von Petra Cohnen
 
Gestützt auf die Einschätzung der Kolleginnen – ich arbeite als freigestellte Leiterin – und auf anschließende eigene Beobachtungen, wählte ich einen 3;10 Jahre alten Jungen, Ergün, als „Beobachtungskind“ für meine Weiterbildung aus.

Ergün kam schon im Alter von zwei Jahren in unsere Gruppe mit Kindern im Alter von zwei bis sechs Jahren. Ich bin in regelmäßigem, direktem Kontakt mit ihm, da er an der wöchentlich stattfindenden Wahrnehmungsgruppe teilnimmt, die ich leite.

 

… kurz gefasst …
Die Autorin beobachtet Ergün (3;10) und ordnet ihre Beobachtungen dem Beobachtungsbogen nach Huser zu.
Sie schließt ein Angebot an, eine provozierende Beobachtung (siehe Arten der Beobachtung), um sich noch klarer über die Begabungen von Ergün zu werden.
Dabei ist es gleichzeitig ihr Ziel, Ergün darin zu unterstützen, seine Scheu vor unbekannten Herausforderungen abzubauen, die er in der Gruppe immer wieder zeigt.

Ich beobachtete Ergün nun über zwei Monate lang intensiv, um ein klareres Bild über seine Fähigkeiten und Begabungen zu gewinnen. Meine Eindrücke ordne ich entsprechend dem Beobachtungsbogen nach Huser.

 

A 3 (Orientierung an älteren Kindern und Erwachsenen):

Ergün liebt es, sich zu den Erzieherinnen der Gruppe zu gesellen und ihren Gesprächen zu folgen. Er hört dann sehr aufmerksam zu. Häufig stellt er zu einem späteren Zeitpunkt Fragen, die sich auf das zuvor Gehörte beziehen und die erkennen lassen, dass er sich mit dem Gehörten auseinandergesetzt und Gedankengänge fortgeführt hat.

Beispiel:
Ergün verfolgt ein Gespräch der Erzieherinnen über einen Raumtausch, von dem seine Gruppe betroffen ist, und über die damit verbundenen Räumarbeiten.
Die Kolleginnen überlegen, wie viele Umzugskartons für ihre Gruppe bestellt werden müssen.
Später am Nachmittag kommt Ergün zu mir ins Büro (er muss dazu ans andere Ende des Gebäudes und einen recht langen Weg zurück legen) und fragt, ob ich denn genügend Umzugskartons bestellt habe, da ja die Sonnenblumengruppe (seine eigene Gruppe) und die Regenbogengruppe (Nachbargruppe) auch noch ihre Spielsachen einpacken müssten.

Ältere Kinder sind für Ergün ebenfalls interessant und er schließt sich ihnen gerne an. Sein Bestreben ist anscheinend, eine führende Rolle einzunehmen, was ihm bislang noch nicht gelingt.

A 4 (Verblüffende Gedächtnisfähigkeit):

Ergün erinnert mühelos Dinge, die Monate zurückliegen. Bei den wiederkehrenden Jahresfesten fällt auf, dass er sich noch sehr genau an den Verlauf des Festes im letzten Jahr erinnert.

Beispiel:
Im Gespräch mit einer Erzieherin über das Osterfest des letzten Jahres sagt Ergün: „Ja, und letztes Jahr haben wir draußen die Hasen und Eier gesucht, unterm Kletterbaum war meiner und der von Lisa.“

Liedtexte sind ihm schnell wieder präsent, auch wenn die Lieder schon längere Zeit nicht mehr gesungen wurden. Oft singt er dann jedoch nicht im großen Kreis mit, sondern während des Freispiels, wenn er selbst den Zeitpunkt bestimmen kann. Auf direkte Nachfrage nach einem Lied sagt er dann häufig lediglich, dass er das Lied kennt. Er ist aber nicht bereit, es „auf Verlangen“ zu singen.

Ergün unterscheidet sehr deutlich zwischen Wissen und Anwendung von Wissen. Wir begrüßen seine Unterscheidungsfähigkeit und unterstützen ihn in seiner Haltung.

