von Hanna Vock

 

Hoch begabte Kinder denken schon bei Eintritt in den Kindergarten anders als Gleichaltrige: Sie versuchen oft bereits, eine Situation als Ganzes zu begreifen, sie beobachten genau, was um sie herum geschieht, wie die Erzieherinnen und die anderen Kinder sich verhalten, und können daraus weit reichende Schlussfolgerungen ziehen. Manche haben bereits mit drei Jahren ein ausgeprägtes Selbstkonzept; das heißt sie denken über sich selbst, über ihr Verhalten und das Anderer nach, vergleichen und bewerten es. Sie versuchen sich in komplexen Situationen zurecht zu finden und sich angemessen zu benehmen – ihre Lebenserfahrung ist aber natürlich noch sehr gering. Sie gehen nicht so unbefangen wie andere Gleichaltrige auf neue Situationen zu.

Eine ungeheuer wichtige neue Situation ist der Eintritt in den Kindergarten. Hoch begabte Kinder erfassen meist sehr schnell, was im Kindergartenalltag „angesagt“ ist, und was dort unter Umständen auf wenig Resonanz bei den anderen Kindern oder der Erzieherin stößt:

…kurz gefasst…

Nicht alle hoch begabten Kinder sind stolz auf ihre besonderen Fähigkeiten und gehen selbstbewusst damit um. Manche, vor allem Mädchen, nehmen sich in ihrem Verhalten und ihren sprachlichen Äußerungen zurück und fallen kaum auf.

Sie sind irritiert, weil sie merken, dass die anderen Kinder sich anders geben, und beginnen oft sehr früh, einen wichtigen Teil ihrer Fähigkeiten und Interessen zu verbergen. Das macht es für die Erzieherin schwer, die Hochbegabung zu erkennen.

Sie könnten bei den anderen Kindern oder auch sogar bei den Erzieherinnen anecken, indem sie die folgenden Verhaltensweisen zeigen:

  • ganz viel Wissen (zeigen oder einfordern),
  • andauerndes Nachfragen,
  • lange, tiefschürfende Gespräche beginnen,
  • auf hohem Sprachniveau einen großen Wortschatz und komplexen Satzbau verwenden,
  • nach „schwierigen“ Spielen und Geschichten Ausschau halten,
  • Konflikte durch Reden und Argumentieren lösen wollen,
  • Interesse an „Erwachsenenthemen“ und an den Gesprächen der Erwachsenen zeigen,
  • Interesse am Lesen, Rechnen oder Schreiben bekunden.

Selbst in einer sehr begabungsfreundlichen Kita sagte ein 5-jähriges Mädchen: „Ich wusste, dass die Zahlen unendlich sind. Das hab ich nämlich geträumt!“ Ihre Erzieherin schreibt dazu: „Das sagt sie zurzeit öfter, wenn sie etwas schon vorher wusste. Ich vermute, dass sie damit verdecken möchte, dass sie eventuell mehr wissen könnte als andere Kinder.“ (Manuela Bongen, Kürten.)

Manche hoch begabte Kinder ziehen es vor, um nicht aufzufallen oder anzuecken, ihre wirklichen Interessen und Bedürfnisse zu verbergen. Im Kindergarten und zuhause spielen und verhalten sie sich dann so sehr unterschiedlich, dass die Erzieherin den Schilderungen der Eltern, was das Kind zu Hause alles tut und kann, oft nicht glauben mag.

Häufig verhalten sich grade hoch begabte Mädchen im Kindergarten so angepasst, dass ihre besonderen Interessen und Fähigkeiten nicht erkannt werden.

Eine IHVO-Absolventin schreibt:

„Eigentlich habe ich den Eindruck von mir, dass ich alle Kinder, egal ob Mädchen oder Junge, mit ihren Wünschen und Ideen ernst nehme, sie unterstütze und fördere. … Trotzdem muss ich mich fragen: Wenn ein Kind, insbesondere ein Mädchen, nicht deutliche Signale zeigt, sondern sich angepasst verhält – werde ich seinen emotionalen Zustand erkennen, seine möglicherweise vorhandenen Begabungen sehen?“

(Marietta Schulte, Ense/Westfalen)

Siehe auch:

Mädchen setzen sich durch

Das Erkennen der Hochbegabung kann also erschwert sein, wenn ein Kind von klein auf gelernt hat, seine besonderen Fähigkeiten und Interessen in der Öffentlichkeit oder sogar vor allen Menschen zu verbergen. “Vor allen Menschen” schließt dann auch die eigenen Eltern und auch Pädagogen ein, und zwar auch diejenigen, die bereits Erfahrung mit hoch begabten Kindern haben. Mir ist es in meinem sechsten von zehn Kindergartenjahren passiert, dass ich nicht erkannt habe, dass ein Kind fließend lesen konnte. Lisa war 6;0 und bereits zwei Jahre lang in meiner Gruppe, als sie eines Tages über etwas sprach, das sie nur grade eben gelesen haben konnte. Von mir unter vier Augen behutsam auf ihre Lesefähigkeit angesprochen, wurde Lisa tiefrot, begann zu stottern (was sie sonst nicht tat) und sagte: “Nein, ich kann nicht lesen, ich habe das nur gesehen.” Ich fragte sie, ob das denn niemand wissen soll, dass sie erkennen kann, was das Geschriebene bedeutet. Sie antwortete mit Ja, gab keine weitere Erklärung ab, war aber immer noch sichtlich verwirrt. Ich versprach ihr, dass ich es nicht verraten würde, ob sie mir denn aber zeigen könnte, wie sie das mit dem Sehen macht.

