Meine Ideen zum Umgang mit hoch begabten Kindern im Kindergarten

von Jordis Overödder
 
(Anmerkung der Redaktion:
Dieser Text wurde von Frau Overödder zu Beginn ihres IHVO-Zertifikatskurses im Jahr 2009 geschrieben.
Die Aufgabe war, Anregungen zum Umgang mit hoch begabten Kindern im Kindergarten aus drei Artikeln herauszuarbeiten, die in verschiedenen Fachzeitschriften erschienen waren. Erwünscht war auch eine kritische Wertung von Aussagen in den Artikeln.
Die Aufgabe wurde nach Ansicht der Kursleitung beeindruckend gelöst, weshalb der Text jetzt hier veröffentlicht wird.
Die zugrunde liegenden Artikel sind am Ende aufgeführt.)

Ziele in der Arbeit mit hoch begabten Kindern

Das zentrale Ziel in der Arbeit mit hoch begabten Kindern ist meiner Meinung nach, dass die Kinder glücklich sind und mit sich selbst zufrieden. Dazu brauchen sie ein positives Selbstkonzept. Wertschätzung und Anerkennung sind dazu unerlässlich. Wenn sie sich mit ihren Fähigkeiten und Schwächen annehmen und von anderen angenommen werden, entwickeln sie die Basis für eine stabile, glückliche Persönlichkeit.

Anmerkung der Kursleitung:
Das Akzeptieren und Annehmen allein reicht leider nicht aus, damit hoch begabte Kinder auf Dauer glücklich werden. Sie müssen sich auch (von wenigstens einer wichtigen Person) verstanden fühlen und angemessene Förderung erfahren. Du kannst das Kind akzeptieren und sogar lieben, so wie es ist – richtig glücklich wird es erst, wenn Du seine Gefühle und Gedanken hinreichend verstehst und ihm aktiv hilfst, seine ganz eigenen Lernwege erfolgreich zu gehen.

Grundlage dafür ist zunächst, dass man die Hochbegabung bei einem Kind überhaupt erkennt, um darauf adäquat reagieren zu können. Das erste Ziel ist also, auf der Basis von genauen Beobachtungen zu einer richtigen Einschätzung der Fähigkeiten und Bedürfnisse des Kindes zu gelangen. Nur so, darüber sind sich alle Autorinnen einig, werden die Ursachen für Stress, Frust und Langeweile deutlich und man kann darauf angemessen reagieren.

Integration wird als wichtiger Punkt genannt. Kinder haben ein Bedürfnis nach sozialer Einbindung. Aber in welcher Form sich das gestaltet, ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Damit ist sicher nicht gemeint, dass hoch begabte Kinder sich um jeden Preis in das System der Gruppe fügen müssen und das gleiche Verhalten zeigen müssen wie alle anderen auch.
Ich finde diese Anregung von Frau Vock sehr gut: Ziel sollte sein, dem Kind Möglichkeiten zu eröffnen im Spiel mit anderen positive Erfahrungen zu sammeln. Man kann Freundschaften auf verschiedenen Ebenen fördern, dem Kind auch Kontakt zu Spielpartnern mit ähnlichen Fähigkeiten zum Interessenaustausch ermöglichen (Clusterbildung). Das sind Angebote. Die Entscheidung, welche Kontakte das hoch begabte Kind letztendlich annimmt, liegt bei dem Kind selbst. Man sollte nicht das Kind ändern, bis es in die Umwelt passt, wie es meiner Meinung nach bei Frau Bopp anklingt, sondern auch die Umwelt ändern, damit sie für das Kind ein gutes Lebensumfeld darstellt.

Anmerkung der Kursleitung:
Hier hast Du einen wichtigen kritischen Einwand gemacht.

Toleranz von Seiten der Kindergartengruppe / der Mitmenschen zu fördern ist daher ein wichtiges Ziel: gegenseitiges Verständnis und ein Klima der Wertschätzung in der Gruppe anstreben. Jeder Mensch ist besonders, kann irgend etwas besonders gut.
Diese Besonderheit aller Kinder gilt es zu fördern. Wie Frau Michelfeit sagt, braucht das Kind Möglichkeiten, um seine Fähigkeiten auszuschöpfen. Eigenaktivität ist dabei besonders wichtig, um Neugier und Wissensdurst stillen zu können. Wichtig ist, auf Fragen des Kindes einzugehen, gemeinsam nach Antworten zu forschen. Ziel in der Arbeit mit hoch begabten Kindern ist es, ihnen Zeit, Raum und Möglichkeiten zu geben, ihr Potenzial auszuschöpfen und selber aktiv sein zu können.

Zur Erzieherin

Bildungsvoraussetzungen

Eine gute Ausbildung der Erzieherinnen erachte ich als sehr wichtig. Unsere Arbeit erfordert es, immer wieder Distanz zu gewinnen, um den Alltagstrott, eingefahrene Sichtweisen und Einstellungen immer aufs Neue zu hinterfragen und zu korrigieren.

Wir dürfen uns nicht verschließen vor neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen oder sich wandelnden gesellschaftlichen Strukturen. Eine gute Grundausbildung und regelmäßige Weiterbildung der pädagogischen Fachkräfte ist daher unerlässlich.

Daher bin auch ich der Meinung, dass man Hochbegabtenförderung nicht „mal eben so nebenbei“ praktizieren kann, weil man einen kurzen Artikel darüber gelesen hat. Fundiertes Wissen ist notwendig, um seine Arbeit optimal zu gestalten und auch nach außen begründen und transparent machen zu können.

Anmerkung der Kursleitung:
Es freut uns sehr, dass Du diese Einsicht so klar formulieren kannst. Leider ist sie noch nicht weit verbreitet.

In Bezug auf die Kinderfragen finde ich die Anmerkung von Frau Michelfeit gut, dass wir nicht immer alles wissen müssen. Wir brauchen keinen Doktor der Physik und kein biogenetisches Fachwissen, sondern Empathie und Vertrauen in die Kinder. Um sich mit den Kindern auf die Suche nach Antworten machen zu können, muss man auch wissen, wo man sie findet. Ein gutes Allgemeinwissen und Kenntnisse im Umgang mit dem Internet sollten vorhanden sein.

Persönliche Voraussetzungen

Toleranz, Geduld und Ruhe soll eine Erzieherin nach Frau Bopp mitbringen. Das sind sicher auch wichtige Eigenschaften, reichen aber meiner Meinung nach nicht aus. Einfühlungsvermögen und die Fähigkeit zu beobachten sind grundlegende Voraussetzungen, um die Interessen und Bedürfnisse der Kinder zu erkennen und darauf reagieren zu können.
Wichtig finde ich außerdem, dass die Erzieherin ihre eigene Begeisterung einbringt, dass sie, wie Frau Vock sagt, die eigene Lernfreude pflegt und offen für Neues ist. Man muss nicht allwissend sein, aber vielseitig interessiert. So erinnere ich mich an die Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland. Das war nicht gerade mein Thema. Aber angesteckt von der Begeisterung der Kinder habe ich mich mit ihnen auf den Weg gemacht, wir haben Poster und Flaggen gemalt, in der Werkstatt Tore gebaut und sogar ein „Länder-Turnier“ im Kindergarten organisiert.

Es ist immer wichtig kongruentes Verhalten zu zeigen. Man muss dem Kind gegenüber ehrlich sein und darf ihm nichts vorspielen. So gibt es auch schwierige Themen, zu denen man eine persönliche Meinung hat, die sich vielleicht nicht mit der des Kindes oder der seiner Eltern (besonders in moralisch-ethischen, religiösen, politischen, sexuellen Fragen, aber auch in Fragen des Lebensstils) deckt.

Hier sind wir besonders stark von hoch begabten Kindern herausgefordert, deren besondere Interessen in diesen Bereichen liegen. Die Einstellung des Kindes gilt es wertzuschätzen. Ich kann ihm Fragen dazu stellen, die zum Nachdenken anregen und meinen Standpunkt mit Argumenten erklären. Wichtig ist auch darzustellen, dass die Menschen unterschiedliche Ansichten zu einer Sache haben können.

Anmerkung der Kursleitung:
Ja, dies ist eine Tatsache, die hoch begabte Kinder früh begreifen können – und die sie entlastet.

Bild vom Kind

Hoch begabte Kinder haben im Prinzip dieselben Spiel- und Lernbedürfnisse, wie alle anderen auch. Damit weist Frau Vock darauf hin, dass hoch begabte Kinder zunächst einmal ganz schlicht als Kinder gesehen werden, die genau so Liebe und Zuwendung brauchen wie andere auch, Menschen, denen sie vertrauen können, die ihnen wohlwollend zu Seite stehen. Sie sind keine „Übermenschen“, sondern brauchen unsere Liebe und Unterstützung wie alle anderen Kinder auch. Das finde ich einen sehr wichtigen Punkt, den man nie aus dem Auge verlieren darf, auch wenn ein hoch begabtes Kind noch so bestimmt und „erwachsen“ wirken mag.
Frau Michelfeit stellt dar, dass jedes Kind Kräfte und Fähigkeiten in sich trägt und dass es sich vor allem aus sich selbst heraus entwickelt. Auch Frau Bopp und Frau Vock betonen diese Eigentätigkeit. Das Kind darf selbst entscheiden, was und wo es spielen möchte, es ist selbst aktiv in forschendem kreativem Spiel.
In der heutigen Pädagogik werden dem Kind viele Rechte zugesprochen. Begriffe wie Partizipation und Mitbestimmung tauchen auf, Kinder können mit entscheiden, ihnen wird im Gegensatz zu früher vieles zugetraut. Sie erobern Erfahrungsräume, wie Werkstatt und Labor, die den veralteten Ansichten des „Struwwelpeter“ gegenüberstehen (Messer, Gabel, Schere, Licht…). Da dieses Bild vom Kind sich erst in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat, trifft man immer wieder auf Hemmschwellen und Blockaden: „Die können das doch noch nicht!“.