A 6 (Kritische Einstellung zur eigenen Leistung – hohe Ansprüche an sich selbst):

Ergün stellt sehr hohe Ansprüche an sich, seine Arbeiten müssen in seinen Augen perfekt sein. Häufig sagt er, er könne nicht basteln. Entspricht ein ausgeschnittenes Teil nicht seinen Anforderungen, zerschneidet er es. Er wirkt dann sehr ernst, angespannt, ärgerlich.
Versucht er es ein zweites oder drittes Mal, ist er mit dem Ergebnis zufrieden. Die wiederholten Versuche unternimmt er jedoch nicht immer.

A 8 (Drang nach Unabhängigkeit und Selbstständigkeit):

Ergün hat genaue Vorstellungen davon, was er wann, mit wem, an welchem Ort tun möchte. Regelmäßigkeiten im Tagesablauf akzeptiert er grundsätzlich, diskutiert jedoch häufig mit den Erzieherinnen, wenn seine Spielideen durch die Regelmäßigkeiten gestört werden könnten. Er will dann zum Beispiel weiter im Nebenraum spielen, während die anderen Kinder schon rausgehen.

Beispiel:
In den ersten Monaten, die Ergün in unserer Kita verbrachte, ereignete sich folgende Situation, die mir immer noch präsent ist und die mich heute noch schmunzeln lässt:
Ich begleitete die Kinder an diesem Tag beim Mittagessen und erzählte ihnen, dass wir nach dem Essen in die Regenbogengruppe gehen würden, da in ihrer Gruppe heute geputzt würde.

Es entwickelte sich ein Gespräch übers Putzen: Stühle hochstellen, Teppiche aufrollen, usw.; einige Kinder wollten mir bei diesen Arbeiten helfen. Ergün, damals 2;3 Jahre alt, betont, dass er nicht in die Nachbargruppe gehen wird, er werde hier weiterspielen! Durch das dann folgende Gespräch zwischen Ergün und mir stellte sich heraus, dass er ein begonnenes Bauwerk noch fertig bauen wollte. Meine Erklärung, dass auch das Bauwerk weggeräumt werden müsse, schien ihn zunächst nicht zu beeindrucken. Dies erstaunte mich wiederum, hatte ich doch eher mit seinem Protest gerechnet.
Er war eine Weile schweigsam und fragte dann, ob außer mir noch jemand anders die Möbel zum Putzen hochstellen würde. Als ich das verneinte, erhellte sich seine Miene und er wollte freundlich wissen, ob ich denn nicht jetzt schon Feierabend machen wolle…

Kommentar Kursleitung:
Das zeigt außerdem eine wirklich sehr frühe Fähigkeit zum kombinatorischen sowie strategischen Denken sowie zum Denken in Zeitbezügen. Allerhand! Und ist natürlich obendrein sehr putzig.

Wir lösten das Problem dann dadurch, dass er mit mir gemeinsam große Teile seines Bauwerkes in die Nachbargruppe brachte und dort weiter baute. Ich beendete meinen Dienst an diesem Tag entsprechend dem Dienstplan ;-).

A 9 (Beschäftigung mit sozialen, philosophischen, politischen und ökologischen Problemen):

Ergüns Vater stammt aus der Türkei, seine Mutter aus Deutschland. Ergün weiß das und erzählt es auch den anderen Kindern. Er spricht darüber, dass sein Papa und er kein Schweinefleisch essen und erklärt auch den Grund. Für ihn ist derzeit nicht nachvollziehbar, dass die anderen Kinder (i.d.R. Christen) keine verbotenen Speisen haben.
Ergün ist mit seinen drei Jahren Vertreter seiner Gruppe (Zwei- bis Sechsjährige!) in unserem Kinderparlament.
Hier ist er an allen Themen sehr interessiert und viele seiner Ideen werden von den anderen Kindern aufgegriffen. Zur Zeit beschäftigt die Kinder das Thema „Umbau / Bauarbeiten“ in der Kita, somit ist dies auch ein Thema im Kinderparlament.
Es war Ergüns Idee, den Bauplan im „großen Flur“ aufzuhängen. Im Kinderparlament besprach er mit den anderen Kindern, dass die Bauarbeiten gut zu beobachten sein müssen. Hier hat er konkrete Ideen, wie dieser Anspruch umgesetzt werden kann.

A 11 (Qualität der Fragen und Beispiele):

Ergün fällt dadurch auf, dass er zu unterschiedlichen Sachthemen gut durchdachte Fragen stellt. Vielen Gleichaltrigen fällt es schwer, Ergüns Gedanken zu folgen; seine Spiel- und Gesprächspartner sind eher ältere Kinder.

