von Silvia Hempler

 
Unsere Kita, die Städtische Kindertageseinrichtung Sedanstraße in Remscheid, ist seit 2006 zertifizierter „Integrativer Schwerpunktkindergarten für Hochbegabtenförderung“.

Zurzeit sind bei uns zwölf besonders begabte Kinder, eins davon ist getestet hoch begabt, drei der zwölf haben wir erst kürzlich aufgenommen.

Im Team haben wir überlegt, wie wir es schaffen, den Neuen gleich am Anfang viele Möglichkeiten zu geben, ihre Begabungen auszuleben. Sie sollten schnell registrieren, dass ihre Begabungen anerkannt und geschätzt werden. Zudem sollten sie entdecken, dass es bei uns noch mehr Kinder gibt, die „anders“ sind.

Ich hatte Glück.
Von meiner Tiertrainerin (wir haben seit einem Jahr einen Kindergartenhund, der natürlich gut erzogen wird) erfuhr ich, dass ihre Tierschule ein Projekt unterstützt, das Tieren in Not hilft.

Alte Dosen sind was wert

Ich sprach mit Kindern aus unserer Kita und erklärte ihnen das Projekt:

Man sammelt Dosen, die leer und gereinigt in der Hundeschule abgegeben werden. Diese Dosen werden an die Verwertungsfirma weiter gegeben, dort nochmals gereinigt, erhalten ein neues Etikett und werden mit Leckerlis für Hunde oder Pferde gefüllt und dann verkauft. Die Firma spendet, wenn ein Gesamtgewicht aller Dosen von 1.000 kg erreicht ist, 500 Euro an ein Tierheim.

Ich fragte die Kinder, wer sich daran beteiligen wollte. Schnell war eine Gruppe von Vier- bis Fünfjährigen zusammen. Es war eine gemischte Gruppe, in der auch vier besonders begabte Kinder und das hoch begabte Kind dabei waren, denn es geht uns ja um Integration.

Den Impuls für das neue Projekt habe ich in diesem Falle vorgegeben, den Aufbau der Gruppenaktivitäten habe ich dann mit den Kindern gemeinsam entwickelt. Zunächst überlegten wir, wie wir die Dosen sammeln und wo wir sie aufstellen.

Dann brachten die Kinder Dosen von zuhause mit in die Kita. Wir haben sie ausgewaschen, gezählt, gewogen und uns das Ziel gesetzt, einen Turm zu bauen, der bis zur Decke reicht.

 

Hier das Ergebnis.

Bis wir es zu dieser Größe geschafft haben, hat es die verantwortlichen Kinder, die „Turmexperten“, so manchen Nerv gekostet. Oft sind die Dosen umgefallen, die Kinder  mussten sie erneut aufstellen und den Standort verbessern. Erst das „Sperrgebiet“ – siehe Foto – hat die Situation erleichtert. Auch einige Mütter mit kleinen Kindern hofften auf ein baldiges Ende der Sammelaktion.

Fragen, die im Projekt auftauchten

Während wir fleißig sammelten, kamen Fragen auf:

Was wird eigentlich alles in Dosen verkauft?
Wie und wo werden die Dosen denn sonst entsorgt?

Folgende Überlegungen ergaben sich:

  • Wir gehen in ein Geschäft und schauen nach, was es alles in Dosen gibt.
  • Ein Kind wusste, dass die Dosen sonst im Gelben Sack gesammelt werden.
  • Ein Kind war schon einmal zur Besichtigung bei der Müllverbrennungsanlage.
  • Ein anderes Kind wollte nur schreiben.
  • Und wieder ein anderes wollte direkt losgehen.

Zunächst legten wir einen Termin für den Besuch im Geschäft fest.

Mit Stiften, Papier und etwas Geld bewaffnet, sind wir in einen nahe gelegenen Laden gegangen, um dort nach Dosen jeder Art zu schauen, diese aufzulisten oder zu zeichnen und zu entscheiden, was wir mitnehmen, um es in der Kita zu kochen.

Hier hatten Kinder unterschiedlicher Begabung die Möglichkeit, ihr Können auszuprobieren und ihren Fähigkeiten freien Lauf zu lassen. So zeigen wir den Kindern, die ihre Talente verstecken, dass niemand ein Problem damit hat, wenn sie viel können, was sie manchmal leider schon anders erlebt haben.

Ebenso erfahren sie, dass auch niemand ein Problem damit hat, wenn keine Buchstaben geschrieben, sondern Bilder angefertigt werden.

In der Kita angekommen, wurde gekocht und gegessen. Ich habe dann in den Raum geworfen, dass es diese Lebensmittel auch ohne Dose gibt. Schnell war die Idee geboren, zum Markt zu gehen und erneut aufzuschreiben, zu sehen und zu essen, was es an frischem Gemüse zu kaufen gibt.