Auch Frau Bopp geht davon aus, dass ein Kind mit Themen, die es nicht ausdrücklich erfragt hat, überfordert sei. Hier sehe ich noch diese althergebrachte Vorstellung vertreten, dass Kinder vor ihrer Umwelt zu schützen und zu isolieren seien. Sicher muss man behutsam sein mit der Auswahl und Präsentation von Themen, aber ich bin nicht der Meinung, dass man den Kindern diese Angebote verweigern sollte. Ob sie sie annehmen und was sie daraus machen, bleibt ja ihnen überlassen.

Anmerkung der Kursleitung:
Gut formuliert und klar erkannt, dass wir mit dieser Ansicht von Frau Bopp nicht weit kommen, schon gar nicht bei hoch begabten Kindern, die (zu Recht) vom Erwachsenen erwarten, dass er ihnen auch wichtige Informationen anbietet, auf die sie von alleine nicht kommen würden. Und die erwarten, dass der Erwachsene sie an seinen Erkenntnissen und Erfahrungen – unaufdringlich – teilhaben lässt.

So habe ich auch schon mal, obwohl wir eine nicht-konfessionelle Einrichtung sind, in der Osterzeit die Geschichte vom Sterben Jesu erzählt. In der Kirche haben wir uns die Bilder des Kreuzweges angeschaut und einige Kinder, die mit ihren Eltern in die Kirche gehen, erzählten davon. Das Thema war nicht bei allen aktuell, einige haben sich mit diesem Angebot beschäftigt, andere haben es als Geschichte gehört und auf sich beruhen lassen.
Es ist wichtig, dem Kind etwas zuzutrauen, denn in diesem Zutrauen liegt auch der Schlüssel für das positive Selbstbild des Kindes.
Frau Bopp listet in ihren Beschreibungen der hoch begabten Kinder viele negative Eigenschaften auf, zum Beispiel: sie reden sich oft raus, stören in der Gruppe. Leserinnen der Zeitschrift werden anhand dieser Beispiele sicher einige Parallelen zu ihrem Alltag entdecken, aber es ist eine sehr einseitige Darstellung. Den besonderen Begabungen, dem oft erstaunlichen Können und Wissen der hoch begabten Kinder misst sie wenig Bedeutung bei und geht da gar nicht näher darauf ein. Das missfällt mir.

Erzieherverhalten

Die Anforderungen an die Erzieherin sind in den Artikeln sehr differenziert dargestellt. Frau Michelfeit sieht die Erzieherin als Begleiterin, die das Tun der Kinder mit stummer Zustimmung und Ermutigung begleitet. Ihre Stellung ist dem Kind gegenüber eher gleichgestellt. Das Kind weiß selbst, was gut für es ist, die Erzieherin bezieht es zum Beispiel bei Planungen ein.
Die Rolle der Erzieherin ist mir hier etwas zu passiv, wobei ich ihren Ansatz, in das Spiel der Kinder nicht vorschnell einzugreifen, sehr gut finde. Ich befürworte, dass die Kinder Zeit haben, etwas alleine zu erarbeiten, ohne dass die Erzieherin die Lösung vorschnell herbeiführt. Das ist ein Ansatz, den ich zum Beispiel auch in unserer Holzwerkstatt immer wieder praktiziere.
Beispiel: Ein Kind möchte zwei Hölzer an einem Brett befestigen. Auf Grund meiner Erfahrung könnte ich ihm sofort mehrere Möglichkeiten präsentieren, um dieses Vorhaben zu einem schnellen Ergebnis zu führen. Ich halte mich aber zurück, um das Kind selbst eine Lösung finden zu lassen. Und nach einigem Probieren hat es eine Nagel-Draht-Leim-Kombination gefunden, die mir gar nicht in den Sinn gekommen wäre!

Frau Bopp stellt die Erzieherin eher als jemanden dar, die besser weiß, was dem Kind gut tut. Die Erzieherin soll das Gespräch mit dem Kind suchen, Ursachen eruieren und Verhaltensweisen reflektieren. Das klingt bei ihr schon ein wenig nach: „Guck mal, das hast du falsch gemacht und ich weiß, wie es besser ist!“ Mit dieser Grundhaltung ist jedes Gespräch mit dem Kind nur eine hübsche Verpackung für Maßregelungen und Verhaltensvorschriften. Der Artikel liest sich fast wie ein Rezeptbuch: Hat das Kind das und das gemacht, ist wie folgt zu verfahren, um das unerwünschte Verhalten abzustellen. Vielleicht tue ich Frau Bopp damit Unrecht, aber das Gefühl habe ich dabei.

Die Rolle der Erzieherin beschränkt sich meiner Meinung nach nicht nur darauf, Materialien bereit zu stellen und ermutigend daneben zu sitzen, ist aber auch kein klassisches Lehrer-Schüler-Verhältnis nach dem Motto „Ich bin erwachsen und weiß alles besser“, sondern etwas dazwischen. Meine Aufgabe ist, genau zu beobachten und, wie Frau Vock es beschreibt, durch intensive Kommunikation mit dem Kind seine Interessen herauszufinden.

Besonders bei den stilleren und angepassten Kindern liegen da oft Dinge im Verborgenen, die man durch bloßes Beobachten nicht herausfindet. Diese Kinder gilt es, durch besondere Anforderungen „aus der Reserve“ zu locken. Was kann ich diesem oder jenem Kind anbieten, eine Aufgabe oder Materialien mit erhöhtem Schwierigkeitsgrad, die es wirklich fordern? Im Gespräch mit den Kindern kann ich auch Fragen stellen, die zum Weiterdenken anregen und Impulsen der Kinder folgen, wenn ihre Gedanken über „Hölzchen und Stöckchen“ noch in ganz andere Richtungen gehen. Es ist eher eine Pädagogik des Führens und Folgens, ein wechselseitiger Prozess.

Anmerkung der Kursleitung:
Ja, und dann macht es beiden Seiten ja auch erst richtig Spaß!

Wichtig ist es, an den Stärken der Kinder anzuknüpfen. Sie bringen so ein großes Potenzial an Fähigkeiten mit, über die sie andere Bereiche ausgleichen können. Ein Kind, das sich zum Beispiel nicht traut im Morgenkreis etwas zu erzählen, aber musikalisch sehr begabt ist, möchte den Kindern statt zu sprechen mal etwas auf dem Xylophon vorspielen.

Die Kinder bringen täglich neue Impulse ein. Diese Kraft von innen, die intrinsische Motivation, erlebe ich als große Bereicherung meiner Arbeit. Es ist ein bisschen so, als  wenn man beim Surfen die Welle nimmt anstatt gegen die Brandung anzupaddeln: Man kommt weiter! Genau so gebe ich aber auch hier und da Impulse, schlage Themen vor oder mache Angebote, biete neue Materialien oder eine AG an.
Die „Welle“ kann auch ich mal machen, weil ich von etwas begeistert bin, und die Kinder surfen mit! So habe ich zu Hause das Löffelschnitzen für mich entdeckt. Ich habe einige meiner Ergebnisse mit in den Kindergarten genommen, und die Kinder waren begeistert. So etwas wollen sie auch mal machen! Das werden wir jetzt in Angriff nehmen. So herum kann es auch funktionieren. Wichtig ist, die Kinder nicht mit eigenen Ideen und Vorstellungen zu überfrachten, sondern vor allem ihre Interessen im Blick zu behalten!

Mir ist es auch wichtig, die Fragen der Kinder ernst zu nehmen und zu beantworten. Da habe ich nicht immer gleich eine Antwort parat, aber vielleicht finden wir es dann gemeinsam heraus. „Wann paaren sich Wildschweine und wie lange ist die Sau trächtig?“ – „Was ist eigentlich der DAX?“ – „Warum regnet es?“ Im Bücherregal, im Internet, mittels eines Experimentes kommen wir der Lösung auf die Spur.
Es können auch schon mal unangenehme Fragen auftauchen, die einen selbst sehr berühren. Ich merke dann immer, wie wichtig es ist, den Kindern ehrliche Antworten zu geben. Sie sollen erleben, dass auch die Erzieherin mal traurig oder ratlos sein kann. Schließlich sind wir auch im Umgang mit Trauer und Frust Vorbild für die Kinder.

Das Wichtigste zum Schluss: Kinder wachsen vor allem mit Liebe und einem Gefühl des Angenommenseins. Egal, was wir mit den Kindern machen, sollten sie immer diese Liebe spüren.

Spiel- und Lernumfeld

Raumgestaltung

Eine förderliche Umgebung, die immer wieder neue Anreize und Herausforderungen bietet, ist für das Spiel der Kinder unerlässlich. Frau Michelfeit fordert viel Raum, veränderbare Möbel, Ebenen, Nischen, Nebenräume, Garten. Die Räume sollen sich den Kindern anpassen, nicht die Kinder den Räumen. Sie sollen vielfältige Bewegungsmöglichkeiten bieten. Die Zeiten, in denen Kinder am Tisch sitzen mussten, sind Gott sei Dank vorbei. Der Tisch wird zum Schiff, das Sofa zum Feuerwehrauto, der Raumteiler muss der Autobahn weichen… Grundsätzlich stehe ich solchen Ideen offen gegenüber.

Aber ich merke auch, dass ich in der Praxis noch mal überprüfen muss, inwieweit ich wirklich bereit bin, das zuzulassen. Müssen die Kinder nachher alles wieder zurückstellen, oder bleibt die Veränderung langfristig, weil sie von den Kindern gerne genutzt wird? Wie wichtig sind mir meine eigenen ästhetischen Vorstellungen von einem „schönen“ Gruppenraum?

Anmerkung der Kursleitung:
Es ist gut, dass Du Dich diesen Fragen selbstkritisch stellst. Die Kinder haben einen eigenen Anspruch auf Ästhetik, die ja auch viel mit Funktionalität zu tun hat. Wie funktioniert dieser Gruppenraum besser für das Spiel der Kinder? Die Antwort auf diese Frage kann immer wieder eine andere sein. Entsprechend beweglich sollte die Einrichtung sein. Wichtig ist auch darauf zu achten, wie viele und welche Kinder den Gruppenraum für sich gestalten? Kommen andere dabei mit ihren Interessen (zum Beispiel ungestörte Malecke) zu kurz?

