von Martina Böckling

 

Jasmin ist 3;10 Jahre alt und ist bereits an Buchstaben und Zeichen interessiert. Bemerkenswert ist zudem, dass sie bei Eintritt in die Kita kaum ein Wort Deutsch konnte.

Jasmin ist offenbar aufgefallen, dass die Erzieherinnen ständig etwas aufschreiben oder ausfüllen – etwa Anwesenheitslisten oder Liedtexte. Da Jasmin gerne “schreibt“, versucht sie, solche Tätigkeiten der Erwachsenen nachzuahmen. Die Zeichen, die sie “schreibt“ (so nennt sie es), sind immer dieselben und sind immer gleich angeordnet.
Foto Krikelkrakel
Bevor ich mich für das Projekt entschied, bearbeitete ich mit Jasmin den Kinder-Fragebogen Kommunikation sowie den Interessenfragebogen.

Beim Kinder-Fragebogen Kommunikation wurde deutlich:

    • Jasmin fühlt sich in der Gruppe sehr wohl.
    • Sie bewundert die „Großen”, weil sie bald in die Schule kommen.
    • Sie genießt es, wenn sie anderen Kindern helfen kann, zum Beispiel beim Malen.
    • Sie findet es toll, wenn die Vorschulkinder „Arbeitsblätter“ erarbeiten.

Beim gemeinsamen Bearbeiten des Interessenfragebogens wurde deutlich:

    • Jasmin spielt gerne mit Raman und Berin in der Puppenecke oder malt-schreibt mit ihnen.
    • Jasmin kann gut malen.
    • Sie hätte es gerne, wenn die anderen mehr auf sie hören
    • würden.

Auf die Frage: “Was möchtest du gerne lernen?“ kam die Antwort: “Kindergarten ist schön, ich muss hier arbeiten.“

Beim Gespräch mit der Mutter stellte sich heraus, dass Jasmin zu Hause ganz klare Vorstellungen von dem hat, was sie gerne möchte. Sie kann sich bei ihrer Mutter sehr gut durchsetzen und erreicht in den meisten Fällen ihr Ziel. Damit Jasmin “arbeiten“ kann, musste die Mutter zum Beispiel Schreibutensilien für sie kaufen.

Da Jasmin gerne arbeitet und die Vorschulkinder so bewundert, habe ich mich entschlossen, das Projekt: „Wir lernen Schreiben“ zu nennen.
In der Gesamtgruppe hat sie, auch aufgrund ihrer fehlenden Deutsch-Sprachkenntnisse, Schwierigkeiten sich den Kindern gegenüber zu behaupten. Ich kann mir vorstellen, dass Jasmin sich in der Kleingruppe eher zu sprechen traut und sich durchsetzt.

Teilnehmende Kinder

Mit in die Projektgruppe nehme ich zwei Kinder ähnlichen Alters auf: Berin 3;8 Jahre, und Raman, 4;7 Jahre. Beide spielen mit Jasmin, beide Kinder sind gerne zu Aktivitäten bereit und malen gerne. Auch Berin findet die Arbeitsblätter der Vorschulkinder immer interessant, und Raman erwähnt öfter, dass er doch auch groß sei.
Als ich die Beiden frage, wollen sie sofort mitmachen. Als Amanda (3;11) zufällig von dem Projekt erfährt, will sie ebenfalls mitmachen. Da die anderen damit einverstanden sind, erweitern wir die Gruppe auf vier Kinder. Ohne dieses Projekt, wäre mir nicht aufgefallen, mit welcher Motivation, Ausdauer und Spaß Amanda solche Aufgaben erfüllen kann.

Mit den Arbeitsblättern beginnen alle Kinder gemeinsam, zum Ende hin entscheiden die Kinder, die fertig sind, ob sie noch bleiben oder den Raum verlassen. Jasmin und ich bleiben noch länger, weil Jasmin nicht fertig werden will. Oft hat sie den Wunsch, noch mit mir zusammen zu sitzen, dabei weiter zu malen und zu erzählen.

Arbeitsmaterialien

Zunächst informiere ich mich in Buchhandlungen über Arbeitsblätter und Hefte zum Schreiben lernen. Die meisten Angebote erscheinen mir zusammengewürfelt und nicht durchdacht zu sein. Schließlich finde ich das Arbeitsheft: “Vorübungen zum Schreiben“ mit Conni aus dem Carlsen Verlag. Damit kann man Grundformen der Buchstaben wie Kreise, Linien, Wellen üben.
Dieses Buch gefällt mir für mein Projekt gut – und in Verbindung mit Arbeitsblättern, die ich schon besitze, habe ich einen guten Grundstock.

Wichtig ist mir, dass ich das Buch nicht der Reihe nach “bearbeiten“ will, sondern die Wahl der Arbeitsblätter vom Können, dem Spaß und der Motivation der Kinder abhängig mache.
Mir erscheint es sinnvoll, mit Arbeitsblättern über gerade und halbrunde Linien zu beginnen, über Kreise, Wellen und Schwünge zu den Buchstaben zu gelangen.

Projektverlauf

Je länger das Projekt dauert, desto selbstverständlicher wird es für die Kinder. Ich erlebe nie, dass ein Kind keine Lust hat oder motiviert werden muss. Jeden Tag wurde ich gefragt, ob wir denn heute „arbeiten“ und die Kinder freuten sich bei einer positiven Antwort.

“Schreiben nach Wunsch“ am ersten Projekttag

Es liegt ein Paket mit Filzstiften auf dem Tisch, die Kinder bekommen ein Blatt und die Aufgabe: „Zeigt mal, was ihr schon schreiben könnt“. Raman und Berin fangen sofort an zu schreiben, Jasmin schaut erst einmal zu. Sie redet zu sich selbst: “Na, so, schreiben, ach nee“. Während die beiden anderen zügig ihr Blatt bearbeiten, fängt Jasmin an, hört wieder auf, sieht den anderen zu, fängt an die Filzstifte zu zählen, schreibt weiter, usw.
Mit dieser Übung wollte ich erfahren, was die Kinder unter “Schreiben“ verstehen. Raman schrieb einige Buchstaben auf (E, H und A), Berin schrieb A und E und Jasmin schrieb die Zeichen, die sie immer benutzt.

Nun wollte ich die Kinder an die Grundformen der Buchstaben heranführen.

Zum Thema „Gerade Linien zeichnen“ bot ich drei verschiedene Arbeitsblätter an: 1. eine Leiter, an der die fehlenden Sprossen eingezeichnet werden, 2. Schienen, die vollendet werden, und 3. eine Sonne, bei der Strahlen angefügt werden sollten.

Jasmin war anfangs zurückhaltend, während die anderen Beiden gleich erzählten, was sie auf den Blättern sahen und was sie wohl machen sollten. Nachdem Jasmin die Aufgabe verstanden hatte, fing sie an, sehr genau und exakt zu malen. Sie schaute dabei immer wieder zu den anderen und brauchte dadurch länger, aber dafür waren ihre Linien sehr genau gemalt. Ich musste mir immer wieder anschauen, was sie machte und sie loben. Offenbar war dies für Jasmin noch nicht “Schreiben“ genug; auf der Rückseite ihres Blattes schrieb sie wieder ihre Zeichen.

Auch zum Thema „Halbrunde Linien zeichnen“ bot ich drei Arbeitsblätter an:
1. Blumenstiele, die vorgepunktet waren, 2. Regenschirme, an denen der Griff einzuzeichnen ist, 3. Henkel, die an Bechern fehlten.

Das Blatt mit den Blumenstielen musste ich aufgrund der personellen Situation im Gruppenraum anbieten. Dort war es entsprechend unruhig und Jasmin wurde sehr abgelenkt. Sie hatte Schwierigkeiten zu beginnen und versuchte von ihrem Platz aus, alle möglichen Situationen zu kommentieren.
Die Einzeichnung der Regenschirmgriffe fand wieder im Musikzimmer statt. Jasmin malte sehr langsam und kritisierte laufend die anderen Kinder. Sie konnte sich nur kurzfristig konzentrieren und stritt sich mit den Anderen. Die Aufgabe schaffte sie aber wieder sehr gut.

