von Doris Lenz

 

Um die Stärken meines Beobachtungskindes Emma (4;6) genauer erkennen zu können, mache ich nacheinander drei provozierende Beobachtungen.
Siehe auch: Arten der Beobachtung

Die 1. Provozierende Beobachtung: Experimentieren mit dem Zahlenturm

Der Turm steht ineinander gestapelt auf dem Tisch. Ich fordere Emma auf, ihn sich einmal anzuschauen. Interessiert beginnt Emma die einzelnen Elemente herauszunehmen. Dabei erkennt sie sofort, dass es sich um einzelne Würfelelemente in verschiedenen Größen handelt. Beim Betrachten benennt sie die darauf abgebildeten Zahlen.

Dann experimentiert sie und stapelt die einzelnen Würfelelemente unsortiert übereinander.
Ich fordere sie auf, die Würfelelemente in der richtigen Reihenfolge von 1 bis 10 nebeneinander hinzustellen.

Sie erkennt auf Anhieb kleinere und größere sowie offene und geschlossene Würfelelemente.
Sie stellt die Würfelelemente sofort in der richtigen Reihenfolge hin. Dabei kommentiert sie Fragen in ihrem Kopf:

– Beim 10er Würfelbild: „5 und 5“.
– „Das muss die 9 sein“. (Sie hat die Punkte an der 9 und der 6 bereits vorher wahrgenommen.)
– „Aus der 9 wird ne 6“. (Beim Umstapeln des Würfelelements.)

Entsprechend dem Beobachtungsbogen nach Huser sehe ich bei Emma gegeben:
A1 Allgemeiner Entwicklungsvorsprung; großes Interesse an Zahlen und
A2 Schnelle Auffassungsgabe und Neugierde.

Emma bemerkt erfreut, dass sie im Wandspiegel die Rückseite der Würfel sehen kann und dass dort geometrische Formen abgebildet sind. Sie geht daraufhin auf die andere Tischseite und benennt die ersten vier:

„Kreis, Osterei, Dreieck, Viereck.“

Ich frage sie nach der nächsten Form. Sie antwortet: „Das weiß ich nicht“. Daraufhin frage ich: „Wie viele Ecken hat denn die Form?“. Sie zählt sie und antwortet: „5“. Ich kommentiere: „Dann ist es ein Fünfeck“. Emma wendet sich der nächsten Form zu, zählt die Ecken und äußert „Sechseck“. So geht es bis zum Zehneck.

Ich sehe darin die folgende Fähigkeit bestätigt:
D3 Gutes Abstraktionsvermögen.

Emma erstellt nun spontan eine ausgedachte Reihenfolge, indem sie variiert zwischen geometrischen Formen, Zahlen und Würfelbildern.

Als ich bemerke, dass ihre Konzentration nachlässt, frage ich sie, ob sie noch weiterspielen möchte. Sie verneint. Auf meine Bitte hin räumt sie auf, indem sie die Würfel wieder ineinander steckt, und geht dann wieder zu den anderen Kindern.

Die 2. Provozierende Beobachtung: Buchstaben

Lernspiel „E wie Elefant“ (Sprachentwicklung, Wahrnehmung und Wortschatz) der Firma Ravensburger; empfohlen für Kinder ab 5 Jahren.

Die Buchstaben des Alphabets sind je auf einer Karte abgebildet. Die Karten liegen alphabetisch geordnet auf dem Tisch. Ich fordere Emma auf, sich die Karten auszuwählen, deren Buchstaben sie kennt. Diese darf sie sich nehmen und vor sich hinlegen. Erkennt sie einen Buchstaben nicht, bleibt zunächst eine Lücke (oder auch mehrere) frei.

Emma (4; 6) kennt bis auf F, G, J, Q und Y alle Buchstaben und nennt sie auch ohne Mitlaut. Das X bezeichnet sie als Kreuz. Die Buchstaben F und G benennt sie zum Schluss auch noch.

Beim Buchstaben „Z“ äußert Emma: „Z wie Zoe, obwohl man das nicht hört, man hört ein S.“
(A1 Allgemeiner Entwicklungsvorsprung.)

Die Karten mit den Buchstabenkarten, die Emma noch nicht erkannte, benenne ich und lege sie gemeinsam mit Emma an die richtige Stelle.

Nun liegen alle Buchstaben alphabetisch geordnet vor ihr und sie sagt: „Ich kann das auch singen.“ Sie singt mir das Alphabet vor.

Nun lege ich Emma einen Stapel mit Bildkarten hin und erkläre ihr, dass sie zu jedem Buchstaben ein Bild heraussuchen darf, wobei der abgebildete Gegenstand den gleichen Anfangsbuchstaben haben soll.