Nebenräume und Nischen für ungestörtes und unbeobachtetes Spiel sind auch sehr wichtig. Lernen mit Gleichaltrigen, Ko-Konstruktionen ohne störende Erwachsene, die kontrollieren oder eingreifen, sind in diesen Räumen möglich. Dazu gehört das Vertrauen in die Kinder, diese Räume eigenverantwortlich zu nutzen.

Manchen Eltern wird bei der ersten Begehung unserer Einrichtung regelrecht schlecht, wenn sie sich vorstellen, dass die Kinder ohne einen Erwachsenen in der Holzwerkstatt mit Sägen und Hammern arbeiten. Ich erlebe aber tagtäglich, dass das Konzept tatsächlich funktioniert, dass man Kinder alleine losschicken kann und ihnen etwas zutrauen kann, wenn man sie sorgfältig angeleitet hat.

Sie wachsen an der Verantwortung, die man ihnen überträgt. Besonders für hoch begabte Kinder sind diese Möglichkeiten sehr wichtig. Sie brauchen Freiheit und Platz für ihr kreatives, forschendes Spiel, Räume, die schmutzig werden können, wo man laut sein kann ohne jemanden zu stören, oder wo man mal ganz für sich ist und seine Ruhe hat.

Das Lernumfeld sollte sich nicht nur auf das Kindergartengelände beschränken. Umgebungserkundungen im Ort, Waldspaziergänge, Besuche beim Bäcker oder bei der Feuerwehr sind tolle Möglichkeiten, Neues zu entdecken. Und sie liegen ja oft direkt vor der Tür.

Spielmaterial

Frau Bopp erwähnt in ihrem Artikel nur Materialien, die sowieso zur Standardeinrichtung eines Kindergartens gehören. Sie spricht dem Kind sehr großzügig das Recht zu, spielen zu können, was und wo es möchte. Wenn man die räumlichen und materiellen Möglichkeiten jedoch beschränkt hält, so ist das in meinen Augen ein Witz. Ist doch schön, wenn man zwischen Puppenwagen und Bauklötzen wählen kann, nicht?
Ganz anders beschreibt es Frau Michelfeit. Die Kinder bringen Steine in den Waschraum, schrubben sie und befördern sie in die Gruppe, um daraus eine Mauer zu bauen. Tatsächlich eine beachtliche Leistung! Beim Lesen gefällt mir dieses Projekt, das ganz aus den Ideen der Kinder heraus entstanden ist, sehr. Aber ich merke auch, dass ich hier noch nicht ganz offen bin für alle Ideen. Ob ich in unserem Gruppenraum den Bau einer Bruchsteinmauer zulassen würde, kann ich mir noch nicht so recht vorstellen. Hier muss ich wohl in Zukunft noch lernen, über den einen oder anderen Schatten zu springen.

Anmerkung der Kursleitung:
Wir möchten Dich dazu ermutigen. Ich (Hanna) erinnere mich an eine Situation in meinem Kindergarten, als wir uns mit Pippi Langstrumpf beschäftigten. Pippi war ja unter anderem „Sachensucher“. Das wollten meine Kita-Kinder auch sein. Aber was findet man in ein einer Stadt? Größtenteils Weggeworfenes, Sperrmüll, Abfall.
Nun ja, die Kinder trugen viel davon zusammen und wollten es an eine Leine quer durch den Gruppenraum hängen, fanden aber selber, dass es zu dreckig sei. Statt der kleinen Arbeitshandschuhe, mit denen wir auf die Suche gegangen waren, kamen jetzt Latexhandschuhe zum Einsatz. Denn die Kinder wollten alle gesammelten Sachen im Waschraum selber abwaschen.
Kurz nach Ende der Aktion kam eine Routine-Kontrolle des Gesundheitsamtes vorbei, und ich bin immer noch begeistert darüber, dass ich die ansonsten fast unerträglich pingelingen Damen vom pädagogischen Wert und der Sauberkeit der Müllsammlung überzeugen konnte 😉

Materialien flexibel nutzen, Dinge zweckentfremden, auch mal verschwenderisch sein, Regeln nicht immer ganz streng einhalten, sondern flexibel gestalten, damit neue Ideen und Experimente umgesetzt werden können, darauf kommt es bei Spielmaterialien besonders an.
Hoch begabte Kinder brauchen Konstruktionsmaterialien, die vielseitig einsetzbar sind, verschiedenste Materialien zur kreativen Ausdrucksmöglichkeit, gute Literatur, die Themen auch vertiefend behandelt, Spiele, Messgeräte und Werkzeuge, die auch eine hohe Anforderung an die Kinder stellen und nicht nur den Durchschnitt bedienen.

Zeit

Frau Michelfeit betont in ihrem Artikel, wie wichtig die Zeit für Kinder ist. Sie finden Dinge wichtig, denen wir keine Bedeutung beimessen, müssen mal eben noch auf der Mauer balancieren oder ein Bild fertig malen. Im Gegensatz zu uns haben sie ja eigentlich auch noch eine Menge davon. „Eigentlich“, denn unsere oft viel zu starren Zeitpläne im Tagesablauf verhindern allzuoft ein freies, unzerteiltes und ungestörtes Spiel.
Wir müssen immer wieder hinterfragen, ob diese oder jene Unterbrechung wirklich nötig ist. Muss das Kind aus der Spielsituation gerissen werden, damit es zum Beispiel an dem gemeinsamen Angebot teilnimmt, oder kann ich flexibel darauf reagieren und zum Wohle des Kindes von meinen eigenen Vorstellungen abrücken? Das ist immer wieder ein Balanceakt, ein individuelles Abwägen und eine große Anforderung an unsere Organisationsfähigkeit.
Uns sollte die Bedeutung der Zeit als kostbares Gut immer im Bewusstsein bleiben, damit wir den Kindern freie Zeiträume schaffen und wir uns genug Zeit nehmen zum Zuhören und Beobachten.

Beispiele für Angebote

Es ist nicht damit getan, den Kindern Räume, Materialien und Zeit zur Verfügung zu stellen, man muss auch damit arbeiten. Sicher ist das freie Experimentieren und Erforschen der Spielumwelt ein erster wichtiger Schritt. Darüber hinaus sollte es aber auch gezielte und geleitete Angebote geben. Wie Frau Vock bemerkt, muss den Kindern auch gezeigt werden, wie man mit dem Material umgehen kann. Die Kinder entdecken ja vielleicht nicht alles von alleine: Um zum Beispiel beim Mikroskopieren ein befriedigendes Ergebnis hervorzubringen, muss man die Funktionen des Mikroskops schon kennen.
Themenbezogene Projektarbeit nennt Frau Michelfeit als wichtiges Angebot, um Lerninteressen der Kinder zu koordinieren und zu bündeln. So kann man bei bestimmten Themen in die Tiefe vordringen und betrachtet nicht nur viele Sachen oberflächlich, sondern einige auch umfassend und auf vielen Erfahrungsebenen.
Diskussionsrunden, um das Erlebte zu besprechen, finde ich auch sehr wichtig. Zunächst macht jeder Einzelne seine persönlichen Entdeckungen, aber erst der Austausch darüber gibt ein vielschichtiges Bild. Man kann so gemeinsam zu Erkenntnissen kommen.
Eine schöne Idee finde ich auch das Aufschreiben von Geschichten, die die Kinder erzählen. Damit gibt man ihren Erzählungen einen besonderen Stellenwert. Gerade sprachlich begabten Kindern bietet man so noch eine weitere kreative Ausdrucksmöglichkeit.

Gruppe / Spielpartner

Hoch begabte Kinder brauchen Freunde. Diese Freundschaften können unterschiedlich geartet sein. Mit dem einen trifft man sich zum Fußballspielen, den anderen beschäftigen ähnliche philosophische Fragen. Frau Vock betont, dass es wichtig ist, ähnlich motivierte und befähigte Kinder zusammenzubringen, damit sie auch auf Gleichgesinnte treffen, mit denen sie sich über ihre Gedanken austauschen können. Oft fehlen diesen Kindern adäquate Spielpartner, die auf ihrem Niveau denken.
In Kleingruppen kann man solche Kinder zusammenbringen und mit ihnen intensiv arbeiten.

Das hoch begabte Kind sollte entscheiden können, ob es an Gruppenaktivitäten teilnehmen möchte oder eigene Pläne verfolgen will. Gleichzeitig soll das Kind aber auch keine Sonderrolle bekommen. Wie schon bei der Frage nach der unzerteilten Zeit finde ich auch hier wichtig, von Fall zu Fall abzuwägen und dem Kind Freiräume zu gewähren. Dann dürfen aber auch andere Kinder sich mal von der Gruppe absetzen.
Generell ist es wichtig eine gute Balance zwischen der Einhaltung der Regeln und den Ausnahmen zu finden.

Elternarbeit

Die Eltern sind ein ganz wichtiger Faktor in der Förderung der Kinder und sie müssen daher immer mit einbezogen werden. Um eine gute Vertrauensbasis zu schaffen, ist es wichtig, ihnen Wertschätzung und Aufmerksamkeit entgegenzubringen. Kontinuierlicher Austausch und Gespräche fördern ein gutes Miteinander.
Eltern hoch begabter Kinder haben darüber hinaus noch zusätzlichen Beratungsbedarf. Sie haben, wie Frau Vock bemerkt, wenig Vergleichsmöglichkeiten in ihrem Umfeld und sind verunsichert. Freunde und Verwandte können ihnen zu ihrer besonderen Situation wenig Rat geben. Hier ist es wichtig, auch den Eltern kompetente Hilfe anzubieten, sie gegebenenfalls bezüglich eines geeigneten Einschulungstermins zu beraten oder auf Institutionen aufmerksam zu machen, die ihnen weiterhelfen können.

