Alle Kindernamen wurden verändert.

Beispiel von Hanna Vock, Bonn

Ilka sagte an ihrem 4. Geburtstag, als sie ein Bilderbuch geschenkt bekam, zu ihrer Mutter: „Ich finde das gemein: Ihr könnt alle lesen, bloß ich nicht.“ Hat Ilka das nur so dahingeplappert?

Als die Familie kurz darauf für zwei Wochen in den Sommerurlaub fährt, packt Ilka die Fibel, nach der ihre Mutter vor vielen Jahren lesen gelernt hat und die bei Ilkas Bilderbüchern steht, in ihren kleinen Koffer. Jetzt können die Eltern nicht sagen, sie hätten keine Zeit, ihr beim Lesenlernen zu helfen. Ilka arbeitet die Fibel in den zwei Wochen komplett durch, oft will sie noch eine Seite und noch eine Seite bearbeiten.

Am Ende des Urlaubs kann sie lesen. Worte wie „Telefon“ oder „Ampel“ schreibt sie auch ohne Übung und Hilfe richtig. Hier zeigt sich ein außergewöhnlich großes Lerntempo.

Datum der Veröffentlichung: Juni 18

Beispiel von Brigitte Gudat, Eschweiler

Leon, 4 Jahre alt, ist fasziniert von allem, was mit Technik zu tun hat, vor allem mit Strom. Ständig bringt er Dinge mit, die ihn gerade beschäftigen, und erklärt, was es damit auf sich hat. Hierbei bin ich seine ständige Ansprechpartnerin. Schenke ich ihm zu wenig Aufmerksamkeit, läuft er so lange hinter mir her, bis ich ihm zugehört habe. Auch erzählt er viel und gerne. Bekommt er zu wenig Aufmerksamkeit, wird er laut und wartet darauf, wie andere reagieren.
Er lernt schnell und viel und möchte sein Wissen mitteilen. Leon schaut zum Beispiel mit Begeisterung und Ausdauer Wissenschaftssendungen im Fernsehen. Er erzählt davon und kann Vorgänge erklären, die er dort gesehen hat. Im Kindergarten hat er einen Vormittag damit verbracht, Stromleitungen aus Wollfäden durch den gesamten Gruppenraum zu spannen.
Er schaffte es, fünf weitere Kinder, davon drei Vorschulkinder, zu begeistern. Man musste über ein Netz von Leitungen steigen, wenn man in den Nebenraum wollte. Er selbst richtete immer wieder neue Verteilerstellen ein. Dieses Spiel wurde in den nächsten Tagen von den Kindern fortgesetzt.An einem anderen Tag wickelte er eine Toilettenpapierrolle in Goldfolie ein, befestigte Pfeifenputzer daran und meinte, er habe eine Solarzelle gebaut. Er erläuterte, dass das Sonnenlicht in der Solarzelle in Strom umgewandelt würde und durch den Draht in die Steckdose fließe. Am Anfang hatte Leon im Kindergarten große Anpassungsschwierigkeiten. Er ging nicht auf andere Kinder zu und spielte auch nicht mit den Kindern. Er erzählte ihnen vom elektrischen Strom, was die anderen aber nicht verstanden.
Ansonsten beobachtete er nur. Kreisspiele lehnte er kategorisch ab.Erst allmählich, als wir sein Interesse für Strom würdigten, fing er an, auch zu den Kindern Kontakte aufzubauen. Mittlerweile ist er in die Gruppe integriert und hat auch Freunde dort.
Er ist meist gut gelaunt und freundlich. Wutanfälle bekommt er dann, wenn etwas von ihm verlangt wird, was ihm gerade nicht passt.

Wenn Leon aufgefordert wird, sich an allgemeine Regeln zu halten, weist er mich manchmal darauf hin, dass er beim nächsten Mal etwas erfinden wird, das ihn unsichtbar macht. Dann könne ich ihm nichts mehr vorschreiben.

Datum der Veröffentlichung: Juni 2016

 

Beispiel von Hanna Vock, Bonn

Leider weiß ich nicht mehr, woher die schöne Torte mit dem Labyrinth ursprünglich stammt; vor vielen Jahren habe ich sie irgendwo entdeckt und für meine Kindergartenkinder kopiert. Die Zeichnerin möge mir den Klau verzeihen.

Andere Spielereien finden sich hier: Spielereien auf Papier.

Pete war 3;6, als er das Blatt fand. Auf seine Fragen: „Was ist das? Was kann man da machen?“ erklärte ich ihm, dass man einen Stift nehmen und damit einen Weg durch die Torte zeichnen kann. Dass es nur einen einzigen Weg gibt – und dass man umkehren muss, wenn man sich verlaufen hat, und so weit zurückgehen, bis man einen anderen Weg gehen kann. Daraufhin machte er sich an die Arbeit. Die einzige Hilfe, die er brauchte, war rechts oben: „Der Weg geht in den Sahnetupfer rein.“

In den Monaten zuvor hatte er sich immer wieder das Bilderbuch „Wer findet den Weg?“ (siehe Bilderbücher ) vorgenommen und war von daher auf Labyrinthe schon trainiert. Trotzdem war ich sehr erstaunt, dass Pete es so souverän anging – hatten sich doch im Kindergarten oft die Fünf- und Sechsjährigen mit dem Tortenbild schwer getan. Pete konnte an einigen Ecken auch voraussehen, dass eine Sackgasse drohte und verlief sich erst gar nicht dahin.

Datum der Veröffentlichung: Juni 2011

Beispiel von Hanna Vock, Bonn

Auffälliges Lerntempo lässt sich in allen Entwicklungsbereichen beobachten. Sprachlich hoch begabte Jugendliche, zum Beispiel, können dadurch auffallen, dass sie in einem Austausch-Schuljahr in Ungarn nach einem Vierteljahr fließend Ungarisch sprechen – und Ungarisch ist für uns Deutsche eine wahrlich nicht leicht zu erlernende Sprache, sie hat erschreckend wenig Ähnlichkeit mit dem Deutschen.

Aber auch im Vorschulalter gibt es rasante Lernprozesse, die oft unbemerkt ablaufen. Fragte ich einen fünfjährigen Jungen, der sich erfolgreich mit Multiplikationsaufgaben befasste, die „eigentlich“ erst im zweiten Schuljahr „dran“ sind:

„Wie hast Du das denn gelernt?“ (Niemand hatte es ihm beigebracht oder mit ihm geübt.)

Er zuckte mit den Schultern und antwortete:

„Weiß ich nicht, das konnte ich schon immer.“

Also sind bei diesem Kind rechnerische Lernprozesse vom ersten Zählen über das Addieren und Subtrahieren bis zum Multiplizieren nicht nur sehr früh gestartet, sondern auch sehr schnell vorangekommen. Man bedenke, dass andere Kinder drei bis vier Jahre brauchen, um diesen Lernweg zurückzulegen. Und viele Kinder brauchen nicht nur sehr viel mehr Zeit, sondern auch viel Übung und Hilfestellung, und sie empfinden den Lernprozess häufig auch als mühevoll.

Andere Kinder lernen Anderes auffällig schnell, zum Beispiel: wunderbare Bilder malen oder unterschiedlichste Dinge auseinander nehmen und wieder zusammen bauen…

Datum der Veröffentlichung: 30.10.08