von Gabriele Drescher-Krumrey

 

Im letzten Kindergartenjahr haben wir positive Erfahrungen mit dem „Club der starken Mädchen“ und dem „Club der sanften Kerle“ gesammelt. Besonders die Mädchen haben dabei zu einer sehr guten Kommunikations- und Lernatmosphäre gefunden – und wir werden die Geschlechtertrennung für bestimmte Angebote weiterführen.

Unsere zukünftigen Schulkinder sind allerdings in diesem Jahr  zusammen, also Mädchen und Jungen gemeinsam, im „Club der großen Forscher“. Die Altersspanne reicht von 5;1 bis 6;2.

Nun will ich versuchen, zwei deutlich jüngere Kinder, für die die Einschulung im nächsten Sommer noch nicht ansteht, in diesen Club zu integrieren. Neben Elias (4;9) ist dies Jill. Sie ist gerade erst 4 Jahre alt geworden.

 

… kurz gefasst …
Die Vorschulgruppe befasst sich mit physikalischen Experimenten. Jill ist gerade erst 4;0 Jahre alt, Elias ist auch noch vier – die Einschulung der Beiden steht noch nicht so bald bevor.
Sollen sie trotzdem an den Experimenten teilnehmen? Werden sie Spaß daran haben? Werden sie sich in die Gruppe integrieren? Werden sie die Experimente verstehen?

Jill

Bei Jill (4;0) fiel uns schon bei ihrem Eintritt in den Kindergarten mit 3;0 ihre sprachliche Kompetenz auf. Sie konnte genaue Fragen stellen oder Begründungen formulieren.

Sie versteht alle Gespräche, Erklärungen und Geschichten ohne Schwierigkeiten. Sie hat viele eigene Ideen, findet Lösungen und Vorstellungen, die sie auch selbstbewusst vorträgt. Sie braucht viel Zuwendung, kann sich aber auch sehr gut alleine beschäftigen. Kognitiv und sprachlich ist sie sehr weit.

Elias

Elias ist sehr aufgeschlossen und neugierig und macht am liebsten jeden Unsinn mit. Er liebt Bilderbücher zu allen Themen. Sehr gerne spielt er in unserem Bewegungsraum, wobei er am liebsten bestimmt, was gespielt wird. Wenn er eine schwierige Aufgabe lösen muss, ist das kein Problem für ihn.

Das Thema

Der „Club der großen Forscher“ wird sich mit den vier Elementen Luft – Wasser – Erde – Feuer (Energie) befassen. (Hier sind natürlich nicht Elemente im chemischen Sinne gemeint.) Ich möchte erreichen, dass die Kinder physikalische Phänomene beobachten und Erkenntnisse daraus ziehen. Darüber hinaus möchte ich erreichen, dass sie ein Gespür dafür entwickeln, dass diese vier Elemente unsere Lebensgrundlagen sind, mit denen sorgsam umgegangen werden muss.

Die folgenden Fragestellungen werden uns leiten:

– Welches sind die vier Grundelemente des Lebens?

– Wo finden wir die Elemente?

– Aus welchen Bestandteilen bestehen sie?

– Wie kann ich diese Elemente wahrnehmen?

– Wie beeinflussen die Elemente unsere Gefühle?

– Können wir die Elemente verändern?

– Wie können wir die Elemente verändern?

– Was können wir mit den Elementen gestalten?

– Können wir auf eines dieser Elemente verzichten?

– Warum sind die Elemente die Grundlage des Lebens?

Auch hier wird, wie auch in den Angeboten im „Club der starken Mädchen“,  wieder die Basis verschiedener „Fächer“ berührt:

Physik, Medizin, Psychologie, Lebensmittelkunde, Kunst, Umweltschutz und Philosophie. Diese vernetzte Sichtweise versuche ich den Kindern in den Angeboten und vor allem in unseren Gesprächen während der Clubstunden nahe zu bringen.

Es gibt Experimente, Spiele, ausführliche Gespräche und Geschichten zu den vier Lebensgrundlagen.

Alle teilnehmenden Kinder sollen darüber hinaus in ihrem Selbstwertgefühl, in ihren kommunikativen Fähigkeiten und in ihrem Wissensdrang gefördert werden. Das Gespräch, in dem immer wieder Fragen auftauchen und ich auch gezielt Fragen aufwerfen kann, hilft den Kindern ihr Denken zu schärfen.