Als dann die anderen nicht mehr anwesend waren, beschloss ich, die Aufgabe mit dem halbrunden Henkel am Becher nur für Jasmin anzubieten. Ich wollte herausfinden, ob Jasmin, wenn sie alleine ist, ruhiger und konzentrierter arbeiten kann.
Sie freute sich sehr und genoss die Zeit mit mir. Sie erzählte und stellte Fragen. Als sie fertig war, fragte ich sie, ob sie lieber mit mir alleine oder mit der Gruppe arbeiten möchte. Jasmin beschloss, doch lieber mit den anderen Kindern zusammen zu arbeiten.

Zum Thema „Wellen nachzeichnen und selber zeichnen“ bot ich vier Arbeitsblätter an:
1. große Wellen, auf denen ein Schiff schaukelt, 2. kleinere Wellen im Schwimmbad, 3. Sprünge eines Kängurus, 4. sowie eigene Wellen zeichnen.

Jasmin wirkt unsicher, sie schaut sich an, was Raman macht, dann setzt die den Stift an und hört wieder auf. Es beginnt eine kleine Diskussion zwischen den Beiden, wie viele Jungen- und Mädchenfische es gibt.
Jasmin wirkt genervt als Raman mir etwas erzählt. Sie behauptet, er ärgere sie. Bei den nächsten Blättern fängt Jasmin zunächst mit Malen an. Dann kritisiert sie die anderen Kinder und lenkt sich selber ab, zum Beispiel indem sie singt, oder lässt sich durch draußen spielende Kinder ablenken. Sobald sie nicht genau auf dem Strich malt, schimpft sie mit sich selber; sobald ich sie lobe, malt sie zügig weiter. Als einzige zeichnet Jasmin unterschiedliche Wellen.

Bei verschiedenen Schwungübungen zum Nach- und Weiterzeichnen verändert sich Jasmins Arbeitsweise: Während sie zuvor erst schaute, was die anderen Kinder machen, beginnt sie nun sofort mit der Arbeit, sobald sie ein Arbeitsblatt bekommt. Immer noch macht Jasmin Pausen, sie braucht für alle Arbeitsblätter am längsten. Weiterhin malt sie sehr exakt die Linien nach, zwischendurch hinterfragt sie, ob sie schreiben lernt und ich bestätige ihr dieses.

Kommentar der Kursleitung:
Dies könnte ein Hinweis sein, dass Jasmin vielleicht unterfordert ist. Sie will Schreiben lernen und sieht vielleicht nicht den Zusammenhang bzw. die Notwendigkeit dieser Vorübungen. Noch mal: Möglicherweise sind solche Vorübungen für sie nicht nötig.

Auf einem weiteren Arbeitsblatt waren alle bisherigen Übungen zusammengefasst. Als Jasmin das Blatt sah, stöhnte sie: “Will nicht, schwer“.

Kommentar der Kursleitung:
Paradoxerweise sagen Kinder manchmal „langweilig“, wenn es für sie zu schwierig ist – es geht über ihren Kopf hinweg, es sagt ihnen nichts und ist deshalb für sie tatsächlich langweilig – und sie sagen „schwer“, wenn es für sie schwer ist, noch weiter zu machen, weil es zu langweilig ist.

Die anderen begannen und auch Jasmin nahm einen Stift, dabei jammerte sie weiter. Sie machte allerdings keinen unglücklichen, sondern einen genervten Eindruck. Auch am nächsten Tag schimpfte Jasmin wieder vor sich hin, aber füllte von allen Kindern das Blatt am genauesten aus.

BILD 7
Kommentar der Kursleitung:
Dieses Ergebnis ist nicht nur für ihr junges Alter, sondern überhaupt sehr gut!! Vergiss die Arbeitsblätter und lass sie endlich richtige Buchstaben und Wörter schreiben!

Buchstaben schreiben

Diese Aufgabe umfasst ein Arbeitsblatt, auf dem Buchstaben zu sehen sind. Die Kinder waren sehr aufgeregt, als sie das Blatt sahen, und Raman erklärte, dass es Buchstaben seien.
Es begann ein Gespräch darüber, welche Buchstaben zu sehen sind, und ich nannte den Kindern die jeweiligen Buchstaben, die sie wissen wollten. Die Kinder wollten wissen, welche Buchstaben zu welchen Namen gehören und wir überlegten gemeinsam. Bei dem Buchstaben “J” sagte ich zum Beispiel: “Ja….“ Und Jasmin rief: “Mein Name“.

Berin erklärte, dass das N zu ihr gehört und Raman stellte klar, dass es auch sein Buchstabe sei. Ich sagte sehr langsam: “Amanda“ und schon rief Berin, dass auch Amanda ein N habe. Alle schauten Jasmin an und Jasmin sagte: “Mein auch“. Zum Schluss erklärte ich, dass auch ich ein N in meinem Namen habe. Wir stellten fest, dass das N ein Buchstabe von uns allen ist.

Bei dieser Aufgabe hatten die Kinder sehr viel Freude und mir fiel auf, dass Jasmin zum ersten Mal vor allen Kindern mit ihrem Blatt fertig wurde. Als ich sie darauf ansprach, freute sie sich sehr und rief: „Hurra, ich habe gewonnen!“ Als Berin sie daraufhin zu ihrem Geburtstag einlud, freute sie sich

…und beide beschlossen, dass sie nun Freunde seien.

Kommentar der Kursleitung:
Aha, die Stimmung steigt, sobald es ans “Eingemachte“, also das tatsächliche Schreiben, geht.

Abschluss des Projektes: “Wir schreiben selber Buchstaben“

Heute lautet die Aufgabe, dass jeder schreiben kann, was er will.
Bei allen Kindern fiel auf, dass sie vielfältigere Möglichkeiten gefunden hatten, zu schreiben. Sie benutzten einige der voraus gegangenen Möglichkeiten der Darstellung, wie zum Beispiel die Schnecke, die Wellen oder auch die Kreise.

Am auffallendsten ist das Blatt von Jasmin. Ihre Ausdrucksmöglichkeiten sind sehr vielfältig im Vergleich zum Anfang. Während sie zu Beginn des Projektes noch stereotyp die gleichen Zeichen machte, malt sie nun sehr unterschiedliche Zeichen.
Gemeinsam überlegten wir, was wir mit den Arbeitsblättern machen. Mein Vorschlag, sie in einem Schnellhefter für jeden abzuheften, fand großen Anklang.

Jasmins Erkenntnisse und Erfolge

Jasmin war das ganze Projekt über mit sehr viel Begeisterung und Freude dabei. Jeden Tag fragte sie, wann wir wieder “arbeiten“. Sie bereitete häufig den Tisch vor, und sehr oft saßen die Kinder schon dort, während ich mich noch auf den Weg machte.
Jasmin hat während des Projektes erfahren:

    • Es macht ihr Spaß, in einer kleinen Gruppe zu arbeiten.
    • Sie kann viel erzählen, erklären, benennen und diskutieren, ohne Sorge haben zu müssen, ob die anderen Kinder sie verstehen.
    • Sie kann in einer ruhigen Umgebung, mit möglichst wenig Ablenkung, sehr gut konzentriert arbeiten.
    • Durch die positiven Lernerfahrungen und durch den Umgang mit den anderen Kindern ist ihr Selbstbewusstsein gestiegen.
    • Sie hat gelernt, dass sie nicht für die Arbeit und Leistung der anderen Kinder verantwortlich ist. Jasmin schafft es immer besser, sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren und nicht immer die Anderen zu kritisieren.
    • Jasmin wird nun von Berin akzeptiert und die beiden haben Freundschaft geschlossen.

Kommentar der Kursleitung:
Dieses sind sehr gute Ergebnisse. Unseres Erachtens hättest Du während des Projektes, als Jasmin beständig sehr gute Ergebnisse lieferte und auch die anderen drei Kinder sich stark zeigten, das Lernziel noch viel höher stecken können.