A 12 (Das „Wörtlich-nehmen“ und die Forderung nach Erklärungen):

Ergün wird wegen einer Umstrukturierung in unserer Kita ab Sommer in eine andere Gruppe gehen. Wie ihm ergeht es noch sieben weiteren Kindern der Gruppe. Ergün verhält sich in dieser Angelegenheit deutlich anders als seine Altersgenossen. Während den anderen Kindern wichtig ist, mit Freunden in die neue Gruppe zu gehen, steht für Ergün die Frage nach der Notwendigkeit im Vordergrund. „Warum müssen wir denn in die Löwenzahngruppe gehen, da können doch auch die neuen kleinen Kinder hingehen?“ Erst durch die Erklärung, dass in seiner Gruppe ein Schlaf- und Wickelraum sei und dies in der Löwenzahngruppe fehle, hat er für diese Entscheidung Verständnis.
Er zeigt hier auch die frühe Fähigkeit zum kritischen Hinterfragen und den frühen Anspruch an sich selbst, Problemlösungen zu finden.

A 14 (Sinn für Humor und Wortspiele):

Ergün hat große Freude daran, im Rahmen des Kon-Lab-Programms (Sprachförderung) Ulkreime und Spaßwörter zu bilden.
Ironie versteht er problemlos und reagiert meist mit verschwörerisch-wissender Freude.

Beispiel:
Ergün hilft beim Tisch abräumen, eine Erzieherin spült das Geschirr und bittet Ergün, ihr Tassen zu bringen. Ergün, der heute dazu offensichtlich nicht die allergrößte Lust hat, trödelt jeweils mit einer Tasse beladen zwischen Spüle und Tisch hin und her. Die Erzieherin schaut ihn lachend an und sagt: “Pass auf Ergün, so viele Tassen auf einmal, das ist viel zu schwer für dich!“ Ergün strahlt sie an und lacht.

B 2 (Depressives, apathisches Verhalten – Tagträumerei):

Ist Ergün der Überzeugung, einer Anforderung nicht entsprechen zu können, verweigert er sich. Dies geschieht innerhalb weniger Minuten. Er beobachtet die Situation, schätzt diese ein, ohne noch mal klärende Fragen zu stellen und bildet sich dann ein Urteil. Im weiteren Verlauf wirkt er dann oft lustlos-bedrückt.

Beispiel:
In der „Wahrnehmungsgruppe“: Wir bauen gemeinsam eine Bewegungsbaustelle auf. Alle Kinder bringen Ideen ein, diese werden gemeinsam umgesetzt. Ergün kennt diese Art Spiel noch nicht und sagt: „Ich habe aber keine Idee, was man mit den Sachen spielen kann, also kann ich auch nichts aufbauen!“ Er ist die Stunde über nicht zum Mitmachen zu bewegen, sitzt schweigsam auf der Bank, wirkt traurig.

Kommentar Kursleitung:
Offenbar genügt ihm das einfache Mitmachen nicht. Dies korrespondiert mit Deiner Einschätzung, dass er gerne eine führende Rolle bei den Großen einnehmen möchte. Ihm ist das Denken mindestens so wichtig wie das Tun, deshalb fühlt er jetzt ein „Versagen“. Dass andere Kinder Ideen haben, er aber nicht, ist für ihn anscheinend verstörend.
Er braucht vermutlich Zeit, um zu lernen, solche Situationen besser auszuhalten oder zu überspielen. Echte Souveränität in dieser Frage (Andere haben jetzt grade mal bessere Ideen als ich, das ist ja auch schön und für mich bereichernd) wird er vielleicht erst viel später erlangen; dann, wenn er seit längerem eine anerkannte Führungsrolle innehat.

B 4 (Psychosomatische Symptome):

Ergüns Eltern berichten von gelegentlichen Einschlafschwierigkeiten. Ergün erzählt in diesen Situationen, er habe in der Kita keine Freunde und möchte deshalb nicht in die Kita gehen. Durch Hospitationen haben die Eltern erfahren, dass Ergün Spielpartner in vielen Situationen ist, und waren somit ein wenig beruhigter. Trotzdem bleibt Ergüns Gefühl, keine Freunde zu haben, und wir nehmen es sehr ernst.