Öffentlichkeitsarbeit

Zum Thema Hochbegabtenförderung muss noch viel Aufklärungsarbeit geleistet werden, da immer noch viele Kinder darunter leiden, dass ihre Begabung nicht erkannt wird.
Hoch begabte Kinder müssen vor negativer Etikettierung geschützt werden und der Sprachgebrauch dahingehend überprüft werden, ob er diese Kinder diffamiert. Das Umdenken in der Gesellschaft hat gerade erst begonnen und es bestehen immer noch Vorurteile gegen „Streber“, „Besserwisser“ und „Elitebildung“.
Auch die Politik muss die Wichtigkeit einer Hochbegabtenförderung erkennen und ausreichend Mittel für Personal und Einrichtungen zur Verfügung stellen, anstatt noch weiter zu kürzen.

Aus- und Weiterbildung

Da bisher das Thema Hochbegabtenförderung in der Ausbildung der Erzieherinnen kein Thema war, fühlen sich, wie Frau Michelfeit feststellt, viele Erzieherinnen damit überfordert. Es ist dringend erforderlich, dass das Thema in Aus- und Weiterbildung einfließt und flächendeckend publik gemacht wird. Denn die Erzieherinnen sind die ersten pädagogischen Fachkräfte, die Kontakt zu Kind und Familie haben und in dieser Funktion schon Weichen stellen können für das Wohlergehen der Kinder.

Vernetzung

Eine Vernetzung der unterschiedlichen Institutionen finde ich sehr wichtig. Die Zusammenarbeit mit Fachleuten, sei es von pädagogischer Seite (Frühförderstelle…) oder profaner Seite (Künstler, Förster…), bereichert und ergänzt die eigene Arbeit.

Im Kontakt zur Schule kann man den Übergang für die Kinder, besonders die hoch begabten, fließend gestalten und durch intensiven Austausch über das Kind Vorurteile und Hemmungen seitens der Lehrkräfte abbauen. Über das IHVO hat man die Möglichkeit, durch den Austausch mit anderen Fachkräften stets viele Ideen, Anregungen und neue Erkenntnisse zu diesem Thema zu gewinnen.

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Hier die Aufgabe (die Frau Overödder hier bearbeitet hat):

Sie haben Kopien von drei Zeitschriftenaufsätzen erhalten:

– Elisabeth Bopp, Auch kluge Köpfe haben´s manchmal schwer.
In: Kindergarten heute 7-8 /2000, Seiten 6-11.
– Gretl Michelfeit, Hoch begabte Kinder – Praxisbericht aus einem
normalen kommunalen Kindergarten. In: BMW Group (Hrsg.)
Kleine Kinder – große Begabung. München 2000. Seiten 147-163.
– Hanna Vock, Hochbegabung im Kindergarten. Begabungen erkennen
und fördern. In: Kita aktuell, Okt. 2003. Seiten 200-202.

Bitte lesen Sie diese Artikel und arbeiten Sie heraus,
welche Anregungen zum Umgang mit hoch begabten Kindern
im Kindergarten die drei Autorinnen geben.

Arbeiten Sie Übereinstimmungen und Unterschiede heraus.

Bitte nehmen Sie auch kritisch Stellung zu den Ideen der Autorinnen.
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Datum der Veröffentlichung: August 2015
Copyright © Jordis Overödder, siehe Impressum

Bobby-Car-Waschanlage

von Ayla Altın

 

Ich beobachte Pablo (4;8) regelmäßig und kann fest stellen, dass er sich bereits mit und ohne Hilfe viel beigebracht hat. In den letzten zwei Jahren habe ich mit ihm und weiteren Kindern viele Angebote und Projekte erlebt. Pablo hat sich zu einem selbstbewussten Jungen entwickelt. Er kann bereits Lesen und sehr gut mit Zahlen umgehen. Sämtliche kognitiven Spiele kann er perfekt. Dies bedeutet, dass es in diesen Bereichen keine wirkliche Herausforderung mehr für ihn gibt.
Im sozialen Bereich ist Pablo zur Zeit sehr forsch und lässt andere Kinder kaum zu Wort kommen. Wenn er etwas haben möchte, nimmt er sich es einfach und lässt nicht mit sich reden.
Wenn Aktionen ihn langweilen, verweigert er die Mitarbeit und stellt sich stur. Das Einzige, was ihn im Moment noch brennend interessiert, ist das Bauen mit Lego, Bausteinen oder auch im Werkraum mit Werkzeugen. Er testet gerne seine Kraft und Motorik aus, da er in diesen Bereichen nach wie vor etwas hinterherhinkt.

Mehr zu Pablo lesen Sie hier:

Pablo, 3;4 Jahre alt

Projekt: Messen und Werken

Pablo (4;1) befasst sich beim Backen mit Zahlen und Mengen

Pablo (4;5) interessiert sich auch schon fürs Lesen

 

Damit Pablo wieder eine wirkliche Herausforderung erlebt und auch gleichzeitig seine Motorik und seine soziale Kompetenzen stärkt, will ich ein Projekt mit ihm machen.

Meine Ziele:
1. Während des Projektes wird Pablo lernen mit anderen Kindern zusammen zu arbeiten.
2. Während des Projektes wird Pablo an seinen motorischen Fähigkeiten arbeiten. Er soll lernen, seine Kraft gezielter und besser dosiert einzusetzen.

Kurze Beschreibung der mitwirkenden Kinder

Yasin:
Er ist bereits 6;7 Jahre alt und zu diesem Zeitpunkt ein Vorschulkind. Er ist ein sehr intelligenter Junge, bei dem auch eine Hochbegabung vermutet wird. Yasin spricht Deutsch und Arabisch und lernt zusätzlich Spanisch und Französisch. Für Pablo ist er ein wertvoller Spielpartner, da sich Beide im kognitiven Bereich sehr ähnlich sind.
Robin:
Er ist auch deutlich älter als Pablo, nämlich bereits 6;1 Jahre alt, und kommt im Sommer in die Schule. Er ist ein sehr beliebter Spielpartner. In diese Gruppenkonstellation passt er gut, weil er ein ausgeprägtes soziales Verhalten besitzt und sehr kontaktfreudig ist. Er hat die Gabe, andere Kinder zu motivieren.
Iker:
Er ist 5;3 Jahre alt und der beste Freund von Pablo. Er hält sich immer dort auf, wo auch Pablo ist. Sie tun alles gemeinsam. Iker ist Pablo in der kognitiven Entwicklung ähnlich, jedoch hat er ein weit ausgeprägtes soziales Verhalten, leider aber auch wenig Selbstbewusstsein. Er geht Konflikten aus dem Weg und lässt Pablo in vielen Spielbereichen den Vortritt. Dies scheint ihn jedoch nicht so sehr zu belasten, da er aus der gemeinsamen Spiel-Lern-Situation auch Vorteile zieht.
Lars:
Er ist 5;4 Jahre alt, ein zurückhaltender, ruhiger Junge, der gerne mit Pablo und Iker spielt. Seine Interessen sind Bauen und Rollenspiele. In diesem Tun geht er richtig auf, hat viele Ideen und ist sehr kreativ. Seine sozialen Kompetenzen sind gut ausgeprägt. Aus diesen Gründen ist Lars ein gern gesehener Spielpartner. Mit seinen guten Ideen inspiriert er andere Kinder. Dabei bleibt er leider selber immer im Hintergrund und ist selten Spielführer.

Die Entstehung der Bobby-Car-Waschanlage

Draußen im Außengelände finden die Kinder einen schmutzigen Bobby-Car und meinen, sie müssen es sauber machen. Pablo: „Man kann das mit einem Lappen machen, oder wir bauen eine Bobby-Car-Waschanlage“.

Von dieser Idee sind seine Freunde Iker, Lars, Robin und Yasin begeistert. Sie wollen sofort mit der Arbeit beginnen. Da ich in unserer Kita für den Werkraum zuständig bin, wenden sich die Kinder gerne an mich, wenn es ums Bauen und Konstruieren geht.
In unserer Kita besitzen wir einen Firmenwagen, den wir für Ausflüge benutzen. Ich schlage den Kindern vor, einmal gemeinsam mit dem Firmenwagen durch die Waschanlage zu fahren, damit wir sehen, wie eine original Waschanlage von innen aussieht und wie sie funktioniert. Die Idee wird mit viel Freude angenommen.

Also fahren wir zusammen mit einer weiteren Kollegin durch die nahe gelegene Waschanlage. Die Kinder haben großen Spaß, während wir durch die Waschanlage fahren. Sie achten genau auf die rollenden Bürsten und das Wasser, das gleichzeitig aus den Düsen kommt.
Als auch noch zum Schluss das Auto trocken geföhnt wird, sind die Kinder fest entschlossen, dass die Bobby-Car-Waschanlage auch dieselben Funktionen haben soll. Mir persönlich ist es zu diesem Zeitpunkt ein Rätsel, wie wir das Ganze bewerkstelligen sollen.