Daraufhin las sie mir ein Bilderbuch, das ihr unbekannt war, mühelos vor. In der Gruppe durfte es aber bis zur Einschulung niemand merken, dass sie lesen konnte.

Es klärte sich nicht wirklich auf, warum Lisa so ängstlich darauf bedacht war, dass weder die Kinder in der Gruppe noch ihre Familie etwas von ihren Lesekünsten erfahren sollten. Als einzige plausible Erklärung bot sich mir an, dass Lisa sich nicht von ihrer Zwillingsschwester absetzen wollte, die sich noch fast gar nicht für Buchstaben interessierte und mit der sie emotional sehr eng verbunden war.

Ein Erklärungsmuster für das Verbergen von besonderen Fähigkeiten liefert Schlichte-Hiersemenzel (2001a), (siehe Literaturverzeichnis ) wenn sie schreibt: “Wenn Anlagen und Entfaltungsdrang des Kindes und die Möglichkeiten der Menschen in seiner Umgebung zu sehr voneinander abweichen, wenig zueinander passen, können zwei grundlegende menschliche Bedürfnisse, Sichentfaltenwollen und Dazugehörenwollen, in dem Kind in einen schwerwiegenden Konflikt miteinander geraten und seine Entwicklung erheblich stören. … Beide Bedürfnisse versucht das Selbst eines Kindes in Einklang zu bringen, damit beide bestmöglich erfüllt werden. … Es besteht dabei eine Abhängigkeit vom Verhalten der Umgebungspersonen und von einem sehr frühen Alter an ›ein Bedürfnis nach Teilung von emotionalen und kognitiven Zuständen in Bezug auf die Welt‹ (Dornes, Die frühe Kindheit, 1997). ›Teilung‹ ist hier zu verstehen als ›miteinander erleben‹“ (S. 11).

Und weiter schreibt Schlichte-Hiersemenzel: “Für hoch begabte Kinder heißt dies, dass sie versuchen, ihre offenbar unwillkommene hohe Begabung zu verstecken, sie kleiner zu machen oder selbst nicht mehr wahr zu nehmen.” (Ebenda, S. 12)

Ein Beispiel (aus meiner Beratungsarbeit) zeigt, wie schnell Kinder auf Verbergen umschalten, wenn sie sich unverstanden und nicht Ernst genommen fühlen. Die Mutter berichtete sinngemäß folgendes:

Lars war 5, besuchte den Kindergarten und wurde erst im übernächsten Sommer schulpflichtig. Er rechnete aber bereits schwierige Aufgaben wie 160 : 8 aus eigenem Antrieb und erfolgreich aus. Der Mutter bereitete das Sorgen, sie wandte sich an eine Psychologin um Rat.

Lars konnte das vorbereitende Telefongespräch mit anhören und wusste also, dass die Mutter der Psychologin genau von seinen Rechenfähigkeiten erzählt hatte.

Als es soweit war, begrüßte er die Psychologin artig und sprach auch mit ihr. Sie sagte dann: “Du kannst ja schon so gut rechnen, dann sag mir mal, was da rauskommt” und wies auf eine Tafel, an der mit Kreide die Aufgabe “2 + 2 =” geschrieben stand.

Daraufhin verstummte Lars und war zu keiner Äußerung mehr zu bewegen. Als sowohl Mutter wie Psychologin ihn immer weiter bedrängten, doch zu antworten, ging er zur Tafel, leckte seinen Zeigefinger an und wischte die Aufgabe fein säuberlich aus, ohne irgend etwas zu sagen. Alles Zureden half nichts, und schließlich ließ sich die Psychologin zu dem Satz hinreißen: “Was bringen Sie mir den Jungen her, der kann nicht rechnen und hat ja noch nicht das geringste Aufgabenverständnis.”

Auch die Mutter war ungehalten über das Benehmen ihres Sohnes und fragte ihn schon auf dem Flur, warum er denn nicht geantwortet habe. Daraufhin sagte Lars mit traurigem Gesicht und trauriger Stimme: “Ach, Mama, die hat uns doch gar nicht Ernst genommen.”

(Eine Entsprechung findet diese Geschichte im schlechten Abschneiden etlicher hoch begabter Kinder bei der in NRW durchgeführten Sprachstandserhebung. Viele Kinder verstummten angesichts der niedrigen Anforderungen. Sie waren vermutlich damit beschäftigt, sich über die seltsame Situation zu wundern, in die sie da geraten waren, und mit dem Nachdenken darüber, was da abläuft.)