Über Jasmin ist mir folgendes klar geworden:

    • Jasmin hat weiterhin ein großes Interesse an Buchstaben und schreibt nicht mehr stereotype, sondern unterschiedliche Zeichen.
    • Jasmin hat hohe Ansprüche an das Ergebnis ihrer Tätigkeiten, sie arbeitet sorgfältig und es ist ihr wichtig, genau zu malen. Sie schimpft auch mit sich selber, wenn sie meint, ihren eigenen Ansprüchen nicht zu genügen.
    • Jasmin hat eine hohe Aufmerksamkeitsdauer und Eigenmotivation, wenn sie etwas interessiert.
    • Jasmin besitzt Führungskompetenz. Wenn sie geklärt hat, dass und wann wir arbeiten, bereitet sie den Tisch vor und versammelt die Kinder um sich.
    • Jasmin kann sich gut in andere einfühlen. Sie hat mitbekommen, dass Amanda nicht so mithalten kann wie die anderen und kritisiert sie deswegen auch nicht.

Erkenntnisse, die ich über die anderen Kinder gewinnen konnte

Ohne dieses Projekt wäre mir nicht deutlich geworden, dass Amanda in ihrer Feinmotorik schon so weit entwickelt ist. Sie zeigt einerseits ein extremes Kleinkindverhalten, aber sie hat auch vielfältige Talente.
Raman konnte schon am Anfang zwei Buchstaben schreiben. Er löste die Aufgaben sehr schnell. Dafür waren die Arbeiten öfter ungenau. Er lernte mit der Zeit, genauer zu arbeiten und sich Zeit zu lassen.

Planung für die Zukunft

Je mehr ich mich mit Jasmin beschäftige, umso deutlicher wird mir, dass Jasmin in einigen Bereich höher begabt ist als andere Kinder.
Es hat sich für mich ganz klar herausgestellt, dass ihr Interesse an Buchstaben längerfristig anhält. Als unser Projekt zu Ende war, kam sie ein paar Tage später mit einem Block voller Arbeitsblätter an und bearbeitete einige selbstständig mit Berin und Amanda.

Sie besteht darauf, dass wir weiter “arbeiten“, und manchmal zieht sie sich mit Berin oder Amanda in den Musikraum zurück, um zu schreiben. Da ihr Interesse am Schreiben weiter anhält, kann ich mir eine Fortsetzung des Projektes vorstellen.
Berin wird zu Hause sehr gefördert und setzt bei den Kindern ihre Wünsche selbstbewusst durch. Sie hatte Jasmin und Amanda immer als „Kleine“ gesehen und sie auch so behandelt. Durch die Kleingruppenarbeit ist ihr klar geworden, was die beiden schon können. Nun akzeptiert sie Amanda. Jasmin ist nun ihre Freundin.

Jasmins Selbstbewusstsein ist in der Zeit der Kleingruppenarbeit stark angestiegen. Dadurch hat sich ihr Status in der Gruppe geändert, sie hat in Berin und auch in Amanda Freundinnen gefunden. Sie weint nicht mehr, wenn ihr etwas nicht passt, sondern setzt sich energisch mit Worten durch.

Jasmin hat trotz Fortschritten immer noch Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache. Das behindert Jasmin in der Entfaltung ihrer Begabungen.
Ihr hat die Kleingruppenarbeit viel Spaß bereitet. Ich möchte bald ein neues Projekt zu starten, in dem ich ihr auch bei der Sprachentwicklung helfen kann – möglicherweise in Verbindung mit weiteren „Schreibübungen“.

Kommentar der Kursleitung:
Bei der weiteren Arbeit wäre es wichtig, wie Du selbst schon angedeutet hast, weiter auszuloten, wo ihre Grenzen sind und wo sie zu ihrer persönlichen Höchstform aufläuft.
Was das Lesen- und Schreibenlernen betrifft, würden wir folgendes
Ziel für realistisch halten: Jasmin lernt in den nächsten drei Monaten Lesen und in großen Druckbuchstaben schreiben. Falls ihr Interesse dann daran erlahmen sollte oder sie an ihre Leistungsgrenze kommen sollte, kannst du immer noch von diesem Ziel ablassen.

Das Folge-Projekt

Nun sollen die teilnehmenden Kinder lernen, Großbuchstaben schreiben und lesen zu können.

Folgende drei Ziele wollte ich anstreben:

    • Die Kinder können ihren eigenen Namen schreiben.
    • Die Kinder können die Namen der anderen Projektteilnehmer schreiben.
    • Die Kinder können kleine Wörter schreiben.

Schon während des vorigen Projekts war mir aufgefallen, dass Jasmin gern in einer arbeitsähnlichen Atmosphäre lernen möchte. Sie selber und mittlerweile auch die anderen Teilnehmer sprechen davon, dass sie “arbeiten“ und fragen auch: “Arbeiten wir heute wieder?“ Auf meine Frage: “Was ist denn für dich arbeiten?“ sagt Jasmin ganz klar: “Na, schreiben lernen, für die Schule.“

„Warum möchtest du schreiben lernen?“ fragte ich sie und sie sagte lächelnd: “Das ist schön und ich bin dann groß.“ “Und was ist schön am Großsein?“ Sie schaute mich an, lachte und sagte: “Martina, du bist groß und schön, ich möchte auch groß sein.“
In diesem Projekt werde ich den Anspruch, vor allem an Jasmin, immer wieder erhöhen, um sie an ein Niveau heranzuführen, welches ihr Spaß macht und das sie spannend findet.

Diese Kinder haben von Beginn des Projektes an mitgearbeitet:

Jasmin (inzwischen 4;4 Jahre alt)
Bei ihr bin ich gespannt, inwieweit sie sich herausfordern lässt und zu welchen Leistungen sie in der Lage ist.
Raman (5;2)
Er war auch beim letzten Projekt dabei, wollte weitermachen und schreiben lernen.
Amanda (4;6)
Sie hatte am Ende des letzten Projektes Schwierigkeiten, die Anforderungen zu erfüllen. Ich habe festgestellt, dass es Amanda wenig ausmacht, wenn sie Aufgaben nicht schafft. Für sie ist es wichtig, dabei zu sein und mitzumachen.
Yusuf (5;1)
Er ist im gleichen Alter wie Raman, er wollte schon während des ersten Projektes mitmachen. Da Berin die Einrichtung wechseln sollte, hat Yusuf den Wunsch geäußert, an ihrer Stelle mitzumachen. Auf seine Weiterentwicklung bin ich gespannt, da er sich im Gruppengeschehen sehr langsam gibt.
Berin (4;3)
Sie sollte eigentlich in einen bilingualen Kindergarten wechseln und war aus diesem Grund bei den ersten beiden Angeboten nicht dabei. Als sie nach ein paar Tagen wieder zu uns zurück kam, war ihr Wunsch, wieder mitzumachen, verständlich.

Alle Kinder wollten unbedingt Schreiben und Lesen lernen, waren von Anfang an motiviert und zeigten Ausdauer und Konzentration. Personalmangel und ein unerwarteter längerer Urlaub von Jasmin führten leider zur vorzeitigen Beendigung des Projektes.

Eigene Auseinandersetzung mit dem Thema

Im vorangegangenen Projekt haben die Kinder genaues Hinsehen und Unterscheiden von Formen gelernt. Dies war wichtig, damit sie lernen konnten, die abstrakte Gestalt eines Buchstabens genau und richtig zu erfassen.
Jasmin arbeitet sehr genau, ich gehe davon aus, dass ihr das beim Schreiben lernen hilft.

Da Kinder so schreiben lernen wie sie reden, war mir klar, dass wir die Buchstaben entsprechend benennen. Ein M wird nicht EM genannt, sondern M.
Den Kindern soll deutlich werden, dass Buchstaben zusammengefügt Wörter ergeben können. Das sollen sie zuerst an ihren Namen lernen können, später an anderen einfachen Wörtern.

Als Arbeitsmaterialien habe ich mir “Mein erstes großes Abc- Buch“ und “Mein dicker Übungsblock Schreiben und Lesen“ aus dem Cornelsen Verlag besorgt, sowie die Spiele : “Buchstaben-Box“ (ars edition) und “Wort-Ritter“ (Haba).

Da der eigene Name meistens das erste Wort ist, das die Kinder schreiben, beginnen wir auch damit. Den eigenen Namen schreiben zu können, war ein großer Wunsch von Jasmin.