Tag 1

Am ersten Tag treffen wir uns mit den Kindern im Atelier, um zunächst eine Skizze von der Bobby-Car-Waschanlage anzufertigen. So können die Kinder ihre Erinnerung vom Vortag auffrischen. Jedes Kind fertigt eine eigene Zeichnung an.
Es stellt sich dabei heraus, dass es für alle Kinder klar ist, dass die Waschanlage Rollen haben muss, die sich automatisch drehen, und dass Schwämme oder Lappen daran sein müssen. Ein Schlauch wird benötigt, um das Auto nass zu machen.
Nach einiger Überlegung wollen die Kinder erst einmal einen Prototypen bauen, um auszuprobieren, wie es aussehen könnte.
Daraufhin diskutieren die Kinder erst einmal, was der Prototyp alles braucht.
Die Aussagen der Kinder:
Iker: „Eine Rolle, die man immer hat vom Toilettenpapier, um einen Lappen dran zu machen, fünf Stöcke zum Halten.“
Pablo: „Für die Autos müssen da zwei Schienen sein und das Auto muss genau dazwischen sein, sonst fällt das Auto runter.“
Robin: „Eine Rolle von oben und von unten und von den Seiten.“
Iker: „Wir brauchen noch einen trockenen Lappen.“
Pablo: „Einen Trockenlappen auf der Rolle.“
Robin: „Eine vordere Waschanlage oder man schrubbt es selbst weg.“
Pablo: „Wir brauchen einen Schlauch.“
Robin: „Und ein Seil zum Ziehen.“

Am Tag 2

Wir treffen uns heute im Werkraum. Die Kinder haben durch die Zeichnungen und die Gespräche schon eine ungefähre Vorstellung, wie die Bobby-Car-Waschanlage aussehen könnte. Gemeinsam suchen sie in den Regalen nach geeigneten Materialien, die sie für den Bau benötigen.
Als erstes muss eine Platte gefunden werden, auf der sie die einzelnen Elemente befestigen können.
Iker hatte schon beim letzten Treffen die Idee, die Rollen aus Pappkernen von Toilettenpapierrollen herzustellen. Damit der Abstand stimmt, muss vorher genau abgemessen werden, wie weit der Abstand sein muss, damit da überhaupt ein Auto durchpasst. Yasin hatte die Idee, ein Spielzeugauto aus der Gruppe zu holen, damit sie ein Modell haben, an dem sie es ausmessen können.
Nachdem sie das Auto auf die Platte gelegt haben, befestigen sie die Papprollen auf der Platte. Pablo sagt: „Aber so werden die Bobby-Cars nur von den Seiten sauber, wir müssen die auch von oben reinigen.“

Gemeinsam überlegen sie, wie sie eine Rolle von oben befestigen könnten. Iker meint: „Mit Stöcken müssen wir das festmachen. Sonst hängt das nicht in der Luft.“ Gesagt, getan, es werden kleine Platten aus dem Regal geholt und an den Seiten aufgestellt.  Sie wollten quer auf den kleinen Platten noch einen Stock befestigen, an dem sie die Rolle von oben herunter hängen können.

Sie überlegen eine Weile, wie sie das am besten bewerkstelligen könnten, denn wenn sie das einfach kleben, dann kann sich nichts mehr drehen. Robin sagt: „Das ist ja auch schon mit den Rollen an den Seiten passiert, die haben wir geklebt und die drehen sich jetzt nicht mehr. Das müssen wir später noch ändern.“
Yasin meint: „Wir bohren da Löcher rein und schieben dann den Stock da durch.“ Im Werkraum gibt es eine kleine Bohrmaschine für die Kinder, mit der sie gerne arbeiten. Die Freude ist groß, dass sie hier zum Einsatz kommt. Das Bohren will unbedingt Yasin übernehmen, es war ja auch schließlich seine Idee. Damit ist Pablo nicht einverstanden, er sagt, dass ja zwei Mal gebohrt werden muss und er auch mal möchte. Die Beiden werden sich schnell einig und können weiter am Prototypen bauen.

Nachdem die obere Rolle befestigt ist, fällt Pablo ein, dass er noch die Schienen anbringen will, es sei sehr wichtig, sonst könnte das Auto nicht gerade durch fahren. Er ist entsetzt, wie er dieses Detail vergessen konnte. Das hätte ja schon am Anfang passieren müssen. Er sucht sich aus dem Regal zwei gleich lange Stöcke aus, die er dann noch schnell mit Kleber zwischen den Rollen durch schiebt und festklebt. Als nächstes schiebt er das Spielzeugauto durch die Waschanlage und sagt: „Das sieht schon mal ganz gut aus, nur dass sich die seitlichen Rollen nicht drehen können, finde ich nicht gut, da müssen wir uns bei der großen Anlage, die wir bauen, was anders überlegen.“

Etwas fehlt an dem Prototypen noch: das Wasser. Aber weil das ja nicht die richtige Anlage ist sondern nur ein Modell, können sie darauf verzichten.


Die Kinder stellen ihr gebautes Modell stolz in der Vitrine aus, wo alle anderen Kinder es schon einmal anschauen können. Wir überlegen noch gemeinsam, welche Materialien wir für die original Waschanlage brauchen und suchen schon mal Einiges zusammen. In der Kita finden wir eine große Platte für den Untergrund und Stöcke, an denen die Rollen befestigt werden können, die das Bobby-Car von oben reinigen sollen. Nur große Rollen fehlen uns noch.

Beim Zusammensuchen der Materialien orientieren sie sich stark an dem Prototypen. Pablo sagt: „Aus den Rollen muss auch Wasser raus kommen und die müssen sich drehen.“ Ich frage die Kinder, aus welchem Material denn die Rollen sein sollten? Sollten sie auch aus Pappe sein, wie bei dem Prototypen? Was würde passieren, wenn dann noch Wasser aus den Rollen kommen sollte?

Die Kinder sind sofort sehr aufmerksam und Pablo sagt: „Natürlich nicht, dann werden sie ja ganz nass und gehen kaputt. Wir brauchen Plastikrohre, damit das auch hält.“

Wir suchen die ganze Kita ab, ob wir was Brauchbares finden. Leider haben wir keine Plastikrohre im Haus. Ich sage den Kindern, dass ich welche besorgen würde, damit wir so bald wie möglich mit dem Konstruieren beginnen können.

Tag 3

Wir treffen uns im Werkraum, in dem ich bereits alle Materialien bereitgestellt habe, die wir gestern zusammengesucht haben. Die Plastikrohre, die ich besorgt habe, sind dabei. Die Kinder betrachten die Rohre und halten sie für geeignet.
Sie fangen sofort mit der Arbeit an. Sie holen die große Platte und stellen das Bobby-Car darauf, um den Abstand der Rohre abzuschätzen. Damit sie nicht immer wieder ausmessen müssen, wo die Rohre angebracht werden, schlage ich ihnen vor, die Stellen zu markieren. So können sie die Rohre in Ruhe bearbeiten.

Gemeinsam überlegen sie jetzt, wie sie Schwämme an den Rohren anbringen.
Iker meint: „Kleben hält nicht, dann fallen sie alle ab. Yasin: „Wir nageln sie daran fest.“ Sie holen sich einen Hammer und Nägel und versuchen es. Dabei stellen sie fest, dass es nicht klappt. Die Plastikrohre sind so fest, dass sie keine Nägel durchschlagen können. Robin sagt: „Wir bohren die Löcher und befestigen dann die Schwämme.“ Gesagt getan. Da wir sehr viele Schwämme haben, müssen auch viele Löcher gebohrt werden. Das nimmt einige Zeit in Anspruch.

Anschließend müssen noch alle Schwämme befestigt werden.

Nachdem diese Hürde genommen ist, geht es im nächsten Schritt um die Holzplatte. Da wir uns im Vorfeld über die Wasserfestigkeit der Waschanlage unterhalten hatten, fällt Pablo jetzt ein, dass auch die Holzplatte wasserfest gemacht werden muss.

Sie fragen den Hausmeister, der in der Kita regelmäßig unsere Holzhütte für den Winter wetterfest streicht, wie sie die Platte wasserabweisend bekommen. Der Hausmeister, der einen sehr guten Draht zu den Kindern hat, gibt uns Klarlack, damit wir die Platte streichen können. Die Kinder setzen sehr motiviert ihre Arbeit fort und streichen die Platte mit dem wasserfesten Lack an. Nun muss die Platte erst trocknen, deshalb verabreden wir uns für den nächsten Tag wieder im Werkraum.

Tag 4

Die Kinder legen sofort los. Sie stellen die Rollen mit den Schwämmen auf die getrocknete Platte. Jetzt kommt die größte Herausforderung:  Wie sollen die Rollen befestigt werden, damit die sich noch drehen können?

Sie überlegen und diskutieren.
Pablo sagt: „Kleben geht nicht, dann können sie nicht mehr drehen.“
Robin: „Festnageln auch nicht.“
Iker: „Wenn wir die Rohre nicht drehen können, dann werden wieder die Bobby-Cars nicht richtig sauber.“
Pablo: „Es muss auf etwas stehen, was sich dreht.“

Da ich den Kindern keine Lösung vorgeben will, schlage ich vor, einmal durchs Haus zu gehen und verschiedene Experimentierspiele anzuschauen. Ich weiß, dass es dort Elemente gibt, die einen Drehmechanismus haben. Ich will, dass die Kinder selber darauf stoßen.

Tatsächlich finden sie auch den Kasten, in dem solche Mechanismen vorhanden sind. Sie probieren einiges aus und entscheiden sich dann für zwei runde Platten, die mit einem Gummizug zu verbinden sind. Auf der einen Platte ist eine Rolle befestigt und die andere wird manuell gedreht. Da die beiden Platten miteinander verbunden sind, dreht sich das Rohr.
Das einzige Problem ist, dass wir nicht einfach diese Konstruktion aus dem Baukasten nehmen und für unsere Waschanlage benutzen können. Also müssen wir sie nachbauen.
Dies ist nicht so einfach, weil der Bau des Mechanismus Millimeterarbeit und ein hohes Maß an Konzentration und Teamwork erfordert. Sie entschließen sich, die Arbeit aufzuteilen: Pablo, Iker und Lars arbeiten zusammen an dem einen Mechanismus und Robin und Yasin an dem anderen.

Als erstes legen sie das Original auf ein Stück Holz, das ungefähr die gleiche Breite hat und zeichnen es ab. Anschließend werden die Platten an der großen elektrischen Säge ausgesägt. Da die große Säge sehr gefährlich ist, stehe ich hinter den Kindern und steuere die Säge mit. Da diese Aufgabe sehr viel an Zeit kostet, werden wir heute nicht damit fertig.

Tag 5

Als die Kreise ausgesägt sind, muss nun der nächste Schritt folgen. Lars schaut sich genau das Original an und sagt: „Da müssen wir an alle eine Rille rein machen, damit das Gummiband hält. Nach einiger Überlegung sagt Robin: „Wir nehmen dafür die Holzfeilen.“


Die Rillen hinein zu feilen, ist eine mühselige und einseitige Aufgabe, die viel Zeit und Geduld braucht. Damit die Kinder nicht die Motivation verlieren, unterstütze ich sie dabei, sonst würde dieser Arbeitsschritt zu lange dauern.

Die anderen Kinder aus der Kita, die immer wieder neugierig in den Werkraum kommen, fragen auch schon, wann die Waschanlage zum Einsatz bereit ist. Pablo, der gerne das Sprechen für die Gruppe übernimmt, sagt ganz stolz: „Bald könnt ihr die Bobby-Cars waschen, das dauert nicht mehr lange.“
An diesem Tag schafften wir es, alle Rillen fertig zu stellen.