Besondere Ziele für Jill und Elias

Jill (4;0) und Elias (4;9) sollen im „Club der großen Forscher“, im Zusammenwirken mit den ältere Kindern, erfahren,

    • dass sie schon viel Wissen besitzen,
    • dass ihr Wissen, ihre Neugierde und ihre Interessen wertvoll und wichtig für die Gruppe sind,
    • dass sie ihre Fähigkeiten nicht verbergen müssen,
    • dass sie mit ihren Fähigkeiten und Fertigkeiten auch von den Großen anerkannt werden,
    • dass sie sich mit älteren Kindern auseinandersetzen können,
    • dass sie sich sprachlich genauso gut (oder sogar besser) artikulieren können wie die anderen  Clubmitglieder,
    • dass sie so viele Interessen und so große Eigenmotivation besitzen, dass sie mit den Großen zusammen lernen können,
    • dass sie sich nicht nur mit den Gleichaltrigen beschäftigen müssen,
    • dass sie selbstbewusst und selbstsicher sein dürfen, weil sie schon so viel wissen und können,
    • dass sie andere Kinder unterstützen können,
    • dass sie von den Erzieherinnen mit ihren besonderen Fähigkeiten und Bedürfnissen wahrgenommen, anerkannt, gefordert und begleitet werden.

Die erste Clubstunde – Jill und Elias sind dabei

Neben Spielen, Geschichten und Gesprächen fanden in den ersten Clubstunden auch zwei Experimente mit Luft statt (entnommen aus dem Buch: Neil Ardley, David Burnie: Spannende Experimente aus Natur und Technik). Insgesamt führten wir in 10 Wochen eine Reihe von 10 Experimenten durch, von denen ich zwei hier darstelle.

Beim ersten Experiment geht es um die Frage:
Hat die Luft die Kraft, um ein mit Wasser gefülltes Glas zu verschließen?

Jill ruft sofort: „Ja, die kann einen umwerfen!“ Fabian (6;0) ergänzt: „Ja, das ist der Wind oder Sturm!“ Alle sechs Kinder erzählen, wie sie gegen den Wind gekämpft haben.

Wir gehen in den Waschraum und führen den Versuch alle nacheinander durch. Ich beginne und zeige den Kindern, wie sie das mit Wasser gefüllte Glas umdrehen und dann die Pappe loslassen müssen.
Elias (4;9) will der Erste sein und hört nicht genau zu, er ist oft etwas ungeduldig. Die Pappe liegt nicht genau auf dem Glas und das Wasser fließt sofort heraus. Ich schlage ihm vor, erst mal genau zu beobachten. Murrend geht er einen Schritt zur Seite und schaut zu.

Lena (5;1) muss den Versuch fünfmal wiederholen, da sie sich verkrampft und die Pappe zu sehr in das Glas drückt, so dass das Glas nicht völlig verschlossen wird. Ich muntere sie immer wieder auf, es ein weiteres Mal zu versuchen.

Fabian (6;0) ist wie immer sehr umsichtig und hört den Erklärungen aufmerksam zu. Er schafft es beim ersten Versuch und hält dann das Glas etwa 25 Minuten lang fest und verfolgt dabei aufmerksam die Versuche der vier anderen Kinder. Er lacht und freut sich darüber, dass die Pappe sich nicht löst.

Jill (4;0) schaut begeistert auf Fabian, aber sie hat ein anderes Ziel und stellt sich eigene Aufgaben. Sie macht den Versuch sechsmal, aber mit veränderten Bedingungen, zum Beispiel füllt sie unterschiedlich viel Wasser in das Glas, fasst das Glas beim Umdrehen verschieden an, schüttelt das Glas etwas.
Gleichzeitig beobachtet sie Lena, der es nicht gelingen will, das Glas um zu drehen, ohne dass das Wasser heraus läuft, und sie beobachtet auch Fabian, der immer noch mit seinem ersten (erfolgreichen) Versuch da steht.

Die Experimentierzeit dauert zunächst 30 Minuten; dabei unterhalten sich die Kinder angeregt und äußern unterschiedliche Meinungen, warum die Pappe bei Fabian so lange hält und bei ihnen nicht.

Elias und Murat (5;8) sagen, dass sie das Glas nicht so lange fest halten möchten; sie machen jeder nur zwei Versuche, schauen aber den anderen Kindern interessiert zu.

Als die halbe Stunde um ist, rege ich an, dass sie ihr Experiment auch malen können. Darauf gehen Elias und Murat ein, die anderen experimentieren noch 10 Minuten weiter, malen dann auch noch schnell ein Bild, bis ich die Clubstunde beende.

Jill zeichnet und schreibt, was sie schon erstaunlich gut kann! Ihr Bild:

Die Zuordnung von Glas, heraus laufendem Wasser und Pappe hat nur noch der zwei Jahre ältere Fabian so klar gezeichnet.

Die 2. Clubstunde

Es sind dieses Mal nur fünf Kinder anwesend. Zwei davon waren beim letzten Mal nicht dabei: Mehmet (6;0) und Viola (5;2).