Diese schon lange zurück liegende Geschichte verarbeitete ich in einem Märchen. (“Von der Prinzessin, die allen zu schlau war”, hier im Volltext zu lesen .)

Im Märchen kann die Prinzessin gut rechnen, ehe sie überhaupt Unterricht erhält. Sie hilft dem Pferdeknecht auszurechnen, wie viel Sack Hafer er für die Pferde besorgen muss. Als schließlich ein berühmter Hauslehrer für sie angestellt wird, stellt der ihr folgende Aufgabe: “Prinzessin, wenn ich jetzt hier einen Stuhl hinstelle und stelle dann noch einen dazu – wie viel Stühle stehen dann da? Denke gut nach und sage mir die Antwort morgen.”

Nur bis hierher kannten die zehn hoch begabten Kindern im Alter von 4 bis 8 Jahren das Märchen, das ich 2001 mit ihnen als Theaterstück ( Theaterversion des Märchens ) probte. Sechs der Kinder waren 5 Jahre alt, eins war 4, zwei waren 6 und eins war 8 Jahre alt.

Die Experimentierlust ging mit mir durch, und ich fragte die Kinder: “Was glaubt ihr, wird die Prinzessin dem Lehrer am nächsten Tag antworten?”

Acht Kinder sagten nach einander, dass die Prinzessin gar nichts sagen würde. Auf meine Nachfrage, warum denn nicht, kam von den Kindern:

„Die sagt gar nichts. Gar nichts.” und “Das ist so, die sagt nichts.” und “Nein, die sagt überhaupt nichts.”

Ein Fünfjähriger, der sich noch nicht geäußert hatte, sagte (mit verschmitztem Gesicht): “Oder sie könnte ja Drei sagen.” Darauf der Achtjährige, den ich gebeten hatte, seine Meinung zuletzt zu sagen, ganz trocken:

“Oder sie könnte auch Dreitausendvierhundertsiebenundzwanzig sagen.”

Alle Kinder verstanden auf Anhieb das Absurde der Situation.

Aber es ist doch bemerkenswert, dass von zehn hoch begabten Kindern kein einziges auf die Idee kam, dass die Prinzessin einfach und schlicht die richtige Antwort sagen könnte. Für mich ist das ein Hinweis darauf, wie sehr sich die Kinder über das unterschiedliche geistige Niveau verschiedener Tätigkeiten im Klaren sind und welche große emotionale Sperre sie gegenüber Erwachsenen aufbauen, die sie auf dem falschen, weil viel zu niedrigen Niveau ansprechen.

Hier liegt ein Grund dafür, dass Hochbegabung im Kindergarten so selten wahrgenommen wird. Das Kind befindet sich in einem Umfeld, wo die Erzieherin das Kind zu Tätigkeiten anregt und wo von den anderen Kindern Tätigkeiten initiiert werden, die ständig unter dem intellektuellen Niveau liegen, das das hoch begabte Kind schon erreicht hat. Häufige Reaktionen der hoch begabten Kinder sind dann Rückzug von den Spielen und Tätigkeiten der Gruppe, Verstummen, Vermeiden, Verbergen.

Erzieherinnen äußern in Fortbildungen immer wieder ihr Erstaunen, oft auch ihre Ungläubigkeit, wenn Eltern ihnen erzählt haben, womit sich das Kind zu Hause beschäftigt. Sie können diese Berichte nicht mit dem Beobachteten im Kindergarten in Einklang bringen.

Zum Erkennen von Hochbegabung im Kindergarten ist also noch mehr nötig als nur genaues Beobachten.

Es ist zunächst wichtig, dem Kind das Vertrauen zu geben, dass es mit seinem Anderssein angenommen wird und dass seine spezifischen Fähigkeiten und Interessen als positiv anerkannt werden. Dieser an sich allgemein-gültige pädagogische Grundsatz wird gegenüber hoch begabten Kindern immer wieder verletzt.

Aber erst auf der Grundlage des Vertrauens (“Hier werde ich verstanden und mit meinen Interessen, die teilweise anders sind als die der anderen Kinder, akzeptiert”) werden manche Kinder “hoch begabtes Verhalten” im Kindergarten zeigen.

Das Verbergen der Hochbegabung ist in starkem Maße ein Problem der Mädchen, die sich – statistisch gesehen – häufiger anpassen als Jungen. Hoch begabte Jungen gehen statistisch häufiger den aggressiven Weg: Sie stören und kaspern. Aus diesem Grunde werden hoch begabte Jungen etwas leichter erkannt, häufiger getestet, und ihre Eltern suchen häufiger nach professionellem Rat.

Es ist eine Aufgabe der Hochbegabtenförderung, solche Tendenzen zum Verbergen und zum Rückzug früh aufzuspüren, und den Kindern zu einem stärkeren Akzeptieren und Ausdrücken ihrer eigenen Begabung zu verhelfen. Dies setzt den Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung zum hoch begabten Kind voraus und umfasst die Arbeit mit der ganzen Gruppe.

Siehe auch:

 

Datum der Veröffentlichung: 13.10.09
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