Mit den Menschen auf dem Markt haben wir viele positive Erfahrungen gemacht. Die unterschiedlichsten Talente hatten wieder die Möglichkeit, ihr Können zu zeigen, zum Beispiel beim

  • Rechnen – beim Zählen des Geldes,
  • Lesen – auf der Suche nach dem Gemüse,
  • Fragen – bei unbekannten Gemüsesorten,
  • Merken – als wir ein Eis gegessen haben und ein Kind die Bestellung von zehn Kindern gesammelt und aufgegeben hat.

Es war ein sehr erfolgreicher Tag für die Kinder.

Es wurde für die Kinder deutlich, dass niemand etwas gegen ihre Fragen hatte. Die Menschen waren eher begeistert, dass geschrieben, gefragt und gerechnet wurde.

Auch die Lebensmittel vom Markt haben wir gekocht und probiert und sie mit den Lebensmitteln aus der Dose verglichen. Die Geschmäcker sind verschieden, und so konnten wir nicht feststellen, welche Nahrungsmittel besser sind.

In der Zeit, die wir in der Küche verbrachten, wurden Gespräche darüber geführt, was nun weiter geschehen soll. Entschieden haben wir uns für einen Besuch der REB (Remscheider Entsorgungsbetriebe.)

Wir haben den Termin telefonisch vereinbart und durften uns die Müllautos

und die Lagerhalle für Streusalz ansehen.

Wir hatten zur Salzlagerhalle eine unserer gesammelten Dosen mitgebracht, um zu zeigen, worum es bei unserem Projekt geht.

Diese Dose wurde mit Streusalz gefüllt. In der Kita haben wir es in kleine Mülleimer umgefüllt, die wir geschenkt bekamen und die alle Kinder mit nach Hause nehmen konnten.

Für einige Kinder war es dort ganz schön laut! Aus der Literatur und unserer Erfahrung wissen wir schon, dass Kinder mit besonderen Begabungen manchmal besonders  geräuschempfindlich sind.

Wir haben eine Menge über den Transport von Müll erfahren, auch über die Trennung von Müll und darüber, warum auf den Straßen so wenig Schnee liegt.

Zwischendurch kommt es immer wieder zu Situationen, in denen sich die Interessen der Kinder deutlich zeigen.

Das Foto zeigt das Ergebnis eines Kindes, das nach einer Aktion sagte: „Ich schreibe mal ein paar Zahlen – bis Hundert.“

 

 

 

 

 

Als nächstes fahren wir zur Müllverbrennungsanlage nach Wuppertal. Das ist fast eine kleine Weltreise, aber das Interesse der Kinder „brennt“ immer noch.

Dieser Termin wurde postalisch vereinbart ( siehe Foto).

Die Verantwortlichen dort haben für uns eine Ausnahme gemacht – eigentlich ist die Besichtigung erst ab 10 Jahren möglich. Aber unsere Briefe haben doch sehr beeindruckt, und wir haben versprochen, eine Kind-Erwachsenen-Relation von 2:1 sicher zu stellen.

 

 

Ende der Dosensammlung

Schließlich wurden die Dosen von der Leiterin der Hundeschule abgeholt.

Es waren 6 Säcke voll mit insgesamt 223 Dosen.


Wir haben von der Leiterin erfahren, was mit den Dosen geschieht, und wir konnten sehen, was in die Dosen gefüllt wird, wenn sie wieder verwertet werden. Auch fertige Dosen hatte sie dabei.

Was aus dem Projekt noch folgen wird, kann ich noch nicht sagen, da immer erst die Erfahrungen aus den Ausflügen und /oder Besprechungen den nächsten Schritt bestimmen.

Gelernt und kennen gelernt haben wir:

  • Jede Menge über Müllentsorgung,
  • Umwelterfahrungen,
  • einige Orte in Remscheid,
  • viele unterschiedliche Menschen, die von den Fähigkeiten und Begabungen der Kinder (lesen, schreiben, zeichnen, Fragen stellen, Ideen haben) beeindruckt waren,
  • konstruieren,
  • kochen, einkaufen,
  • helfen durch einfaches Tun,
  • unterschiedliche Kommunikationsmöglichkeiten (Menschen befragen, telefonieren, Briefe schreiben).

Und nicht zuletzt haben sich Kinder mit gleichen Interessen gefunden und besser kennen gelernt.

Den Zweck des Dosensammelns (das Geld fürs Tierheim) haben die Kinder während des Projekts im Sinn behalten, aber sie haben auch gelernt, dass es sinnvoll ist, Dinge wieder zu verwerten.

 

Datum der Veröffentlichung: Januar 2013
Copyright © Silvia Hempler, siehe Impressum.