eigene Ziele predigen! – Das tun Andere schon genug!)

Weil sie den Buchstaben E immer wieder vergisst, schlage ich ihr vor, dass sie ihn auf ein kleines Stück Pappe malt und in die Hosentasche steckt. Als ich sie auffordere, sich ein Wort mit E zu merken – ich dachte eigentlich, sie malt den Begriff dazu – sagt Alena „Esel“ und steckt sich das dumme E in die Hosentasche. Zwei Tage später gibt sie mir das E zurück – sie kann es jetzt.

(Anmerkung der Kursleitung: Eine prima Unterstützung. Alena beweist einmal mehr, dass es ihr Ernst ist mit dem Lernen.)

Viele Spiel-Ideen mit Buchstaben-Karten

Auf zugeschnittener Pappe schreibe ich mit den Kindern – diesmal sind auch andere dabei – mit schwarzem Filzstift Buchstaben, die mir die Kinder nennen. Die Kinder schneiden die Karten durch, finden zu den Anfangsbuchstaben entsprechende Wörter. Mit einer Auswahl der Buchstaben spielen wir Memory nach den klassischen Regeln.

Dann suchen sich die Kinder die Buchstaben ihres Namens heraus. Danach liegt jeder Buchstabe nur einmal auf dem Tisch – jeder nimmt sich einen und findet ein entsprechendes Wort. So ergeben sich immer weitere Spielmöglichkeiten. Etwa als Kim-Spiel-Variationen: Buchstaben auf den Tisch legen, einen wegnehmen lassen: Welcher fehlt? Oder Wörter, Namen der Kinder hinlegen, einen Buchstaben entfernen: Welcher fehlt?

Ergänzen lassen sich diese Spiel- und Lernideen sehr gut mit den Bildkarten des Würzburger Sprachprogramms. Hier finden sich Karten mit Gegenständen, denen die einzelnen Buchstaben zugeordnet werden können.
Unsere selbst hergestellten Buchstaben-Karten stehen zur freien Verfügung, lassen viel Raum für immer neue Ideen und werden gerne, auch von den Kleinen genutzt.

(Anmerkung der Kursleitung: Alles ist so wenig aufwändig, dass Du es mit „neuen“ Kindern immer wiederholen kannst – ganz einfach und ganz prima! So wachsen sie ganz nebenbei in die Buchstabenwelt hinein.)

„Kleiner Rabe lernt das ABC“ (Spieleinführung)

An der Einführung nehmen teil: Amar, den Alena in ihren Turnstunden angeleitet hatte, Charlotte und Alena. Amar erstaunt Alena sehr, denn er kennt schon einige Buchstaben! Da Alena bei ihren Turnstunden mit Amar sehr viel Rücksichtnahme lernte, erfährt sie nun, dass Amar ein hohes Buchstabenwissen hat. Sie reagiert mit echter freudiger Überraschung, völlig ohne Neid!

Charlotte kennt das Spiel bereits, sie hat es schon mal bei einer Freundin gespielt.

In unserer Gruppe ist der unterschiedliche Wissensstand zu Buchstaben und Zahlen normaler Alltag geworden.

Die Kinder haben genügend Erfahrungen damit, dass Charlotte und Hannes schon schreiben, rechnen und etwas lesen können.

(Anmerkung der Kursleitung: Das ist schon die erste Stufe einer Früh-Lese-, Schreib- und Rechen-Kultur in der Kita.)

Sie gelten bei den Kindern als sehr klug, sie sind unsere Fachleute, sie helfen uns, wir können viel von ihnen lernen. Deshalb sind wir nicht dumm! Auch wir lernen das alles! Und eigentlich muss man diese Sachen im Kindergarten noch nicht können.

(Anmerkung der Kursleitung: Das ist ganz wichtig für die Kinder, deren Interesse an Buchstaben noch nicht erwacht ist.)

Charlotte und Hannes wiederum halten mit glänzenden Augen ihr Wissen zurück, bis sie signalisiert bekommen, dass wir nun ihre Hilfe gerne bekommen würden.

Bei der Spieleinführung sehen wir uns die Kärtchen genau an: Jeder nimmt sich einen Buchstaben und sucht den passenden Gegenstand.
Alenas Bemerkungen: „Es ist ein bisschen schwierig – Mit den Strichen ist es ganz einfach – Eins weiß ich: Elefant fängt mit E an – I habe ich vergessen.“
Alena wirkt unruhig.

(Anmerkung der Kursleitung: Oder „aufgeregt“, „erregt“ ? Falls zutreffend, die positivere Beschreibung wählen.)

Immer wieder gebe ich Alena die gleichen Erklärungen, immer wieder hilft Charlotte, langsam beruhigt sich Alena. Sie setzt sich aber unter Druck, sie hat auch keine Muße, die Karten ordentlich hinzulegen, wie etwa Amar.