Tag 6

Am Montag sind die Kinder ausgeruht und wieder voller Tatendrang. Sie kommen in den Werkraum und wissen sofort, was noch zu tun ist. Sie bauen den Drehmechanismus originalgetreu weiter nach und befestigen ihn dann an der großen Platte.

Im Anschluss werden die mit den Schwämmen beklebten Plastikrohre mit Silikon an dem Drehmechanismus festgeklebt. Die Kinder probieren es sofort aus: Die Rollen drehten sich.
Die Erleichterung steht den Kindern ins Gesicht geschrieben. Sie sind sehr stolz und freuen sich. Dann wird dem Prototyp getreu auch die obere Rolle befestigt.

Nun wird ein Bobby-Car zur Probe durchgeschoben. Das Bobby-Car passt durch, alles hat geklappt, es fehlt nur noch das Wasser.

Yasin sagt: „Wir können ja den Schlauch im Garten in die Rohre halten und das Wasser müsste durch die Löcher raus kommen.“

Das wollen sie sofort ausprobieren. Wir tragen die Waschanlage nach draußen und holen den Gartenschlauch. Die Idee von Yasin funktioniert zwar, hat aber nicht den gleichen Effekt wie in einer echten Waschanlage.
Pablo sagt: „Ich halte den Schlauch und mache das Bobby-Car nass und ihr schiebt das Bobby-Car durch und schäumt es ein.“

Iker: „Und wie trocknen wir die Autos?“ Pablo: „Ihr nehmt Handtücher.“ Alle anderen Kinder sind damit einverstanden.
Mich erstaunt zum Schluss, dass Pablo plötzlich so praktische und einfache Ideen hat. Es freut mich für ihn, da er so stolz ist, eine einfache Lösung zu finden, die allen anderen auch zusagt.
In der Zwischenzeit haben sich viele neugierige Kinder um uns herum versammelt. Deshalb beschließen die fünf Konstrukteure, dass sich morgen alle Kinder aus der Kita in der Turnhalle versammeln sollen, damit sie allen anderen die Anlage vorstellen können. Dabei ist es den Fünf ganz wichtig, Regeln für die Benutzung festzulegen.

Tag 7

Die ganze Kita ist in der Turnhalle, um die die Waschanlage und ihre Funktion zu bewundern. Die fünf Konstrukteure setzen sich stolz in die Mitte zu der Waschanlage und erklären, wie sie funktioniert und dass sie immer dabei sein wollen, wenn sie zum Einsatz kommt.

Heute Nachmittag wollen sie die Waschanlage einsetzen, und wer mit dabei sein möchte, könnte ja dazukommen.
Am Nachmittag tragen wir die Waschanlage nach draußen und holen alle Bobby-Cars aus dem Schuppen. Die anderen Kinder setzen sich auf die Bobby-Cars und bilden eine Reihe, wie in einer echten Waschanlage. Die fünf Konstrukteure übernehmen das Ruder und machen ein Bobby-Car nach dem anderen sauber.

Für die anderen Kinder entwickelt sich daraus ein Rollenspiel: sie fahren vor, warten, bis das Bobby-Car sauber ist, und holen es dann am anderen Ende wieder ab.
Für die Konstrukteure ist es ein besonderes Erfolgserlebnis, wie sie im Mittelpunkt der ganzen Kita stehen und ihre beeindruckende Arbeit präsentieren.

Zielüberprüfung

Ich habe während des Projektes meine Ziele, die ich für Pablo gesetzt hatte, erreicht.
Der Bau der Bobby-Car-Waschanlage war für die Kinder eine große Herausforderung. Sie mussten jeden einzelnen Schritt planen, um ihr gewünschtes gemeinsames Ziel zu erreichen. Dabei war der Prototyp ihnen eine große Hilfe. Sie konnten immer wieder mal auf ihre Zeichnung schauen und den nächsten Schritt planen. Das vereinfachte die Arbeit, sie konnten daran ersehen, welcher Schritt als nächster in Angriff genommen werden musste.
Die Kinder haben sehr gut Hand in Hand gearbeitet. Sie ergänzten sich ganz besonders gut in ihren Fähigkeiten. Sie wurden sich schnell einig, es gab keine Konflikte.

Pablo ist mit diesem Projekt besonders stark verbunden. Es tat ihm gut, mit Yasin und Robin zu arbeiten, die bereits Vorschulkinder sind und schon einiges an Erfahrung mitbringen. Besonders für Pablo war dieses Projekt, so wie ich gehofft hatte, eine große kognitive Herausforderung.
Lesen und Rechnen fallen ihm sehr leicht. Diese Aufgabe jedoch erforderte auf andere Weise ein hohes Maß an Konzentration und Ausdauer. Er musste sich in Geduld üben, musste lernen mit anderen zusammen zu arbeiten. So konnte er seine sozialen Kompetenzen erweitern. Er hat verstanden, dass man in solchen Situationen nur gemeinsam mit anderen sein Ziel erreichen kann, alleine hätte er das nicht geschafft. Zudem konnte er seine motorischen Fähigkeiten weiter entwickeln. Er konnte zum Schluss sehr gut mit der Säge umgehen und seine Kraft richtig dosieren. Früher fand er das Sägen sehr anstrengend, mittlerweile kostet ihn das nicht mehr so viel Kraft.

 

Datum der Veröffentlichung: August 2015
Copyright © Ayla Altın, siehe Impressum

 

Pablo (4;5) interessiert sich auch schon fürs Lesen

von Ayla Altın

 
Ich habe Pablo dabei beobachtet, wie er im Nebenraum saß und sich mit vorgeschriebenen Buchstaben beschäftigte. Seit längerem weiß ich schon, dass Pablo alle Buchstaben kennt, jedoch kann er noch nicht alle Laute den Buchstaben zuordnen. Ich ließ ihn seine Beschäftigung zu Ende führen.
Ein paar Tage später saß er in der Gruppe und beobachtete die anderen Kinder in ihrem Spiel. Ich setzte mich zu ihm und fragte, wie es ihm geht. Er antwortete kurz „Gut“ und beobachtete weiter. Ich fragte ihn, worauf er gerade Lust hat. Er könnte sich mit mir zusammen eine Beschäftigung aussuchen. Er sagte: „Wir können mit dem Buchstaben Memory spielen“. Ich antwortete ihm: „Gerne, wenn du das möchtest“.

Pablo freute sich und holte sofort die Buchstaben aus dem Regal, mit denen ich ihn ein paar Tage zuvor beobachtet hatte. Er legte er alle Buchstaben auf den Tisch und las sie mir vor. Ich fragte ihn, wer ihm die ganzen Buchstaben beigebracht habe. Er zuckte mit den Achseln. „Weiß nicht“, war seine Antwort. Ich fragte ihn, was er mit den gelernten Buchstaben erreichen möchte. Seine Antwort war klar: „lesen natürlich“.

Ich versuchte ihm zu erklären, dass er nicht nur die Namen der Buchstaben (zum Beispiel Ha oder Em), sondern auch deren Laute (wie es sich im Wort anhört) kennen muss, um lesen zu können.

Pablo lernt die Laute zu den Buchstaben

Zunächst wollte ich wissen, welche Laute er schon kennt. Wir mischten die Buchstaben auf dem Tisch. Pablo ging zum Regal und holte noch ein weiteres Kästchen, in dem die Kleinbuchstaben aufbewahrt werden. Er mischte die Groß- und Klein-Buchstaben.
Nun wollte er, dass ich ihm einen Buchstaben vorsage, und er wollte sie raussuchen. Wenn ich zum Beispiel den Buchstaben A sagte, suchte er mir das große und das kleine A heraus.

Zu meinem Erstaunen kannte er auch alle Kleinbuchstaben. Nun war es an der Reihe, die passenden Laute zu lernen. Diese Aktion war sehr spontan und fand in der Gruppe statt. Einige Kinder, deren Interesse geweckt wurde, versammelten sich um uns herum und machten mit.

Da wir in unserem Haus gruppenübergreifend arbeiten, fragte ich in der Morgenbesprechung meine Kolleginnen nach Kindern, die Interesse an Buchstaben haben. Sie konnten mir einige Kinder nennen. Da wir in unserer Kita öfter die Gruppen für Angebote mischen, kennen sich die Kinder untereinander.

Um zu erfahren, wie weit die einzelnen Kinder schon Buchstabenkenntnisse haben, machte ich ein paar einfache Spiele mit den Kindern, zunächst das Buchstaben-Memory. Auf den Kärtchen sind Bilder von unterschiedlichen Gegenständen, auf anderen Kärtchen sind Buchstaben und auf noch anderen Kärtchen sind – passend zu den Buchstaben – ausgeschriebene Wörter. Die Buchstaben oder die ausgeschriebenen Wörter sollen zu den Bildern zugeordnet werden.

Die Kinder suchten sich nach der Reihe ein Bild aus und sollten den ersten Buchstaben des zugehörigen Begriffs als Laut benennen, um dann den passenden Buchstaben finden, zum Beispiel „Affe“ fängt mit A an.
Die Aufgabe für die Kinder ist nun, das Wort „Affe“ ein paar mal zu wiederholen, bis sie den Laut von A heraus hören. Im Anschluss suchen sie die Karte mit dem A und legen es zum Bild vom Affen.
Dann geht das mit dem zweiten Buchstaben weiter, das ist bei „Affe“ ein F. Sie wiederholen das Wort, bis sie das F als Laut hören können, usw.

Bei diesem Spiel konnten sie sich gegenseitig unterstützen. Einige Kinder waren schon weiter in ihren Erfahrungen mit den Lauten, so dass sie den jüngeren Kindern helfen konnten. Pablo war sehr begeistert, er lernte die Laute schnell und machte bei jedem neuen Wort aufmerksam mit.

Er machte auch Späße und erfand selber Wörter und nannten den ersten Buchstaben als Laut „ Tuldi fängt mit T an“ Er hatte richtig viel Freude an diesem Spiel und wechselte sich mit den anderen Kindern ab.

