von Hanna Vock

 

Auch mit ganz wenigen Mitteln lässt sich naturwissenschaftliches Denken und Handeln üben.

An einem Beispiel möchte ich das demonstrieren. Im Jahr 2001 leitete ich in Düsseldorf eine Spiel- und Lerngruppe für hoch begabte Vorschulkinder. Dieses Angebot der Volkshochschule Düsseldorf fand wie geplant 10-mal statt, jedes Treffen dauerte eineinhalb Stunden, nachmittags in wöchentlichem Abstand.

Die sieben teilnehmenden Kinder waren vier Jungen und drei Mädchen im Alter von 4;8 bis 5;6 Jahren. Bis auf zwei Mädchen kannten sie sich nicht untereinander, und sie kannten mich nicht und auch nicht den Raum, in dem wir uns trafen. Alles Material musste ich mitbringen und jedes Mal wieder mit nach Hause nehmen. Trotz dieser im Vergleich zum Kindergarten ungünstigen Bedingungen stellte sich ein freudiges und intensives Spielen und Lernen ein.

…kurz gefasst…

Sieben vermutet hoch begabte Vorschulkinder befassen sich mit dem Hühnerei. Sie untersuchen es gründlich und gehen der spannenden Frage nach, warum Eier mit zunehmendem Alter anfangen, in Wasser zu schwimmen. Und sie kriegen es heraus.

Wir befassten uns an den 10 Nachmittagen mit verschiedenen Themen, eins davon war „Das Ei“. Die Kinder sollten das Hühnerei gründlich erforschen können, daran sollten sie Entdeckungen machen und sich darüber austauschen.

Wichtig war mir dabei, dass die Kinder

  • Veränderungen über die Zeit beobachten konnten,
  • eine Möglichkeit kennen lernen sollten, ihre Beobachtungen zu notieren,
  • erfahren sollten, dass gemeinsames Nachdenken über das Beobachtete, genaues Schlussfolgern helfen, eine zunächst „geheimnisvolle“ Frage zu klären,

was ja alles grundlegende naturwissenschaftliche Vorgehensweisen sind.

Die Kinder erhielten rohe und gekochte Hühnereier, die sie auseinander nehmen und untersuchen konnten. Das alles fand unter allerhand Vorkehrungen auf dem Teppichboden des VHS-Raums statt. Die Kinder entdeckten, wie das Ei innen aussieht, wie es riecht und sich anfühlt.

Alle Beobachtungen, die die Kinder machten, trugen wir in der Gruppe zusammen. Dabei kam es auf genaue Beschreibung und präzise Formulierung an.

Interessant war, dass die Kinder sich selbst, aber sich auch gegenseitig immer wieder präzisierten.

Nach den Angaben der Kinder versuchte ich an der Tafel eine Skizze, die immer wieder verändert wurde, bis die Kinder mit der Skizze zufrieden waren. Dabei wurde auch über die Beschaffenheit und den Sinn und Zweck der Ei-Bestandteile diskutiert. Danach wurde die Skizze an der Tafel weggewischt, und die Kinder versuchten, die besprochenen Einzelheiten aus dem Gedächtnis zu zeichnen.

Anhand von Skizzen und aus mitgebrachten Fotos wurden die Einzelheiten des Eies mit der Entwicklung des Kükens im Ei zusammengebracht.

Beim Reden über die Form und den Ursprung des Eies entstand spontan das Gedicht:

Das Ei ist nicht eckig und nicht spitz.
Das wäre auch kein guter Witz.
Das ist auch nicht egal.
Es wär fürs Huhn ne schlimme Qual.
Zum Glück ist jedes Ei oval.

Die Kinder rätselten darüber, welches „Fach“ sie denn nun gehabt hätten, wenn das Ganze jetzt in der Schule stattfinden würde. (Sie waren alle noch Monate bis Jahre von der Einschulung entfernt.) Nachdem ich ihnen die üblichen Schulfächer (und was da so gemacht wird) aufgezählt hatte, fanden sie am Ende dieser Diskussion, dass es sich wohl um eine Mischung aus Naturwissenschaft und Deutsch und Kunst gehandelt haben müsste. Diese Einschätzung fand ich bemerkenswert.

Siehe auch:

Ganzheitliche Entwicklungsförderung

Um noch mehr über das Hühnerei herauszufinden, schlug ich den Kindern den Eier-Frische-Test vor. (Das Ei ist frisch, wenn es in einer Schale mit Wasser unten auf dem Boden liegen bleibt.)

Nachdem die Kinder festgestellt hatten, dass manche Eier auf dem Boden liegen blieben, manche sich im Wasser aufstellten und manche sogar schwammen, drehte sich alles um die Frage:

Warum ist das so unterschiedlich?


Die Kinder erhielten einige wichtige Informationen: Anhand ihrer Zeichnungen des Ei-Aufbaus erfuhren sie,

  • dass die Kalkschale kleine Löcher hat, durch die Wasser raus und Luft rein gelangen kann;
  • dass das Eiweiß und das Eigelb sich so nass anfühlen, weil da auch Wasser drin enthalten ist;

Außerdem:

  • dass Wasser verdunsten (in die Luft gehen) kann und die vorher nassen Sachen dadurch trockener werden (zum Beispiel aufgehängte Wäsche);
  • dass manche Dinge schwimmen können, wenn man sie mit Luft aufbläst (zum Beispiel Schwimmflügel).