(Anmerkung der Kursleitung: Bestimmt hat sie schon ein Gespür dafür entwickelt, dass die von ihr anscheinend so begehrten Fördereinheiten recht seltene Glücksfälle sind – gemessen an ihrer Gesamtzeit. Also muss es schnell gehen, und es darf keine Zeit vertrödelt werden. Sie muss die Zeit ausnutzen und sich nicht mit Unwesentlichem aufhalten. – Das alles sind natürlich nur Deutungs-Versuche!)

Alena findet jedoch allerhand Wörter zu den Buchstaben, obwohl das Finden in diesem Spiel nicht gefordert ist. Ich denke, sie möchte der Gruppe zeigen, was sie kann.

(Anmerkung der Kursleitung: Ja. Und vielleicht auch – gespürt, nicht klar gewusst : was sie eigentlich könnte, wenn sie auch viel Förderung bekäme. Vgl. Deine Einschätzung in: Alena, 4;1)

Zu Amar sagt sie. „Wenn das die Wolke ist, weißt Du, dass das ein W ist.“ – „Ich weiß,“ sagt Amar. Darauf Alena tonlos: „Ja.“

(Anmerkung der Kursleitung: Nicht Neid, aber Enttäuschung, dass sie selbst noch nicht so viel weiß?)

Ich lache los, kann mich nicht halten, und Alena lacht mit.

Aus Knete werden Buchstaben geformt

Neue, grellfarbige Knete (mal nicht die selbst gemachte) sorgt in der Gruppe immer sofort für Aufmerksamkeit. Wenn diese dann nicht „frei gegeben“ wird, entsteht besonderes Interesse. Hannes, Mariana und Alena kommen als „Auserwählte“ in die Lernwerkstatt – später dürfen auch andere Kinder Buchstaben aus Knete formen.

Unsere Buchstabenkarten (Memory) liegen auf dem Tisch. Alena sagt sofort: „Wir kneten Sachen, die mit den Buchstaben anfangen!“ Nachdem ich den Kopf wiege, überlegt sie eine Weile; auch Hannes und Mariana fällt nichts ein. Dann strahlt Alena: Buchstaben werden geknetet! In der folgenden Viertelstunde passiert dies:

Jedes Kind sucht sich einen Buchstaben und formt ihn nach. Wir überlegen gemeinsam, welche Wörter mit diesen Buchstaben beginnen. Das fällt allen Dreien nicht leicht – Charlotte ist in Urlaub.

Zu Hannes‘ H fällt Alena HAHA ein. Zu Alenas A fällt Hannes MAMA ein. Mit deutlichem Sprechen erkennt er den Anfangsbuchstaben M.

Alena sucht sich ein O als Karte aus und hat plötzlich ein E geknetet. Als ich sie fragend ansehe, sagt sie, dass dies besser gehe. Gemeinsam rollen und formen wir das O.
Mariana knetet ein K und es gelingt ihr zufällig in Schreibschrift – eine tolle Gelegenheit über Schreib- und Druckschrift zu sprechen.

Alena, die auch in dieser Beschäftigung wieder einmal wortführend ist, schlägt vor, ihre Namen zu schreiben. Die Idee wird gerne aufgenommen. Marianas Name ist viel Arbeit, Hannes und Alena übernehmen je einen Buchstaben. Ich fordere die Kinder auf, gleiche Buchstaben ihrer Namen in den Namen der anderen zu finden. Sie tauschen die Buchstaben und erhalten bunte Namen.

Folgende weitere Beschäftigungen mit Buchstaben sind geplant:

    • Wir gehen mit unseren Buchstabenkarten durch unseren Ort, suchen Wörter mit entsprechenden Buchstaben.
    • Turn-ABC: Wir formen Buchstaben aus Seilchen, Stäben, Tüchern, mit unseren Körpern.
    • Wir formen Buchstaben an unserem Sandtisch im Flur.
    • Wir schreiben mit Russisch Brot und essen Buchstaben.
    • Spieleinführung: Lesehexe von HaBa.
    • Wir drucken Buchstaben.
    • Wir besuchen eine Druckerei.
    • Wir schreiben mit Hannes‘ Mutter als Elternexpertin ein Hühnerbuch.

Was hat Alena aus den Beschäftigungen mit Buchstaben mitgenommen?

Alena machte insgesamt gesehen in allen Beschäftigungen einen ausgeglichenen, lockeren, fröhlichen Eindruck. Hoch motiviert verfolgte sie aufmerksam Anweisungen, hatte viele eigene kreative Ideen und zeigte sich zudem hilfsbereit.

Nach wie vor stellt sie hohe Ansprüche an sich selbst. Es gilt darauf immer wieder einzugehen, sie zu ermutigen, sich geforderten Aufgaben zu stellen, die zunächst schwierig erscheinen, und auch mit Ergebnissen zufrieden zu sein, die nicht ihren ursprünglichen Erwartungen entsprechen.