Immer wieder sollte einfließen, welche Buchstaben sich in Wörtern befinden, zum Beispiel I wie Igel. Um eine ganzheitliche Förderung der Kinder zu gewährleisten, war es mir wichtig, verschiedene Entwicklungsbereiche und Sinne der Kinder anzusprechen.
Im Vordergrund stand immer das Lernen von Buchstaben, dazu wurden jedoch verschiedene Methoden eingesetzt: Lernen und üben mit Arbeitsblättern, Buchstaben basteln, Singen, Gespräche, Bewegungsspiele.

Für jedes Kind hatte ich eine Box erstellt, in der sich ein Zettel mit dem gesamten Namen und die einzelnen Buchstaben befinden.

Projektverlauf

Das Projekt umfasste unterschiedliche Angebote, die sich zum Teil erst während des Projektes entwickelten. Mir war es wichtig, auf die Situation und die Bedürfnisse der Kinder einzugehen. Zum einen wollte ich Jasmin herausfordern, um zu erkennen, wozu sie in der Lage ist, zum anderen musste ich davon ausgehen, dass die Kinder sich unterschiedlich weiterentwickeln.

Die Kinder hatten ganz unterschiedliche Erfahrungen und Kenntnisse im Bereich der Buchstaben und des Namenschreibens:
Jasmin und Amanda konnten noch keine Buchstaben schreiben.
Berin konnte die Buchstaben A und E schreiben, ohne ihre Bedeutung zu verstehen. Sie versuchte ihren Namen zu schreiben, aber es gelang ihr nicht.
Raman konnte die Buchstaben E, H, A schreiben, aber nicht lesen.
Seinen Namen versuchte er zu schreiben, aber er reihte Buchstaben wahllos aneinander.
Yusuf versuchte seinen Namen zu schreiben, manchmal gelang es ihm, manchmal nicht.

Die Kinder erlernen die Buchstaben der eigenen Namen

Im Nebenraum setzten wir uns auf den Boden. Ich sagte zu den Kindern, dass sie schon öfter erwähnt hätten, sie wollten schreiben lernen und ich schlug ihnen vor, dass sie ihren Namen schreiben und lesen lernen sollten. Ich finde es wichtig, den Kindern eine klare Zielvorgabe zu geben. Vor allem bei Jasmin habe ich die Erfahrung gemacht, dass sie sehr genau wissen möchte, was gemacht werden soll.
Die Kinder fanden diese Idee gut und Jasmin rief: “Ja, schreiben lernen!“ Sie sprang auf, umarmte mich und rief: “Danke, Martina.“

Auf meine Frage benannten sie die Buchstaben, die sie schon mal gehört haben. Während die anderen einzelne Buchstaben benennen konnten, sagte Yusuf das komplette ABC auf.
Auf meine Frage, wozu wir Buchstaben brauchen, antwortete Jasmin: “Schreiben“.
Wir klärten, dass Buchstaben hintereinander geschrieben, ein Wort ergeben und die Kinder nannten Wörter und hatten Spaß daran, sich von mir die darin vorkommenden Buchstaben sagen zu lassen. Wichtig war mir, dass den Kindern der Unterschied zwischen Buchstaben und Wörtern klar wurde.

Raman konnte von vielen Wörtern, die er sich überlegte, den Anfangsbuchstaben sagen. Jasmin erkannte, dass in ihrer Lieblingsfarbe Rosa, ein O und ein A vorkommen. Auch Yusuf konnte Buchstaben erkennen, nur Amanda wollte nichts sagen.

Ich verteilte Zettel mit Namen der Kinder und mit meinem Namen. Die Aufgabe lautete: “Findet euren Namen“. Raman fand seinen sofort, Yusuf überlegte, konnte dann seinen Namen erkennen und Jasmin und Amanda waren unsicher und wussten nicht, welchen Zettel sie nehmen sollten. Ich nahm mir meinen Zettel, und zeigte den beiden ihre Namen.

In die Mitte legte ich viele von mir selbst gemalte Buchstaben, nahm mir ein M und erklärte, dass dies mein Buchstabe sei (weil er zu meinem Namen gehört).
Jasmin schaute auf ihren Namen und sagte: “M, auch meins“.
Ich bestätigte dies, und alle suchten ihre Buchstaben und legten sie über die Namen.
Dabei erläuterte ich, dass die Buchstaben zusammen den Namen ergeben. Die Kinder stellten fest, dass einige Buchstaben in vielen Namen vorkommen. Jasmin bemerkte, dass das A bei ihr, bei mir und bei Amanda vorkommt. Ich bot an, das A als ersten Buchstaben zu lernen und die Idee wurde begeistert von allen angenommen.

Gemeinsam wird der Buchstabe A gelernt

Bei diesem Angebot waren Amanda und Berin nicht dabei.
Als ich das Arbeitsblatt verteilte, sagte Raman: “Ein A, wie Affe“. Die anderen bestätigten dies und Yusuf meinte: “A, wie Apfel“. Wir überlegten, welche Wörter noch mit “A“ beginnen. Jasmin hatte keine Idee, sie wiederholte, was die anderen beiden sagten.

Auf dem Arbeitsblatt fuhren die Kinder das A erst mit den Fingern, dann mit dem geschlossenen Stift nach und schrieben es dann. Jasmin schrieb ihre Buchstaben sehr genau in die Reihe, manche A jedoch verkehrt herum.
Jedes Mal wenn sie einen Buchstaben nicht korrekt hin bekam, murmelte sie: “Manno“. Ich merkte, dass sie nicht zufrieden war, und lobte sie für ihre toll geschriebenen A. Sie beschwerte sich, dass Raman zu schnell und über dem Strich schreibt. Dann lobte sie sich selber: “Hab ich super gemacht, bin groß.“

Als wir später in den Gruppenraum kamen, zeigte mir Jasmin anhand eines Buches, wo sich A befinden. Ich lobte ihre Idee, diesen Buchstaben zu suchen, und bot ihr an, doch mal anhand der Gruppenliste die Namen der Kinder mit diesem Buchstaben heraus zu suchen. Sie nahm sich die Gruppenliste und suchte Namen mit A, ich las ihr die Namen vor und Jasmin wiederholte diese.

Zwei Tage später bot ich den Kindern ein von mir selbst gestaltetes Arbeitsblatt an, dort sollten sie den Buchstaben A aus verschiedenen Wörtern herausfinden und einkreisen.
Amanda war diesmal wieder dabei. Jasmin erklärte ihr, wie ein A geschrieben wird und dass der Buchstabe in Jasmin, Amanda, Raman und Martina zu finden ist.
Die Aufgabe selber wurde von Jasmin direkt verstanden und zügig und konzentriert erledigt. Diesmal war sie sehr zufrieden mit sich und ihrer Arbeit.

Die Kinder wollten mehr arbeiten und ich bot ihnen ein Arbeitsblatt an, bei dem sie die Wörter anmalen sollten, die mit A beginnen.
Beim Besprechen der Bilder fiel auf, dass Jasmin manche Wörter nicht kannte, sie hörte aber, welche Wörter mit A beginnen.

Mir wurde klar, dass ich alleine durch die Gruppenarbeit Jasmin nicht genug herausfordern konnte. Sie wollte länger an den Buchstaben arbeiten, um diese exakt schreiben zu können. Die anderen Kinder hatten diesen Anspruch an sich selbst nicht.

Ich besorgte für jedes Kind ein Schreibheft und einen Bleistift, damit sie, besonders Jasmin, bei Bedarf in ihrem Heft die erlernten Buchstaben üben konnten. Die Kinder waren begeistert und Jasmin nutzte das Angebot. Während Raman drei Reihen A schrieb, Yussuf eine, schrieb Jasmin eine ganze Seite voll und war zufrieden. Durch das Üben wurde der Buchstabe immer besser und sie immer zufriedener.

Gemeinsam wird der Buchstabe I gelernt

Wir sahen uns die Kiste mit den Buchstaben der Kinder-Namen an, und Jasmin schlug vor, das I zu üben. Alle Kinder waren einverstanden.
Das Arbeitsblatt mit den I war für alle Kinder sehr einfach und zügig zu bearbeiten. Wieder war das Arbeitsblatt von Jasmin am genauesten. Auch das Herausfinden der Wörter mit I bereitete Jasmin keine Schwierigkeiten.