Kommentar Kursleitung:
Geistig sehr rege kleine Kinder haben oft auch dann Einschlafschwierigkeiten, wenn sie keine emotionalen Sorgen haben. Sie sind manchmal einfach zu auf- oder  angeregt. Siehe dazu: Geringes Schlafbedürfnis?

Es ist aber auch die Frage, wie Ergün inzwischen Freundschaft für sich definiert, welche Vorstellungen er von Freundschaft hat. Spielpartner sind im reifen Verständnis nicht unbedingt auch Freunde. Dies könnte ein interessantes Thema für eine Kleingruppenarbeit mit ähnlich fähigen Kindern sein. Vielleicht würde er dort seine Gedanken besser fassen und offenbaren können.

C 1 (Großer Wortschatz):

Ergün kann Gefühle und Situationen gut beschreiben. Er fügt seinen Worten häufig Beispiele zur Verdeutlichung an, wohl weil er schon erfahren hat, dass manche seiner Worte von den anderen Kindern nicht so gut verstanden werden.

Beispiel:
“Bei uns ist ein neuer Untermieter – eigentlich ein Übermieter – eingezogen. Aber einer mit vier Beinen und der zahlt keine Miete.“ Auf die fragenden Gesichter der Kinder erklärt er: „Wir haben einen Marder auf dem Dachboden.“

C 3 (Gute Ausdrucksfähigkeit):

Ergün kann die Zeiten sicher anwenden, bildet lange Sätze mit mehreren Satzgliedern folgerichtig.

Beispiel:
„Gestern abend war ich mit Papa auf der Kirmes und wir sind Karrussel gefahren. Und wenn wieder Wochenende ist, werde ich mit Papa noch mal hingehen.“

E 1 (Besonders gute Beobachtungs- und Wahrnehmungsfähigkeit):

Ergün weiß meistens sehr genau, wer sich wie weh getan hat, findet gesuchte Dinge schnell wieder und nimmt Stimmungen anderer Menschen sensibel wahr.
Meistens vertraut er sich dann seiner „Lieblingserzieherin“ an. Diese Vertrauensperson ist für ihn sehr wichtig, da er zwar viele Eindrücke sammelt, aber mit der Verarbeitung nicht gerne allein gelassen werden möchte.

Beispiel:
„Krach“ im großen Flur: Lisa, ein Mädchen aus seiner Gruppe, wurde von anderen Kindern gezankt und geschubst. Ergün beobachtet die Situation, versucht Lisa zu helfen, es gelingt ihm aber nicht. Ein Gespräch “mit Körperkontakt“ mit seiner Erzieherin ist notwendig, damit er diese Situation gut verarbeiten kann.

E 2 (Hohe Fähigkeit zur sozialen Anpassung):

Bei vielen Spielen, insbesondere in der Sprachförderung, baut Ergün bewusst Fehler ein. Sobald er feststellt, dass er durch seine Leistungen auffällt, passt er sich dem allgemeinen Geschehen an und macht „Fehler“. Die Rolle des „Könners“ ist ihm häufig unangenehm.

Kommentar der Kursleitung:
Braucht er denn diese Art von Sprachförderung?
Gibt es die Möglichkeit, auch noch eine (Klein-) Gruppe für Sprachförderung auf hohem Niveau anzubieten, wo er und ähnlich sprachbegabte, wahrscheinlich ältere Kinder Neues lernen könnten?

E 4 (Ausgeprägter Gerechtigkeitssinn – hohe Sensibilität):

Fühlt Ergün sich ungerecht behandelt, fließen Tränen. Ungerechtigkeiten, die er selbst oder andere erleben, beschäftigen ihn oft lange. Auch hier ist „seine“ Erzieherin wichtige Anlaufstelle für ihn.

Erlebt er Ungerechtigkeiten, reagiert Ergün oft vehement, benennt deutlich das Unrecht und fordert für sich, aber auch für Andere, die Wiederherstellung von Gerechtigkeit (Essensituationen, Nutzung von Räumen, usw.).