Als ich Pablo ein paar Tage später wieder traf und fragte, ob wir das Memory-Spiel zusammen spielen sollten, freute er sich und holte es sofort aus dem Regal. Wie spielten es wie ein paar Tage zuvor, diesmal aber nur wir beide.
Zu meinem großen Erstaunen kannte er nun bereits fast alle Laute. Ich erzählte es am Nachmittag seinen Eltern und sie erklärten mir, dass Pablo seit ein paar Tagen zu Hause auch immer nach den Lauten zu den Buchstaben fragt und sich immer Bilderbücher alleine anschaut. Diese Aussage freute mich sehr. Denn ich hatte mein Ziel, dass er alle Laute kennen sollte sehr schnell erreicht, indem ich sein Interesse und seine Motivation geweckt habe, so dass er auch selbstständig weiter gelernt hat.

Da Pablo zwar kognitiv sehr weit ist, seine noch nicht so entwickelte Feinmotorik ihn aber daran hindert zu schreiben, wollte ich ihm andere Möglichkeiten zeigen, wie er – ohne zu schreiben – einzelne Buchstaben oder auch Wörter legen kann.

Pablo bildet schriftlich Wörter, ohne schreiben zu können

Ich traf mich wieder mit der Gruppe von Kindern, mit denen ich zuvor auch das Buchstaben-Memory gespielt hatte. Ich fragte die Kinder, ob sie eine Idee hätten, wie man Buchstaben darstellen kann, ohne einen Stift und Papier oder Buchstaben-Karten zu benutzen.

Onur, der gerne Buchstaben mit den Fingern nachbildet, hatte die Idee, die Buchstaben mit dem Körper zu legen. Während dieser Aktion überlegten die Kinder Buchstabe für Buchstabe, wie genau es aussehen soll und wie sie sich platzieren müssen, damit man die Buchstaben erkennt. Diese Aktion brachte viel Bewegung in das Projekt, die Kinder hatten großen Spaß daran.
Ein paar Kinder legten sich auf den Boden, um mit ihren Körpern die Buchstaben zu bilden. Die anderen Kinder führten Regie und überlegten, wie sie die Kinder dirigieren mussten, damit aus ihnen ein Buchstabe entsteht.
Bei dieser Aktion tauschten sie des öfteren die Rollen. Jedes Kind konnte mal ein Teil eines Buchstabens sein oder selber Regie führen.

Pablo führte bei einigen Buchstaben Regie. Bei dem Buchstaben S war er besonders motiviert und wollte, dass es perfekt aussieht, da es der Anfangsbuchstabe seines Nachnamens ist. Er sagte: „Das sieht aus wie eine Schlange, du musst dich ein bisschen rollen, so einen Bauch formen.“


Er merkte schnell, dass er zwei Kinder für diesen Buchstaben brauchte: „Das klappt nicht alleine, das müssen zwei Kinder sein, die müssen verkehrt liegen. Der eine nach da (und zeigte dabei nach links) und der andere in die andere Richtung (und zeigte dabei nach rechts).

Nachdem die Kinder die Buchstaben mit ihrem Körper gelegt hatten, wollten sie andere Materialien verwenden. Da es aber bereits sehr spät war, verlegten wir das auf den nächsten Tag.
Am nächsten Tag trafen wir uns wieder in der Turnhalle, weil wir dort sehr viel Platz haben und uns viele unterschiedliche Materialien zur Verfügung stehen. Die Kinder suchten unterschiedliche Materialien heraus, wie Bälle, Seile, Tücher und Stöcke, und versuchten damit Buchstaben zu legen. Ich gab den Kindern keine Reihenfolge vor, wie sie Buchstaben legen sollten, sondern ließ sie frei wählen. Sie legten die Anfangsbuchstaben ihrer Namen oder der Namen ihrer Freunde.

Nach und nach entstanden die kompletten Namen. Die Kinder, die sehr schnell waren, halfen den anderen Kindern.
Pablo hatte einige Schwierigkeiten, als er aus einem langen Stück Seil den Namen seines Freundes Santiago legen wollte. Beim Anfangsbuchstaben hatte er keine Probleme, doch der Rest fiel ihm schwer. Ich versuchte ihn zu unterstützen, wollte ihm die Arbeit aber nicht abnehmen. Trotz der großen Mühe war er sehr motiviert und wollte nicht aufgeben.

Ihm war schon klar, welcher Buchstabe als nächstes kommen sollte, aber die Umsetzung fiel ihm schwer. Lars aus der Nachbargruppe, der bereits flüssig lesen kann, kam dazu und wollte helfen. Die beiden Jungs überlegten gemeinsam, wie sie das Problem lösen könnten. Pablo erklärte ihm, dass er den Namen nur mit diesem Seil legen möchte. Er sagte: „Ich möchte das nur damit, aber es verrutscht immer. Ich weiß auch nicht, wie ich das machen soll.“
Lars ist feinmotorisch sehr geschickt und legte den zweiten Buchstaben. Er sagte: „Mach ein kleines a, das sieht aus wie ein Kreis.“ Danach war der Knoten geplatzt, sie halfen sich gegenseitig, indem Pablo die Buchstaben legte und Lars festhielt, damit das Seil nicht verrutschte.

Pablo dachte dabei laut nach: „Das n geht einmal hoch und wieder runter. Das t auch einmal hoch und wieder runter wie ein Strich. Das i ist etwas kleiner, und dann noch ein kleines a wie ein Kreis. Das g ist sehr schwer, da muss noch ein Stück nach unten. Das o ist ein Kreis, so ähnlich wie das kleine a. Am Ende schafften sie es gemeinsam. Pablo fragte mich ganz stolz, ob ich den Namen lesen konnte und war sehr stolz, als ich bejahte, und zeigte es den anderen Kindern. Er hatte es erstmals geschafft, ein Wort zu schreiben.

Pablo lernt die Laute zu Wörtern zu verbinden

Zur Lesegruppe gehörten nun bereits neun Kinder. Eine Aktion in der Turnhalle ist mit so vielen Kindern schon schön, aber eine ruhige Aktion am Tisch gestaltet sich schwieriger. Ich entschloss mich, die Gruppe in zwei kleine aufzuteilen, damit ich den Kindern mehr Aufmerksamkeit schenken kann.

Wir befassten uns wieder mit dem Buchstaben-Memory. Die Kinder hatten jetzt in einer Kleingruppe die Möglichkeit, richtige Wörter mit den Memory-Karten zu legen.
Das war auch wieder eine schöne Aktion für Pablo, da er nicht den Druck verspürte, die Buchstaben zu schreiben, sondern sie mit Karten zu legen. Dabei konnte er üben, Wörter zu lesen und sogar zu “schreiben“.
Ich suchte eine Karte mit einem Wort heraus. Ich las das Wort laut und deutlich. Im Anschluss drehte ich die Karte um, so dass das Wort nicht mehr zu sehen war. Pablo durfte beginnen.

Als erstes nahm ich das Wort „Ball“ und sagte es laut und langsam. Als Pablo den ersten Buchstaben erkannt hatte, wiederholte ich das Wort, bis er den zweiten Buchstaben erkannte, usw. Er suchte sich die einzelnen Buchstaben auf dem Tisch zusammen, um das Wort „Ball“ zu legen, so wie er das hörte.
Er schaffte es, nur dass am Ende zwei L waren, hörte er nicht. Da wurde mir bewusst, dass dies auch sehr schwierig ist, und ich achtete den Rest des Angebotes darauf, einfachere Wörter zu benutzen, in denen die Buchstaben nicht doppelt vorkommen – wie zum Beispiel „Nase“, „Oma“, „Sofa“, usw. Dabei steigerte ich den Schwierigkeitsgrad nach und nach.
Pablo fügte das zweite L noch hinzu, nachdem er sein Wort auf der Originalkarte überprüft hatte.

Immer wenn er das Wort richtig geschrieben hatte, durfte er die Karte behalten. Wenn er einen Fehler entdeckte, hatte er die Möglichkeit, sein Wort zu korrigieren. Bei dieser Aktion habe ich selbst die Erfahrung gemacht, dass für mich vermeintlich einfache Worte schwieriger sind als ich dachte.
Die Kinder waren sehr konzentriert, vor allem Pablo blühte förmlich auf. Er konnte den anderen beweisen, was er alles schon kann. Dabei hatte er keinen Stress mit der Stifthaltung. Beim Wörterlegen überlegte er genau, er verknüpfte die einzelnen Buchstaben, die im Wort vorkamen, mit anderen bekannten Wörtern.

Nicht nur Pablo, sondern auch die anderen Kinder legten die Wörter überwiegend richtig, da sie viel Zeit hatten und jedes Wort öfters in Ruhe wiederholten. Diese Aktion fand ich sehr erfolgreich: Die Kinder lernten, wie sie einzelne Buchstaben zu einem Wort verbinden und daraus ein Wort lesen können. Sie lernten nicht nur, die Wörter zu lesen, sondern sie auch zu „schreiben“.
Ich merke, wie Pablo in der Gruppe aufblüht und mit seinen Fähigkeiten anderen Kindern eine Hilfe ist. Auf der anderen Seite holt er sich in der Lesegruppe auch Wissen von älteren Kindern. Sie ergänzen sich gegenseitig.
Nachtrag:

Das Projekt „Lesen lernen“ war an dieser Stelle noch nicht beendet, es wurde weiter geführt, auch wenn das im Rahmen dieses Berichts nicht mehr dokumentiert werden konnte.