Insgesamt war die Aufgabe für Jasmin zu einfach. Beim Ausmalen der Wörter stand sie plötzlich auf und sagte: “Ich muss denken.“ Dann ging sie durch den Raum, dabei murmelte sie vor sich hin. Ich fragte: “Was denkst du, Jasmin?“ Bevor sie antworten konnte, standen die anderen Kinder auch auf und gingen umher. Dies gefiel Jasmin gar nicht, sie schimpfte: “Nur ich denke, ich hab Idee.“

Kommentar der Kursleitung:
Obwohl das I ihr eigener Vorschlag war, wurde es doch schnell langweilig für sie: Sie gibt ein deutliches Zeichen: Ich will etwas machen, bei dem ich denken muss.

Wir spielen gemeinsam das Buchstaben-Memory

Um ein wenig Abwechslung zu bekommen, weitere Buchstaben kennenzulernen und Spaß zu haben, schlug ich vor, ein Memory zu spielen. Aus dem Spiel: “Buchstabenbox“ entfernte ich die Buchstaben Ä, Ö und Ü.
Alle Buchstaben waren zweimal vorhanden und wurden verdeckt hingelegt. Die Aufgabe war, jeweils beide Buchstaben zu finden.

Die Kinder sprachen über die Buchstaben in ihren Namen. Jasmin: “Ich hab ein A und ein I in meinem Namen“. Berin: “Ich hab ein B am Anfang.“ Raman: “Ich hab ein R, wie Robben“. Alle überlegten nun, mit welchem Buchstaben ihr Name beginnt. Nur Berin und Raman fanden das heraus.

Ich zeigte den Kindern ihre Namensschilder; es fiel ihnen aber schwer, zu erkennen, welcher Buchstabe am Anfang steht. Ich bot den Kindern an, die Buchstaben ihrer Namen heraus zu suchen und über die Namen zu legen. Das fiel ihnen nicht schwer. Jasmin legte die Buchstaben fast in umgekehrter Reihenfolge: M I N S A J. Ich las ihr vor, was sie gelegt hatte. Sie lachte und beschloss: “Nein, so nicht.“ Sie schaute sich alles nochmal genau an und legte den Namen richtig.

Kommentar der Kursleitung:
Eigentlich scheint bis auf die Verwechslung von M und N ihr Name nur rückwärts, also von rechts nach links dazustehen. Im Arabischen wird von rechts nach links geschrieben. Außerdem ist die Verwechslung von rechts und links wie von oben und unten beim Schreiben lernen recht häufig.

Auch die anderen hatten nun Spaß daran, die Buchstaben zu vertauschen, und es musste vorgelesen werden. Zum Schluss waren alle Namen richtig gelegt und die Kinder hatten verstanden, dass die Buchstaben in einer bestimmten Reihenfolge geschrieben werden müssen, damit es den Namen ergibt.

Ich gab den Impuls, dass jedes Kind seinen Namen ganz langsam vorliest und so die Laute mit den Buchstaben verbindet. Das kam immer wieder in den Angeboten vor: Ich sprach die Namen sehr langsam und mit Betonung aus, um immer wieder die Verbindung von Lauten und Buchstaben zu betonen.

Als wir dann Karten-Memory spielten, sollten die Kinder ihnen bekannte Buchstaben benennen und Paare finden. Normalerweise gewinnt Jasmin bei Memory. Als sie nun aber wiederholt Karten aufdeckte, die sie nicht kannte, und Berin ihr diese vorsagte, fing Jasmin an zu weinen. Sie ärgerte sich, dass Berin schon Buchstaben benennen konnte, die sie noch nicht kannte. Als das Kartenspiel beendet war, arbeitete Jasmin noch allein in ihrem Heft und schrieb noch eine halbe Seite mit I.

Kommentar der Kursleitung:
Wäre es auch eine Möglichkeit gewesen, sie gezielt noch einige neue Buchstaben kennenlernen zu lassen – vielleicht von denen, die Berin schon kennt und Jasmin noch nicht? Hätte Berin dabei vielleicht geholfen?

Jasmin und Berin konkurrieren. Sie sind mittlerweile befreundet, aber Berin betont immer wieder, dass sie schon mehr kann als Jasmin.

Kommentar der Kursleitung:
Es könnte interessant sein herauszufinden, ob Jasmin bereit wäre, von Berin zu lernen, und ob Berin Lust hat, ihr Wissen mit Jasmin zu teilen.

Jasmin erlernt die Buchstaben M und N

Drei Tage später war nur Jasmin anwesend, alle anderen Kinder waren erkrankt. Jasmin bestand darauf zu arbeiten, weil sie lernen müsse. Ich bot ihr an, sich mit mir alleine zurückzuziehen. Sie freute sich und rief: “Ja, ich kann lernen!“ Wir zogen uns zurück und ich zeigte ihr die Kiste mit den Buchstaben ihres Namens. Sie überlegte, welchen Buchstaben sie noch nicht kannte und welchen sie lernen möchte.

Jasmin entschied sich für das M: “M wie Maus.“ Ich erwiderte: “Oder wie Martina“. Sie lachte, überlegte und sagte dann: “M wie Metin“. Es fiel ihr zunächst schwer, das Arbeitsblatt auszufüllen und sie wollte schon aufgeben. Ich überredete sie zum Weitermachen. Je mehr sie schrieb, desto motivierter wurde sie und schrieb sogar noch zusätzlich eine ganze Seite M in ihr Arbeitsheft. Etwa 45 Minuten arbeitete sie sehr konzentriert.

Als wir die Buchstaben ihres Namens wieder einräumten, zeigte sie auf das N und sagte: “Kann ich“. Sie malte ihn mir auf und sagte: “Ist ähnlich wie M“. Ich benannte den Buchstaben und wir überlegten uns gemeinsam ein paar Wörter, die mit N beginnen.
Sie schrieb noch ein paar N auf und zeigte auf das J und das S. “Kann ich nicht, muss noch lernen“, sagte sie. Sichtlich zufrieden ging Jasmin in die Gruppe.

Gemeinsam wird der Buchstabe S gelernt

Yusuf zeigte mir heute ein Schreibheft, das seine Mutter ihm kaufen musste. Dort hat er, während er krank zu Hause war, das Y und das U geübt. Auch Raman zeigte, dass er RAMAN schreiben kann. Berin hat so lange zu Hause geübt, bis sie ihren Namen schreiben konnte.

Sowohl Jasmin als auch Yusuf wünschten sich, dass wir nun das S lernen. Alle Kinder waren einverstanden. Als erstes malten sie ohne Probleme Drachenschwänze, die das S zeigten.
Das 2. Arbeitsblatt dagegen bereitete allen Kindern Schwierigkeiten. Das S war eine Herausforderung, und sie fingen an sich gegenseitig zu kritisieren. Jasmin beschwerte sich, dass es zu schwer sei, sie war sichtlich enttäuscht. Yusuf meinte, er brauche den Buchstaben, und Jasmin murmelte: “Ich auch.“

Ich fragte: “Was können wir tun, damit ihr den Buchstaben, den ihr braucht, schreiben könnt?“ Jasmin schlug vor, sie könnten doch später zu Hause üben, und Raman rief: “Oh ja, wie Hausaufgaben!“ Dies kam bei den Kindern gut an und wir vereinbarten, dass die Kinder, die Lust haben, Hausaufgaben machen könnten, um das S zu üben.
Jasmin packte der Ehrgeiz, sie versuchte den Buchstaben in ihr Heft zu malen, gab aber nach vier Versuchen auf. Offenbar hatte Jasmin das Prinzip des Buchstabens erkannt, von der Feinmotorik her fiel es ihr dennoch schwer, das S zu schreiben.