Zusammenfassende Einschätzung

Aufgrund der beschriebenen Verhaltensweisen komme ich zu folgender Einschätzung: Ergün ist ein vielseitig interessiertes Kind mit gut ausgeprägten Fähigkeiten in den Bereichen „Denken“ und „Sprache“. Eine seiner bevorzugten Beschäftigungen ist das Zuhören oder Dabeisein bei Gesprächen zwischen älteren Kindern oder Erwachsenen.
Er hat Kontakte in der Gruppe und verlässliche Beziehungen zu seinen Gruppenerzieherinnen.
An sich selbst stellt er hohe Anforderungen und glaubt, manchen, insbesondere unbekannten Anforderungen, nicht gewachsen zu sein. Oft meidet er solche Situationen.
Es scheint, dass auch seine Vorstellung von Freundschaft mit hohen Attributen behaftet ist, da er zwar mit anderen Kindern spielt, diese aber nicht als seine Freunde bezeichnet.

Aus dieser Einschätzung ergibt sich für mich folgende Frage:

Was braucht Ergün, um mit in seinen Augen hohen Anforderungen erfolgreich umzugehen?

Meine Idee zu einem Angebot für Ergün

Im Rahmen der Wahrnehmungsgruppe erarbeite ich mit den Kindern ein noch unbekanntes Rollenspiel. Ergün erhält den Auftrag, die Vorschläge der Kinder zur Umsetzung „zu notieren“ oder „aufzumalen“. Die von ihm gemalten oder geschriebenen Karten dienen nachher beim Spiel allen als „Drehbuch“.
Ergün kann detailgetreu malen und fühlt sich in dem Bereich sicher. Somit wird er diese Aufgabe vermutlich gerne übernehmen.

Er hat so die Möglichkeit, aus einer sicheren Position heraus mitzuerleben, wie andere Kinder mit neuen Anforderungen umgehen.
Dadurch dass er die Karten gestaltet, braucht er sich nicht aktiv an der Planungsaufgabe zu beteiligen, ist aber trotzdem eine wichtige Person im ganzen Geschehen und ihm kommt eine verantwortungsvolle Aufgabe zu. Schließlich werden seine Karten während des Spiels zur „Regieanweisung“ benutzt. Ich stelle mir vor, dass er so am Modell der anderen Kinder lernen kann.

Diese Vorgehensweise ist vergleichbar mit einer Bandentransaktion in der Transaktionsanalyse.
(Vgl.: Schmid, B., Fauser, P (1998). )
Auch hier gestaltet sich für einen Menschen eine Lern- und Entwicklungsmöglichkeit durch Miterleben einer Transaktion zwischen zwei anderen Menschen.

Das Angebot

Alle sechs Kinder der „Wahrnehmungsgruppe“ sind anwesend. In der letzten Stunde legten die Kinder fest, dass heute ein Prinzessinnenschloss und eine Ritterburg entstehen sollen. Die dazu benötigten Materialien sind schon in der letzten Stunde benannt worden. Alles liegt bereit.

Ergün erhält die Karten plus Stifte mit der Bitte, die Dinge aufzumalen, die die Kinder gleich spielen wollen. Er fragt nach, was er denn genau malen soll, das wisse er ja nicht. Die Kinder beruhigen ihn und sagen, sie würden sagen, was auf eine Karte kommt.

So entstehen im Verlauf folgende Handlungsanweisungen / Karten: „Prinzessinnenschloss malen“, „Ritterburg malen“, „Verkleiden“, „Ritter reiten zum Schloss“, „Prinzessinnen treffen Ritter“.

Ergün malt das Wesentliche auf die Karten. Hierbei arbeitet er sehr zügig und sicher. So sind auf der Karte „Prinzessinnenschloss malen“ ein Stift und ein Teil eines Schlosses zu sehen. Auf meine Frage, warum das Schloss nur zum Teil zu sehen ist, sagt Ergün: “Das genügt, es soll ja noch gemalt werden.“

Kommentar Kursleitung:
Hier zeigen sich ein hohes Abstraktionsvermögen und das Erkennen des Wesentlichen.

Die anderen Kinder warten ausdauernd ab, bis Ergün ihnen jeweils die Karte präsentiert; mit den Ergebnissen sind sie zufrieden. Ergün wirkt zunehmend entspannter und zufriedener.

Beim Malen von Schloss und Burg macht Ergün dann gerne und ohne Aufforderung mit. Beim anschließenden Spiel ist ihm die Rolle als „Regisseur“, der die Karten zeigt, lieber. Das Spiel wird noch mehrmals wiederholt, Ergün bleibt bei seiner Rolle.