Sie konnten diese Informationen noch nicht auf Anhieb gedanklich so weit verarbeiten, dass sie auf die Lösung kamen, warum manche Eier schwimmen und manche nicht.

Dieser Eier-Frische-Test sollte uns daher über Wochen beschäftigen, was ursprünglich gar nicht geplant war. Jede Woche wiederholten wir den Frische-Test, immer mit denselben (gekennzeichneten und anfangs frischen) Eiern und beobachteten, wie sich die Lage des Eies im Wasser von Woche zu Woche veränderte. Die Eier hielten den vielfachen Hin- und Her- Transport und auch das Hantieren der Kinder bis zum Schluss aus, ohne zu zerbrechen.

Da einige Kinder große Lust hatten, an der Tafel zu schreiben, betrachteten wir das Ei auch von dieser Seite:

Die Kinder malten Ovale an die Tafel und alle anderen geometrischen Formen, die ihnen einfielen. Sie überlegten, in welchen Wörtern „ei“ vorkommt und schrieben sie (mit mehr oder weniger Anleitung) an die Tafel, zum Teil auch auf Papier.

Dabei gewann ich auch nebenbei Informationen über die Lesekompetenz der Kinder: Von den sieben Kindern lasen zwei Kinder fließend, zwei Kinder buchstabierten langsam, die anderen kannten mehr oder weniger Buchstaben.

Ergebnis, verkleinert (Junge, 5 Jahre)

Der Austausch von Wissen über die Lebensbedingungen der Hühner sowie eine Diskussion darüber rundeten das Thema vorerst ab.

Immer noch aber hatten wir das Geheimnis, warum manche Eier nicht schwimmen und manche es doch tun, noch nicht gelüftet.

 

 

 

 

 

Beim 5. Treffen, vor der Herbstferien-Pause, wiederholten wir den Eier-Frische-Test noch ein weiteres Mal. Die anfänglich noch recht frischen Eier waren natürlich gealtert. Die Kinder hatten über die Wochen beobachtet, wie sich die Lage der Eier im Wasser verändert hatte und konnten das gut beschreiben.

Sie erhielten ein vorbereitetes Blatt, auf dem die ersten drei Zustände bereits von mir eingezeichnet waren.

Sie sollten nun ihre Vermutung darüber einzeichnen, wie die Eier nach den Ferien im Wasser liegen würden. Nach den Ferien wollten wir dann die Probe machen und die tatsächliche Lage einzeichnen.

Diese Aufgabe forderte die Fähigkeit der Kinder heraus, Vermutungen über eine zukünftige Entwicklung anzustellen. Gleichzeitig lernten sie, dass Versuchsbeobachtungen mit einfachen Skizzen aufgezeichnet werden können.

Ergebnis (Junge, 5 Jahre)

 

 

 

 

Ergebnis (Mädchen, 5 Jahre)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nach den Ferien stellte sich heraus, dass die Kinder im Prinzip richtig vermutet hatten:

Die Eier hatten sich ganz vom Boden gelöst.

Mehrere Kinder bemerkten jetzt aber, dass die Eier nicht im Wasser schwebten, sondern richtig schwammen, also teilweise aus dem Wasser auftauchten. Sie zeichneten das genau ein.

Nun erschien es mir an der Zeit, den Kindern zu helfen, die Ursache für die neu erworbene Schwimmkunst der Eier endgültig herauszufinden.

Die Frage lautete: Warum schwimmen die Eier jetzt?

Zunächst sahen wir uns noch mal unsere Zeichnungen vom Ei-Inneren an.
Über die Frage: welcher Teil des Eies könnte für das Schwimmen wichtig sein? kamen die Kinder auf die Luftkammer, da sie sich an den früher angestellten Vergleich mit den Schwimmflügeln erinnerten.

Der nächste Schritt war die Frage: Aber am Anfang, als die Eier noch frisch waren, hatten sie auch schon eine Luftkammer und konnten trotzdem nicht schwimmen. Was ist mit den Eiern passiert, dass sie es nun doch können?

Über den humorvollen Einwurf eines fünfjährigen Mädchens: „Vielleicht hat sie ja wer aufgepustet?“ kamen die Kinder nach angestrengtem Nachdenken auf die Idee, dass die Luftkammer vielleicht wirklich größer geworden ist und der Rest vom Ei dafür kleiner.

Die nächste hilfreiche Frage lautete: Kann denn in das Ei etwas rein und etwas raus gelangen, auch wenn die Schale heile ist? Hier erinnerten sich die Kinder an die feinen Löcher der Eierschale und meinten Ja.

Die abschließende Frage: Was ist denn rein und was ist raus gekommen?

Hierzu meinten die Kinder, dass wohl Luft rein gekommen und die Luftblase dadurch größer geworden ist. Raus gekommen sein müsste auch was, aber was?

Dazu war noch eine kurze Analogie nötig: Was passiert beim Wäsche trocknen auf einer Leine? Antwort: Das Wasser geht raus. Frage: wohin geht es? Antwort: irgendwie in die Luft. Frage: kann das beim Ei auch passiert sein? Ist denn im Ei überhaupt Wasser drin? Antwort: „Ja, ich glaube; es fühlt sich ja ganz nass an, … vor allem das Eiweiß.“

Die Kinder hatten ihre kleinen grauen Zellen benutzt, um einen rätselhaften Fall zu lösen, und waren sichtlich zufrieden, dass sie es geschafft hatten.

Datum der Veröffentlichung: Mai 2011
Copyright 
© Hanna Vock 2011, siehe Impressum.

VG Wort Zählmarke