Kommentar der Kursleitung:
Hier zeigt sich, wie so oft, dass der Anspruch, die Buchstaben „malen“ zu können, die Erarbeitung der Buchstaben behindert. Die Feinmotorik der Kinder, selbst der Kinder mit guter Feinmotorik wie Jasmin, reicht dann doch noch nicht ganz aus.
Deshalb noch einmal unser Vorschlag: Die Fähigkeit, Schrift zu lesen und sich mittels Schrift mitzuteilen, ist das Erste und Wichtigste, um die Lernbedürfnisse sehr begabter Kinder zu befriedigen.
Jasmin hat das Prinzip des Buchstabens erkannt, könnte ihn also sowohl lesen als auch mit Hilfe von Stempeln, ausgestanzten Buchstaben oder auch Schreibmaschine oder Computer durchaus aktiv einsetzen, um die Schriftsprache zu nutzen. Sie ist aber jetzt ausgebremst, weil sie den Buchstaben S noch nicht gut mit der Hand schreiben kann.
Das Schreiben mit der Hand kann u.E. Jahre später – mit dann weniger Frust und Schwierigkeiten – auch noch in der Schule oder auch im Alleingang erlernt werden.

Dies ist das erste Mal, dass Jasmin nicht geweint hat, als sie ihren Ansprüchen nicht genügte. Ich denke, das liegt mit daran, dass auch die anderen Kinder Schwierigkeiten hatten.

Zwei Tage später setzten wir uns wieder zusammen. Jedes Kind hatte seine “Hausaufgaben“ entweder zu Hause oder im Kindergarten gemacht. Es fiel ihnen aber immer noch schwer, das S zu schreiben.
Leicht fanden sie dagegen Wörter, die mit S beginnen. Sie hatten Spaß daran. Jasmin und Yusuf konnten zu Beginn des Projektes nicht unterscheiden, ob ein Buchstabe am Anfang oder inmitten eines Wortes steht.
Mittlerweile können sie es gut, sie sprechen den 1. Buchstaben lang aus und hängen dann den Rest des Wortes dran.

Am nächsten Tag kam Jasmin freudestrahlend zu mir und rief : “Martina, ich hab geübt.“ Sie holte sich ein Blatt und malte mir einige S auf.

Erlernen der Buchstaben, die noch zum eigenen Namen fehlen

Jedes Kind bekam seine Box mit den Buchstaben seines Namens. Die Aufgabe lautete: “Legt aus den Buchstaben euren Namen.“ Raman, Berin, Yusuf schafften es, ihren Namen zu legen, Jasmin brauchte ihr Namensschild und Amanda schaffte es mit meiner Unterstützung.

Nun sollte sich jeder den/die Buchstaben überlegen, die er noch nicht schreiben kann und nun lernen möchte. Jasmin hob jeden Buchstaben hoch, legte ihn wieder ab und sagte: “Das kann ich, das kann ich.“ Das J hielt sie hoch und sagte: “Das ist zu schwer.“ Doch sie merkte, dass dieser Buchstabe ihr fehlte. “Martina, ich muss das hier lernen.“

Jasmin fiel es schwer, das J zu schreiben, ein paar Mal gelang es ihr, dann wieder nicht. Bei den ersten beiden Reihen wollte sie, dass ich ihre Hand führe. Sie wurde traurig, ich schlug ihr vor, sich den Buchstaben genau anzusehen und sagte: “Schau mal, Jasmin, erst ein gerader Strich und dann ein kleiner Haken.“
Jasmin sah mich an, fing an zu grinsen und sagte: „Ich hab Idee.“ Sie malte sich einen Punkt, jeweils oben und unten, verband die beiden mit einem Strich und setzt dann den Halbkreis dran.

Kommentar der Kursleitung:
Kreative Überwindung von Schwierigkeiten!

Ich sagte: “Jasmin, das ist eine tolle Idee!“ Über meine Begeisterung freute sie sich sehr. Jasmin malte auf ihre Art einige J und jubelte: “Ich kann es“. Raman beschwerte sich, dass die J nicht so geschrieben werden. Doch Jasmin stand zu ihrer Technik und schrieb das ganze Blatt voll.

Kommentar der Kursleitung:
Stark. Sie weiß schon: Das Ergebnis zählt, und es gibt verschiedene Wege, um etwas zu erreichen.

Zum Abschluss bringe ich den Kindern die erste Strophe des Liedes “Alle Kinder lernen lesen“ bei.
(Text:
Refrain: Alle Kinder lernen lesen – Indianer und Chinesen – selbst am Nordpol lesen alle Eskimos – hallo Kinder, jetzt geht`s los!
Strophe 1:
A- sagt der Affe, wenn er in den Apfel beißt.
E- sagt der Elefant, der Erdbeeren verspeist.
I – sagt der Igel, wenn er in den Spiegel sieht, und wir singen unser Lied: Refrain wiederholen)
Die Kinder hatten viel Spaß und wir beschlossen, es im Morgenkreis mit den anderen Kindern zu singen.

Basteln der Buchstaben A / E / I und Vorstellen des Liedes

Ich schlug den Kindern vor, die Buchstaben, die im Lied vorkommen, zu basteln. Wir könnten sie dann während des Liedes hochhalten, damit auch die anderen Kinder die Buchstaben kennenlernen. Jasmin und Raman nannten sofort die Buchstaben, die in dem Lied vorkommen, und die Idee wurde angenommen. Unter Mithilfe einer Praktikantin bastelten die Kinder die Buchstaben: Jasmin das A und Berin das I. Raman und Yusuf machten gemeinsam das E.

Im Morgenkreis erzählten die Kinder des Projekts von ihrer Arbeit. Raman: “Wir lernen Buchstaben und unsere Namen“. Berin setzte hinzu: “Ich kann schon BERIN schreiben“. Jasmin: “Ja, wir lernen schreiben, den Namen“. Amanda sagte nichts und Yusuf überlegt sehr lange, bevor er sagte: “Ich kann meinen Namen auch schreiben.“
Dann sangen wir das Lied vor. Jedes Kind sang mit, Jasmin und Berin hielten ihre Buchstaben an der richtigen Textstelle hoch und Raman übernahm das E. Wir sangen die erste Strophe und den Refrain dreimal und die Kinder der Vorschulgruppe beschlossen, sie wollten auch Buchstaben mit der Praktikantin basteln.

Wir schreiben unseren Namen

Heute wollte ich überprüfen, ob das erste Ziel erreicht wurde: dass die Kinder ihren eigenen Namen schreiben können. Auf zwei Tischen verteilte ich Zettel mit den Namen der Kinder, darunter lag jeweils ein leeres Blatt.

Jasmin kam als erste in den Nebenraum und fragte: “Was ist das?“
Ich stellte eine Gegenfrage: “Was glaubst du?“ Sie ging um den Tisch herum und sagte: “Viele Namen, meiner ist hier“ und zeigte auf ihren Namen. Dann zeigte sie auf Amandas Schild und sagte: “Viele A“. Ich fragte: “Welcher Name hat viele A?“ Jasmin antwortete: “Amanda.“

Die anderen kamen hinzu, jeder sollte sich zu seinem Namen setzen.
Jasmin zeigte Amanda, wo sie sich hinsetzen sollte.
Sie fanden ihre Plätze und ich teilte ihnen die heutige Aufgabe mit:
“Heute sollt ihr euren Namen schreiben.“ Jasmin rief: “Ja, Namen schreiben, kann ich“.

Das Etappenziel ist zum größten Teil erreicht worden. Davon ausgehend, dass jedes Kind andere Voraussetzungen hatte, haben bis auf Amanda die Kinder mit Freude und Ehrgeiz das Ziel erreicht.
Amanda hatte schon beim letzten Projekt Schwierigkeiten mitzuhalten, wollte aber unbedingt weiter dabei sein. Die anderen haben sogar zu Hause geübt, als es schwierig wurde.

Kommentar der Kursleitung:
Hier haben die Hausaufgaben auch ihren wirklichen Sinn erfüllt: etwas zu üben, was man können will, aber noch nicht ganz zur eigenen Zufriedenheit beherrscht. In der Schule ist es leider oft ganz anders.

Jasmin hat große Fortschritte gemacht. Zu Beginn des Projektes konnte sie keinen einzigen Buchstaben schreiben oder lesen. Zweimal kam sie an ihre Grenze. Sie hat jedoch nicht aufgegeben und ehrgeizig hat sie so lange geübt hat, bis sie das S schreiben konnte. Interessant war auch ihre Idee, das J auf ihre eigene Weise zu konstruieren.