(Anmerkung der Kursleitung: Genau: Ermutigen, Hilfestellung geben, um die hohen Ziele zu erreichen. Das Gefühl, mit dem Ergebnis unzufrieden zu sein, nicht abtrainieren! Es sollte eine Haltung erlernt werden, sich zwar zunächst zufrieden zu geben, aber an dem Ziel dran zu bleiben.
Kinder, die gut und kontinuierlich gefördert werden, können gelassen bleiben, wenn etwas auf Anhieb nicht so klappt, wie sie es sich vorgestellt haben: „Das lerne ich dann eben morgen! Dann ist die Unterstützung ja auch wieder da.“
Kinder, die nur selten auf ihrem Niveau gefördert werden, sind sich selbst gegenüber ungeduldig: „Jetzt oder vielleicht nie!“ Sie können ja nicht auf morgen vertrauen – und haben doch das Gefühl, schon im Hintertreffen zu sein.
Diese Unruhe ist nicht mit Beschwichtigungen zu vertreiben, sondern nur durch verlässliche Förderung. Deshalb wäre es gut, auch die Eltern stärker „ins Boot zu holen“. Sie und Alena sollten wissen, dass sie ein besonders begabtes Kind ist, das viel lernen will und schnell lernen kann.)

Sie möchte gern noch im Kindergarten bleiben

Kurz darauf, Alena ist jetzt (im Frühjahr) 5;1 Jahre alt, spreche ich mit ihr im Büro erneut über die Möglichkeit einer (vorzeitigen) Einschulung. So hatte ich es nach der ersten (gescheiterten) Kontaktaufnahme mit der Lehrerin (Konrektorin) der aufnehmenden Grundschule vereinbart.

Ich stelle Alena direkt vor die Alternative, ob sie im Sommer schon zur Schule gehen oder lieber noch ein Jahr im Kindergarten bleiben wolle. Ohne einen Moment zu zögern, sagt sie. „Ich will im Kindergarten bleiben.“

Auf Nachfrage erklärt sie mir, dass sie gerne bei den Kleinen (neue U3-Gruppe) helfe und und in unserer Gruppe mit der vierjährigen Sina, der dreijährigen Lina, den beiden fünfjährigen Mariana und Justus sowie mit der sechsjährigen Jenni spiele. Letztere kommt allerdings, wie Alena weiß, bereits in diesem Jahr zur Schule (aber nicht in die für Alena vorgesehene). Mariana und Justus sind im „Blauen Club“ und kommen dann im Sommer in die Vorschulgruppe. Im derzeitigen „Blauen Club“ mag sie auch noch Amar, mit dem sie gemeinsam geturnt hat, und noch zwei fünfjährige Mädchen. „In der Schule kenne ich keinen,“ fügt Alena hinzu. Wie sehr oft in letzter Zeit kaut sie dabei an den Nägeln.

„Der Kindergarten ist am besten,“ sagt sie. Ich strahle sie an und unterstütze sie in dieser Entscheidung. Nachmittags beim Abholen sagt sie es direkt ihren Eltern und holt sogar sofort ihr Federmäppchen aus dem Raum der „Schlaufüchse“, der jetzigen Vorschulgruppe. Ein Zeichen, dass sich Alena sehr sicher ist. Das Vorschulprogramm funktioniert derzeit nicht gut, ansonsten hätte sie selbstverständlich auch weiterhin daran teilnehmen können (und vermutlich wollen).

Im zwei Wochen später stattfindenden Elterngespräch zeigen sich auch Alenas Eltern mit der Entscheidung sehr zufrieden.

Mit der Konrektorin der Grundschule führe ich ein ganz hervorragend verlaufendes Telefonat. Sie begrüßt ebenfalls diese Entscheidung, und betont zugleich, dass sie im Umgang mit besonders begabten Kindern sehr offen seien. Viele Kinder seien schon bei der Einschulung erfahren im Lesen und Schreiben.

Es sei kein Problem an dieser Schule, schon im Halbjahr in eine höhere Klasse zu springen.

Ebenso komme für Alena im nächsten Winter ein Probeunterricht und dann noch eine nachträgliche Einschulung in Frage.

(Anmerkung der Kursleitung: Schön!)

In der Folgezeit macht Alena (jetzt 5;4) einen ausgeglichenen Eindruck im Kindergarten: kein Nägelkauen, kein Bauchweh, keine Infekte. Sie weckt ihren Papa morgens und kommt so gegen 9 Uhr in die Kita, früher war es oft eine Stunde später. Sie geht zum Tanzunterricht und mit ihrer Freundin Jenni in eine Sportgruppe. In der Musikschule ist sie angemeldet.
Die Eltern bestätigen meinen Eindruck: Sie fühlt sich „rund“.

 

Sie können Alenas Förderung, soweit sie in den Beiträgen dokumentiert ist, auch chronologisch verfolgen:

Alena, 4;1 Jahre

Alena (4;6) leitet eine kleine Turngruppe

Dann folgt der hier vorliegende Beitrag: Alena (5;0) lernt Buchstaben – wann soll sie in die Schule?

Die tote Mutter von Pompeji und Buntstifte für Südafrika

Alena (5;2) lernt das Schattenspiel kennen

Elektrogeräte demontieren

Alena (5;10) und eine Kerngruppe werden Experten der Lernwerkstatt

 

Datum der Veröffentlichung: April 2018
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