Am Ende der Stunde sprechen wir über unsere Planung und den Verlauf des Spiels. Die Kinder beurteilen das Spiel, machen weitere Veränderungsvorschläge fürs nächste Mal und erzählen, was ihnen gut gefallen hat. Ergün beteiligt sich rege am Gespräch. Er strahlt, als ein Kind ihm sagt, seine Karten seien ganz prima gewesen. So sei immer klar gewesen, was jetzt dran kommt.

Zwei Kinder möchten beim nächsten Mal auch die Karten zeigen, woraufhin Ergün sagt, er würde dann aber nicht mitspielen. Ich versichere ihm, dass er das nicht muss, aber gerne darf, und bitte ihn, bis zum nächsten Mal zu überlegen, was sein müsste, damit er mitspielt.
In der nächsten Stunde wiederholen wir das Spiel. Ergüns Bedingung fürs Mitspielen besteht darin, dass er selbst bestimmt, wann er dazu kommt. Dies ist weder für die anderen Kinder noch für mich ein Problem und so spielt Ergün ab der zweiten Runde mit.

Ergebnis

Ergün hat erfahren, wie andere Kinder einer neuen Aufgabe begegnen, mit welchen Hilfsmitteln sie diese Aufgabe lösen und dabei Spaß erleben. Ich hoffe, dass wiederholte Erfahrungen dieser Art dazu führen, dass Ergün für sich geeignete Handlungsstrategien entwickelt und seinen eigenen Fähigkeiten vertraut.
Diesen Entwicklungsansatz werden wir sowohl in der Wahrnehmungsförderung als auch in der Gruppe weiterhin fördern.

Interpretation

Aufgrund meiner Beobachtungen bin ich der Ansicht, dass Ergün ein besonders begabtes Kind ist.
Diese Annahme stützt sich auf die Fülle und Vielfalt der Entsprechungen im Huser-Beobachtungsbogen wie auch in den Hinweisen auf mögliche intellektuelle Hochbegabung, wobei der Schwerpunkt „Denken – Sprache“ deutlich wird.

Ergün zeigt eine schnelle Auffassungsgabe. Dinge, die ihn interessieren, beschäftigen ihn über einen langen Zeitraum. Seine Gedankengänge sind von Komplexität und Originalität gleichermaßen geprägt.
Neuem widmet er sich interessiert-zurückhaltend, manchmal vermeidend.

Hemmend auf seinen Entdeckergeist wirken sich teilweise seine hohen Ansprüche an sich selbst und an das Ergebnis seiner Arbeit aus.

Kommentar Kursleitung:
Den Klügsten dämmert früh, dass sie ganz Vieles noch nicht wissen / können. Da hoch begabten Kindern aber Vieles auch zufliegt, ohne dass sie Mühe aufwenden, und sich oft auch als „Alleinlerner“ fühlen, braucht Ergün bestimmt noch einige Lernprozesse, bei denen er einen Anfang (Nichtkönnen), einen Prozess (Lernen) und ein Ergebnis (Können) bewusst erlebt. So kann er immer mehr Zutrauen in seine Lernfähigkeit gewinnen – und die Rolle der anderen (Kinder und Erwachsenen) neu und positiv sehen. Jetzt ist in seiner Entwicklung gewiss ein sehr günstiger Zeitpunkt dafür.
Dein Vorgehen erscheint uns dafür gut geeignet.

Die Tendenz, Aufgaben bewusst aus dem Weg zu gehen, wird bei Ergün immer wieder deutlich. Folglich erscheint es mir sinnvoll, Ergüns Verhalten zu spiegeln und ihm im sicheren Kontext zu ermöglichen, die Ursachen für sein Vermeidungsverhalten zu erkennen und zu verändern.

Kommentar Kursleitung:
Liegt in dieser Idee, dass er sein Verhalten bewusst verändern soll, nicht vielleicht eine Überforderung für einen Dreijährigen?
Wir würden da lieber zum Organisieren von konkreten Lernprozessen raten als zu Spiegel-Gesprächen, die notwendigerweise an einer Schwäche (Vermeidungsverhalten) ansetzen würden.
Sein Vermeidungsverhalten ist ihm vermutlich bewusst und auch unbehaglich. Hier könnte man eher beruhigend auf ihn einwirken, indem man ihm versichert, dass er ein guter Lerner ist und dabei auf die konkreten Erfolge verweist.

Zur weiteren Förderung Ergüns siehe:

 

Datum der Veröffentlichung: November 2013
Copyright © Petra Cohnen, siehe Impressum.