Wir erkennen die Namen der anderen Teilnehmer

Ich verteilte die Namensschilder der Kinder im Nebenraum. Jedes Kind sollte sich die Namen gut ansehen und diese lesen. Um herauszufinden, wer welchen Namen (ohne Vorsagen) lesen kann, beschloss ich, diese Übung mit den Kindern einzeln durchzuführen.
Raman konnte seinen Namen sowie die von Berin und Jasmin direkt lesen, Yusuf und Amanda nach kurzem Überlegen.
Berin konnte ihren Namen direkt lesen. Bei Amanda erkannte sie das A und das M und sagte: “AM – Amanda“. Das gleiche bei “Jasmin“ und „Raman“. Zum Schluss blieb der Name Yusuf übrig. Da war mir nicht klar, ob sie den Namen lesen konnte oder erraten hat.
Yusuf hat seinen Namen direkt erkannt, ebenso den von Raman. Bei den anderen hat er mit den ersten Buchstaben angefangen und dann den Namen gelesen.
Jasmin erkannte ihren Namen und „Berin“ sofort. Bei “Amanda“ sagte sie: “Fängt mit A an, hat viele A, das ist Amanda“. Bei “Raman“ erkannte sie die A, das M und N. Den ersten Buchstaben sagte ich ihr vor, sie hängte die anderen dran und konnte so “Raman“ lesen. “Yusuf“ blieb übrig.
Amanda konnte ihren Namen anhand der A erkennen, die anderen hat sie verwechselt.
Namensspiele in der Turnhalle

Die Kinder zogen ihre Sportsachen an und fanden es toll, in die Turnhalle zu gehen. Raman fragte: “Martina, turnen wir?“ Ich stellte die Gegenfrage: „Könnt ihr euch vorstellen, was wir hier jetzt machen wollen?“ Jasmin lachte mich an und sagte: “Turnen mit Buchstaben oder Namen“. Berin stimmte zu: “Oh ja, mit Namen“. Ich bestätigte die Aussagen und nach ein paar Aufwärmübungen legten wir los.

Spiel 1.
Jeden der sechs Namen hatte ich auf jeweils sechs Blätter geschrieben und die Zettel wahllos und durcheinander in der Halle verteilt, während die Kinder auf der Bank saßen. Raman: “Ah, unsere Namen“. Ich erklärte, sie sollten nacheinander ihre Namen finden, die Zettel aufheben und uns zeigen. Danach wurden diese wieder zurückgelegt.

Fast alle lösten die Aufgabe, Raman und Jasmin ohne einen anderen Namen aufzuheben, Yusuf und Berin irrten sich je einmal und Amanda fiel es schwer, ihren Namen zu finden. Jasmin: “Du musst die vielen A suchen, das ist dein Name“ und so fand auch Amanda ihre Zettel.

Spiel 2.
Wieder wurden die Zettel durcheinander in der Halle verteilt. Ich schaltete den CD-Player ein und die Kinder tanzten nach der Musik. Sobald die Musik ausgeschaltet wurde, sollte jeder seinen Namen hoch nehmen und abgeben. Auch dies klappte gut, Jasmin half Amanda ihre Zettel zu finden.

Spiel 3.
Ich legte die Namen auf den Boden und bat die Kinder, einen oder mehrere andere Namen vorzulesen. Die Kinder wurden aufgeregt und Jasmin sagte: “Ja, Martina, ich will.“
Sie las und zeigte erst auf Berins Namen, dann auf “Amanda“, sie überlegte kurz und zeigte dann auf „Raman“ und “Yusuf“ und las sie alle vor. Raman erkannte Jasmins, Berins, Yusufs Namen direkt und sagte: “Die vielen A ist Amanda.“ Yusuf und Berin überlegten bei jedem Namen sehr genau, hatten aber keine Probleme, alle zu finden.
Amanda erkannte ihren Namen und Ramans Namen.

Spiel 4.
Fünf mal wurde jeder Name in der Turnhalle verteilt. Ich erklärte den Kindern, dass ich ihnen eine Geschichte erzählen würde und sie jedes Mal, wenn sie einen der Namen hören, sie zu diesem Zettel gehen sollten. Bei einem Probelauf gingen die Kinder zu ihren eigenen Namen.
Also erklärte ich es noch einmal und fragte dann nach. Von Raman kam: “Wenn du `Berin’ sagst, müssen wir dahin gehen“, und Jasmin folgerte: “Ja, nicht nur unseren Namen“.

Die Geschichte:
„Es beginnt ein neuer Morgen, viele Kinder liegen noch im Bett und schlafen. Draußen ist es noch dunkel und verschneit. Eine Mutter geht ins Kinderzimmer und macht das Licht an. Dabei sagt sie:“YUSUF, aufstehen“. Er möchte nicht aufstehen und sie beschließen, dass er noch eine halbe Stunde weiter schlafen darf.
Ein paar Straßen weiter wird eine kleine Schwester wach und schreit, sie bekommt die Flasche. Der Frühstückstisch wird gedeckt, die Mutter kocht Kaffee. RAMAN zieht sich alleine an und kommt zum Frühstücken.
Das rote Auto steht bereit, nur die Kinder fehlen. Das Mädchen sucht seine Handschuhe, findet sie aber nicht. Die kleine Schwester geht zum Auto vor und AMANDA läuft hinterher.
Im Kindergarten sitzt ein Mädchen an der Garderobe und zieht die Jacke aus. Die Stiefel werden weggeräumt und die Brotdose ins Regal gestellt. Die Kinder am Frühstückstisch rufen: “JASMIN“.
Ein weiteres Kind kommt an, er hat seinen Bruder dabei und diskutiert mit der Mutter. Diese kommt in die Gruppe und begrüßt alle. YUSUF geht in die Bauecke.
Am Frühstückstisch sitzt noch ein Mädchen und isst Obst. Sie hat ihren Teddybär dabei. Als sie aufgegessen hat, geht BERIN in die Puppenecke. Alle Kinder spielen. In der Bauecke wird es laut. YUSUF schimpft, weil jemand seinen Turm zerstört hat.
In der Puppenecke wird gekocht, AMANDA deckt den Tisch. Am Maltisch schneidet JASMIN einen Clown aus. BERIN geht ins Musikzimmer und hört eine CD. RAMAN hüpft hinterher.“

Diese Aufgabe war für die Kinder sehr schwierig. Die meisten konnten zwar die Namen der anderen lesen, aber für diese Aufgabe mussten die Kinder sich konzentrieren, den vorgelesenen Namen erfassen und ihn dann in der Turnhalle suchen.
Jasmin half immer wieder Amanda, den richtigen Namen zu finden. Sie bemühte sich sehr. Berin schien manchmal darüber genervt zu sein, aber Jasmin ließ sich nicht beirren.

Abschlussspiel:
Alle Zettel lagen verteilt auf dem Boden, alle Kinder liefen herum. Wenn ich das Tamburin ein Mal fest schlug, sollte der gerufene Namenszettel aufgehoben werden.
Bei einem Probelauf holten Jasmin, Berin und Amanda ihre eigenen Namen. Als sie bemerkten, dass Raman und Yusuf die meisten Zettel holten, änderten sie ihr Verhalten.
Beim richtigen Spiel ging es darum, einen Gewinner auszumachen. Die Mädchen holten auf und Jasmin schaffte es, mit Raman zu gewinnen. Jasmin war sehr stolz auf sich: “Hurra, ich hab geschafft.“

Wir schreiben die Namen der anderen Teilnehmer

Raman kam zu mir und berichtete, dass er nun das S kann, Jasmin sagte: “Martina, hab das D gelernt.”
Als wir uns diesmal in den Nebenraum zurückzogen, stellte ich die Frage: “Habt ihr Lust, heute mal die Namen der anderen Kinder zu schreiben?“ Raman, Yusuf und Berin waren einverstanden und wollten direkt anfangen. Jasmin und Amanda waren skeptisch. Ich fragte nach und Jasmin sagte: “Kann nicht alle schreiben.“ Amanda nickte.