Emma erkennt die Kartenpaare schnell. Die Bildkarte mit dem Tiger kann sie zunächst nicht zuordnen. Sie findet das „T“ nicht. Ich sage ihr, dass sie es gerne zur Seite legen darf, um vielleicht später noch einmal nach dem „T“ zu suchen. Dies macht sie auch.
(A2 Schnelle Auffassungsgabe.)

Sie legt eine erste Reihe, dann die zweite. Jetzt wird der Platz auf dem Tisch sehr eng. Ich will ihr mehr Platz verschaffen und verschiebe die Reihen nach links.

Sie verändert dies aber wieder ohne Kommentar. Sie hat ihre ganz eigene Ordnung und lässt sich nicht beirren.
(A8 Drang nach Unabhängigkeit und Selbstständigkeit.)

Nachdem die zweite Reihe beendet ist, sagt sie: „Ich will keine dritte Reihe mehr machen.“ Emma kann sich selbst gut einschätzen und kennt klar ihre eigenen Grenzen.

Dann fällt ihr Blick auf die Bildkarte mit dem Tiger. „Den will ich aber noch legen“, sagt sie und findet jetzt ganz schnell das „T“.
A5 Starke Eigenmotivation.

Ich antworte ihr, das sei völlig in Ordnung und lobe sie, wie viel und gut sie gearbeitet hat. Nach Aufforderung räumen wir gemeinsam die Karten ein.

Die 3. Provozierende Beobachtung: Buchstaben

Wir benutzen wieder dasselbe Lernspiel: „E wie Elefant“.

Ein Teil der Bildkarten liegt alphabetisch geordnet in Reihenform vor ihr. Die anderen liegen auf einem Stapel daneben. Ich erkläre Emma, was zu tun ist, nämlich zwei Bildkarten zu finden, auf denen Begriffe abgebildet sind, die mit demselben Buchstaben beginnen. Sie ist sehr motiviert und beginnt sofort. Ihr erstes Bildpaar beginnt mit dem Buchstaben „Z“.

Sie arbeitet konzentriert, kommentiert zwischendurch: „Ich kann das auch an der Öffnung erkennen.“
(A2 Schnelle Auffassungsgabe.)

Hat man zwei passende Bildkarten gefunden kann man zur Überprüfung beide wie beim Puzzeln zusammenstecken.
Emma stellt mir Fragen: „Hast du es schon gefunden, das „D“?“ Sie meint eine Bildkarte, deren Bild mit „D“ beginnt. Ich antworte: „Ja.“ Emma:“ Zeig’ s mir.“ Ich: „Schau in der oberen Reihe nach.“ Sie findet es und arbeitet weiter. Zwischendurch singt sie wieder das komplette Alphabet.

Bei einigen Bildkarten stellt sie mir Fragen, was denn nun gemeint sei, zum Beispiel sind auf einer Karte ein großer Pilz und kleinere Pilze zu sehen, aber ebenfalls Gras, Regentropfen, eine Pfütze. Emma fragt: „Was ist damit gemeint?“ und zählt die einzelnen Dinge auf.
(C3 Gute Ausdrucksfähigkeit.)

Ich antworte ihr: „Pilze.“ Daraufhin sucht sie die passende Bildkarte mit einem weiteren Gegenstand, dessen Anfangsbuchstabe das „P“ ist. Nachdem Emma alle Bildkartenpaare gefunden hat, möchte ich das Spiel beenden.

Emma sagt: „Ich möchte noch was Schweres machen.“

Sie ist noch motiviert. Ich lege ein „E“ und ein „I“ vor sie hin und frage sie, ob sie herausfinden kann, welches Wort die beiden Buchstaben ergeben. Sie probiert mit ihrer Stimme und es gelingt ihr, es herauszufinden. Ich lege noch ein „S“ dran. Sie findet schnell das Wort „Eis“ heraus.

„Jetzt versuchen wir einmal meinen Namen zu legen.“ Emma:“ Ja, Emma geht ja nicht, weil wir keine zwei „M“ haben und Mama geht auch nicht.“
(A7 Schwierigkeitsgrad bei neuen Aufgaben,
A5 Eigenmotivation.)

Wieder möchte ich nun das Angebot beenden, Emma will jedoch weiter machen. Dies ist mir jedoch nicht möglich, da ich die Kita wegen eines Außentermins verlassen muss. Dies erkläre ich Emma, sage ihr aber auch, dass wir uns noch öfter treffen können, um gemeinsam zu „arbeiten“. Damit ist sie sehr einverstanden und meint: „Das nächste Mal mit Zahlen.“

Hier können Sie noch mehr über Emma lesen:

Emma führt Regie
Projekt: Ein Gartenbeet anlegen

 

Datum der Veröffentlichung: Januar 2015
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