Fabian, Jill und Elias erzählen den Beiden von unserem ersten Experiment. Da alle drei das Experiment erklären möchten, schlage ich vor, sie könnten es gemeinsam machen. Fabian muss ich immer wieder auffordern, Jill und Elias auch zu Wort kommen zu lassen. Es fällt ihm schwer, aber er hält sich immer wieder den Mund zu, um nicht dazwischen zu reden.
Gemeinsam erläutern sie das Experiment, aber jedes Kind fügt die eigene besondere Erfahrung hinzu:

Fabian teilt begeistert mit, dass seine Pappe das Glas am längsten verschlossen hat und das Wasser nicht heraus gelaufen ist. Er fügt auch hinzu, er habe sehr viel Geduld.

Elias erklärt, dass er den Versuch zu Hause seinen Eltern gezeigt hat. Mama und Papa fanden es ganz toll – aber einmal hat es auch nicht geklappt und der Tisch ist nass geworden.

Jill erzählt, dass sie den Versuch ganz oft gemacht hat und dass es immer wieder geklappt hat, weil die Luft mit so viel Kraft gegen die Pappe gedrückt hat.

Die beiden anderen Kinder probieren nun auch dieses erste Experiment – und dann wenden wir uns einem neuen Experiment zu.

Hier  heißt die Frage:
Hat die Luft die Kraft, um eine Plastikflasche zu zerdrücken?

Die erste Plastikflasche fülle ich mit zu heißem Wasser, so dass sie sich dadurch verformt. So müssen wir das Wasser etwas abkühlen, und Fabian weiß auch sofort wie: „Wir müssen nur etwas kaltes Wasser in das heiße Wasser schütten.“

So starten wir unseren zweiten Versuch, Fabian füllt eine neue Flasche etwa zu einem Drittel mit dem warmen Wasser. (Leider fehlt im Buch der Hinweis, dass die Flasche nicht bis oben hin gefüllt werden darf!) verschließt die Flasche. Nun kann sich die Luft in der Flasche erwärmen. (Nur dazu dient das warme Wasser!)

Die übrigen Forscher und Forscherinnen füllen die Eiswürfel in die Schüssel.
Jetzt gießen die Kinder abwechselnd etwas kaltes Wasser auf die Flasche und warten darauf, dass wir ein leises Knacken hören und die Flasche kleine Dellen bekommt.

Alle sind aufgeregt, wann denn endlich etwas mit der Flasche passiert. Ein Kind ruft: „Ich hab schon was gesehen!“ Leider ist in Wirklichkeit noch nichts an der Flasche zu beobachten. Fabian bemerkt: „Aber die Eiswürfel sind schon kleiner geworden.“ Das stimmt.

Elias entdeckt dann zuerst eine kleine Delle in der Flasche und sagt: „Ich habe jetzt aber eine Delle gesehen, da, da!“
Jill und Fabian rufen: „Die Luft kann die Flasche zerdrücken!“

Die ForscherInnen lachen und schauen sich die Flasche immer wieder an, die inzwischen mehrere Dellen bekommen hat.

Wir sprechen darüber, dass warme Luft mehr Platz braucht als kalte Luft und dass deshalb unser Versuch funktioniert: Als die Luft in der gekühlten Flasche sich wieder abkühlt, zieht sie sich zusammen. Sie braucht jetzt nicht mehr den ganzen Platz und kann weniger gegen die Flaschenwand drücken als die Luft außerhalb der Flasche.

Die Kinder erkennen im Gespräch auch, dass das Wasser nur zum Erwärmen und Abkühlen der Luft gebraucht wird.

Einschätzung nach allen 10 Experimenten

Elias und Jill hatten überhaupt keine Schwierigkeiten, den Experimenten zu folgen. Sie verstanden immer die Zusammenhänge. Das konnte ich an ihren Fragen und besonders an ihren Antworten erkennen.

Sie sind zwar mit Abstand die jüngsten Kinder im Club, aber sie waren von Anfang an in die Gruppe integriert. In keiner Stunde hat ein Kind geäußert, dass Jill und Elias noch nicht in diesen Club der Vorschulkinder passen. Da sie sich sehr rege an unseren Gesprächen und Experimenten beteiligt haben, war immer klar, dass sie im „Club der großen Forscher“ richtig sind.

Jill und Elias gehören zu den Kindern, die sich am häufigsten beteiligt und gerne ihr Wissen mitgeteilt haben. Jill ist das lebhafteste Mädchen des Clubs und Elias einer der pfiffigsten Jungen.

Fabian ist im Club das Kind mit dem umfangreichsten Wissen und einer ausgeprägten Aufgeschlossenheit und Ausdauer, Neues zu erfahren und zu lernen. Er ist sichtlich ein guter Lernpartner für Jill und Elias und vielleicht auch ein gutes Vorbild für sie.

Die Entscheidung, Jill und Elias – entsprechend ihrem von uns beobachteten Entwicklungsstand – in den Club der Großen Forscher aufzunehmen, war ein positiver Schritt, um sie in ihren Begabungen zu fördern und zu unterstützen.

Für Jill und Elias sind die oben formulierten Ziele erreicht worden.

 

Datum der Veröffentlichung: September 2013
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