“Dann schreibt die Namen, die ihr schreiben könnt.“
Jasmin sah zu, wie die anderen Kinder begannen und fing an: “Jasmin“, “Berin“ und “Raman“ zu schreiben. Raman schrieb seinen Namen und die von Jasmin, Berin und Amanda. Yusuf schrieb alle Namen, Berin schrieb “Raman“ und “Yusuf“. Amanda malte.

Dann schlug Jasmin vor, die Namen auch in ihre Hefte zu schreiben, und die anderen waren einverstanden. Die eigenen Namen konnten alle außer Amanda schreiben. Für die anderen Namen brauchten sie die Hilfe der Namenszettel.

Das Ziel, den eigenen Namen schreiben und lesen zu können, war nun erreicht und die Kinder wollten “mehr“, vor allem Jasmin und Raman.
Ich denke, dass die Kinder im Laufe der Zeit auch die anderen Namen schreiben und lesen lernen.

Wir schreiben kurze Wörter

Der letzte Tag vor Jasmins Urlaub begann mit ihrer freudigen Aussage, dass sie nun das D gelernt habe. Als Einzige aus der Gruppe hatte sie zu Hause weiter geübt.
Ich hatte kleine Zettel mit kurzen Wörtern vorbereitet, wie Tor, Haus, Mann, Ball, Mama, usw. “Au ja, Wörter schreiben“, rief Raman.

Jedes Kind suchte sich ein Wort aus, ließ es sich vorlesen und schrieb es dann auf. Sie arbeiteten konzentriert etwa 30 Minuten. Jasmin und Raman sagten sich selber langsam die Wörter vor, während sie sie schrieben.
Berin fragte bei jedem Wort, das sie schrieb, welches der letzte Buchstabe sei und wie er heiße. Sie schrieb die Wörter: Haus, Hand, Hase, Auto, Nase. Raman schrieb: Haus, Auto, Baum, Bus. Jasmin schrieb: Baum, Mann, Haus, Hand, Tor, Ball. Yusuf schrieb langsam: Tor, Haus.

Als sie fertig waren, präsentierten den anderen Kindern ihre Arbeiten. Berkant aus der Vorschulgruppe fragte mich daraufhin mit vorwurfsvoller Stimme, wann sie denn nun schreiben lernen würden, sie seien schließlich älter. Ich verwies darauf, dass sie zur Zeit die Zahlen lernten, und wenn dies beendet sei, könnten wir auch mit dem Schreiben beginnen.

Als die Kinder in den Nebenraum zurück kamen, besprachen wir, dass Jasmin für längere Zeit in Urlaub fährt. “Was ist mit Arbeit?“ fragte Jasmin. Ich schlug vor, mit dem Projekt weiter zu machen, wenn Jasmin zurückkommt, die Kinder waren einverstanden.

Meine Idee ist, dass wir nach ihrem Urlaub noch ein paar Buchstaben lernen könnten, danach das ABC herstellen und vielleicht eine Geschichte schreiben könnten (ein Gemisch aus selbst geschriebenen und gedruckten Wörtern, je nach Können der Kinder).
Das fanden die Kinder gut, und Yusuf sagte das gesamte ABC auf.
Jasmin stellte fest, dass wir noch viel lernen müssten, und Raman bestätigte dies.

Interpretation des Projektes

Auch diesmal waren die Kinder immer mit Freude und Ausdauer bei den Angeboten dabei. Durch Yusuf kam ein neues Kind hinzu, das sofort in der Gruppe akzeptiert wurde. Diese kleine Gruppe ist so zusammengewachsen, dass die Kinder auch in anderen Situationen zusammen spielen und arbeiten. Alle Kinder haben von diesem Projekt profitiert, wenn auch in unterschiedlichem Maße.

Überprüfung der Ziele

Bis auf Amanda können alle Kinder nun ihren eigenen Namen schreiben. Sie haben gemeinsam gelernt, einige Buchstaben zu lesen und zu schreiben, und es wurde auch zu Hause gearbeitet.
Das zweite Ziel: “Wir schreiben die Namen der anderen Teilnehmer“ wurde teilweise erreicht.
Das dritte Ziel: “Wir können kleine Wörter schreiben“ ist von allen Kindern, außer Amanda, erreicht worden. Allerdings können die Kinder die Wörter nur abschreiben. Lesen können sie nur die Wörter, deren Buchstaben sie sehr gut kennen.

Erkenntnisse, die ich über Jasmin gewinnen konnte

Jasmin hat sich während des Projektes ständig weiterentwickelt und war immer mit Begeisterung dabei. Sie hat gezeigt, dass sie weiterhin ein großes Interesse am Schreiben und Lesen hat. Ihre Mutter musste ihr sogar Übungshefte und Lernhefte zum Buchstabenlernen kaufen.
Sie hat gezeigt, dass sie eine schnelle Auffassungsgabe besitzt. Jasmin war es immer klar, was sie lernen sollte, und sie hat sehr schnell gemerkt, wie schwer oder leicht es ihr fällt.

Sie hat als gute Beobachterin mit Einfühlungsvermögen Amanda oft geholfen, wenn diese nicht weiter wusste. Sie hat sie nie kritisiert, dabei hatte Amanda sie vor Beginn der Projekte genervt.
Sie hat gezeigt, dass sie eine lange Aufmerksamkeitsdauer in der Kleingruppe hat. Sie konnte und wollte immer länger als die anderen Kinder arbeiten. Während sie sich früher im Gruppenraum leicht ablenken ließ, schafft sie es nun auch im Gruppengeschehen, sich langfristig zu beschäftigen.

Sie hat gezeigt, dass sie hohe Ansprüche an sich selbst hat. Buchstaben, die sie nicht konnte, hat sie so lange zu Hause geübt, bis sie ihren Ansprüchen genügten.
Sie hat ihre Sprache so verbessert, dass sie den anderen Kindern nun auch ihren Humor zeigen kann. Im Morgen- und Schlusskreis ist sie nun ein aktives Mitglied und scheut sich nicht mehr, zu reden.

Sie hat die Buchstaben und Wörter rasch gelernt und steht nun mit den anderen auf einer Wissensstufe. Jasmin ist selbstbewusster geworden. Mein Verhältnis zu Jasmin ist intensiver geworden. Mit vielen ihrer Ideen, Wünsche und Probleme wartet sie, bis wir darüber sprechen können.
Auch die Kolleginnen aus der Gruppe haben ein neues Verständnis für Jasmin entwickelt und können ihre Fähigkeiten besser einschätzen.

Erfahrungen mit den anderen Kindern

Alle Kinder haben sich während des Projektes weiterentwickelt und viel gelernt; auch ihr Selbstbewusstsein ist gestiegen. Für Berin war es wichtig zu erkennen, dass auch die anderen Kinder etwas können. Yusuf konnte in dieser Kleingruppe seine Fähigkeiten zeigen, die in der Gesamtgruppe oft untergehen, da er langsam redet und reagiert. Raman hat während dieses Projekts sein Sprachverhalten sehr verbessert. Für Amanda war es wichtig, weiterhin in dieser Gruppe mitzumachen, die ihr sehr viel bedeutet. Sie muss nicht alles können, es geht Amanda um andere Dinge als darum, Schreiben zu lernen.

Die Kinder der Kleingruppe haben ihre Kenntnisse immer wieder ins Gruppengeschehen eingebracht, zum Beispiel schlug Raman während des Kaffeeklatsches vor, doch erst mal allen Kinder mit “A“ im Namen den Nachtisch zu geben. Oder als wir die Kinder zum Anziehen in den Flur schickten, hatte Jasmin die Idee, erst mal alle Kinder, die ein “I“ im Namen haben, zu schicken.

Die anderen Kinder der Gruppe wurden ein Stück mit einbezogen: durch das neue Lied oder auch dadurch, dass beim Vorlesen der Namen der Anwesenheitsliste nicht der Name, sondern erst der Anfangsbuchstabe, dann der zweite usw. vorgelesen wurde. Die Gesamtgruppe hat von diesem Projekt profitiert.

Da ein Interesse der Gesamtgruppe an dem Projekt besteht, werden wir das selbst erstellte ABC im Gruppenraum aufhängen und dies bei unser nächsten Themenplanung berücksichtigen.

 

Datum der Veröffentlichung: Februar 2015
Copyright © Martina Böckling, siehe Impressum