Mehr zu Pablo lesen Sie hier:

Pablo, 3;4 Jahre alt

Projekt: Messen und Werken

Pablo (4;1) befasst sich beim Backen mit Zahlen und Mengen

Bobby-Car-Waschanlage

 
Datum der Veröffentlichung: August 2015
Copyright © Ayla Altın, siehe Impressum

Pablo (4;1) befasst sich beim Backen mit Zahlen und Mengen

von Ayla Altın

 

Mehr zu Pablo lesen Sie hier:
Pablo, 3;4 Jahre alt
Projekt: Messen und Werken
Pablo (4;5) interessiert sich auch schon fürs Lesen
Bobby-Car-Waschanlage

 

Pablo hatte in letzter Zeit eine Phase, in der er sich motorisch und emotional neu ausprobierte. Er spielte nur noch selten Spiele am Tisch. Stattdessen baute er viel mit Bauklötzen oder spielte mit Lego und erweiterte dabei seine technischen Fähigkeiten. Während er sich so beschäftigte, brauchte er offensichtlich keine weitere Hilfe von Erwachsenen. Die Materialien, die in der Gruppe vorhanden sind, waren ausreichend. Seine bevorzugten Spielpartner waren wie immer Lars und Iker, mit denen er oft sein Freispiel gestaltet. Iker ist Pablo von seiner Entwicklung sehr ähnlich und die beiden ergänzen sich sehr gut. Lars ist ein normal begabtes Kind, das mit seiner Art Pablo sehr ans Herz gewachsen ist.
Die drei Jungs sind im Moment unzertrennlich und es ist schön, die Drei im Spiel zu beobachten.
Pablos Eltern berichten, dass die mathematischen Interessen zu Hause immer noch im Vordergrund stehen. Alles was er macht und tut, hat mit Rechnen zu tun.

Dann bekam Pablo von einem Verwandten das Spiel „Zifix“ geschenkt, bei dem logisches und mathematisches Denken gefragt ist. Er brachte das Spiel in die Kita und spielte zunächst mit seinen besten Freunden. Dabei war Pablo immer der Gewinner.
Er forderte mich dann ganz stolz auf, gegen ihn zu spielen. Ich war wieder einmal erstaunt, wie schnell sein Auffassungsvermögen ist und wie schnell er rechnen kann.
Im Gespräch mit Pablo erfuhr ich, dass er in der Kita selber ein Spiel herstellen wollte, das ihn mathematisch fordert. Obwohl wir einige einschlägige Spiele haben, brauchte er etwas Neues.

Pablo erfindet ein Spiel mit Zahlen und stellt es her

Er hatte auch schon eine Idee: Zunächst wollte er Gegenstände in unterschiedlichen Mengen fotografieren. Dafür bekam er einen Fotoapparat. Er lief damit durchs ganze Haus und fotografierte unterschiedliche Materialien in unterschiedlichen Mengen. Besonders wichtig war für ihn, dass die Gegenstände, die er fotografierte, beim Zusammenzählen nicht die Zahl 30 überschreiten durften.

Er hatte sich einen genauen Handlungsplan ausgedacht, den er strikt einhielt. Wir druckten die Bilder gemeinsam aus und laminierten sie.
Dabei fiel ihm ein, dass er gerne noch Zahlen dazu hätte und nicht nur Bilder mit unterschiedlich vielen Dingen.
Das Ausdrucken am Computer gefiel ihm gut; deshalb wollte er die Zahlen am Computer schreiben. Ich glaube, das war nicht der einzige Grund. Wie in den anderen Berichten (siehe oben) beschrieben, ist Pablo zwar kognitiv sehr weit, doch seine Feinmotorik ist noch nicht so weit entwickelt; er malt (noch nicht?) gerne und schreibt auch nicht gerne Buchstaben oder Zahlen.
Nachdem er alle Zahlen von 1 bis 30 auf dem Computer getippt und ausgedruckt hatte, wollte er sofort anfangen zu spielen. Ich war sein erster Spielpartner. Er hatte sehr viel Freude am Spiel.

Dann holte seinen Freund dazu und erklärte ihm stolz die Regel, die er für das Spiel erfunden hatte:
Die Bilder werden wie beim Memory verdeckt auf den Tisch gelegt. Dann deckt der erste Spieler zwei Kärtchen auf und alle Spieler müssen die Gegenstände auf den Kärtchen ganz schnell zusammenrechnen. Wenn man das Ergebnis raus hat, muss man es als Zahl dahinter legen. Wer am schnellsten gerechnet hat, darf beide Karten behalten.

Pablo backt und entdeckt das Wiegen

Aus meinen Beobachtungen in der Kita und aus den Erzählungen der Mutter wusste ich, dass Pablo sehr gerne backt. Also schlug ich ihm vor, Kekse zu backen. Beim Backen werden viele verschiedene Entwicklungsbereiche gefördert und gestärkt. Pablo kann dabei seine motorischen Fähigkeiten erweitern und sich auch kognitiv weiter entwickeln.
Pablo nahm es sehr genau mit dem Abmessen. Er wirkte sehr entspannt und unterhielt sich währenddessen angeregt mit mir: „Zu Hause habe ich auch Kekse gebacken, mit meinem Papa“.

Beim Umschütten, Ausstechen usw. wurde seine Feinmotorik geschult, er musste einen genauen Handlungsplan entwickeln und eine genaue Reihenfolge der Arbeiten einhalten. Gleichzeitig wurde seine Wahrnehmung geschult: Wie sehen die einzelnen Zutaten aus, wie fühlen sie sich an und wie sieht und fühlt sich ein fertiger Teig an?
Er hatte während der Aktion sehr viel Spaß, er setzte seine motorischen Fähigkeiten geschickt ein und übte zugleich spielerisch, ohne es als Arbeit zu empfinden. Er unterhielt sich entspannt mit seinen Freunden und war sehr ausgeglichen.
Er zeigte großes Interesse an der Waage. Er wog die einzelnen Zutaten sehr genau ab und versuchte die Zahlen (die im 200er Bereich waren) zu erkennen, die die Waage anzeigte.

Unklar war ihm die Einheit, er sprach immer wieder von Zentimetern, war dabei aber selber unsicher und fragte: „Ayla, wie heißt das?“ Ich erklärte ihm, dass es beim Wiegen nicht Zentimeter heißt sondern Kilogramm oder Gramm. An diesem Tag nahm er meine Erklärung einfach an und fragte nicht weiter nach.

Ein paar Tage später sah ich, wie er in der Gruppe mit einer Balancewaage spielte. Auf dieser Waage sind keine Zahlen vorhanden, man legt unterschiedliche Gegenstände auf die Waagschalen und kann feststellen, was schwerer und was leichter ist.
Pablo probierte es mit den unterschiedlichsten Materialien aus. Neben den kleinen Gewichten, die zur Waage gehören, hatte er auch Knöpfe, kleine Steine und Glassteine zur Verfügung. Er experimentierte selbstständig.

Ich ging zu ihm und fragte ihn, was er da macht. Er sagte: „Siehst du das nicht? Ich wiege.“ Ich fragte: „Und was wiegst du?“ Pablo: „Die Sachen, aber ich weiß nicht, wie viel Meter das ist.“ Ich versuchte ihm noch mal zu erklären, dass es sich beim Wiegen um Gramm handelt und beim Abmessen mit einem Lineal Zentimeter oder Meter heißt. Er sagte nur: „Ja, aber hier sind keine Gramm zu sehen.“

Pablo probiert unterschiedliche Waagen aus und rechnet

Ich schlug Pablo vor mal nachzusehen, was für unterschiedliche Waagen wir in der Kita finden könnten. Er sollte verschiedene Waagen kennen lernen und den Unterschied zwischen Gramm und Zentimeter erfassen.
Wir machten uns auf den Weg und suchten sämtliche Waagen im Haus zusammen. Jetzt hatten wir neben der Balancewaage eine Digitalwaage und eine Waage mit einem Schieberegler.

Zuerst nahm Pablo einen Apfel und wog ihn auf der Digitalwaage ab, der Apfel wog genau 216 Gramm. Diesmal sagte er von sich aus Gramm. Zahlen über 100 kann Pablo noch nicht erkennen und benennen, deswegen nannte er nacheinander die Ziffern, zum Beispiel 2 – 1 – 6.
Den selben Apfel wog er auf der Waage mit dem Regler. Er musste eine ganze Weile daran herum drehen, bis die Waage das Gleichgewicht erreicht hatte. Das fand Pablo viel zu umständlich. Er sagte: „Die digitale Waage ist viel besser.“
Um den Apfel auf der Balancewaage zu wiegen, brauchte er ein Gegenstück. Dafür nahm er einen kleinen Topf aus der Puppenecke. Beim Abwiegen sah er, dass der Topf schwerer war als der Apfel. Frustriert sagte er: „Auf der Waage sehe ich nicht, wie schwer der Topf ist.“

Wie man unschwer feststellen konnte, hatte es ihm die Digitalwaage angetan, da er dort direkt die Zahlen ablesen konnte und sofort Ergebnisse hatte.
Er probierte Einiges aus, wog noch einmal den Apfel, dann den Topf, dann Beides zusammen. Während er abwog, sagte er immer „Gramm“, er hatte sich den Unterschied zwischen Gramm und Meter gemerkt. Er suchte sich immer mehr Alltagsmaterialien in der Gruppe, die er abwiegen konnte, und versuchte schon vorab aus zu rechen, welche Zahl heraus kommen könnte.

Er fragte sich: Wenn eine Batterie alleine 23 Gramm und ein kleiner Magnet 9 Gramm wiegt – wie viel wiegen die beiden Gegenstände zusammen? Er rechnete die Zahlen zusammen und überprüfte seine Ergebnisse anschließend durch das Wiegen.

Das ist doch super schlau!

Noch wichtiger, als den Unterschied zwischen Gramm und Zentimeter zu verstehen, war es für Pablo, spielerisch herauszufinden, was schwerer und was leichter ist. Wie verändere ich das Gewicht, indem ich etwas dazu tue oder weg nehme. Durch das Experimentieren lernte er eigenständig mit den Waagen umzugehen.
Durch Ausprobieren und Experimentieren werden die Neugier und die Lernfreude bei den Kindern erhalten. Sie lernen, weil sie ihre Umwelt begreifen möchten. Das Ganze geschieht ganz von innen und ohne Zwang. Bei Pablo konnte ich das besonders gut beobachten.

 

Hier sei auch auf die wunderschönen Hör CDs verwiesen:
„Kasimir backt“ und „Kasimir tischlert“ siehe in
Bilderbücher, Sachbücher und Geschichten

 

Datum der Veröffentlichung: August 2015
Copyright © Ayla Altın, siehe Impressum