von Hanna Vock

 

Wie im Bedingungsmodell: Entfaltung von Hochbegabung (von Barbara Teeke) erfasst, sind verschiedene personale Kompetenzen bedeutsam für die Entfaltung von Hochbegabung.

Die Ausprägung von solchen personalen Kompetenzen (auch „Schlüsselqualifikationen“ genannt), ist mitentscheidend dafür, in welchem Maße ein Mensch sein Begabungspotenzial ausschöpfen kann.

Im Einzelnen gehören dazu: kommunikative, soziale Fähigkeiten, aber auch Fähigkeiten, die mit Aufgabenmanagement und Stressbewältigung zu tun haben, und andere Persönlichkeitseigenschaften, die erfolgreiches (Zusammen-) Arbeiten begünstigen.

Viele Forscher und Praktiker sützen sich heute auf das „Fünf-Faktoren-Modell der Persönlichkeit (Big Five)“.

Es umfasst die folgenden fünf Faktoren:

Neurotizismus beschreibt eine emotionale Labilität, die sich in erhöhter Ängstlichkeit oder Reizbarkeit ausdrückt, in Sorgen sowie in der Tendenz, negative Emotionen zu erleben. Extraversion umfasst Aspekte wie Geselligkeit, Aktivität, Erlebnishunger und die Tendenz, positive Emotionen zu erleben. Offenheit für Erfahrungen bezeichnet intellektuelles Interesse, aber auch Fantasie und Experimentierfreude. Verträglichkeit beschreibt soziale Kompetenzen, Kooperationsbereitschaft und Uneigennützigkeit, während der Faktor Gewissenhaftigkeit auf Organisiertheit und Ordnungsliebe abzielt.

(nach: Gehirn & Geist, 9/2009, S. 33)

 

Bei Kindergartenkindern sind aus meiner Sicht die folgenden personalen Kompetenzen zu beobachten, die hier konsequent positiv gewendet und als Fähigkeiten formuliert sind:

 

O Fähigkeit zur Selbstmotivierung

O Fähigkeit zur Selbststeuerung

O Stabiles Selbstwertgefühl

O Fähigkeit zu einem klaren und differenzierten Selbstkonzept (Selbstwahrnehmung)

O Fähigkeiten zur günstigen Bewertung von Erfolgen wie Misserfolgen

O Vertrauen in die eigene Leistungs- /Lernfähigkeit

O Fähigkeit zur Aufrechterhaltung emotionaler Stabilität, auch bei widrigen Umständen

O Fähigkeiten zu Metakognition und Reflexion (Nachdenken über das eigene Denken und Handeln)

O Flexibilität, Fähigkeit zur Modifikation von Verhaltensmustern

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O Empathie und Einfühlungsvermögen

O Fairness und Großzügigkeit

O Gewinnen und verlieren können

O Kooperationsfähigkeit

O Planungsfähigkeit

O Organisationsgeschick

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O Kommunikationsfähigkeit

O Sprachliche (mündliche und schriftliche) Ausdrucksfähigkeit

O Stimmliche, mimische, körpersprachliche Ausdrucksfähigkeit

O Fähigkeiten zur adäquaten Selbstdarstellung

O Fähigkeit zur Selbstbehauptung, Durchsetzungsfähigkeit

O Kritikfähigkeit (Kritik annehmen und fair/konstruktiv kritisieren)

O Diskussionsgeschick

O Verhandlungsgeschick

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O Kreativität

O Mut zu eigenen Ideen

O Risikobereitschaft, Mut zum Irrtum

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O Physische und psychische Gesundheit

O Fitness, Energieressourcen

O Fähigkeiten zum Energie“management“

O Fähigkeiten zur Selbstberuhigung

O Fähigkeiten zum Angst- und Stressabbau

O Ausdauer

O Konzentrationsfähigkeit

O Fähigkeit zur Zielfindung (sich eigene Ziele setzen)

O Beharrlichkeit im Verfolgen von Zielen und im Erreichen von Ergebnissen

 

Viele der oben aufgelisteten Merkmale (vielleicht alle?) sind der Selbsterziehung und der pädagogischen Einwirkung von außen mehr oder weniger zugänglich.

Der Satz „Man hat es oder hat es nicht.“ stimmt zwar für die Momentaufnahme. Auf die Lebensspanne gesehen, entwickeln sich aber all diese Merkmale. Dabei können sie stärker, aber durch verschiedene ungünstige Einflüsse auch schwächer werden. Die Grundsteine für die personalen Kompetenzen werden in der frühen Kindheit gelegt.

Arno Zucknick schreibt als IHVO-Kursleiter, als er sich mit der schriftlichen Hausarbeit einer Teilnehmerin auseinandersetzt:

„Achtung! Fähigkeiten sind nichts Statisches. Dass er (ein von der IHVO-Teinehmerin beschriebener Fünfjähriger) bisher im Kita-Alltag vielleicht nicht so viel Konzentration, Geduld und Ausdauer gezeigt hat (im Vergleich zu diesem Projekt), bedeutet nicht, dass er diese Tugenden gerade erst (in diesem  Projekt) entwickelt hat.
Wie sich gezeigt hat, verfügt er über sie, wenn er sie in einem angeregten Umfeld, bei einem spannenden Projekt einsetzen kann.
Dass er sie jetzt zeigen konnte, bedeutet auch nicht, dass er sie nun gelernt hat, um sie in allen möglichen Situationen einzusetzen. Es ist durchaus zu erwarten, dass er in frustrierenden Zusammenhängen auch wieder Ungeduld, Unlust und Unkonzentriertheit zeigen wird – und das ist eigentlich auch gut so, denn es kann ihm selbst und anderen anzeigen, dass er geistig unterfordert ist.“

Wir können überlegen, wie gut die oben aufgelisteten Merkmale bei uns selbst ausgebildet sind, oder auch bei Kolleginnen. Aber auch die Kinder im Kindergarten zeigen schon ganz unterschiedlich entwickelte personale Kompetenzen.

In der Fachliteratur zum Thema Hochbegabung ist unumstritten, dass die Ausprägungen dieser personalen Kompetenzen ganz erheblich dazu beitragen, in welchem Maße ein hoch begabter Mensch sein geistiges Potenzial ausschöpfen kann – oder eben nicht.

Deshalb macht es Sinn, die hoch begabten Kinder früh auch in der Entwicklung dieser Kompetenzen zu unterstützen und bei Projekten auch hierauf das Augenmerk zu richten.

 

Siehe auch: Hochbegabung, Leistung und Erfolg.

 

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